Ludwik Fleck
Mediziner und Mikrobiologe · 1896–1961 · Lemberg (Lwów), Lublin, Warschau, Ness Ziona
Kernidee in Kürze
Fleck sah Erkennen als Gemeinschaftsarbeit. Wer forscht, denkt und sieht immer im Rahmen eines Denkstils, den eine Gruppe austauschender Menschen, das Denkkollektiv, gemeinsam entwickelt.
- Kapitel
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Wer entscheidet eigentlich, was in Deinem Fach als gesicherte Tatsache gilt?
- Position
- Fleck beschreibt Erkennen als Tätigkeit einer Gruppe. Eine Tatsache entsteht in einem Denkkollektiv, das einen gemeinsamen Denkstil entwickelt, und wird erst durch die Weitergabe an Laien zur scheinbar unabhängigen Wirklichkeit.
- Einwand
- Wenn Tatsachen gesellschaftlich gemacht sind, bleibt offen, was Forschung dann noch über die Natur sagt. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy weist zudem darauf hin, dass Fleck die Unvereinbarkeit der Denkstile kaum ausgearbeitet hat.
- Verbindung
- Flecks Denkstil wird oft neben Kuhns Paradigma gestellt. Kuhn kannte das Buch, ob es ihn beeinflusste, ist aber offen. Fleck gilt außerdem als Vorläufer der späteren soziologischen Wissenschaftsforschung.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Fleck war
Polnisch-jüdischer Mediziner und Mikrobiologe, der in den 1930er Jahren beschrieb, dass wissenschaftliche Tatsachen im Austausch einer Gruppe von Forschenden entstehen.
Sein Buch von 1935 blieb lange unbeachtet. Thomas Kuhn nannte es später im Vorwort seines eigenen Buches.
Kernidee genauer
Was in dieser Gruppe als Tatsache gilt, entsteht nach Fleck in diesem Austausch, und ein anderes Kollektiv kann dieselbe Tatsache oft gar nicht erkennen.
Biografischer Moment
Deutung Redaktionelle Deutung eines Zusammenhangs zwischen Leben und Denken, nicht als Tatsache belegt.
Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy verband Fleck in seinen erkenntnistheoretischen Schriften die Erfahrung eines Laborforschers mit Überlegungen zur Geschichte der Medizin sowie mit philosophischen und soziologischen Gedanken, und er forschte dabei außerhalb der Universitäten. Die Forscherin Eva Hedfors vermutet, dass ihn vor allem die Debatte über Relativitätstheorie und Quantenphysik in der Zeitschrift Die Naturwissenschaften anregte. Der Eintrag gibt das ausdrücklich als ihre Hypothese wieder.[1]
Fundstelle: Abschnitt 2
Bekannt für
Man kennt Fleck für sein Buch über die Entstehung einer wissenschaftlichen Tatsache, in dem er an der Geschichte der Syphilis und der Wassermann-Reaktion zeigt, wie Wissen in einer Gruppe wächst. Ein Alltagsbeispiel ist die neue Kollegin, die erst nach Wochen versteht, was in Deiner Abteilung mit bestimmten Begriffen gemeint ist.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Denkkollektiv und Denkstil
Fleck bezeichnet eine Gemeinschaft von Menschen, die Gedanken austauschen, als Denkkollektiv. Dieses Kollektiv entwickelt einen Denkstil, also eine bestimmte Art, wahrzunehmen und zu denken. Nach Fleck sollte man deshalb nicht sagen, jemand habe etwas erkannt, sondern er habe es in einem bestimmten Denkstil einer bestimmten Epoche erkannt. In Deinem Team erlebst Du das, wenn Ihr über Jahre eine eigene Fachsprache entwickelt, die Außenstehende nicht verstehen.
