Kūkai
Mönch und Philosoph · 774–835 · Shikoku (Zentsūji), Nagaoka, Chang'an (Hauptstadt der Tang-Dynastie, China), Kyōto (Takaosan-ji), Berg Kōya (bei Wakayama, Japan)
Kernidee in Kürze
Kūkai bringt aus China die geheime, rituell geübte Form des Buddhismus mit und baut daraus in Japan die Shingon-Schule. Für ihn ist die ganze Welt der Körper des kosmischen Buddha Dainichi: Alle Formen sind sein Leib, alle Klänge seine Stimme, alle Gedanken sein Geist.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie kann man die Wahrheit nicht nur denken, sondern erfahren, und wie verhalten sich dazu die vielen Lehren des Buddhismus?
- Position
- Durch Rituale mit Gesten, Klangformeln und Bildern kann man schon in diesem Leib die Buddhaschaft verwirklichen, und alle anderen Lehren sind Stufen auf diesem Weg.
- Einwand
- Die zehn Stufen sind auch eine Rangordnung, die die Shingon-Schule über alle anderen stellt. Die Philosophen der Kyoto-Schule beachteten Kūkai kaum; als möglicher Grund wird ein Vorurteil gegen das Rituelle genannt.
- Verbindung
- Kūkai bewertet Konfuzianismus und Daoismus als niedrigere Lehren als den Buddhismus und nimmt die Leerheitslehre Nāgārjunas als siebte Stufe in sein System auf.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Kūkai war
Japanischer buddhistischer Mönch und Gründer der Shingon-Schule, den die Forschung oft als ersten umfassend philosophischen Denker Japans bezeichnet und der Körper, Sprache und Kosmos zu einer einzigen Lehre verband.
Kūkai wuchs in der Nara-Zeit auf und wirkte zu Beginn der Heian-Zeit, als der staatlich geordnete Buddhismus von Nara durch neue Ideen aus China umgestaltet wurde. Die offiziellen Schulen der Nara-Zeit betonten das Auslegen der Schriften. Kūkai suchte dagegen eine Lehre, die Übung und Erfahrung mit der Theorie verbindet, und fand sie in einer Form des Buddhismus, die aus Indien über China kam.
Kernidee genauer
Wer in einem Ritual Gesten, Klangformeln und Bilder mit diesem Kosmos in Einklang bringt, kann nach Kūkai schon in diesem Leib die Buddhaschaft erreichen und muss nicht Zeitalter von Wiedergeburten abwarten. Alle anderen Lehren ordnet er als Stufen des Geistes in ein System ein, an dessen Spitze die Shingon-Lehre steht.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Kūkai war von der konfuzianischen Hochschule in Nagaoka enttäuscht und brach das Studium ab. Offenbar zog er danach jahrelang durch die Berge Shikokus und suchte eine Lehre, die Übung und Theorie verbindet. Dabei stieß er auf den Text Dainichi-kyō und beschloss, nach China zu reisen, um ihn dort zu studieren.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1
Bekannt für
Man kennt Kūkai als Gründer der Shingon-Schule und für den Gedanken, dass man schon in diesem Leben und mit diesem Körper zur Buddhaschaft finden kann. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du eine neue Fähigkeit nicht nur aus Büchern lernst, sondern durch Üben mit dem ganzen Körper, gehst Du so vor, wie Kūkai es für den Weg zur Erkenntnis forderte.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Geheime und offene Lehre
Kūkai unterscheidet die geheime Lehre (mikkyō), die er aus China mitbrachte, von den schon in Japan anerkannten Formen des Buddhismus, die er die offene Lehre (kengyō) nennt. In der offenen Lehre ist die letzte Wahrheit abstrakt und kann nicht ausgesprochen werden. In der geheimen Lehre äußert sie sich ständig in der Welt, in ihren Klängen, Bewegungen und Formen. Die offene Lehre verlange nach Kūkai vor allem Studium, die geheime biete eine Übungsmethode, mit der man die Wahrheit körperlich erfährt.
Der kosmische Buddha und die drei Geheimnisse
Dainichi, der „große Sonnen-Buddha“, ist für Kūkai nicht eine ferne Gestalt, sondern der Kosmos selbst. Seine Handlungen, Worte und Gedanken zeigen sich als Gesten (Mudra), Klangformeln (Mantra) und Bilder (Mandala). Diese drei nennt Kūkai die drei Geheimnisse von Körper, Rede und Geist. Der Mensch kann sich in einem Ritual mit ihnen in Einklang bringen.
