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Landkarte der Philosophie

Dōgen

Mönch und Philosoph · 1200–1253 · Kyōto, Berg Hiei, China (Ningbo und Berg Tiantong in der Provinz Zhejiang), Uji, Echizen (heute Präfektur Fukui, Japan), Eihei-ji

Kernidee in Kürze

Dōgen lehrt, dass Meditation nicht ein Weg zur Erleuchtung ist, sondern ihr Ausdruck. Wer sich beim Sitzen (zazen) ohne Hintergedanken ganz auf die Übung einlässt, ist in diesem Augenblick schon erleuchtet.

Kapitel
Asien (Überblick) (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wenn alle Wesen schon erleuchtet sind, wozu muss man dann noch üben?

Position
Dōgen antwortet, dass Üben nicht der Weg zur Erleuchtung ist, sondern ihr Ausdruck: Wer ohne Absicht sitzt und diese Haltung in den Alltag trägt, ist bereits erleuchtet.
Einwand
Forscher kritisieren den bitteren Ton und die wachsende Strenge seines Spätwerks. Auch seine Zeitlehre wird unterschiedlich gedeutet.
Verbindung
Dōgen sieht sich als Erbe der „Buddhas und Ahnen“ und seine Zeitlehre wird oft mit Heideggers Sein und Zeit verglichen.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Dōgen war

Japanischer Zen-Mönch der Kamakura-Zeit und Gründer der Sōtō-Schule, der Üben und Erleuchtung als dasselbe verstand und über Zeit, Sein und Sprache schrieb.

Dōgen lebte in der frühen Kamakura-Zeit, als die Macht vom Hofadel auf die Samurai überging und viele Menschen neue, einfache Wege im Buddhismus suchten. Er kam aus dem Adel und wuchs in der Tendai-Schule auf. Ihre Lehre von der ursprünglichen Erleuchtung ließ ihn fragen, wozu man dann noch üben müsse. Eine befriedigende Antwort fand er in Japan nicht und suchte sie in China.

Kernidee genauer

Diese Übung nennt er shikantaza, „einfach nur sitzen“. Die Übung soll sich in jedes Tun fortsetzen, ob Kochen oder Waschen. In seinem Hauptwerk Shōbōgenzō denkt er außerdem über Zeit, Sein und Sprache nach: Zeit und Sein gehören für ihn zusammen, und er lenkt den Blick darauf, wie die Dinge sich zeigen, bevor Begriffe sie ordnen.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Dōgen fragte als junger Mönch, warum man üben muss, wenn man schon erleuchtet ist. Seine Lehrer auf dem Berg Hiei gaben ihm keine befriedigende Antwort, und er verließ den Berg. Die Frage führte ihn nach China und prägte später seine Lehre von der Einheit von Übung und Erleuchtung.[2]

Fundstelle: Abschnitt 1

Bekannt für

Man kennt Dōgen für das „einfach nur Sitzen“ (shikantaza) und für den Gedanken, dass Üben und Erleuchtung nicht zu trennen sind. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du einen Tisch abwischst und dabei nur das Abwischen tust, ohne an das Danach zu denken, folgst Du dem Geist seiner Lehre vom Üben im Alltag.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Üben und Erleuchtung sind eins

Dōgen stellte die Frage, warum man üben müsse, wenn alle Wesen ohnehin schon erleuchtet sind. Seine Antwort ist, dass Erleuchtung keine Schwelle ist, die man einmal überschreitet. Man ist nur erleuchtet, solange man übt. Meditation ist deshalb der Ausdruck der Erleuchtung und nicht ein Mittel, sie zu erlangen. Dōgen nennt das shushō, „Übung-Verwirklichung“.

Einfach nur sitzen

Mit shikantaza meint Dōgen ein Sitzen, bei dem man jedes Streben nach einem besonderen Erlebnis und jede Erwartung der Erleuchtung hinter sich lässt. Das Sitzen in Meditation ist für ihn die wichtigste Form der Übung. Andere Bräuche eines Klosters, etwa Verbeugungen oder Räuchern, nennt er mit einem Wort seines Lehrers Rujing unnötig. Sie können aber als Hilfsmittel oder als Umgangsformen bestehen bleiben, solange man sie nicht für bedeutsamer hält als jedes andere Tun.

Übung im ganzen Leben

Dōgen unterscheidet die förmliche Übung, etwa das Sitzen, von der Praxis, in der man die Grundsätze der Übung im Tun verwirklicht. Praxis in diesem Sinn kann jede Tätigkeit sein, zum Beispiel Waschen oder Kochen. Dōgen schrieb sogar eine Anleitung für den Koch des Klosters.

