Franz Brentano
1838–1917 · Würzburg, Wien, Florenz, Zürich
- Strömung
- Phänomenologie und Existenzialismus
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Deutsch-österreichischer Philosoph und Psychologe, Gründer der beschreibenden Psychologie und Lehrer von Husserl, der den Begriff der Intentionalität in die moderne Philosophie einführt.
Brentano ist der Ausgangspunkt der Phänomenologie in diesem Modul: Husserl hörte ihn in Wien, und die Intentionalität wird zur Grundlage der Phänomenologie, die später Heidegger und Scheler weiterführen.
Kernidee
Brentano sagt, dass alles Seelische auf etwas gerichtet ist: Wer denkt, denkt etwas, wer liebt, liebt jemanden. Diese Gerichtetheit nennt er Intentionalität. Die beschreibende Psychologie soll das Bewusstsein so beschreiben, wie es sich dem Erleben von innen zeigt, bevor man nach Ursachen sucht.
Bekannt für
Man kennt Brentano für den Begriff der Intentionalität: Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt sie als die intentionale Inexistenz eines Gegenstandes in jedem seelischen Akt. Er ist außerdem als Lehrer berühmt, zu seinen Hörern zählten Husserl, Freud und Masaryk.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Intentionalität
Seelische Vorgänge haben nach Brentano immer einen Gegenstand, auf den sie gerichtet sind, auch wenn dieser Gegenstand nicht wirklich existiert. Damit unterscheidet er seelische von körperlichen Vorgängen. Wenn du bei einem Mitarbeitergespräch auf den Menschen und nicht nur auf die Zahlen achtest, richtest du deine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand, und genau diese Richtung prägt, was du wahrnimmst.
Beschreibende Psychologie
Brentano trennt die beschreibende von der erklärenden, genetischen Psychologie. Die beschreibende Psychologie will das Bewusstsein aus der Ich-Perspektive möglichst genau beschreiben. Wer vor der Ursachenanalyse zuerst genau festhält, was in einem Konflikt tatsächlich passiert ist, arbeitet in diesem Sinn beschreibend.
Begriffe
- Intentionalität
- beschreibende Psychologie
- psychische Phänomene
- innere Wahrnehmung
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Aristoteles: Brentano promovierte in Tübingen mit einer Arbeit über die Bedeutungen des Seienden bei Aristoteles
Schüler
- Edmund Husserl: Hörer Brentanos
- Sigmund Freud und Tomáš Garrigue Masaryk: Hörer
- Alexius Meinong, Carl Stumpf, Christian von Ehrenfels: von ihm geprägt, Meinong wandte sich später wegen eines anderen Begriffs der Intentionalität ab
Gegner
- Die römisch-katholische Kirche: Brentano wandte sich gegen das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit
Verbindungen im Netz
2 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Lehrer von Edmund Husserlungeprüft
Husserl gehörte laut SEP und Wikipedia de zu Brentanos Hörern, und Brentanos beschreibende Psychologie beeinflusste seine Phänomenologie.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Martin Heideggerungeprüft
Wikipedia de vermerkt, dass Heidegger stark von Brentano beeinflusst wurde.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Brentano war katholischer Priester, wandte sich aber 1870 vom Glauben ab und legte 1873 das Priesteramt nieder, weil er die päpstliche Unfehlbarkeit nicht mittrug. Nach österreichischem Recht konnte ein früherer Priester nicht heiraten, was ihn 1880 die Wiener Professur kostete.[1]
Geld belegt
Als Privatdozent in Wien erhielt Brentano nach der SEP kein Gehalt und durfte keine Abschlussarbeiten betreuen. Er blieb dort bis 1895 und zog dann nach Florenz.[1]
Zeitgeschehen belegt
Nach dem Kriegseintritt Italiens floh Brentano 1915 nach Zürich, wo er nach zwei Augenoperationen erblindete. Er diktierte seine Arbeiten und starb dort 1917.[2]
Kritik
Meinong wandte sich von Brentano ab, weil er einen anderen Begriff der Intentionalität vertrat. Die Frage, was es heißt, dass ein Gegenstand intentional in einem Akt existiert, ohne dass er wirklich da ist, blieb in der Folge umstritten.
Wirkung heute
Der Gedanke, dass Bewusstsein immer auf etwas gerichtet ist, gehört bis heute zur Philosophie des Geistes und zur Phänomenologie. Auch in der Psychotherapie, die auf das Erleben des Klienten achtet, wirkt die Idee einer beschreibenden Psychologie nach.
Brücke zu Führung und Coaching
Brentanos Blick auf das Erleben erinnert dich daran, zuerst genau zu beschreiben, bevor du erklärst oder bewertest. Frage dich in einem schwierigen Gespräch: Was genau habe ich gesehen und gehört, bevor ich mir eine Geschichte dazu erzählt habe? Und worauf war meine Aufmerksamkeit in diesem Moment gerichtet?
Lebensstationen
- 1838Geboren am 16. Januar in Marienberg bei Boppard am Rhein
- 1864Priesterweihe
- 1874Psychologie vom empirischen Standpunkt erscheint, Berufung nach Wien
- 1880Verzicht auf die Wiener Professur, danach Privatdozent bis 1895
- 1895Umzug nach Florenz
- 1917Tod am 17. März in Zürich
Werke
Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles (1862)
Psychologie vom empirischen Standpunkt (1874)
Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis (1889)
Untersuchungen zur Sinnespsychologie (1907)
Aristoteles und seine Weltanschauung (1911)
Anekdote belegt
Als Italien 1915 in den Ersten Weltkrieg eintrat, floh der in Florenz lebende Brentano nach Zürich. Dort erblindete er nach zwei Augenoperationen und diktierte danach seine Arbeiten.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Psychologie vom empirischen Standpunkt (1874), sein Grundlagenwerk, in dem der Begriff der Intentionalität vorkommt.
- Vertiefung
- Der Eintrag zu Franz Brentano in der Stanford Encyclopedia of Philosophy dient als Einführung. Ein Buchtitel wurde nicht bestätigt.
Noch nicht sicher belegt
- Heirat und Lehrstuhlverlust: SEP nennt 1880 als Jahr, in dem Brentano und Ida von Lieben heiraten wollten, und sagt, die Professur sei ihm nach dem Verzicht auf die österreichische Staatsbürgerschaft nicht zurückgegeben worden. Wikipedia de nennt für 1880 den Rücktritt von der Professur und kein Heiratsjahr. Das Heiratsjahr bleibt daher offen. Priesteramt und Kirche: Wikipedia de nennt die Niederlegung des Priesteramts 1873 und den Kirchenaustritt 1879, die SEP nennt keinen Kirchenaustritt. Geburtsort: Wikipedia de nennt Marienberg bei Boppard, die SEP nur Marienberg am Rhein. Florenz: Wikipedia de nennt den Umzug 1895, die SEP nennt 1895 für das Verlassen Österreichs und 1896 für die Niederlassung in Florenz. Zitate und Buchtitel für Sekundärliteratur nicht bestätigt. Die Ethik (Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis, 1889) ist in den abgerufenen Quellen nur als Titel belegt und wird daher nicht inhaltlich erklärt. Der Einfluss auf Heidegger ist nur durch Wikipedia de belegt, die SEP nennt Heidegger im Brentano-Eintrag nicht.
Wege durchs Netz
Brentano: Alles Seelische ist auf etwas gerichtet, wer denkt, denkt etwas.
Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Brentano
- [1]Wikipedia de: Franz Brentano – https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Brentano und Stanford Encyclopedia of Philosophy: Franz Brentano · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia de: Franz Brentano · Wikipedia