Dharmakīrti
Philosoph und Logiker · ungefähr 600–660 · Nalanda (Bihar), nach tibetischer Überlieferung
Kernidee in Kürze
Dharmakīrti baut auf Dignāgas Erkenntnislehre auf und kommentiert dessen Pramāṇasamuccaya im Pramāṇavārttika. Wirklich ist für ihn nur das Einzelne (svalakṣaṇa), und wirklich ist, was etwas bewirken kann (arthakriyā, Wirksamkeit).
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Was macht eine Erkenntnis verlässlich, und was ist wirklich?
- Position
- Alles Bestehende dauert nur einen Augenblick. Gültiges Wissen ist verlässliche Erkenntnis, die als Grundlage zum Handeln taugt.
- Einwand
- Seine Ursachenlehre steht in Spannung: Er sieht Ursache und Wirkung in der Natur der Dinge verbunden, stellt den Zusammenhang aber über beobachtete Regelmäßigkeiten fest, die fehlbar bleiben können. Eine wohlwollende Deutung trennt beides: Der Zusammenhang liegt in den Dingen, entdeckt wird er durch Beobachtung.
- Verbindung
- Dharmakīrti baut auf Dignāga auf. Die Forschung stellt seine Ursachenlehre zum Vergleich neben die von Hume.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Dharmakīrti war
Indischer buddhistischer Philosoph und Logiker, der die Erkenntnislehre Dignāgas weiterentwickelte und sie mit Lehren über Ursache und Wirkung ausbaute, etwa in seinen Begründungen für die Augenblicklichkeit aller Dinge und für die Bedeutung von Wörtern.
Dharmakīrtis Leben ist vor allem Gegenstand späterer Heiligenerzählungen, gesicherte Angaben gibt es wenige. Er schrieb, als buddhistische und nichtbuddhistische Schulen in ganz Indien über Allgemeinbegriffe, Logik und die Rechtfertigung von Wissen stritten, und vertrat in diesen Debatten die Epistemologische Schule des Buddhismus, die auf Dignāga zurückgeht.
Kernidee genauer
Daraus folgt, dass alles nur einen Augenblick besteht (kṣaṇikatva): Was wir als dauerhaften Gegenstand erleben, ist eine Reihe ähnlicher Augenblicke. Dignāgas Lehre vom apoha (Ausschluss des Anderen) fasst er ursächlich neu.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Dharmakīrti schrieb sein Hauptwerk als Kommentar zu Dignāgas Pramāṇasamuccaya und scheint darin an mehreren Stellen auf heute verlorene Kommentare von Dignāgas Schülern geantwortet zu haben. Nach den Eingangsversen dieses Werks rechnete er damit, dass seine Zeitgenossen ihn wegen ihrer kleinlichen Eitelkeit nicht verstehen würden.[1]
Bekannt für
Man kennt Dharmakīrti für das Pramāṇavārttika und für den Gedanken, dass nur das Wirkungsfähige wirklich ist. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du eine Annahme über ein Projekt erst dann für richtig hältst, wenn sie sich im Handeln bewährt hat, prüfst Du so, wie Dharmakīrti Erkenntnis an ihrer Verlässlichkeit für das Handeln misst.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Nur das Einzelne ist wirklich
Für die Schule von Dignāga und Dharmakīrti ist nur das Einzelne (svalakṣaṇa) wirklich. Alles Allgemeine (sāmānyalakṣaṇa) ist unwirklich und höchstens eine eingespielte Fiktion, die Denken und Sprache brauchen. Damit ist die Schule nominalistisch: Sie hält Allgemeinbegriffe für bloße Namen und Denkhilfen.
Wirklich ist, was wirkt
Dharmakīrti führt als wichtigste Neuerung gegenüber Dignāga ein, dass wirklich ist, was etwas bewirkt und verändert.
