Moritz Schlick
1882–1936 · Berlin, Wien
- Strömung
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Gründer und Mittelpunkt des Wiener Kreises, der Gesprächsrunde, aus der der logische Empirismus hervorging.
Er sammelte ab 1924 in Wien die Gruppe, zu der Carnap, Neurath und andere stießen. Mit Wittgenstein stand er im Gespräch, übernahm von ihm Anregungen und behielt doch seine eigene Position.
Kernidee
Schlick meint: Ein Satz hat nur dann Bedeutung, wenn man angeben kann, wie er sich an der Erfahrung prüfen lässt. Er verstand das streng, aber in einem weiten Sinn, und nannte seine Haltung konsequenten Empirismus. In der Ethik hielt er Glück und Lebensfreude für den Maßstab des Guten, nicht ein von der Erfahrung unabhängiges Pflichtgesetz.
Bekannt für
Schlick gilt als Gründer und Leiter des Wiener Kreises, aus dem der logische Empirismus hervorging. Er hielt zusammen, was unterschiedliche Köpfe wie Carnap, Neurath und Gödel im Wiener Kreis diskutierten.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Verifikation: Bedeutung heißt Prüfbarkeit
Schlick sagt: Die Bedeutung eines Satzes ergibt sich daraus, wie man ihn an dem prüft, was man erlebt. Sätze, bei denen sich nicht einmal denken lässt, was sie bestätigen oder widerlegen würde, sind für ihn nicht falsch, sondern leer. Im Arbeitsalltag entspricht das der Frage an eine Aussage wie „Unsere Kultur ist offen“: Woran würdest du es merken, wenn es nicht stimmt?
Sprache als Regelsystem
Ab 1934/35 verstand Schlick die Sprache als System von Regeln: Innere Regeln ordnen Ausdrücke untereinander, Anwendungsregeln verbinden sie mit Situationen, die man beobachten kann. Manche Streitfragen der Metaphysik deutete er als verdeckte Aussagen über solche Sprachregeln. In einem Team heißt das: Viele Konflikte entstehen, weil zwei Leute dasselbe Wort nach verschiedenen Regeln benutzen, etwa „fertig“ als „programmiert“ oder „ausgeliefert“.
Empirische Ethik des Glücks
In der Ethik vertrat Schlick einen empirischen Eudämonismus (Eudämonismus: Lehre, dass Glück das Ziel des Handelns ist). Er lehnte absolute, von der Erfahrung unabhängige Werte und Kants kategorischen Imperativ ab. Für Führung heißt das: Frage nicht nur, was Pflicht ist, sondern auch, was den Beteiligten tatsächlich Freude und Sinn an der Arbeit bringt.
Begriffe
- Wiener Kreis
- Verifikation
- konsequenter Empirismus
- Erkenntnislehre
- Eudämonismus
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Max Planck: Doktorvater in Physik, 1904
Schüler
- Herbert Feigl: regte 1924 mit Waismann den Kreis an
- Friedrich Waismann: Assistent, regte 1924 den Kreis an
- Johann (Hans) Nelböck: Doktorand, 1931 promoviert, später sein Mörder
Freunde
- Albert Einstein: nannte Schlicks Darstellung der Relativitätstheorie meisterhaft und empfahl ihn nachdrücklich für den Wiener Lehrstuhl
Gegner
- Max Planck: verurteilte 1932 Schlicks Aufsatz „Positivismus und Realismus“, den er als Verteidigung Machs missverstand
- Otto Neurath und Rudolf Carnap: hielten Schlicks Konstatierungen für verkappte Metaphysik
- Hans Reichenbach und Ernst Cassirer: Schlick hielt Reichenbachs synthetische Prinzipien a priori für Konventionen und warf Cassirer eine falsche Gegenüberstellung von Empirismus und Idealismus vor
Verbindungen im Netz
7 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Hans ReichenbachDeutung
Schlick hielt Reichenbachs synthetische Prinzipien a priori von 1920 für bloße Konventionen und grenzte seinen Realismus von dessen abgewandeltem Kantianismus ab.
kritisiert Immanuel KantDeutung
Schlick lehnte Kants kategorischen Imperativ und absolute Werte ab.
wird kritisiert von Otto NeurathDeutung
Neurath gehörte zum Kreis, den Schlick in Wien zusammenführte, und kritisierte Schlicks Konstatierungen.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Lizzie Susan StebbingDeutung
Stebbing kannte Schlick persönlich und warb für den logischen Empirismus in Großbritannien.
persönlich verbunden mit Ludwig WittgensteinDeutung
Schlick las den Tractatus, traf Wittgenstein 1927 erstmals und diskutierte bis 1936 mit ihm.
