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Landkarte der Philosophie · Wann ist gut genug?

Zurückblicken: Wann ist gut genug?

Deine vorläufige Antwort

Bevor die Positionen noch einmal zusammenkommen: Was nimmst du für dich mit? Halb fertig ist in Ordnung, und deine Antwort darf offen bleiben.

Was hättest du am Anfang geantwortet: noch eine Runde feilen oder abgeben?

Was du hier schreibst und unterwegs auswählst, bleibt in diesem Browser. Es gibt kein Konto, und nichts davon wird an uns gesendet. Die kopierte Notiz nennt, dass die Positionen redaktionell zusammengefasst sind und wo die Quellen stehen.

Was du jetzt unterscheiden kannst

Diese Unterscheidungen stehen nebeneinander. Keine Station überholt eine frühere, jede fragt etwas anderes.

  • Ob du nach dem Besten suchst, das sich denken lässt, oder nach dem Maß, das zur Sache passt. Aristoteles beschreibt die Tugend als Mitte relativ zu uns und verlangt in jedem Gebiet nur so viel Genauigkeit, wie die Sache zulässt.
  • Ob Genug eine Frage der Zuständigkeit oder des Bedürfnisses ist. Epiktet trennt, was bei uns liegt, von dem, was nicht bei uns liegt, etwa Ansehen; Seneca und Epikur fragen, welche Wünsche ein natürliches Maß haben.
  • Ob Genug die Schwelle einer Suche ist. Herbert Simon nennt es satisficing, aufzuhören, sobald eine Möglichkeit ein vorher gesetztes Anspruchsniveau erreicht, und Barry Schwartz und Kollegen fanden, dass Menschen, die bei Entscheidungen das bestmögliche Ergebnis wollen, in Befragungen weniger zufrieden waren; das ist ein Zusammenhang und kein Beleg für eine Ursache.
  • Ob Genug ein Verhältnis zu dir selbst und zu anderen beschreibt. Donald Winnicott stellt der vollkommenen die hinreichend gute Mutter gegenüber, und Paul Hewitt und Gordon Flett unterscheiden Perfektionismus an sich selbst, an andere und den, den man anderen als Erwartung zuschreibt.
  • Ob Unvollkommenheit ein Mangel ist oder einen eigenen Wert hat. Okakura Kakuzō beschreibt den Teeweg als Verehrung des Unvollkommenen, beim Kintsugi bleibt die Bruchstelle sichtbar, und Albert Camus findet im nie abgeschlossenen Tun des Sisyphos die Möglichkeit von Glück.

Was offen bleibt

Offen bleibt, nach welchem Maßstab sich gut genug bemessen soll, nach der Sache, nach dem eigenen Bedürfnis, nach einer gesetzten Schwelle oder nach dem Verhältnis zu den Erwartungen anderer. Die Positionen auf diesem Weg lassen sich teilweise verbinden, so wie eine Schwelle für die Sache und die Frage nach dem eigenen Maßstab nebeneinander bestehen können, doch sie gewichten sehr verschieden, und keine hat die Frage für alle entschieden.

Noch einmal die Situation vom Anfang

Morgen um neun stellst du der Geschäftsleitung ein Konzept vor. Es ist kurz nach zehn am Abend, die Präsentation steht, und dir fallen noch drei Stellen ein, die besser sein könnten.

Denk noch einmal an den Abend vor der Präsentation. Mit Aristoteles kannst du fragen, wie viel Genauigkeit dieser Termin überhaupt verlangt. Mit Epiktet kannst du trennen, was bei dir liegt, die Folien, und was nicht, das Urteil der Geschäftsleitung, und mit Seneca und Epikur fragen, was du wirklich brauchst. Mit Simon kannst du eine Schwelle festlegen, bei der du aufhörst, und mit Schwartz bedenken, was das ständige Suchen nach dem Besten kosten kann. Mit Winnicott, Hewitt und Flett kannst du fragen, für wen die Präsentation eigentlich perfekt sein soll. Mit Okakura und Camus kannst du einer offenen Stelle etwas abgewinnen. Welche Frage trifft deinen Abend am ehesten?