Buddhaschaft in diesem Leib
Mit sokushin jōbutsu meint Kūkai, in diesem gelebten Leib aus Körper und Geist zur Buddhaschaft zu finden. Die Forschung nennt das eine Philosophie der Praxis, die zugleich eine Philosophie des Körpers ist. Der Gedanke steht noch nicht ausdrücklich in den beiden zentralen Lehrtexten der geheimen Schule und erscheint zuerst im Kommentar des chinesischen Mönchs Yixing (japanisch Ichigyō) zum Dainichi-kyō. Kūkai war der Erste, der ihn systematisch ausführte.
Sprache als Weltzeichen
In zwei Schriften der „Drei Schriften“ untersucht Kūkai, wie Klang, Zeichen und Wirklichkeit zusammenhängen. Für ihn ist der ganze Kosmos ein Text, der gelesen werden muss, um seine Bedeutung zu erfahren. Die Forschung nennt das eine metaphysische Sprachlehre.
Die zehn Stufen des Geistes
In seinem Hauptwerk ordnet Kūkai alle ihm bekannten Lehren, auch die konfuzianische und die daoistische sowie die buddhistischen Schulen seiner Zeit, den zehn Stufen des Geistes zu. Die niedrigste Stufe ist das triebgesteuerte Leben, die zweite die Sittlichkeit ohne religiöses Ziel, zu der er das Konfuzianische zählt, die höchste die Shingon-Lehre. Die anderen Lehren gelten dabei nicht als wertlos, sondern als Teilansichten. Die Forschung hebt hervor, dass Kūkai damit nicht nur andere Lehren widerlegt, sondern erklärt, wie ein solcher Irrtum entstehen kann.
Begriffe
- mikkyō (geheime Lehre) und kengyō (offene Lehre)
- sokushin jōbutsu (Buddhaschaft in diesem Leib)
- Dainichi (der kosmische Buddha)
- Mantra (heilige Klangformel)
- Mandala (kosmisches Bild)
- die drei Geheimnisse (Körper
- Rede
- Geist)
- zehn Stufen des Geistes (jūjūshin)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Kūkai kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
KonfuziusPrüfstand: belegt
Kūkai erklärt in seinem Frühwerk den Buddhismus für überlegen gegenüber Konfuzianismus und Daoismus und stuft die konfuzianische Sittenlehre in den zehn Stufen als Sittlichkeit ohne religiöses Ziel auf der zweiten Stufe ein. Die Kritik richtet sich gegen die konfuzianische Lehre, nicht gegen Konfuzius als Person.
Übernimmt Gedanken von
Kūkai übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
NāgārjunaPrüfstand: belegt
Kūkai nimmt die Leerheitslehre der Madhyamaka-Schule, die auf Nāgārjunas acht Verneinungen beruht, als siebte von zehn Stufen in sein System auf und hält sie für wahr, aber noch nicht für die höchste Stufe.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
DōgenPrüfstand: Deutung
Vergleich der Forschung: Eine Studie behandelt Kūkai und Dōgen gemeinsam unter dem Gesichtspunkt der Erfahrung des einheitlichen Körper-Geistes (bodymind). Eine historische Verbindung ist nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Kūkai stammte aus der Adelsfamilie Saeki und wurde als Kind von seinem Onkel mütterlicherseits, einem konfuzianischen Gelehrten, unterrichtet. Mit siebzehn oder achtzehn Jahren trat er in die staatliche Hochschule in Nagaoka ein, war aber bald von der konfuzianischen Bildung enttäuscht, brach ab und zog sich in die Berge zurück.[1]
Biografie belegt
Im Jahr 804 wurde Kūkai ordiniert, damit er mit einer staatlichen Gesandtschaft nach China reisen konnte. Dreißig Monate lang lebte er in Chang'an, der Hauptstadt der Tang-Dynastie, und wurde von Huiguo in beide Linien der geheimen Lehre eingeweiht. 806 kehrte er mit Schriften, Mandala-Bildern und Ritualgeräten nach Japan zurück.[3]
Biografie belegt
Ab 809 lebte Kūkai in Kyōto unter dem Schutz des Kaisers Saga. 816 begann er, auf dem Berg Kōya ein Kloster zu bauen, wo er 835 starb. 921 erhielt er vom Kaiserhof nachträglich den Ehrentitel Kōbō Daishi („Großer Lehrer, der die Lehre verbreitete“).[1]
Wirkung belegt
Kūkais Philosophie selbst wurde in Japan nicht vorherrschend, aber sie prägte eine Denkweise, die viele spätere Philosophen übernahmen, oft ohne ihn zu nennen. Die Forschung nennt als Muster die Bevorzugung innerer Beziehungen, das Erklären fremder Lehren als Teilansichten und das Prüfen eines Gedankens am Geisteszustand, aus dem er stammt.[2]
Wirkung belegt
Unter den bekannten Philosophen der Kyoto-Schule werden Kūkai und Shingon im Vergleich zu Zen oder Pure Land kaum erwähnt. Als mögliche Ursache wird ein Vorurteil gegen das „Esoterische“ genannt, also gegen Rituale mit Symbolen und Bildern. Dennoch griffen spätere Philosophen wie Ueda Shizuteru, Yuasa Yasuo und Izutsu Toshihiko seine Gedanken zu Mandala, Körper und Sprache auf.[1]
Kritik
Kūkais Lehre beansprucht, die Shingon-Schule stehe über allen anderen Lehren. Die Forschung berichtet außerdem, dass die Philosophen der Kyoto-Schule Kūkai und Shingon im Vergleich zu Zen oder Pure Land kaum beachteten. Als mögliche Ursache wird ein Vorurteil gegen das „Esoterische“ genannt, also gegen Rituale mit Bildern und Symbolen, die sich schwer in Begriffen fassen lassen.
