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Landkarte der Philosophie · Kapitel

System, Organisation und Lernen

ab 1946 (Beginn der Macy-Konferenzen) bis heute, redaktioneller Stand 2026; Max Weber als Vorläufer · Gegenwart
Kurz im Netz und in den Listen: System und Organisation

Warum entsteht aus vernünftigen Menschen nicht automatisch eine vernünftige Organisation?

Das Kapitel folgt einer Frage durch vier Teilbereiche. Es beginnt beim Handeln und Wissen Einzelner: Kurt Lewin beschrieb Verhalten als Ergebnis von Kräften im Umfeld einer Person, Herbert Simon zeigte, dass Menschen in Organisationen nur begrenzt rational entscheiden können, Michael Polanyi betonte das Wissen, das wir nicht aussprechen können, und Lucy Suchman, dass Pläne das tatsächliche Handeln nicht vollständig festlegen. Weil sich das Verhalten Einzelner nicht ohne ihre Beziehungen verstehen lässt, verschiebt sich die Frage zu Rückkopplungen und Systemen, mit Ludwig von Bertalanffy, Gregory Bateson, Heinz von Foerster, Paul Watzlawick, Humberto Maturana und Francisco Varela. Organisationen haben aber eigene Regeln, die mehr sind als die Summe der Beziehungen; diesen Teilbereich tragen Max Weber als Vorläufer, Niklas Luhmann, Edgar Schein und Karl Weick. Wenn die Regeln feststehen, bleibt zuletzt die Frage, wie eine Organisation trotzdem lernt; dafür stehen Chris Argyris, Donald Schön und Amy Edmondson.

Zeit und Umfeld

Die meisten Personen in diesem Kapitel sind Psychologen, Soziologen, Biologen, Anthropologen oder Organisationsforscherinnen, nur wenige sind Philosophen im engeren Sinn. Sie stehen auf dieser Karte wegen ihres Beitrags zu philosophischen Fragen: was Wissen und Rationalität sind, wie Beobachtung die Wirklichkeit mitbestimmt, ob ein Ganzes mehr ist als seine Teile und wie Menschen gemeinsam lernen. Ihre Fachbezeichnung steht jeweils im Profil. Empirische Befunde, Theorien und die Übertragung auf dein Team sind in den Profilen sprachlich getrennt. Ausgangspunkt sind die Macy-Konferenzen von 1946 bis 1953, auf denen Fachleute aus vielen Disziplinen über Rückkopplung und Kommunikation sprachen.

Warum das heute zählt

Wer erlebt hat, dass ein Team im Offsite etwas beschließt und drei Monate später wieder im alten Muster steckt, findet hier Begriffe dafür: Kräfte, die einen Zustand halten, Regeln über Regeln, Schutz vor dem Lernen und Entscheidungsprämissen. Die Übertragung auf heutige Teams ist eine redaktionelle Anwendung.

Kants Fragen (Deutung): Was ist der Mensch? · Was soll ich tun?

In diesen Denkwegen

Hier kommt das Kapitel in einem geführten Denkweg vor, mit seinen Personen.

Personen (17)

