Michael Polanyi
Chemiker und Philosoph · 1891–1976 · Budapest, Berlin, Manchester, Oxford
- Kapitel
- System und Organisation (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Kannst du alles, was du kannst, auch erklären?
- Position
- Polanyi antwortet, dass wir mehr wissen, als wir sagen können. Fertigkeiten wie Radfahren oder ein Instrument spielen beruhen auf implizitem Wissen, das sich nicht vollständig in Regeln fassen lässt. Auch Wissenschaft ist für ihn von persönlichen Urteilen und Verpflichtungen getragen.
- Einwand
- Als Gegenposition nennt die Quelle Alan Turing, dessen Arbeit zu den ersten modernen Computern führte, während Polanyi bestritt, dass Geist auf Regeln reduzierbar ist. Auch der Positivismus, gegen den er argumentierte, hält Wissen für regelhaft prüfbar.
- Verbindung
- Polanyis Gedanke wirkt auf Dreyfus' Kritik an früher künstlicher Intelligenz und ergänzt die Fragen nach Regeln, Wissen und Lernen in Organisationen.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Ungarisch-britischer Chemiker und Philosoph, der den Begriff des impliziten Wissens (tacit knowledge) prägte.
Polanyi steht in diesem Kapitel bei der Frage, was Menschen in Organisationen wissen und weitergeben können. Seine These vom impliziten Wissen ist ein Gegenpol zur Vorstellung, Wissen lasse sich vollständig in Regeln und Dokumente fassen, und sie hat Hubert Dreyfus' Kritik an früher künstlicher Intelligenz beeinflusst.
Kernidee
Polanyi sagt, dass wir mehr wissen, als wir sagen können: Wer Fahrrad fährt oder ein Instrument spielt, beherrscht Dinge, die er nicht vollständig erklären kann. Auch das wissenschaftliche Wissen beruht seiner Ansicht nach auf persönlichen Urteilen und Verpflichtungen, nicht auf einer Methode, die Wahrheit mechanisch liefert. Er stellt sich damit gegen ein Bild von Wissen als reiner Regelanwendung.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Im Jahr 1936 hielt Polanyi auf Einladung des Ministeriums für Schwerindustrie in der Sowjetunion Vorträge und traf Bucharin. Dieser sagte ihm, dass im Sozialismus alle Forschung am jeweiligen Fünfjahresplan ausgerichtet wird. Polanyi registrierte, was mit der Genetik unter Lyssenko geschehen war, und als in Großbritannien etwa John Desmond Bernal zentral geplante Forschung forderte, verteidigte er die These, dass Wissenschaft freie Debatte braucht.[1]
Fundstelle: Abschnitt Freedom and community
Bekannt für
Man kennt Polanyi für den Begriff des impliziten Wissens, den er in The Tacit Dimension entwickelt hat. Das Standardbeispiel ist das Radfahren, das man kann, ohne die Einzelheiten erklären zu können.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Implizites Wissen
Polanyi unterscheidet implizites Wissen vom ausdrücklichen Wissen: Wir können etwas tun, ohne es ganz in Worte zu fassen. Nach seiner Darstellung beruhen nicht nur praktische Fertigkeiten, sondern jede Wahrnehmung und jede Bedeutung auf solchem Wissen. Übertragen auf heute: Eine erfahrene Kollegin spürt zum Beispiel, dass ein Gespräch kippt, kann aber nicht sagen, woran sie es erkennt.
Hintergrund- und Zielwahrnehmung
Jedes Bewusstsein hat nach Polanyi eine Hintergrundwahrnehmung (subsidiary awareness) und eine Zielwahrnehmung (focal awareness). Wir erleben die Welt, indem wir das, worauf wir im Hintergrund achten, in das einfügen, worauf wir uns gerade richten. Beim Hämmern achtest du auf den Nagel und spürst den Hammer nur im Hintergrund in der Hand.
Personales Wissen
In Personal Knowledge behauptet Polanyi, dass alle Wissensansprüche auf persönlichen Urteilen beruhen, auch solche, die aus Regeln stammen. Er bestreitet, dass eine wissenschaftliche Methode Wahrheit mechanisch liefern kann, und sieht in leidenschaftlichen Verpflichtungen den Antrieb von Entdeckung und Prüfung. Übertragen auf heute: Wenn du im Team eine neue Idee prüfst, brauchst du neben Daten auch das Urteil von Menschen, die sich mit der Sache auskennen.
Begriffe
- implizites Wissen
- personales Wissen
- Hintergrundwahrnehmung und Zielwahrnehmung
- Verpflichtung
- Emergenz
- spontane Ordnung
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Alan TuringPrüfstand: belegt
Gespräche mit Michael Polanyi an der Universität Manchester regten nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy den Aufsatz von 1950 an.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Polanyi weiter, meist über Texte.
Hubert DreyfusPrüfstand: belegt
Polanyis Ablehnung, dass sich Geist auf Regeln zurückführen lässt, beeinflusste Hubert Dreyfus' Kritik an früher künstlicher Intelligenz.