Zurück an den Schreibtisch kurz nach zehn: Noch eine Runde zu feilen, ist nicht falsch, aber du kannst vorher sagen, wofür. Leg fest, was die Präsentation morgen leisten muss, prüf, ob sie das schon tut, und frag dich bei den drei Stellen, ob du sie für die Sache verbessern willst oder für einen Maßstab, den du anderen zuschreibst.

Für die nächste Bitte: ein möglicher Satz

„Ich habe die Präsentation auf das ausgerichtet, was wir heute entscheiden müssen. Zwei Punkte sind noch offen, und zu denen hätte ich gern Ihre Sicht.“

Redaktioneller Vorschlag, kein Zitat. Er verbindet eine vorher gesetzte Schwelle mit einer offenen Stelle, die zum Gespräch einlädt. Wenn eine offene Stelle einen sachlichen Fehler betrifft, etwa eine falsche Zahl, auf die sich andere verlassen, braucht es eine andere Überlegung: Dann lohnt die Korrektur.

Wann dieser Satz passt

Unter diesen Bedingungen würde ich heute Abend aufhören: Die Präsentation benennt Problem, Vorschlag und Kosten, keine Zahl ist falsch, und die drei Stellen würden sie schöner, aber nicht klarer machen.

Beispiel für eine vorläufige Position mit Bedingungen. Auch eine andere, begründete Antwort ist eine Antwort.

Ein kleiner nächster Schritt

Vor deiner nächsten Abgabe schreibst du in einem Satz auf, was die Arbeit mindestens leisten muss, und notierst danach, ob du nach dem Erreichen dieser Schwelle noch weitergearbeitet hast und für wen.

Wenn ein Nein dir echte Nachteile bringt, etwa weil du von der Person abhängig bist, reicht so ein Satz nicht. Dann lohnt es sich, zuerst zu klären, wer den Nachteil verursachen würde und wie groß er ist.

Dein Rückblick

Vier Fragen zum Weiterdenken. Beantworte sie im Kopf oder lass sie einfach stehen.

  • Meine erste Einschätzung

    Was hättest du am Anfang geantwortet: noch eine Runde feilen oder abgeben?

  • Eine neue Unterscheidung

    Welche Unterscheidung aus diesem Weg hilft dir am meisten, etwa die zwischen dem Besten und dem Passenden oder die zwischen einer Schwelle für die Sache und einem Maßstab, den du anderen zuschreibst?

  • Der stärkste Einwand, der bleibt

    Welcher Einwand gegen deine eigene Antwort beschäftigt dich noch?

  • Meine nächste Frage

    Welche Schwelle könntest du bei deiner nächsten Abgabe vorher festlegen?

Wie es weitergehen kann

  • Was macht ein gutes Leben aus?

    Auf diesem Weg ging es darum, wann etwas gut genug ist. Der Weg „Was ist ein gutes Leben?“ fragt grundsätzlicher, woran du ein gelingendes Leben misst. Dort begegnen dir Aristoteles, Epikur, Epiktet und Camus mit ihren ganzen Antworten auf die Frage nach Glück und Sinn.

  • Warum ändert sich nichts, obwohl alle es wollen?

    Herbert Simon erscheint auch auf dem Weg „Warum ändert sich nichts, obwohl alle es wollen?“. Dort hilft sein Gedanke, dass Menschen oft die erste Möglichkeit wählen, die gut genug ist, bei der Frage, ob ein Schweigen im Team allen schlicht genügt; diese Anwendung ist unsere.

Zum Vertiefen

  • Aristoteles: Profil zu Tugend als Haltung und zum gelingenden Leben.
  • Epiktet: Profil zu dem, was bei uns liegt, und zu den Rollen, die man trägt.
  • Herbert A. Simon: Profil zu begrenzter Rationalität und zufriedenstellendem Entscheiden.