Abfallen von Körper und Geist

Dōgen verwendet für die Erleuchtung oft den Ausdruck shinjin datsuraku, das „Abfallen von Körper und Geist“. Der Überlieferung nach sagte sein Lehrer Rujing diesen Ausdruck, und als Dōgen ihn hörte, erlangte er die Erleuchtung. Einige Forscher bezweifeln, dass die Geschichte so stimmt. Man kann den Ausdruck so deuten, dass der Übende aus der Bahn heraustritt, auf die ihn seine körperlichen und geistigen Prägungen sonst festlegen würden.

Sein-Zeit (uji)

In dem Kapitel Uji von 1240 schreibt Dōgen, Zeit und Sein seien untrennbar. Die überlieferte Deutung lautet: Zeit selbst ist Sein, und alles Sein ist Zeit. Neuere Forscher halten diese Gleichsetzung für nicht durch den Text gestützt und lesen uji eher als „den Augenblick des Daseins“ oder als die eigene Zeit jedes einzelnen Dinges.

Buddha-Natur bei allen Dingen

Dōgen entwickelt den Gedanken der Buddha-Natur weiter und sagt, dass sie allen Dingen zukommt, auch Bergen und Flüssen. Sucht man etwas Festes, das alle Dinge gemeinsam haben, findet man nichts. Gerade dieses „Nichts“, das Fehlen eines festen Grundes, ist nach der Deutung eines Forschers mit Buddha-Natur gemeint.

Begriffe

zazen (Sitzen in Meditation)
shikantaza (einfach nur sitzen)
shushō (Übung-Verwirklichung)
shinjin datsuraku (Abfallen von Körper und Geist)
uji (Sein-Zeit)
genjō (Erscheinen der Dinge
wie sie sind)
Buddha-Natur (busshō)

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 4 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Übernimmt Gedanken von

Dōgen übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Siddhartha Gautama (Buddha)Prüfstand: belegt

    Dōgen versteht sich als Erbe der Überlieferungslinie der „Buddhas und Ahnen“ und entwickelt den Gedanken der Buddha-Natur weiter.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • KūkaiPrüfstand: Deutung

    Vergleich der Forschung: Eine Studie behandelt Kūkai und Dōgen gemeinsam unter dem Gesichtspunkt der Erfahrung des einheitlichen Körper-Geistes (bodymind). Eine historische Verbindung ist nicht behauptet.

  • Martin HeideggerPrüfstand: Deutung

    Vergleich der Forschung: Dōgens Gedanke der Sein-Zeit (uji) wird mit Heideggers Sein und Zeit verglichen, weil beide Zeit und Sein zusammendenken; die ersten westlichen Studien zu Dōgen waren meist solche Vergleiche. Eine historische Verbindung ist nicht behauptet, und neuere Forscher bezweifeln die Lesart von uji, auf der der Vergleich oft beruht.

  • NāgārjunaPrüfstand: Deutung

    Vergleich der Forschung: Dōgens Unterscheidung zweier Ebenen des Verstehens, einer dualistischen und einer nicht-dualistischen, wird mit der Zwei-Wahrheiten-Lehre Nāgārjunas verglichen. Eine unmittelbare Berufung Dōgens auf Nāgārjuna ist damit nicht behauptet.

  • ShinranPrüfstand: Deutung

    Vergleich der Forschung: Dōgen und Shinran werden als Denker der Kamakura-Zeit beschrieben, die eine einzige Übung in den Mittelpunkt stellen, Dōgen das Sitzen in Meditation, Shinran das Vertrauen in Amidas Gelübde. Dōgen lehnte dabei die Lehre vom Zeitalter des Verfalls (mappō) ab. Ein Kontakt der beiden ist nicht behauptet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Dōgen wurde 1200 in Kyōto in den Hofadel hineingeboren und verlor früh seine Eltern. Mit dreizehn Jahren trat er in die Tendai-Schule auf dem Berg Hiei ein. Dort fragte er, warum man üben muss, wenn man schon erleuchtet ist, und bekam keine befriedigende Antwort.[2]

  • Biografie überliefert

    Zwischen 1223 und 1227 studierte Dōgen Zen in China und erlangte dort bei Rujing die Erleuchtung. Nach der Überlieferung geschah das, als Rujing sagte, man solle „Körper und Geist abfallen lassen“. Einige Forscher bezweifeln, dass diese Geschichte so stimmt. Nach seiner Rückkehr schrieb er die Anleitung Fukan zazengi.[2]

