Landkarte der Philosophie · Strömung
Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
1879 bis 1990 · modernebelegt
Was bedeuten unsere Aussagen, und wie funktioniert Wissenschaft?
Die analytische Philosophie klärt Begriffe und Sätze mit Logik und Sprachanalyse. Frege und Russell begründeten die moderne Logik, Wittgenstein fragte nach Sinn und Gebrauch von Sprache. Popper und Kuhn untersuchten, wie wissenschaftlicher Fortschritt entsteht.
Zeit und Umfeld
Neue Mathematik und Physik wie Relativitätstheorie und Quantenmechanik brachten Fragen nach Logik und Beweis; später prägte der Kalte Krieg die Wissenschaftsorganisation.
Warum das heute zählt
Aussagen auf Klarheit und Überprüfbarkeit zu testen, ist ein Gegenmittel gegen Buzzwords, auch in Strategiepapieren.
Kants Fragen (Deutung): Was kann ich wissen?
Personen (19)
- Bernard Bolzano1781–1848Prager Priester, Mathematiker und Logiker, der viel von dem vorwegnahm, was später Frege und die analytische Philosophie ausmacht.
- Gottlob Frege1848–1925Mathematiker und Logiker in Jena, der mit einer neuen Logik die Grundlage der analytischen Philosophie legt.
- Alfred North Whitehead1861–1947Mathematiker und später Philosoph, der mit Russell die Principia Mathematica schreibt und danach eine eigene Prozessphilosophie entwirft.
- Bertrand Russell1872–1970Logiker und Philosoph, der mit Alfred North Whitehead (Mathematiker und Philosoph, Freund aus Cambridge) die Principia Mathematica schreibt und Freges Logik in die englischsprachige Welt trägt.
- George Edward Moore1873–1958Cambridger Philosoph, der gemeinsam mit Russell den Idealismus verwirft und mit klaren Fragen die analytische Methode prägt.
- Moritz Schlick1882–1936Gründer und Mittelpunkt des Wiener Kreises, der Gesprächsrunde, aus der der logische Empirismus hervorging.
- Lizzie Susan Stebbing1885–1943Britische Logikerin und Pionierin der analytischen Philosophie, die klares Denken auch für die Öffentlichkeit einsetzte.
- Ludwig Wittgenstein1889–1951Philosoph, der mit dem Tractatus die Sprachanalyse begründet und mit den Philosophischen Untersuchungen sein eigenes Frühwerk umwirft.
- Rudolf Carnap1891–1970Der genaueste Logiker unter den Köpfen des Wiener Kreises, der Philosophie als Klären von Begriffen mit logischen Mitteln verstand.
- Hans Reichenbach1891–1953Leiter der Berliner Gruppe des logischen Empirismus (eines Diskussionskreises von Philosophen, Mathematikern und Naturwissenschaftlern) und Philosoph der Physik, Wahrscheinlichkeit und Zeit.
- Gilbert Ryle1900–1976Der Oxforder Professor, der mit dem Begriff des Kategorienfehlers die Vorstellung vom Geist als innerem Gespenst im Körper angriff und die Philosophie der normalen Sprache mitprägte.
- Karl Popper1902–1994Der Gegenspieler. Begründer des Kritischen Rationalismus.
- Alfred Jules Ayer1910–1989Der Brite, der mit einem schmalen, scharfen Buch die Ideen des Wiener Kreises in der englischsprachigen Welt bekannt machte.
- John Langshaw Austin1911–1960Der Oxforder Sprachphilosoph, der zeigte, dass wir mit Sprache nicht nur beschreiben, sondern handeln: versprechen, taufen, warnen.
- Wilfrid Sellars1912–1989Der amerikanische Philosoph, der den Mythos des Gegebenen angriff und den Weg von der Sprachanalyse zur Pittsburgher Schule mit Brandom und McDowell bahnte.
- Peter Frederick Strawson1919–2006Der Oxforder Philosoph, der Russells Theorie der Kennzeichnungen (Ausdrücke wie „der König von Frankreich“, mit denen man auf ein bestimmtes Ding verweist) angriff, die Metaphysik als Beschreibung unseres Denkens neu belebte und Kant für die analytische Philosophie zurückholte.
- Thomas S. Kuhn1922–1996Physiker und Wissenschaftshistoriker, der mit Paradigmen und wissenschaftlichen Revolutionen die Wissenschaftsphilosophie nach dem Wiener Kreis umkrempelte.
- Saul Aaron Kripke1940–2022Der amerikanische Logiker und Philosoph, der mit Name und Notwendigkeit die Metaphysik in die analytische Philosophie zurückbrachte und eine neue Semantik der möglichen Welten schuf.
- David Kellogg Lewis1941–2001Der amerikanische Metaphysiker, der mögliche Welten als wirklich existierende Welten verteidigte und mit Konvention und Kontrafaktischem die Sprachphilosophie der Nachkriegszeit prägte.
