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Landkarte der Philosophie

Dignāga

Philosoph und Logiker · ungefähr 480–540 · Südindien und Nalanda (Bihar), nach der Überlieferung

Kernidee in Kürze

Dignāga lässt nur zwei Quellen gültigen Wissens (pramāṇa) gelten: pratyakṣa (Wahrnehmung) und anumāna (Schlussfolgerung). Wahrnehmung erfasst nach ihm das Einzelne und enthält keine Begriffe, Schlussfolgerung arbeitet mit Begriffen und Allgemeinem.

Kapitel
Asien (Überblick) (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Woher wissen wir etwas, und was unterscheidet sicheres Wissen von bloßem Meinen?

Einwand
Die Schule des Nyāya erkennt weitere Quellen an, etwa den Vergleich, und ihr Denker Uddyotakara kritisierte Dignāgas Fassung der drei Merkmale des Grundes. Was genau gültiges Wissen ausmacht, ließ Dignāga zudem weitgehend offen.
Verbindung
Dharmakīrti baut auf Dignāga auf und kommentiert das Pramāṇasamuccaya. Dignāgas Lehrer war nach einer Quelle Vasubandhu.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Dignāga war

Indischer buddhistischer Philosoph und Logiker, der die Lehre von den Quellen gültigen Wissens (pramāṇa) auf Wahrnehmung und Schlussfolgerung beschränkte und die Grundlagen der buddhistischen Logik legte.

Dignāga schrieb nach Yogācāra-Lehrern wie Vasubandhu, die schon Handbücher über das Streitgespräch verfasst hatten. Er verlagerte den Schwerpunkt vom Streitgespräch auf eine geordnete Logik und Erkenntnislehre, blieb dabei aber der Verteidigung buddhistischer Lehren gegen andere Schulen verpflichtet. Er gilt traditionell als Begründer einer Schule, die sich darauf stützte statt auf die Auslegung von Schriften. Seine Werke zu Logik und Erkenntnislehre liegen nicht vollständig im Sanskrit-Original vor, sondern in tibetischen oder chinesischen Übersetzungen.

Kernidee genauer

Für gute Schlussfolgerungen verlangt er einen Grund (hetu) mit drei Merkmalen und ordnet die möglichen Gründe in einer Tabelle, dem Rad der Gründe (Hetucakra). Sein Hauptwerk ist das Pramāṇasamuccaya. Mit der Lehre vom apoha (Ausschluss des Anderen) erklärt er, wie Wörter etwas bedeuten, ohne dass es echte Allgemeinbegriffe in der Welt gibt.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Zu Dignāgas Zeit hatten Denker der Nyāya-Schule über Erkenntnis und Sprachgelehrte wie Bhartṛhari über Sprache geschrieben; ihre Theorien setzten meist wirkliche Allgemeinbegriffe voraus. Angeregt von diesen Arbeiten und von buddhistischen Denkern der Sautrāntika-Schule, die solche Allgemeinbegriffe ablehnten, entwickelte Dignāga seine eigene Lehre vom apoha.[6]

Fundstelle: Abschnitt Apohavada and language

Bekannt für

Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einem Gespräch erst festhältst, was Du tatsächlich gesehen oder gehört hast, und davon trennst, was Du daraus schließt, gehst Du so vor, wie Dignāga die zwei Quellen des Wissens trennt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Wahrnehmung ohne Begriffe

Nach Dignāga ist Wahrnehmung Erkenntnis ohne begriffliche Zutat, also ohne Namen und ohne Klassenbegriffe. Alles, was Du ordnest, benennst und mit früherer Erfahrung vergleichst, gehört nach seiner Sicht schon nicht mehr zur Wahrnehmung, sondern zum begrifflichen Denken.

Schlussfolgerung und die drei Merkmale des Grundes

Dignāga unterscheidet die Schlussfolgerung für sich selbst von der Schlussfolgerung für andere, also dem Vortrag eines Arguments. Ein guter Grund (hetu) muss beim Gegenstand der These vorliegen, in mindestens einem ähnlichen Fall vorkommen und darf in keinem unähnlichen Fall bekannt sein. Im Hetucakra ordnet er alle neun möglichen Verhältnisse und bewertet sie als gültig, widersprüchlich oder unsicher.

Apoha: Bedeutung durch Ausschluss

Dignāga erklärt die Bedeutung eines Wortes durch den Ausschluss des Anderen (apoha): Das Wort „blau“ besagt, dass ein Ding nicht nicht-blau ist. So braucht er keine wirklich existierenden Allgemeinbegriffe. Das Einzelne ist für ihn das Wirkliche, das Allgemeine ein Erzeugnis des Denkens.

Eine Schule der Erkenntnislehre

Dignāga gilt traditionell als Begründer einer buddhistischen Schule, die Streit über die Echtheit von Schriften vermeiden wollte, indem sie Logik und Erkenntnislehre in den Mittelpunkt stellte. Auf seiner Arbeit baute Dharmakīrti auf. Beide gelten in ihren späten Positionen als Anhänger des Yogācāra (einer buddhistischen Lehre, nach der die Welt, wie wir sie erfahren, vom Bewusstsein abhängt).