Wirkung heute
Moderne japanische Philosophen wie Yuasa Yasuo, Izutsu Toshihiko und Ueda Shizuteru griffen Kūkais Gedanken zu Körper, Sprache und Mandala auf. Ueda verband die Mandala-Lehre mit Begriffen von Nishida, Nishitani und Heidegger. Die Forschung nennt außerdem Vergleichsmöglichkeiten etwa mit Derrida, Merleau-Ponty, Deleuze und Meister Eckhart. Das sind Deutungen der Forschung.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Kūkai verlangt, Wissen nicht nur zu verstehen, sondern mit dem ganzen Körper zu üben. Wenn Du ein Gespräch trainierst, kannst Du es nicht nur durchdenken, sondern laut durchspielen und Haltung, Stimme und Gesten ausprobieren. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Kūkais über Führung.
Lebensstationen
- 774Geburt am 27. Juli auf Shikoku (heute Zentsūji)
- 804Wird ordiniert und reist mit einer staatlichen Gesandtschaft nach China
- 806Rückkehr nach Japan mit Schriften, Mandala-Bildern und Ritualgeräten
- 816Beginn des Klosterbaus auf dem Berg Kōya
- 830Vollendet um 830 das Hauptwerk über die zehn Stufen des Geistes
- 835Tod auf dem Berg Kōya am 22. April
Werke
Sangō shiiki (Hinweise auf die Ziele der drei Lehren); Benkenmitsu nikkyōron (Abhandlung über den Unterschied zwischen geheimer und offener Lehre, um 814); Sokushin jōbutsu gi, Shōji jissō gi, Unji gi (die „Drei Schriften“, 820er Jahre); Himitsu mandara jūjūshinron (Abhandlung über die zehn Stufen des Geistes, 830) und seine Kurzfassung Hizō hōyaku
Anekdote überliefert
Kūkai berichtet in seinem frühen Werk Sangō shiiki, er habe als Student einen buddhistischen Priester getroffen, der ihn in eine Übung der geheimen Lehre einwies: Dabei sagt man eine Klangformel eine Million Mal auf, um ein außergewöhnliches Gedächtnis und Verständnis zu erwerben. Dass er sich danach in den Bergen solchen Übungen widmete, erzählt die Legende.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Kūkai“
- Vertiefung
- Routledge Encyclopedia of Philosophy, „Kūkai (774–835)“ von Thomas P. Kasulis; David Edward Shaner, The Bodymind Experience in Japanese Buddhism: A Phenomenological Perspective of Kūkai and Dōgen (State University of New York Press, 1985)
Noch nicht sicher belegt
- Ein Lebensdatum weicht in den Quellen ab: Das Alter beim Abschluss seines Frühwerks Sangō shiiki wird einmal mit siebzehn Jahren (Jahr 791), einmal mit vierundzwanzig Jahren angegeben. Beim Sterbealter ist von sechzig oder einundsechzig Jahren die Rede. Viele Einzelheiten seiner Jugend gelten als Legende. Ob Kūkais Gedanke der Buddhaschaft in diesem Leib auf Nichiren wirkte, ist nicht sicher belegt.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 7: Japan klassisch und Korea. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Kūkai
- [1]Kūkai, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Japanese Philosophy, Abschnitt 4.1.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Kūkai, Abschnitt 1; Britannica, Kūkai
- [4]rep.routledge.com/articles/biographical/kukai-774-835/v-1 · Webseite