Begriffe

Kraftfeldanalyse
: Ein Verfahren, das eine Lage als Gleichgewicht aus treibenden Kräften, die auf ein Ziel zuführen, und hemmenden Kräften, die davon abhalten, beschreibt. Es geht auf Kurt Lewin zurück.
Aktionsforschung
: Ein von Kurt Lewin um 1944 geprägter Begriff für ein Vorgehen, bei dem man in Schritten plant, handelt und die Ergebnisse des Handelns prüft, um daraus für den nächsten Schritt zu lernen.
Begrenzte Rationalität
: Herbert Simons Ausdruck dafür, dass Menschen nicht alle Möglichkeiten und Folgen überblicken und deshalb nicht so abwägen, wie es ein vollständig rechnender Mensch täte.
Satisficing (sich begnügen)
: Herbert Simons Ausdruck dafür, Möglichkeiten zu prüfen, bis eine gefunden ist, die eine vorher gesetzte Schwelle des Akzeptablen erreicht, statt die beste zu suchen. Das Wort verbindet englisch satisfy (zufriedenstellen) und suffice (genügen).
Metakommunikation
: Kommunikation über Kommunikation. Nach Watzlawick ist der Beziehungsaspekt einer Mitteilung eine Metakommunikation, weil er festlegt, wie der Inhalt zu verstehen ist.
Doppelbindung (Double Bind)
: Eine Lage, in der jemand zwei einander widersprechende Botschaften auf verschiedenen Ebenen erhält, die Lage nicht verlassen und nicht über die Botschaften sprechen kann. Der Begriff stammt von Gregory Bateson und seinen Kollegen.
Lernen zweiter Stufe (Deutero-Lernen)
: Bei Gregory Bateson das Lernen des Lernens: Man lernt nicht nur eine einzelne Reaktion, sondern ein Muster, wie man auf Zusammenhänge reagiert, das zur Gewohnheit wird.
Entscheidungsprämisse
: Bei Niklas Luhmann eine Vorgabe, die vielen Entscheidungen in einer Organisation zugrunde liegt und festlegt, was als zulässige Entscheidung gilt. Er unterscheidet Entscheidungsprogramme, Kommunikationsstrukturen und Personen.
Grundannahmen (Organisationskultur)
: Bei Edgar Schein die tief verankerten, meist unbewussten Selbstverständlichkeiten einer Gruppe, die den Kern ihrer Kultur ausmachen und von innen schwer zu erkennen sind.
Einschleifenlernen
: Lernen, bei dem eine Handlung korrigiert wird, die Werte und Ziele dahinter aber unverändert bleiben.
Doppelschleifenlernen
: Lernen, bei dem auch die Werte, Annahmen und Ziele hinter einer Handlung geprüft und verändert werden. Der Begriff geht auf Chris Argyris und Donald Schön zurück.
Defensive Routinen
: Bei Argyris eingeübte Abwehrgewohnheiten, mit denen Menschen sich vor Peinlichkeit und Bedrohung schützen und die zugleich verhindern, dass sie ihren eigenen Anteil an einem Problem erkennen.
Psychologische Sicherheit
: Die gemeinsame Überzeugung in einem Team, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen, etwa Fehler oder Bedenken anzusprechen, ohne bloßgestellt, abgelehnt oder bestraft zu werden. Der Begriff ist älter als Edmondsons Studie von 1999 und wird unter anderem auf Carl Rogers sowie auf Schein und Bennis 1965 zurückgeführt.
Kleine Erfolge (small wins)
: Bei Karl Weick ein konkretes, vollständig umgesetztes Ergebnis von mittlerer Bedeutung. Eine Reihe solcher Erfolge soll ein Muster zeigen, das Verbündete anzieht und Widerstand senkt.

Verbindungen innerhalb des Kapitels

25 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.

  • Edgar Schein baut auf Kurt Lewin aufbelegt

    Schein führt nach der deutschen Wikipedia den Gedanken, dass Lernende selbst aktiv am eigenen Lernen beteiligt sein müssen, auf Kurt Lewin und Carl Rogers zurück; er schrieb später auch über Lewins Veränderungstheorie.

  • Amy Edmondson baut auf Chris Argyris aufbelegt

    Edmondsons Studie von 1999 zitiert Argyris und Schöns Organizational Learning (1978) und Argyris' Reasoning, Learning and Action (1982); sie schrieb später auch einen Nachruf auf Argyris.

  • Amy Edmondson baut auf Edgar Schein aufbelegt

    Edmondsons Studie von 1999 führt psychologische Sicherheit als Konstrukt der Teamforschung ein und nennt in der Literaturliste Scheins Buch von 1965 zu Veränderung durch Gruppenmethoden, in dem Schein und Bennis den Begriff für Organisationen definierten.

  • Niklas Luhmann baut auf Herbert A. Simon aufbelegt

    Luhmann entwickelte Herbert Simons Gedanken weiter, dass Organisationsstrukturen Entscheidungen sind, die als Prämissen für andere Entscheidungen dienen.

  • Niklas Luhmann baut auf Humberto Maturana aufbelegt

    Luhmann übernimmt den Begriff der Autopoiese von Maturana und Varela für soziale Systeme; Maturana hielt die Übertragung für begrifflich unhaltbar.

  • Niklas Luhmann baut auf Francisco Varela aufbelegt

    Luhmann knüpft an die Grundlagen von Maturana und Varela zu autopoietischen Systemen an.

  • Paul Watzlawick baut auf Gregory Bateson aufbelegt

    Watzlawicks Kommunikationslehre in Pragmatics of Human Communication gründet auf Batesons Denken (Doppelbindung, Metakommunikation) und führt die Arbeit der Palo-Alto-Gruppe weiter.

  • Chris Argyris und Kurt Lewin kannten sich persönlichbelegt

    Argyris begegnete Kurt Lewin während seines Psychologiestudiums an der Clark University.

