Bruno Latour
Philosoph, Anthropologe und Soziologe · 1947–2022 · Paris
- Kapitel
- Geist und Technik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Wer handelt in einer Lage: nur die Menschen, oder auch die Dinge, mit denen sie umgehen?
- Position
- Latour antwortet, dass Dinge, Menschen und Ideen gemeinsam Netzwerke bilden, in denen alle Beteiligten wirken. Darum sei die Trennung von Natur und Gesellschaft eine Fiktion der Moderne.
- Einwand
- Langdon Winner und andere halten dagegen, dass Absichtlichkeit Menschen von Dingen unterscheidet. Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie antworten, sie schrieben Nichtmenschen keine Absichten zu.
- Verbindung
- Latours Netzwerke verbinden sich mit Clarks erweitertem Geist und Haraways Cyborg, und sie stehen im Spannungsfeld zu Anders' Warnung vor der Technik.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Französischer Philosoph, Anthropologe und Soziologe, der mit der Akteur-Netzwerk-Theorie auch Dingen eine Rolle im Gewebe des Sozialen zuspricht.
Latour übernimmt in dieser Sammlung die Aufgabe, die Technik nicht als bloßes Werkzeug, sondern als Mitwirkende im Handeln zu denken. Er steht damit neben Haraway und Clark und im Gegensatz zu Auffassungen, die allein Menschen Handeln zusprechen.
Kernidee
Latour bestreitet, dass Natur und Gesellschaft zwei getrennte Bereiche sind. Dinge, Menschen und Ideen bilden Netzwerke, in denen alle Beteiligten wirken, und die Akteur-Netzwerk-Theorie beschreibt das genau, statt es durch soziale Kräfte zu erklären. In „Wir sind nie modern gewesen“ behauptet er, dass die moderne Trennung von Natur und Kultur nie wirklich bestand.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Während seines Militärdienstes in Afrika entwickelte Latour Interesse an den Sozialwissenschaften und schrieb eine ethnographische Studie über französische Methoden der Industrieerziehung in Abidjan. 1979 veröffentlichte er mit Steve Woolgar „Laboratory Life“, das Ergebnis seiner Feldstudien in einem Labor des Salk Institute in Kalifornien.[2]
Fundstelle: Abschnitt Leben
Bekannt für
Man kennt Latour für die Akteur-Netzwerk-Theorie, für „Laboratory Life“ und für „Wir sind nie modern gewesen“. Ein Alltagsbeispiel ist die Hotelkarte mit schwerem Anhänger, die Gäste dazu bringt, den Schlüssel an der Rezeption abzugeben.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Akteur-Netzwerk-Theorie
Die Theorie geht davon aus, dass alles in der sozialen und natürlichen Welt in wechselnden Netzwerken von Beziehungen existiert. Menschen und Nichtmenschen gelten als Akteure auf einer Ebene, und die Forschung soll beschreiben, statt soziale Kräfte als Erklärung zu bemühen. Eine Verkehrsampel ordnet auch den Verkehr, nicht allein die Verkehrsregeln.
Wir sind nie modern gewesen
Latour behauptet, dass die moderne Unterscheidung von Natur und Gesellschaft nie bestanden hat, und nennt uns deshalb „amodern“ oder „nichtmodern“. Fragen wie Klimawandel oder Biotechnologie mischen Politik, Wissenschaft und öffentliche Rede so sehr, dass ein sauberer Gegensatz nicht möglich ist. Er schlägt ein „Parlament der Dinge“ vor, in dem solche Mischwesen öffentlich verhandelt werden.
Wie Dinge Beziehungen vermitteln
Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht davon aus, dass Gegenstände so gestaltet sind, dass sie menschliches Handeln formen und Entscheidungen lenken; ihr Design vermittelt so menschliche Beziehungen und kann sogar Moral und Politik beeinflussen. Latour untersuchte dazu 1992 im Aufsatz „Where are the missing masses? The sociology of a few mundane artifacts“ alltägliche Gegenstände. Übertragen auf heute: Du kannst fragen, welche Entscheidungen in deinem Team von Werkzeugen, Formularen oder Software vorgeprägt werden.