Begriffe
- Logische Analyse
- : Sätze in ihre Bestandteile zerlegen, um Sinn und Wahrheit zu prüfen
- Sprachspiel
- : Wittgensteins Bild, dass Bedeutung aus dem Gebrauch in Praxis entsteht
- Falsifikation
- : Poppers Kriterium: Theorien müssen sich widerlegen lassen können
- Paradigma
- : Kuhns Rahmen, der festlegt, was Wissenschaft als Problem und Lösung ansieht
- Verifikationsprinzip
- : die Idee des Wiener Kreises, dass nur Prüfbares sinnvoll ist
Verbindungen innerhalb der Strömung
44 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
Alfred Jules Ayer baut auf Rudolf Carnap aufDeutung
Ayer folgte Carnap darin, Metaphysik als sinnlos zu verwerfen.
Alfred Jules Ayer baut auf George Edward Moore aufDeutung
Laut SEP führte Moores Ethik bei von ihm beeinflussten Denkern wie Ayer zum Non-Kognitivismus.
Rudolf Carnap baut auf Bertrand Russell aufDeutung
Russells Our Knowledge of the External World gab 1922 den entscheidenden Ansatz für den Aufbau.
John Langshaw Austin baut auf George Edward Moore aufDeutung
Die SEP nennt Moores Ich weiß, dass ich Hände habe als Einfluss.
Saul Aaron Kripke baut auf Ludwig Wittgenstein aufDeutung
Kripke deutet in Wittgenstein on Rules and Private Language (1982) Wittgensteins Spätwerk, besonders § 201 der Philosophischen Untersuchungen.
Thomas S. Kuhn baut auf Ludwig Wittgenstein aufungeprüft
Cavell führte ihn in Berkeley an Wittgensteins Werk heran
Bertrand Russell baut auf Gottlob Frege aufDeutung
Russell entdeckt 1902 den Widerspruch in Freges Grundgesetzen und baut zugleich auf dessen Logik auf.
Bertrand Russell baut auf Ludwig Wittgenstein aufungeprüft
Russell war Wittgensteins Lehrer in Cambridge ab 1911, später beeinflusste dieser ihn zurück
Gilbert Ryle baut auf George Edward Moore aufDeutung
Die SEP nennt Moores Common Sense und Sprachgebrauch als Einfluss auf Ryle.
Gilbert Ryle baut auf Bertrand Russell aufDeutung
Die SEP nennt Russells Theorie der Kennzeichnungen als Einfluss auf Ryle.
Wilfrid Sellars baut auf Gilbert Ryle aufDeutung
Deutung: Sellars benennt die Ryleaner in seinem Gedankenexperiment in Empiricism and the Philosophy of Mind nach Ryle und geht von deren behavioristischer Sprache aus, um über sie hinauszugehen.
Lizzie Susan Stebbing baut auf Bertrand Russell aufDeutung
Ihr Lehrbuch von 1930 verband die traditionelle Logik mit der neuen Logik von Russell und Whitehead; mit Russells logischem Atomismus setzte sie sich kritisch auseinander.
Alfred North Whitehead baut auf Gottlob Frege aufDeutung
Laut SEP verdanken die Principia Mathematica von Russell und Whitehead Freges Grundgesetzen sehr viel; die Wirkung auf Whitehead läuft über dieses gemeinsame Werk.
Ludwig Wittgenstein baut auf Gottlob Frege aufungeprüft
Auf Freges Rat ging er 1911 nach Cambridge, Frege weckte sein Interesse an der Philosophie der Mathematik
Ludwig Wittgenstein baut auf George Edward Moore aufDeutung
Wittgenstein folgte Moore auf den Cambridger Lehrstuhl, und Moores Paradox regte ihn an.
Alfred Jules Ayer und Bertrand Russell kannten sich persönlichDeutung
Ayer trat mit Russell in Fernsehdebatten auf, schrieb 1972 ein Buch über ihn und sah ihn als wichtigsten britischen Philosophen des Jahrhunderts.
Rudolf Carnap und Hans Reichenbach kannten sich persönlichDeutung
Reichenbach und Carnap gaben ab 1930 gemeinsam die Zeitschrift Erkenntnis heraus.
Rudolf Carnap und Moritz Schlick kannten sich persönlichDeutung
Schlick half 1928 bei der Veröffentlichung von Carnaps Aufbau; in der Protokollsatz-Debatte standen sie in Streit.
Rudolf Carnap und Lizzie Susan Stebbing kannten sich persönlichDeutung
Stebbing lud Carnap 1934 nach London ein, lehnte aber die Verwerfung der Metaphysik im logischen Empirismus ab.
Gottlob Frege und Ludwig Wittgenstein kannten sich persönlichungeprüft
Auf Freges Rat ging er 1911 nach Cambridge, Frege weckte sein Interesse an der Philosophie der Mathematik
George Edward Moore und Bertrand Russell kannten sich persönlichDeutung
Freund und Mitstreiter, beide gelten als Begründer der analytischen Philosophie.
George Edward Moore und Lizzie Susan Stebbing kannten sich persönlichDeutung
Stebbing korrespondierte jahrelang mit Moore und dankte für seine Kritik, grenzte sich aber eigenständig von ihm ab.
