Landkarte der Philosophie

Lodewijk Meyer

1629–1681 · Amsterdam

Strömung
Rationalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Arzt, Gelehrter und enger Freund Spinozas, der das Vorwort zu dessen Descartes-Buch schrieb und mit einer anonymen Schrift die Vernunft zur Richterin über die Bibelauslegung machte.

Er gehört zum engsten Freundeskreis um Spinoza und gab dessen Descartes-Buch mit einem Vorwort heraus. Nach Spinozas Tod gehörte er zu denen, die den Nachlass veröffentlichten.

Kernidee

Meyer vertritt in seiner anonymen Schrift von 1666, dass die Bibel an vielen Stellen dunkel und mehrdeutig sei und dass allein die Philosophie den Maßstab für ihre Auslegung liefern könne. Das Werk schlug so heftig ein, dass man es zunächst Spinoza zuschrieb. Außerdem war er Herausgeber und Vermittler für Spinozas Schriften.

Bekannt für

Man kennt Meyer als den Freund Spinozas, der als Arzt in Amsterdam lebte, und als wahrscheinlichen Verfasser der Schrift Philosophia S. Scripturae interpres. Sie löste unter Predigern und Theologen einen Aufruhr aus und wurde 1674 zusammen mit Spinozas Theologisch-politischem Traktat verboten.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Philosophie als Auslegerin der Heiligen Schrift

Meyer behauptet, die Bibel sei an vielen Stellen dunkel und mehrdeutig. Als Maßstab dafür, wie solche Stellen zu verstehen sind, kann nach seiner Schrift allein die Philosophie dienen. Das ist, als würde man bei einem unklaren Vertrag nicht die Gewohnheit des Hauses fragen, sondern allein die nachvollziehbare Begründung entscheiden lassen.

Erklären, ohne alles zu billigen

Spinoza verlangte als Bedingung der Veröffentlichung seines Descartes-Buches, dass Meyer ein Vorwort schrieb. Das Vorwort warnt laut IEP den Leser, dass das Buch nur erklärt und nicht alle Schlussfolgerungen von Descartes teilt. Eine Führungskraft kann das nachahmen, wenn sie eine Position des Vorstands vorträgt und deutlich macht, dass sie nur referiert und nicht zustimmt.

Vermittler zwischen Denker, Freunden und Verleger

Meyer war Herausgeber von Spinozas Descartes-Buch und gehörte zu denen, die nach 1677 die Veröffentlichung der übrigen Werke sicherten. Er verband zudem Wissenschaft, Theater und Wörterbucharbeit, denn er leitete das Amsterdamer Theater und schrieb das erste niederländische Wörterbuch. Wer in einem Team gute Ideen anderer sichtbar macht, übernimmt eine ähnliche Rolle.

Begriffe

Bibelauslegung durch Philosophie
Spinoza-Kreis
Cartesianismus
Vorwort
Nachlassherausgabe

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Franciscus Sylvius (de la Boë): laut Spinoza Web sein Lehrer in Leiden, wo er Philosophie und Medizin studierte

Freunde

  • Baruch de Spinoza: enger Freund und Herausgeber seiner Werke
  • Johannes Bouwmeester: Freund, möglicherweise Mitautor der Philosophia S. Scripturae interpres

Gegner

  • Prediger und Theologen: lehnten den Vorrang der Philosophie bei der Bibelauslegung ab
  • Kirchliche Gerichte: verurteilten die Schrift

Verbindungen im Netz

3 Verbindungen, davon 1 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf René DescartesDeutung

    nl.wikipedia nennt Meyer anfangs einen Anhänger der Philosophie Descartes'; sein Vorwort stellt Spinozas Descartes-Buch vor, und Marquette ordnet seine Bibelschrift in die nachcartesische Philosophie ein.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Baruch de SpinozaDeutung

    Meyer war ein enger Freund Spinozas, Herausgeber seines Descartes-Buches und einer derer, die nach 1677 den Nachlass veröffentlichten.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Johannes Claubergungeprüft