persönlich verbunden mit Otto NeurathDeutung
Neurath gehörte zum Kreis, den Schlick in Wien zusammenführte, und kritisierte Schlicks Konstatierungen.
persönlich verbunden mit Rudolf CarnapDeutung
Schlick half 1928 bei der Veröffentlichung von Carnaps Aufbau; in der Protokollsatz-Debatte standen sie in Streit.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Schlick wurde 1936 in der Zeit des Austrofaschismus erschossen. Ein zeitgenössischer Gegner machte ihn danach teils selbst verantwortlich, was das politische Klima zeigt, in dem sein liberales, antitotalitäres Denken stand.[2]
Abhängigkeit Deutung
Er kam 1922 auf den Wiener Lehrstuhl für Naturphilosophie, den zuvor Mach und Boltzmann innehatten. Dass der Lehrstuhl eine empiristische Tradition trug, kann sein Denken in Richtung Erfahrung gelenkt haben.[1]
Biografie belegt
Er kam aus der Physik, promoviert 1904 bei Max Planck, und schrieb früh eine viel gelobte Einführung in Einsteins Relativitätstheorie. Dieser naturwissenschaftliche Hintergrund prägt seinen Maßstab für Erkenntnis.[1]
Kritik
Neurath und Carnap warfen Schlick vor, seine „Konstatierungen“ (Sätze, die unmittelbar Erlebtes festhalten) seien Metaphysik oder verstießen gegen den Physikalismus, solange man sie nicht in die Sprache der Physik übersetzen kann. Planck verurteilte 1932 seinen Aufsatz „Positivismus und Realismus“ scharf, weil er ihn als Verteidigung Machs missverstand.
Wirkung heute
Der Gedanke, dass eine Behauptung nur dann etwas sagt, wenn man weiß, woran man sie prüft, bleibt eine Grundregel klaren Denkens. Die Forschung entdeckt seit den 1980er Jahren sein Gesamtwerk neu, und seit 2006 erscheint eine historisch-kritische Gesamtausgabe.
Brücke zu Führung und Coaching
Schlicks Frage hilft, vage Ziele zu schärfen: Woran genau würden wir erkennen, dass es gelungen ist? Probiere sie im nächsten Teammeeting bei einem Begriff wie „Verantwortung übernehmen“ oder „agil arbeiten“. Dann merkst du schnell, ob alle dasselbe meinen oder nur dasselbe Wort benutzen.
Lebensstationen
- 1882Geboren in Berlin
- 1904Promotion in Physik bei Max Planck
- 1922Lehrstuhl für Naturphilosophie in Wien
- 1924Gründung der Diskussionsgruppe, des späteren Wiener Kreises
- 1929Beginn der Reihe Schriften zur wissenschaftlichen Weltauffassung
- 1936In Wien ermordet
Werke
Lebensweisheit (1908); Raum und Zeit in der gegenwärtigen Physik (1917); Allgemeine Erkenntnislehre (1918, 2. Aufl. 1925); Fragen der Ethik (1930); Die Wende der Philosophie (1930); Über das Fundament der Erkenntnis (1934)
Anekdote belegt
Am 22. Juni 1936 wurde Schlick auf der Philosophenstiege der Universität Wien von seinem früheren Doktoranden Nelböck erschossen. Seit 1993 erinnert dort eine Inschrift an die Tat.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Fragen der Ethik, hrsg. von Rainer Hegselmann, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 477 (1984): Schlicks Ethik des Glücks, gut lesbar.
- Vertiefung
- Thomas Oberdan und Friedrich Stadler: Moritz Schlick, Stanford Encyclopedia of Philosophy (online, gut als Einführung)
Noch nicht sicher belegt
- Habilitation: SEP nennt 1910, Wikipedia de 1911 in Rostock. Vorname des Mörders: SEP Johann, Wikipedia de Hans Nelböck; Promotion 1931 bei Schlick nur nach Wikipedia de. Ob Schlick in Stanford und Berkeley gastierte, steht nur in Wikipedia de und wurde nicht im Text verwendet. Prüfer P2: Die frühere Angabe, Reichenbach und Cassirer hätten Schlicks Konventionalismus kritisiert, kehrte die Richtung um (laut SEP kritisierte Schlick sie) und wurde korrigiert. Einstein-Briefwechsel „seit der Rostocker Zeit“ ohne Beleg ersetzt. philpapers-Bibliographieseite als Quelle entfernt. Kante zu Kant nur aus SEP-Aussage zur Ethik abgeleitet. Kein Zitat aufgenommen.
Herkunft der Daten: Analytische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Schlick
- [1]SEP: Moritz Schlick · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia de: Moritz Schlick · Wikipedia