Gültiges Wissen
Dignāga ließ die Frage weitgehend offen, was eine Quelle gültigen Wissens (pramāṇa) ist. Mit Recht für richtig halten kann man eine Erkenntnis, wenn sich bestätigt, dass der Gegenstand die erwartete Wirkung hat.
Ursächliche Fassung des apoha
Dignāga hatte erklärt, dass Wörter durch den Ausschluss des Anderen (apoha) bedeuten. Dharmakīrti legt diese Lehre ursächlich aus: Dass Wörter sich auf Dinge beziehen, erklärt er vor allem durch eine Kette von Ursachen, die von den einzelnen Dingen über Wahrnehmung und Denken bis zum gesprochenen Wort reicht. Ein solcher Rückgriff auf Ursachen scheint bei Dignāga ganz zu fehlen und gilt als Dharmakīrtis wichtigster Beitrag zu dieser Theorie.
Logik und Religion
Dharmakīrtis Logik war nicht Selbstzweck. Er nutzte sie, um buddhistische Lehren zu begründen, etwa die Vier Edlen Wahrheiten und den Buddha als verlässliche Person (pramāṇapuruṣa). Er schlug auch eine Meditationsweise vor, in der Analyse eine unverzichtbare Rolle spielt.
Begriffe
- pramāṇa (Quelle gültigen Wissens)
- svalakṣaṇa (das Einzelne)
- sāmānyalakṣaṇa (das Allgemeine)
- kṣaṇikatva (Augenblicklichkeit)
- arthakriyā (Wirksamkeit)
- apoha (Ausschluss des Anderen)
- pratyakṣa (Wahrnehmung)
- anumāna (Schlussfolgerung)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Dharmakīrti. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Śaṅkara (Shankara, Ādi Śaṅkarācārya)Prüfstand: belegt
Śaṅkara weist die Lehre buddhistischer Denker wie Dharmakīrti zurück, nach der eine Erkenntnis zugleich sich selbst und ihren Gegenstand erhellt. Er hält das für unstimmig, weil eine Erkenntnis sich nicht selbst zum Gegenstand machen kann, so wenig wie ein Messer sich selbst schneidet.
Übernimmt Gedanken von
Dharmakīrti übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
DignāgaPrüfstand: belegt
Dharmakīrti übernahm Dignāgas Erkenntnislehre und baute sie aus: Sein Pramāṇavārttika ist ein Kommentar zu Dignāgas Pramāṇasamuccaya, mit eigenen Neuerungen wie der Ursachenlehre. Als persönlicher Schüler Dignāgas wird er in den Quellen nicht bezeichnet.
Siddhartha Gautama (Buddha)Prüfstand: belegt
Dharmakīrti stützt sich auf den Buddha als Autorität: Im zweiten Kapitel des Pramāṇavārttika begründet er, dass der Buddha eine verlässliche Person (pramāṇapuruṣa) ist, und verteidigt mit seiner Erkenntnislehre buddhistische Lehren wie die Vier Edlen Wahrheiten.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
David HumePrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Die Forschung stellt Dharmakīrtis Ursachenlehre neben die von Hume, um die Spannungen in Dharmakīrtis Position zu zeigen. Eine historische Verbindung besteht nicht.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie überliefert
Dharmakīrtis Leben ist vor allem aus späteren Heiligenerzählungen bekannt, auf die man sich nur schwer verlassen kann. Nach tibetischen Quellen wurde er in Südindien geboren und zog an die große Klosteruniversität Nalanda (Bihar). Einige dieser Quellen machen ihn zu einem früheren Anhänger der Mīmāṃsā, andere schildern ihn als außergewöhnlich geschickt im Streitgespräch und deuten einen schwierigen, hochmütigen Charakter an.[1]
Datierung belegt
Die Forschung ist sich nicht einig, ob Dharmakīrti im sechsten oder im siebten Jahrhundert wirkte. Erich Frauwallner nannte 600 bis 660, andere Forschende setzen ihn bis zu einem halben Jahrhundert früher an, etwa Balcerowicz mit 550 bis 610.[2]