  • Chris Argyris und Donald Schön kannten sich persönlichbelegt

    Argyris und Donald Schön schrieben gemeinsam Theory in Practice (1974) und Organizational Learning (1978) und entwickelten die Unterscheidung von Einschleifen- und Doppelschleifenlernen.

  • Gregory Bateson und Kurt Lewin kannten sich persönlichbelegt

    Kurt Lewin und Bateson stehen beide in der Teilnehmerliste der Macy-Konferenzen zur Kybernetik; eine persönliche Zusammenarbeit wird nicht behauptet.

  • Gregory Bateson und Heinz von Foerster kannten sich persönlichbelegt

    Bateson und Heinz von Foerster gehören zu den Teilnehmern der Macy-Konferenzen zur Kybernetik; von Foerster gab die Protokolle mit heraus.

  • Humberto Maturana und Heinz von Foerster kannten sich persönlichbelegt

    Maturana reiste 1968 auf Einladung Heinz von Foersters nach Urbana und war 1969 bis 1970 Gastprofessor an der University of Illinois.

  • Heinz von Foerster und Paul Watzlawick kannten sich persönlichbelegt

    Watzlawick lud Heinz von Foerster ab Sommer 1985 zu gemeinsamen Weiterbildungskursen für Therapeuten nach Palo Alto ein; die deutsche Wikipedia zählt Watzlawick zu von Foersters engen Kontakten.

  • Humberto Maturana war Lehrer von Francisco Varelabelegt

    Varela war Maturanas Student bzw. Schüler und entwickelte mit ihm den Begriff Autopoiese; beide arbeiteten 1970 bis 1973 in Santiago eng zusammen.

  • Niklas Luhmann kritisiert Max Weberbelegt

    Luhmann kritisierte Webers Bürokratiekonzept: Die bürokratische Rationalität sei nicht das Ergebnis zweckrationalen Handelns Einzelner und kein Ausdruck eines allgemeinen Rationalismus der Weltbeherrschung, sondern ein Mechanismus, den die Komplexität der Gesellschaft verlangt, um Unsicherheit aufzufangen.

  • Lucy Suchman kritisiert Herbert A. Simonungeprüft

    Suchman antwortete 1993 in Cognitive Science auf Vera und Simons „Situated Action: A Symbolic Interpretation“ und kritisierte das Planungsmodell der künstlichen Intelligenz.

  • Chris Argyris wird verglichen mit Gregory BatesonDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Argyris' Doppelschleifenlernen und Batesons Lernebenen fragen beide, ob ein Lernender nur sein Handeln oder auch den Rahmen dieses Handelns ändert; ein Bezug zwischen beiden ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.

  • Ludwig von Bertalanffy wird verglichen mit Niklas LuhmannDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Die deutsche Wikipedia grenzt Luhmanns Systemtheorie ausdrücklich von der allgemeinen Systemtheorie Bertalanffys ab.

  • Ludwig von Bertalanffy wird verglichen mit Humberto MaturanaDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Nach der deutschen Wikipedia beschreibt Maturana grob dasselbe wie Bertalanffy, argumentiert aber kybernetisch mit operationell geschlossenen lebenden Maschinen.

  • Edgar Schein wird verglichen mit Niklas LuhmannDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Luhmann beschreibt Organisationen über Entscheidungsprämissen wie Programme, Kommunikationswege und Personal, Schein über geteilte Grundannahmen unter den erklärten Werten. Ein Einfluss oder eine Debatte zwischen beiden ist nicht belegt.

  • Herbert A. Simon wird verglichen mit Kurt LewinDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Lewin erklärt einen festgefahrenen Zustand mit einem Gleichgewicht treibender und hemmender Kräfte, Simon mit Menschen, die mit begrenztem Wissen die erste ausreichend gute Möglichkeit wählen. Simon hat das nicht gegen Lewin vorgebracht.

  • Herbert A. Simon wird verglichen mit Karl WeickDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Simon fragt, wie Entscheidungen Organisationen formen, Weick dagegen, wie Sinnbildung das Organisieren antreibt; ein direkter Bezug ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.

  • Kurt Lewin wird verglichen mit Donald SchönDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Die englische Wikipedia ordnet Schöns Arbeit in die Tradition des Erfahrungslernens ein, zu der auch Dewey, Lewin, Rogers und Kolb zählen; ein direkter Einfluss Lewins auf Schön ist nicht belegt.