Wie eine Tatsache entsteht
Fleck beschreibt, dass eine Tatsache nicht einfach gefunden wird. Sie wächst in einer Folge von Verständnissen und Missverständnissen innerhalb eines Kollektivs. Die Stimmung des Kollektivs spielt dabei eine Rolle. Bei der Entdeckung der Wassermann-Reaktion nennt er den gesellschaftlichen Druck, ein Mittel gegen die als peinlich geltende Syphilis zu finden. Im Alltag zeigt sich das, wenn eine Kennzahl im Unternehmen erst durch viele Gespräche zu einer Größe wird, an die alle glauben.
Fachleute und Laien
Ein ausgereifter Denkstil teilt das Kollektiv in einen inneren Kreis der Fachleute, den esoterischen Kreis, und einen äußeren Kreis der Laien, den exoterischen Kreis. Populäre Darstellungen klingen nach Fleck sicherer als die Forschung selbst, weil sie Vorbehalte weglassen. So bekommt Wissen den Anschein, unabhängig von Menschen zu sein. Das kennst Du aus Zusammenfassungen für die Geschäftsleitung, in denen aus einem vorsichtigen Befund ein glatter Satz wird.
Unvereinbare Denkstile
Fleck verwendet das Wort inkommensurabel, das heißt hier nicht miteinander messbar. Er meint, dass Menschen mit verschiedenen Denkstilen einander nur teilweise verstehen und dass für das eine Kollektiv etwas gar nicht existieren kann, was für das andere eine Tatsache ist. In einer Fusion zweier Firmen erlebst Du, wie dieselben Wörter in beiden Kulturen etwas anderes bedeuten.
Begriffe
- Denkkollektiv
- Denkstil
- wissenschaftliche Tatsache
- esoterischer und exoterischer Kreis
- Inkommensurabilität
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 1 Deutung, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Moritz SchlickPrüfstand: belegt
Fleck schickte 1933 das Manuskript seines Buches an Moritz Schlick, der sich 1934 bereit erklärte, es unter einer Bedingung zur Veröffentlichung zu empfehlen; ein Einfluss ist nicht belegt.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Fleck weiter, meist über Texte.
Thomas S. KuhnPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Kuhn las Flecks Buch 1949 und schrieb im Vorwort seines Buches von 1962, es nehme viele seiner eigenen Gedanken vorweg. Wie viel es zu seinem Buch beitrug, ließ Kuhn selbst offen. Die Forscher Paweł Jarnicki und Hajo Greif (2022) finden keinen zwingenden Beweis für eine direkte Übernahme, halten die Ähnlichkeiten aber für zu groß, um zufällig zu sein.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Michel FoucaultPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Wikipedia stellt Flecks Denkkollektiv neben Foucaults Begriff der Episteme, einen Einfluss behauptet die Quelle nicht.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Fleck studierte Medizin in Lemberg, wurde 1922 Arzt und gründete 1923 ein eigenes Labor für medizinische Analysen. Er blieb dabei nur lose mit der Universität verbunden. Sein Buch von 1935 schrieb er also als Forscher aus der Laborpraxis und nicht als Professor der Philosophie.[1]
Zeitgeschehen belegt
Nach dem Einmarsch der Deutschen in Lemberg 1941 wurde Fleck in das Ghetto umgesiedelt, wo er einen Impfstoff gegen Fleckfieber aus dem Urin Kranker herstellte. Später wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz und im Dezember 1943 nach Buchenwald gebracht. Er überlebte, und Buchenwald wurde im April 1945 befreit.[1]
Zeitgeschehen belegt
Nach dem Krieg leitete Fleck ab Oktober 1945 das Institut für medizinische Mikrobiologie an der Universität in Lublin. 1948 sagte er in den Nürnberger Ärzteprozessen aus. Seine philosophischen Aufsätze der Nachkriegszeit fügen der Theorie der 1930er Jahre laut der Stanford Encyclopedia of Philosophy nichts Wichtiges hinzu.[1]
Rezeption belegt
Vor dem Zweiten Weltkrieg erschienen neunzehn Besprechungen des Buches, die meisten positiv, aber nur eine in einer philosophischen Zeitschrift. Nach dem Krieg geriet es in Vergessenheit. Zwischen 1962 und 1966 verkaufte der Verlag nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy kein einziges Exemplar und machte die restlichen 258 Exemplare zu Altpapier.[1]
Kritik
Sie hält außerdem fest, dass er verwandte Denker der Lemberg-Warschauer Schule wie Ajdukiewicz und Chwistek nie erwähnt und Kant, Mach oder Durkheim nur oberflächlich behandelt. In seiner Antwort an den Medizinhistoriker Tadeusz Bilikiewicz von 1939 vertrat er nach demselben Eintrag stark anti-realistische Thesen, und der Eintrag fasst seine Lehre in dem Satz zusammen, nur was wahr für die Kultur sei, sei auch wahr für die Natur.