  • Biografie belegt

    Dōgen versuchte einige Jahre, sich in der Hauptstadt zu etablieren. Als die Spannungen mit den Behörden der Tendai-Schule wuchsen, zog er 1242 auf Einladung eines Samurai-Herrn in die Provinz Echizen. Dort erhielt der Tempel 1246 den Namen Eihei-ji. 1252 gab er die Leitung an Ejō ab und starb 1253 in Kyōto.[2]

  • Wirkung belegt

    Dōgens Gedanken blieben fast sieben Jahrhunderte lang weitgehend innerhalb der Sōtō-Schule bekannt. Der Philosoph Watsuji Tetsurō machte ihn mit einem Aufsatz von 1926 einem breiteren Publikum bekannt. Seine Theorien von der Einheit von Körper und Geist, vom Zusammenhang der Bedeutungen, von der Zeit und von Theorie und Praxis beeinflussten später japanische Philosophen wie Watsuji, Tanabe Hajime und Nishitani Keiji.[3]

Kritik

Auch die Auslegung seiner Zeitlehre ist umstritten.

Wirkung heute

Dōgen gilt heute als einer der meistdiskutierten Autoren der vergleichenden Philosophie. Die ersten westlichen Studien zu ihm verglichen sein Denken mit Heideggers Sein und Zeit. Die Philosophen der Kyoto-Schule wurden von Dōgen und vom Zen stark beeinflusst. Der Vergleich mit Heidegger ist eine Deutung der Forschung.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Dōgen lädt dazu ein, eine Tätigkeit ganz zu tun, ohne beim Tun schon an das Ergebnis zu denken. Wenn Du ein schwieriges Gespräch führst, kannst Du versuchen, nur dieses Gespräch zu führen und nicht schon die Auswertung im Kopf zu planen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Dōgens über Führung.

Lebensstationen

  1. 1200Geburt in Kyōto am 19. Januar (nach anderen Angaben am 26. Januar)
  2. 1213Tritt in die Tendai-Schule auf dem Berg Hiei ein (Kloster Yokawa)
  3. 1223Reise nach China, Studium des Zen bis 1227
  4. 1227Bestätigung durch Rujing, Rückkehr nach Japan; Fukan zazengi (Datierung nach der Überlieferung)
  5. 1242Zieht auf Einladung eines Samurai-Herrn in die Provinz Echizen
  6. 1246Der Tempel in Echizen erhält den Namen Eihei-ji
  7. 1253Tod in Kyōto am 22. September

Werke

Fukan zazengi (Allgemeine Anleitung zum Sitzen in Meditation); Bendōwa (Rede über das Üben des Weges, 1231); Shōbōgenzō (Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, 95 Kapitel, 1231 bis 1253); Shōbōgenzō zuimonki (Aufzeichnungen von Gesprächen mit seinem Schüler Ejō); Eihei kōroku (Aufzeichnung der Vorträge im Kloster Eihei-ji)

Anekdote überliefert

Der Überlieferung nach erlangte Dōgen die Erleuchtung, als sein Lehrer Rujing den Satz „Körper und Geist fallen ab“ sagte. Einige Forscher bezweifeln, dass die Geschichte so stimmt.[2]

Lesetipps

Einstieg
St Andrews Encyclopaedia of Theology, „Dōgen (1200–1253)“ von Rein Raud
Vertiefung
Routledge Encyclopedia of Philosophy, „Dōgen (1200–53)“ von Thomas P. Kasulis; Dōgen, Shobogenzo. Die Schatzkammer des Wahren Dharma-Auges, übersetzt von Gudo Nishijima und Gabriele Linnebach (Werner Kristkeitz, 2008)

Noch nicht sicher belegt

  • Das Todesjahr wird in einem Überblick mit 1254 statt 1253 angegeben, die meisten Quellen nennen 1253. Der Geburtstag wird mit dem 19. oder 26. Januar angegeben. Wann genau die Anleitung Fukan zazengi entstand, ist unsicher: Die Überlieferung nennt 1227, das früheste erhaltene Manuskript trägt aber den Vermerk 1233. Ob die Geschichte vom „Abfallen von Körper und Geist“ so stimmt, bezweifeln einige Forscher. Wie das Kapitel Uji zu deuten ist, ist in der Forschung umstritten.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 7: Japan klassisch und Korea. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Dōgen

  1. [1]Dogen · Britannica
  2. [2]Britannica, Dōgen; St Andrews Encyclopaedia of Theology, Dōgen, Abschnitt 1 · Webseite
  3. [3]St Andrews Encyclopaedia of Theology, Dōgen, Abschnitte 1 und 7; Routledge Encyclopedia of Philosophy, Dōgen (1200–53) · Webseite
  4. [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]Japanese Philosophy, Abschnitt 4.1.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  6. [6]Dōgen · Wikipedia
  7. [7]Uji (Being-Time) · Wikipedia

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