Thomas S. KuhnPrüfstand: belegt
Polanyis Schriften zur Praxis der Wissenschaft beeinflussten Thomas Kuhn.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Polanyi emigrierte 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach England und erhielt in Manchester zuerst einen Lehrstuhl für Chemie und später einen eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Sozialwissenschaften. Er kam also von der Chemie zu den Sozialwissenschaften und zur Philosophie.[1]
Biografie belegt
Polanyi trat gegen die Forderung nach zentral geplanter Forschung auf und gründete mit John Baker die Society for Freedom in Science. In Aufsätzen, gesammelt in The Contempt of Freedom (1940) und The Logic of Liberty (1951), beschrieb er Wissenschaft als spontane Ordnung, die aus offener Debatte unter Fachleuten entsteht.[1]
Kritik
Seine Ablehnung der Regelbarkeit von Geist steht im Gegensatz zur Sicht von Alan Turing, dessen Arbeit den Weg zum ersten modernen Computer bereitete. Dass personales Wissen auf persönlichen Urteilen beruht, ist eine philosophische Position, die Anhänger des Positivismus nicht teilen.
Wirkung heute
Der Begriff des impliziten Wissens wird in Wissensmanagement und Organisationsforschung viel verwendet. Die Frage, was sich nicht in Regeln fassen lässt, bleibt ein Thema in der Debatte um künstliche Intelligenz.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn eine erfahrene Kollegin das Team verlässt, kannst du neben einer Dokumentation auch gemeinsame Arbeit anbieten, bei der Wissen im Tun sichtbar wird. Du fragst zum Beispiel, woran sie bei einer Entscheidung erkennt, dass etwas nicht stimmt. Das ist eine Übertragung von Polanyis Philosophie auf Führung; er schreibt über Wissenschaft und Erkenntnis, nicht über Wissensübergabe im Betrieb.
Lebensstationen
- 1891Geburt in Budapest
- 1919Promotion in Physikalischer Chemie in Budapest
- 1933Wechsel an die Universität Manchester
- 1946Science, Faith and Society erscheint
- 1951Gifford Lectures in Aberdeen (bis 1952)
- 1958Personal Knowledge erscheint
- 1966The Tacit Dimension erscheint
Werke
- Personal Knowledge: Towards a Post-Critical Philosophy (1958)
Ersterscheinung: 1958; die abgerufenen Quellen nennen als Verlag nur spätere Ausgaben der University of Chicago Press (1962, 1964). Zuerst als Vortrag 1952, Gifford Lectures an der Universität Aberdeen 1951 bis 1952, später überarbeitet; die gedruckte Fassung ist davon getrennt angegeben. Deutsche Ausgabe: „Personales Wissen. Auf dem Weg zu einer postkritischen Philosophie“ (2023).
- The Tacit Dimension (1966)
Ersterscheinung: 1966; Verlagsangabe in den Quellen uneinheitlich (englische Wikipedia: Routledge bzw. Doubleday; deutsche Wikipedia: University of Chicago Press); Grundlage sind die Terry Lectures an der Yale University 1962. Zuerst als Vortrag 1962, Terry Lectures an der Yale University; die gedruckte Fassung ist davon getrennt angegeben. Deutsche Ausgabe: „Implizites Wissen“ (1985).
- Science, Faith and Society (1946)
Ersterscheinung: Oxford University Press, 1946.
Lesetipps
- Einstieg
- Michael Polanyi, Implizites Wissen (Suhrkamp, 1985), deutsche Ausgabe von The Tacit Dimension; das kürzeste Buch, in dem er seine Grundidee darlegt.
- Vertiefung
- Neue Deutsche Biographie, Artikel Polanyi, Michael (Michael Engel), Band 20 (2001), Seite 597
Noch nicht sicher belegt
- Zu Polanyi wurde unter der genutzten Adresse kein Eintrag der Stanford Encyclopedia of Philosophy gefunden.
- Die Biografie stützt sich auf die englische und die deutsche Wikipedia.
- Das Geburtsdatum nennt die englische Wikipedia mit 11. März 1891, die deutsche mit 12. März 1891.
- Das Jahr 1891 stimmt überein.
- Für Wigner und Calvin ist nur belegt, dass sie Schüler waren, nicht in welcher Form.
- Der Übersetzer Horst Brühmann für „Implizites Wissen“ steht in der deutschen Wikipedia und in einem Bibliotheksindex.
- Das Erscheinungsjahr 1985 ist nur durch die deutsche Wikipedia belegt.
- Ein wörtliches Zitat ist nicht belegt, deshalb fehlt es.
- Dass wir mehr wissen, als wir sagen können, steht nur als Paraphrase in der Wikipedia, nicht mit Seitenangabe aus dem Originaltext.
- Die Erstverlage von „Personal Knowledge“ und „The Tacit Dimension“ sind in den genutzten Quellen nicht eindeutig.
- Den Wechsel nach Oxford nach der Emeritierung datiert die englische Wikipedia auf 1958, die deutsche auf 1959.
- Die Einordnung zum Positivismus ist eine Einordnung der Redaktion.
- Eine belegte Kritik an Polanyis Position wurde nicht gefunden.
Wege durchs Netz
1. Individuelles Handeln und Wissen
Polanyi prägte den Begriff des impliziten Wissens, das wir haben, ohne es ganz aussprechen zu können.
Herkunft der Daten: Kapitel System, Organisation und Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Polanyi
- [1]Michael Polanyi – Wikipedia (en), Abschnitt Career
- [2]Michael Polanyi · Wikipedia
- [3]econbiz.de/Record/implizites-wissen-polanyi-michael/10009603025 · Webseite