  • Niklas Luhmann wird verglichen mit Karl WeickDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Luhmann beschreibt Organisationen als Systeme aus Entscheidungen, Weick als fortlaufendes Organisieren durch Sinnbildung.

  • Humberto Maturana wird verglichen mit Paul WatzlawickDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Watzlawick und Maturana werden beide mit dem Konstruktivismus verbunden, Watzlawick über seine Kommunikationstheorie und Bücher zum Konstruktivismus, Maturana über die Biologie des Erkennens.

Nachbarn unter den Kapiteln

Wege durchs Netz

Kurze Erzählungen über mehrere Personen.

1. Individuelles Handeln und Wissen

Am Anfang stehen einzelne Menschen: wie sie entscheiden, was sie wissen, ohne es sagen zu können, und wie ihr Handeln von Plänen abweicht. Weil sich das Verhalten Einzelner nicht ohne ihre Beziehungen verstehen lässt, verschiebt sich die Frage im nächsten Teilbereich zu Rückkopplungen.

  1. 1.LewinLewin beschrieb Verhalten im Feld der Kräfte, die auf eine Person wirken, und begründete die Aktionsforschung.
  2. 2.SimonSimon erforschte, wie Menschen in Organisationen mit begrenztem Wissen entscheiden.
  3. 3.PolanyiPolanyi prägte den Begriff des impliziten Wissens, das wir haben, ohne es ganz aussprechen zu können.
  4. 4.SuchmanSuchman zeigt am Umgang mit Geräten, dass Handeln in der Situation entsteht und Pläne es nicht vollständig festlegen.

2. Beziehungen und Rückkopplungen

Hier geht es um Systeme, in denen Wirkungen auf ihre Ursachen zurückwirken, und um Beobachter, die selbst Teil des Systems sind. Organisationen haben aber eigene Regeln, die mehr sind als ein Geflecht von Beziehungen; darum geht es im nächsten Teilbereich.

  1. 1.BertalanffyBertalanffy begründete die allgemeine Systemtheorie und beschrieb Lebewesen als offene Systeme; an ihr lassen sich die übrigen Systemansätze abgrenzen.
  2. 2.BatesonBateson beschrieb mit der Doppelbindung und den Lernebenen Kommunikation als Wechselspiel von Ebenen.
  3. 3.von FoersterVon Foerster gilt als Begründer der Kybernetik zweiter Ordnung, die die Beobachtenden selbst einbezieht.
  4. 4.WatzlawickWatzlawick baute Batesons Gedanken zu einer Lehre der menschlichen Kommunikation aus.
  5. 5.MaturanaMaturana prägte mit Varela den Begriff der Autopoiese, der Selbsterzeugung lebender Systeme.
  6. 6.VarelaVarela erweiterte die Kognitionswissenschaft um Erfahrung, Körper und buddhistische Praxis.

3. Organisationale Regeln

Dieser Teilbereich fragt, nach welchen eigenen Regeln Organisationen funktionieren, unabhängig von den Absichten einzelner Menschen. Wenn die Regeln feststehen, bleibt die Frage, wie eine Organisation trotzdem lernt.

  1. 1.WeberWeber beschrieb als Vorläufer die Bürokratie als Form planvoller, berechnender Ordnung.
  2. 2.LuhmannLuhmann beschrieb Organisationen als Systeme, die aus Entscheidungen bestehen.
  3. 3.ScheinSchein beschrieb Organisationskultur in drei Ebenen bis hinunter zu den geteilten Grundannahmen.
  4. 4.WeickWeick untersuchte, wie Menschen in Organisationen Sinn bilden.

4. Lernen und Veränderung

Am Ende steht die Frage, wie Organisationen und Teams lernen, auch dort, wo es unangenehm wird. Die Reihenfolge der Teilbereiche ist unsere Erzählstruktur und keine Rangfolge.

  1. 1.ArgyrisArgyris unterschied mit Schön Einschleifen- und Doppelschleifenlernen und beschrieb defensive Routinen.
  2. 2.SchönSchön prägte den Begriff des reflektierenden Praktikers, der beim Handeln über sein Handeln nachdenkt.
  3. 3.EdmondsonEdmondson untersuchte empirisch, wie psychologische Sicherheit und Lernverhalten in Arbeitsteams zusammenhängen.

Quellen

  1. [1]Cybernetics – Wikipedia (en) · abgerufen 2026-10-22
  2. [2]Systemtheorie – Wikipedia (de) · abgerufen 2026-10-22
  3. [3]Systems theory – Wikipedia (en) · abgerufen 2026-10-22

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