Begriffe
- Akteur-Netzwerk-Theorie
- Hybride
- Parlament der Dinge
- Nichtmoderne
- Natur und Gesellschaft
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
Eine Verbindung im Netz (Prüfstand: 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Donna HarawayPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Haraway und Latour lösen beide die feste Trennung von Natur und Kultur bzw. Gesellschaft auf; ein Einfluss wird nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Latour stammte aus einer Weinhändlerfamilie, studierte Philosophie, Anthropologie und Bibelauslegung und wurde 1975 in Tours promoviert. Während seines Militärdienstes in Afrika entwickelte er sein Interesse an den Sozialwissenschaften.[1]
Abhängigkeit belegt
Latour lehrte von 1982 bis 2006 am Centre de sociologie de l'innovation der École des Mines in Paris und danach bis 2017 an Sciences Po.[1]
Kritik
Kritiker wie Langdon Winner halten dagegen, dass Eigenschaften wie Absichtlichkeit Menschen grundlegend von Tieren und Dingen unterscheiden. Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie antworten nach der Wikipedia, dass sie Nichtmenschen keine Absichten zuschreiben.
Wirkung heute
Die Akteur-Netzwerk-Theorie wird in der Techniksoziologie und den Wissenschaftsstudien weiter genutzt. Latour sagte 2017, er wolle helfen, das Vertrauen in die Wissenschaft wieder aufzubauen.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Du kannst beim Blick auf deine Organisation nicht nur fragen, wer entscheidet, sondern auch, was Software, Räume oder Vorlagen mit den Menschen tun. Das ist eine Übertragung der Akteur-Netzwerk-Theorie und keine Aussage von Latour über Führung.
Lebensstationen
- 1947Geburt am 22. Juni in Beaune
- 1975Promotion in Tours
- 1979„Laboratory Life“ mit Steve Woolgar
- 1991„Nous n'avons jamais été modernes“ erscheint
- 1995Deutsche Ausgabe „Wir sind nie modern gewesen“
- 2022Tod am 9. Oktober in Paris
Werke
- Nous n'avons jamais été modernes: Essai d'anthropologie symétrique (1991)
Ersterscheinung: La Découverte, Paris, 1991. Deutsche Ausgabe: „Wir sind nie modern gewesen: Versuch einer symmetrischen Anthropologie“ (1995).
- Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts (mit Steve Woolgar) (1979)
Ersterscheinung: Beverly Hills, 1979; zweite Auflage Princeton 1986 mit dem Untertitel „The Construction of Scientific Facts“.
Lesetipps
- Einstieg
- Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen (aus dem Französischen von Gustav Roßler, Akademie Verlag, 1995); der Essay, der seine Kernthese über Natur und Gesellschaft entfaltet.
- Vertiefung
- Wikipedia (en), „Actor–network theory“, als erste Orientierung
Noch nicht sicher belegt
- Zu Latour gibt es keinen Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.
- Hauptquellen sind die englische und die deutsche Wikipedia und ein Buchhandelsverzeichnis.
- Die deutsche Ausgabe von „Wir sind nie modern gewesen“ (1995, Akademie-Verlag, übersetzt von Gustav Roßler) ist durch die deutsche Wikipedia und das Buchhandelsverzeichnis belegt.
- Neuauflagen 1998 (Fischer) und 2008 (Suhrkamp) nennt die deutsche Wikipedia.
- Die Beispiele mit dem Hotelschlüssel und der Ampel sind Alltagsbeispiele der Redaktion.
- „Where are the missing masses?“ ist nur als Literaturangabe in der englischen Wikipedia (Artikel Actor–network theory) belegt.
- Der Inhalt wurde nicht gelesen.
- Die These, dass Design menschliche Beziehungen vermittelt, schreibt die Quelle der Akteur-Netzwerk-Theorie allgemein zu, nicht Latour persönlich.
- Eine Verbindung zu Heidegger ist nicht belegt.
- Die Verbindung zu Haraway ist ein Vergleich der Redaktion.
- Als Feldforschung in Afrika nennt die englische Wikipedia eine Arbeit für ORSTOM in der Elfenbeinküste, die deutsche Wikipedia nennt einen Militärdienst.
- Beide Fassungen sind im Text zusammengeführt, ohne Ursache und Wirkung zu behaupten.
- Der Todesort Paris steht in der deutschen Wikipedia.
- Die Aussage zum Vertrauen in die Wissenschaft (2017) steht nur in der englischen Wikipedia.
- Die Einordnung unter Technikphilosophie ist eine Deutung, denn die Quellen sprechen von Wissenschafts- und Techniksoziologie.
- Michel Serres, Michel Callon und John Law haben noch keinen eigenen Eintrag auf der Landkarte, deshalb fehlen Verbindungen zu ihnen.
Wege durchs Netz
Latour spricht mit der Akteur-Netzwerk-Theorie auch Dingen eine Rolle im Sozialen zu.
Herkunft der Daten: Kapitel Geist, Maschine und Technik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.