Werk belegt
Das Pramāṇavārttika ist Dharmakīrtis längstes Werk und ein unvollendeter Kommentar zu Dignāgas Pramāṇasamuccaya. An mehreren Stellen scheint er auf verlorene Kommentare von Dignāgas Schülern zu antworten, vor allem auf den von Īśvarasena. Eine Folge ist seine Betonung der Gewissheit (niścaya).[1]
Kritik
Dharmakīrtis Ursachenlehre enthält eine Spannung: Einerseits muss nach ihm Feuer unter den richtigen Bedingungen Rauch bewirken, andererseits stützt er sich auf die beobachtete gemeinsame An- und Abwesenheit von Ursache und Wirkung, die fehlbar bleiben kann. Die Forschung zieht Hume heran, um diese Spannung deutlicher zu machen; eine wohlwollende Deutung sieht den Zusammenhang in der Natur der Dinge begründet, aber erst durch Beobachtung entdeckt. Dass Dharmakīrti Pragmatist gewesen sei, ist eine Deutung einiger Forschender; andere sehen darin eher eine Theorie der Rechtfertigung als der Wahrheit.
Wirkung heute
Die Erkenntnislehre, die Dharmakīrti prägte, wurde zu einer einflussreichen rationalen Tradition im späten indischen Buddhismus und wird in Tibet bis heute studiert. Im modernen Japan ist sie für das buddhistische Denken zunehmend wichtig geworden. Vergleiche mit westlicher Philosophie, etwa mit Hume, sind Deutungen der Forschung.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du in einem Team prüfen willst, ob eine Einschätzung verlässlich ist, kannst Du mit Dharmakīrti fragen, ob sie sich im Handeln bestätigt hat, also ob die erwartete Wirkung tatsächlich eingetreten ist. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Dharmakīrti über Führung.
Lebensstationen
- 600Geburt, ungefähr (Frauwallner; andere Forschende setzen ihn ein halbes Jahrhundert früher an)
- 660Tod, ungefähr (Frauwallner)
Werke
Pramāṇavārttika (Erläuterung der Erkenntnislehre); Pramāṇaviniścaya (Klärung der Erkenntnislehre); Nyāyabindu (Tropfen der Logik); Hetubindu (Tropfen des Grundes); Vādanyāya (Logik der Debatte)
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Dharmakīrti“
- Vertiefung
- Routledge Encyclopedia of Philosophy, „Dharmakīrti (c.600–60)“; Britannica, „Dharmakīrti“
Noch nicht sicher belegt
- Dharmakīrtis Lebensdaten sind in der Forschung umstritten: Erich Frauwallner nennt ungefähr 600 bis 660, andere Forschende setzen ihn bis zu einem halben Jahrhundert früher an. Sein Leben ist vor allem aus späteren tibetischen Heiligenerzählungen bekannt, aus ihnen stammt auch der Geburtsort in Südindien. Dass er in Nalanda wirkte, berichten auch diese Erzählungen; nach einer Forschungsmeinung ist es die einzige verlässliche Angabe über sein Leben. Dass Dharmapāla ihn ordinierte, stammt aus tibetischer Überlieferung und spräche eher für die frühere Datierung. Die Entstehungsjahre seiner Werke sind unbekannt. Die Quellen nennen ihn Nachfolger und Kommentator Dignāgas, nicht seinen persönlichen Schüler.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 5: Indien. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Dharmakīrti
- [1]Dharmakīrti, Einleitung · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Dharmakīrti, Einleitung; Routledge Encyclopedia of Philosophy, Dharmakīrti (c.600–60), Titel · Webseite
- [3]Dharmakirti · Britannica
- [4]Logic in Classical Indian Philosophy, Abschnitt 4.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]Dharmakirti · Wikipedia