BlogArtikel

Warum Ihr harmonisches Führungsteam das größte Risiko für Ihr Unternehmen ist

Von Marcel Pirlich

Leerer Konferenzraum mit perfekt ausgerichteten Stühlen

Das Meeting läuft wie am Schnürchen. Alle sind vorbereitet, die Agenda wird abgearbeitet, und keiner unterbricht. Die Runde nickt, die Einigung kommt schnell, Schluss ist pünktlich. Viele halten das für ein funktionierendes Führungsteam. Ich halte es für ein Alarmsignal.

Das neurobiologische Missverständnis

Unser Gehirn will Konflikte mit der Gruppe vermeiden. Naomi Eisenberger und Kollegen an der UCLA haben gezeigt, dass soziale Ablehnung dieselben Hirnregionen aktiviert wie physischer Schmerz. Dazuzugehören ist uns so wichtig, dass wir dafür auch die eigene Meinung zurückhalten.

Daraus entsteht das Abilene-Paradoxon: Eine Gruppe entscheidet sich gemeinsam für etwas, das keiner der Beteiligten will, weil jeder annimmt, die anderen seien dafür. Keiner widerspricht. Hinterher fragt sich jeder, wie es dazu kommen konnte.

Die Kosten des Schweigens

Fehlt im Führungsteam der Widerspruch, zahlen Sie an drei Stellen.

Entscheidungen ohne Härtetest. Eine Strategie, die nie jemand hinterfragt hat, wird erst im Markt geprüft. Was im Konferenzraum als Konsens gefeiert wurde, stellt sich dort als gemeinsame Illusion heraus.

Der Schatten-Diskurs. Die eigentlichen Gespräche laufen nach dem Meeting, auf dem Flur, in der Kaffeeküche oder in der WhatsApp-Gruppe. Die offizielle Runde wird zur Bühne, entschieden wird woanders.

Die Schein-Sicherheit. Wenig Konflikt sieht nach Stärke aus. Amy Edmondson von der Harvard Business School hat zu Psychological Safety geforscht. Ihre Arbeiten zeigen, dass Teams Fehler und abweichende Meinungen eher ansprechen, wenn sie sich psychologisch sicher fühlen. Wenn in Ihrem Team nie jemand widerspricht, lohnt deshalb die Frage: Sind sich alle einig, oder fühlt sich keiner sicher genug, um zu widersprechen?

Ihr Anteil daran

Zwei Momente entscheiden darüber, ob Widerspruch kommt.

Der erste Moment ist der Anfang einer Diskussion. Wenn Sie Ihre Meinung zuerst sagen, ist der Rahmen gesetzt. Jeder weitere Beitrag ist dann entweder Zustimmung oder Abweichung von Ihrer Position.

Der zweite Moment ist der erste Einwand. Wie Sie darauf reagieren, sieht jeder im Raum. Wenn Sie ihn sofort entkräften, haben Sie vielleicht die Sachfrage geklärt. Gleichzeitig haben aber alle gelernt, was ein Einwand kostet.

Reibung erzeugt Energie und Klarheit

Es geht nicht darum, Konflikte um ihrer selbst willen zu provozieren. Der Unterschied liegt zwischen destruktivem Streit und konstruktiver Reibung. Destruktiver Streit dreht sich um Personen, um Ego und darum, wer am Ende gewinnt. Konstruktive Reibung dreht sich um die Sache und um das beste Argument.

„Management bedeutet, Dinge richtig zu tun; Führung bedeutet, die richtigen Dinge zu tun.“
Warren Bennis

Die richtigen Dinge zu tun setzt voraus, dass jemand fragt: „Sind wir sicher, dass das die richtigen Dinge sind?“ Diese Frage ist unbequem und stört die Harmonie. Deshalb braucht es sie.

Wie Sie vom Kuschelkurs in den Sparrings-Modus kommen

Niklas Luhmann sprach von der Beobachtung zweiter Ordnung. Gemeint ist der Blick darauf, wie ein System sich selbst beobachtet. Für ein Führungsteam heißt das, die eigene Dynamik sehen zu lernen. Sieben Schritte, die Sie schon in der nächsten Sitzung ausprobieren können:

1. Sprechen Sie zuletzt. Bei wichtigen Entscheidungen gibt erst das Team seine Einschätzung ab, und zwar bevor Ihre bekannt ist.

2. Fordern Sie Dissens ein. Bevor eine Entscheidung fällt, fragen Sie ausdrücklich nach Gegenargumenten. „Wer sieht das anders?“ ist keine Höflichkeitsfloskel, sondern eine Führungsaufgabe.

3. Fragen Sie nach dem Scheitern. Der Psychologe Gary Klein hat dafür das Pre-Mortem beschrieben: Das Team stellt sich vor, das Vorhaben ist in einem Jahr gescheitert, und schreibt auf, warum. So wird der Einwand zur Aufgabe und nicht zur Kritik am Chef.

4. Bedanken Sie sich für den ersten Einwand, bevor Sie ihn beantworten. Ob Sie ihm folgen, ist eine zweite Frage.

5. Klären Sie, worüber gestritten wird. Eine Diskussion dreht sich im Kreis, solange niemand Meinungen von Fakten trennt. Lesen Sie dieselben Daten unterschiedlich, oder stehen unterschiedliche Werthaltungen dahinter? Das eine klären Sie mit Zahlen, das andere nur im Gespräch über Prioritäten.

6. Trennen Sie Diskussion und Entscheidung. Klären Sie vorher, wer entscheidet und bis wann. Dann muss niemand befürchten, dass sein Widerspruch die Entscheidung endlos verzögert, und Sie müssen nicht jeden Einwand sofort abwehren.

7. Benennen Sie den Elefanten. In jedem Raum gibt es Themen, über die keiner spricht. Machen Sie es zur Gewohnheit, sie anzusprechen, auch wenn es unangenehm ist.

Ein Beispiel

Nehmen wir eine Geschäftsführerin, die ein neues Preismodell einführen will. In der Runde stimmen alle zu. Im Sparring gehen wir die Sitzung noch einmal durch: Wer hat was gesagt, und wer hat nichts gesagt? Dabei fällt ihr auf, dass sie den Vorschlag mit „Ich habe das durchgerechnet“ eingeleitet hat. Damit war die Diskussion beendet, bevor sie begonnen hatte.

Für die nächste Sitzung legt sie fest: Erst schreibt jeder seine größte Sorge zum Preismodell auf, dann redet sie.

Wann Unterstützung von außen hilft

Wenn Sie an Ihrem eigenen Anteil arbeiten wollen, ist Executive Sparring der richtige Rahmen. Wenn im Team schon länger nicht mehr offen gesprochen wird, biete ich moderierte Teamgespräche und Offsites an. Dort bekommt Widerspruch einen geschützten Platz, und Sie diskutieren als CEO mit, statt die Runde zu leiten.

Wie viel Widerspruch kommt bei Ihnen an? Zwei der acht Fragen im Klarheitscheck gehen genau darum.

Klarheit ist eine Entscheidung

Ein gutes Führungsteam erkennen Sie nicht daran, dass alle zustimmen. Sie erkennen es daran, dass der Einwand in der Sitzung fällt und nicht erst auf dem Flur. Konsens kann das Ergebnis einer Diskussion sein, aber er ersetzt sie nicht.

„Falsche Harmonie verhindert Fortschritt. Veränderung beginnt dort, wo es unbequem wird.“

Darüber sprechen?

Erzählen Sie mir von der letzten Sitzung, in der alle genickt haben und die Einwände erst danach kamen. Dort fangen wir an.

Gespräch vereinbaren