George Edward Moore und Ludwig Wittgenstein kannten sich persönlichDeutung
Wittgenstein folgte Moore auf den Cambridger Lehrstuhl, und Moores Paradox regte ihn an.
Bertrand Russell und Alfred North Whitehead kannten sich persönlichDeutung
Russell und Whitehead schrieben gemeinsam die Principia Mathematica.
Gilbert Ryle und Ludwig Wittgenstein kannten sich persönlichDeutung
Die SEP sieht beide auf parallelen Pfaden, 1930 wanderten sie gemeinsam.
Moritz Schlick und Lizzie Susan Stebbing kannten sich persönlichDeutung
Stebbing kannte Schlick persönlich und warb für den logischen Empirismus in Großbritannien.
Moritz Schlick und Ludwig Wittgenstein kannten sich persönlichDeutung
Schlick las den Tractatus, traf Wittgenstein 1927 erstmals und diskutierte bis 1936 mit ihm.
Gottlob Frege war Lehrer von Rudolf CarnapDeutung
Carnap besuchte in Jena alle Kurse Freges, darunter Vorlesungen zur Begriffsschrift.
Bertrand Russell war Lehrer von Ludwig WittgensteinDeutung
Er studierte ab 1911 bei Russell in Cambridge
Gilbert Ryle war Lehrer von Alfred Jules AyerDeutung
Ryle war Ayers Tutor in Oxford und empfahl ihm den Besuch bei Schlick in Wien.
Alfred North Whitehead war Lehrer von Bertrand RussellDeutung
Whitehead lehrte Russell ab 1890 in Cambridge und schrieb mit ihm die Principia Mathematica.
Alfred Jules Ayer und John Langshaw Austin kritisieren sich gegenseitigDeutung
Austin kritisierte in Sense and Sensibilia (1962) die Sinnesdatentheorie, Ayer antwortete 1967.
John Langshaw Austin kritisiert Peter Frederick StrawsonDeutung
Austin widersprach 1950 in Truth Strawsons performativer Deutung von wahr.
Saul Aaron Kripke kritisiert David Kellogg LewisDeutung
Kripke nutzte mögliche Welten, aber nicht im konkreten Sinn von Lewis, und kritisierte die Gegenstücktheorie in Naming and Necessity (1980, S. 45, Anm. 13).
Saul Aaron Kripke kritisiert Gottlob FregeDeutung
Kripke widerspricht Freges Sinn-Beschreibungstheorie der Namen (de.wikipedia nennt Frege und Russell).
Saul Aaron Kripke kritisiert Bertrand RussellDeutung
Kripke widerspricht der Auffassung, Eigennamen seien abgekürzte Beschreibungen.
Thomas S. Kuhn kritisiert Karl PopperDeutung
Laut SEP löste Kuhns historischer Ansatz Poppers vorschreibende Sicht auf die Wissenschaft in den Augen vieler ab
Karl Popper und Hans Reichenbach kritisieren sich gegenseitigDeutung
Popper kritisierte Reichenbachs Wahrscheinlichkeitslehre, Reichenbach antwortete gegen den Falsifikationismus.
Bertrand Russell kritisiert Gottlob FregeDeutung
Russell entdeckt 1902 den Widerspruch in Freges Grundgesetzen und baut zugleich auf dessen Logik auf.
Moritz Schlick kritisiert Hans ReichenbachDeutung
Schlick hielt Reichenbachs synthetische Prinzipien a priori von 1920 für bloße Konventionen und grenzte seinen Realismus von dessen abgewandeltem Kantianismus ab.
Wilfrid Sellars kritisiert Rudolf CarnapDeutung
Wikipedia nennt Carnap und C. I. Lewis als Ziele von Sellars' Kritik.
Lizzie Susan Stebbing kritisiert Rudolf CarnapDeutung
Stebbing lud Carnap 1934 nach London ein, lehnte aber die Verwerfung der Metaphysik im logischen Empirismus ab.
Peter Frederick Strawson kritisiert Bertrand RussellDeutung
Strawson kritisierte in On Referring (1950) Russells Kennzeichnungstheorie.
Rudolf Carnap wird verglichen mit Thomas S. KuhnDeutung
Deutung: Kuhns Hauptwerk erschien 1962 in der von Neurath und Carnap herausgegebenen International Encyclopedia of Unified Science; die Verbindung läuft über diesen Publikationsort, ein persönlicher Austausch ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.
Nachbarn unter den Strömungen
- Baut auf: Empirismus und AufklärungHumes Erfahrungsdenken ist Vorbild
- Kritik: Kant und Deutscher IdealismusRussell wendet sich gegen den britischen Idealismus
- Kritik: Kritische TheorieDer Streit um Wissenschaft und Gesellschaft, etwa Popper und Adorno im Positivismusstreit
Quellen
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: logical-empiricism · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (en): Analytic philosophy · Wikipedia
- [3]Wikipedia (en): Philosophy of science · Wikipedia