Wirkung heute
Im englischsprachigen Raum gilt Fleck vor allem als übersehener Vorläufer von Thomas Kuhn. Im deutschsprachigen Raum sehen ihn viele als eigenständigen Erkenntnistheoretiker. Bruno Latour nannte ihn in einer Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie den Begründer der Wissenschaftssoziologie.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn zwei Abteilungen sich nicht verstehen, kannst Du mit Fleck fragen, ob sie verschiedenen Denkstilen folgen, statt einer Seite Unvernunft zu unterstellen. Ein Beispiel ist der Streit zwischen Vertrieb und Entwicklung darüber, was als fertiges Produkt gilt. Das ist eine Übertragung von Flecks Gedanken und keine Aussage von ihm über Führung.
Lebensstationen
- 1896Geburt in Lemberg (11. Juli)
- 1922Abschluss des Medizinstudiums
- 1935Das Buch „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ erscheint in Basel
- 1943Verlegung von Auschwitz nach Buchenwald (Dezember)
- 1945Leiter des Instituts für medizinische Mikrobiologie in Lublin
- 1957Auswanderung nach Israel
- 1961Tod am 5. Juni
Werke
Zur Krise der „Wirklichkeit“ (1929); Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1935)
Lesetipps
- Einstieg
- Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, Basel 1935 (Neuausgabe Suhrkamp 1980, herausgegeben von Lothar Schäfer und Thomas Schnelle).
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Ludwik Fleck“
Noch nicht sicher belegt
- Eine deutsche Neuausgabe des Buches liegt vor (Suhrkamp 1980); weil der Originaltitel deutsch ist, wird keine eigene deutsche Ausgabe genannt. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy sagt in Abschnitt 3, Fleck habe Kants These vom aktiven Beitrag des Vorwissens übernommen, in Abschnitt 2 dagegen, er übernehme von Kant nichts; deshalb ist keine Verbindung zu Kant eingetragen. Die Verbindung zu Kuhn ist als Einfluss nicht gesichert: Kuhn kannte das Buch und nannte es im Vorwort von 1962 eine Vorwegnahme vieler seiner Gedanken, ließ einen Einfluss aber offen. Jarnicki und Greif (2022) finden keinen zwingenden Beweis für eine direkte Übernahme, halten die Ähnlichkeiten aber für zu groß, um zufällig zu sein; die deutsche Wikipedia gibt nach dem Autor Keil an, Kuhn habe Flecks Denkstil als Paradigma wieder aufgegriffen. Bruno Latour würdigte Fleck; das ist keine Verbindung und wurde nicht eingetragen. Das Datum der Deportation nach Auschwitz fehlt in der Lebensübersicht, weil die Quellen es nicht übereinstimmend nennen (Wikipedia nennt den 7. Februar 1943). Die Zuordnung zum Konstruktivismus ist eine Entscheidung der Redaktion; nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy sind Tatsachen für Fleck soziale Konstruktionen. Die Vermutung, die Debatte in der Zeitschrift Die Naturwissenschaften habe Fleck vor allem angeregt, stammt von Eva Hedfors und ist keine belegte Tatsache.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 1: Wissenschaftstheorie, Logik und Sprache. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Fleck
- [1]SEP, Ludwik Fleck, Abschnitt 1 und 2
- [2]Ludwik Fleck · Wikipedia