Begriffe

pramāṇa (Quelle gültigen Wissens)
pratyakṣa (Wahrnehmung)
anumāna (Schlussfolgerung)
apoha (Ausschluss des Anderen)
svalakṣaṇa (das Einzelne)
hetu (Grund einer Schlussfolgerung)
trairūpya (die drei Merkmale eines guten Grundes)

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

Eine Verbindung im Netz (Prüfstand: 1 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Grundlage für

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Dignāga weiter, meist über Texte.

  • DharmakīrtiPrüfstand: belegt

    Dharmakīrti übernahm Dignāgas Erkenntnislehre und baute sie aus: Sein Pramāṇavārttika ist ein Kommentar zu Dignāgas Pramāṇasamuccaya, mit eigenen Neuerungen wie der Ursachenlehre. Als persönlicher Schüler Dignāgas wird er in den Quellen nicht bezeichnet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie überliefert

    Über Dignāgas Leben ist wenig bekannt. Nach späterer Überlieferung stammte er aus einer Brahmanenfamilie bei Kanchi (Tamil Nadu) und wurde früh von einem Mönch namens Nāgadatta in die buddhistische Schule der Vātsīputrīya aufgenommen, die er später verließ. Eine Zeit lang lebte er im Kloster von Nalanda (Bihar).[7]

  • Biografie überliefert

    Eine Übersicht über indische Logik nennt Vasubandhu als Lehrer Dignāgas. Eine Lexikonquelle weist darauf hin, dass die direkte Beziehung fraglich sein könnte, weil eine Stelle in einem Werk Dignāgas Unsicherheit über die Verfasserschaft eines Vasubandhu zugeschriebenen Buches zeigt.[7]

  • Werk belegt

    Dignāgas Hauptwerk Pramāṇasamuccaya und zwei weitere Texte zur Logik sind nicht auf Sanskrit erhalten. Das Nyāyamukha liegt auf Chinesisch vor, das Hetucakra und das Pramāṇasamuccaya auf Tibetisch.[4]

  • Forschungslage belegt

    Weil Dignāgas Texte so knapp sind und nur in Übersetzungen vorliegen, lasen viele Forschende ihn durch die Brille Dharmakīrtis. Dadurch wurden Gedanken, die erst von Dharmakīrti stammen, zum Teil Dignāga zugeschrieben.[6]

Kritik

Wegen der schwierigen Überlieferung ist nicht immer klar, was von der späteren Schultradition stammt und was von Dignāga selbst.

Wirkung heute

Dignāga setzte nach der Forschung eine erkenntnistheoretische Wende in der indischen Philosophie in Gang: Danach mussten die meisten Schulen ihre Lehren mit einer ausgearbeiteten Erkenntnistheorie verteidigen. Die von ihm begründete Schule, die Dharmakīrti weiterführte, wurde zur maßgeblichen Form buddhistischer Logik und Erkenntnislehre in Indien und Tibet und wird in Tibet bis heute studiert.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn in einem Teamgespräch jemand sagt „Die Kundin ist unzufrieden“, kannst Du mit Dignāga fragen, was daran beobachtet wurde (die Kundin hat die Rechnung zurückgeschickt) und was bereits Schlussfolgerung ist (sie ist unzufrieden). Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Dignāga über Führung.

Lebensstationen

  1. 480Geburt, ungefähr; andere Darstellungen nennen 470 oder 480
  2. 540Tod, ungefähr; andere Darstellungen nennen 530 oder 540

Werke

Pramāṇasamuccaya (Sammlung der Quellen gültigen Wissens); Hetucakra (Rad der Gründe); Nyāyamukha (Einführung in die Logik); Ālambanaparīkṣā (Prüfung des Wahrnehmungsgegenstands)

Lesetipps

Einstieg
Britannica, „Dignāga“; Routledge Encyclopedia of Philosophy, „Dignāga (c. 480–c. 540)“
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Dharmakīrti“ und „Logic in Classical Indian Philosophy“, Abschnitt 4.1

Noch nicht sicher belegt

  • Dignāgas Lebensdaten sind nur ungefähr bekannt: Die Lexika nennen ungefähr 480 bis 540, andere Darstellungen 470 oder 480 bis 530 oder 540. Über sein Leben wissen wir wenig, die Angaben zu Geburtsort, Ordination und Aufenthalt in Nalanda stammen aus späterer Überlieferung. Ob Vasubandhu sein persönlicher Lehrer war, ist fraglich. Von seinen Werken ist kein Sanskrit-Original erhalten, und viele Gedanken, die man ihm zuschreibt, stammen vielleicht erst von Dharmakīrti. Die Entstehungsjahre seiner Werke sind unbekannt.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 5: Indien. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Dignāga

  1. [1]Dignaga · Britannica
  2. [2]rep.routledge.com/articles/biographical/dignaga-c-480-c-540/v-1 · Webseite
  3. [3]Dharmakīrti, Einleitung · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Logic in Classical Indian Philosophy, Abschnitt 4.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  6. [6](englisch), Dignāga, Abschnitt Philosophy · Wikipedia
  7. [7]Wikipedia (englisch), Dignāga, Abschnitt Life; Encyclopedia of Religion über Encyclopedia.com, Dignāga · Webseite

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