    Spinoza kannte Clauberg über den Kreis um Lodewijk Meyer und besaß seine Logica und die Defensio cartesiana.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Die anonym 1666 erschienene Schrift löste sofort einen Aufruhr und mehrere Verurteilungen durch kirchliche Gerichte aus. Der Gerichtshof von Holland verbot sie 1674 zusammen mit Spinozas Theologisch-politischem Traktat.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Meyer veröffentlichte die Schrift anonym, und seine Freunde gaben seine Autorschaft erst nach seinem Tod bekannt. Dass er sich damit vor kirchlicher Verfolgung schützte, ist naheliegend, aber eine Deutung.[1]

Kritik

Prediger und Theologen empörten sich über die Behauptung, die Bibel sei an vielen Stellen dunkel und allein die Philosophie könne sie auslegen. Dazu ist die Autorschaft unsicher, denn Meyer gilt als der Verfasser, doch sein Freund Bouwmeester könnte Mitautor oder Autor gewesen sein.

Wirkung heute

Meyers Schrift gilt laut Marquette als wertvolle Quelle für die Entwicklung der nachcartesischen Philosophie und ihrer Wirkung auf theologische und politische Debatten.

Brücke zu Führung und Coaching

Meyer zeigt, wie wichtig es ist, in einer Streitfrage offen zu legen, nach welchem Maßstab entschieden wird. Frag in Entscheidungsrunden: Nach welchem Maßstab beurteilen wir diesen Vorschlag, und ist er für alle nachvollziehbar? Und wenn du etwas vorträgst, dem du nicht zustimmst, sag es dazu, wie Meyer es in seinem Vorwort tat.

Lebensstationen

  1. 1629In Amsterdam getauft (18. Oktober)
  2. 1664Niederländische Ausgabe von Spinozas Descartes-Buch mit Meyers Vorwort
  3. 1666Anonyme Philosophia S. Scripturae interpres
  4. 1674Verbot der Schrift zusammen mit dem Theologisch-politischen Traktat
  5. 1677Mithilfe bei der Herausgabe von Spinozas Nachlass
  6. 1681Beigesetzt am 25. November in Amsterdam

Werke

Dissertation De materia, ejusque affectionibus motu, et quiete (Leiden, 1660); Vorwort zu Spinozas Prinzipien der Philosophie des Descartes (1663/64); Philosophia S. Scripturae interpres (anonym, 1666); Wörterbuch Woordenschat (1669); Schauspiel Ghulde vlies (1668)

Anekdote überliefert

Laut dem Bericht des Predigers Johannes Colerus verlangte Spinoza am Tag vor seinem Tod 1677 nach einem Arzt mit den Initialen L. M., vermutlich Meyer. Dieser blieb am Bett, bis Spinoza starb.[4]

Lesetipps

Einstieg
Lodewijk Meyer, Philosophy as the Interpreter of Holy Scripture (1666), übers. von Samuel Shirley, Milwaukee: Marquette University Press, 2005: englisch, eine deutsche Ausgabe wurde nicht gefunden.
Vertiefung
Jacqueline Lagrée, Ad captum auditoris loqui: theology and tolerance in Lodewijk Meyer and Spinoza, Delft: Eburon, 2001

Noch nicht sicher belegt

  • Für Meyer gibt es keinen SEP-, IEP- oder de.wikipedia-Eintrag; die Angaben stammen aus en.wikipedia, Marquette University Press, IEP Spinoza und de.wikipedia Spinoza. Geburtsjahr nach Taufdatum 1629, Sterbejahr nach Bestattungsdatum 1681. Das Jahr des Vorworts (1663/64) entspricht der Erstausgabe von Spinozas Buch (1663) bzw. der niederländischen Ausgabe (1664). Die Autorschaft der Philosophia S. Scripturae interpres ist laut en.wikipedia nur 'allgemein' Meyer zugeschrieben, Bouwmeester kommt als Mitautor in Frage. Das Schauspiel 'Ghulde vlies' (1668) und das Wörterbuch (1669) nach en.wikipedia. Keine deutsche Ausgabe der Schrift bestätigt, der Lesetipp ist daher englisch. Kein Zitat aufgenommen. Prüfer: Britannica und Deutsche Biographie haben keinen Eintrag zu Meyer. Als zweite Personenquelle wurden nl.wikipedia (Taufe 18. Oktober 1629, Begräbnis 25. November 1681, Arzt, Studium in Leiden 1654 bis 1660, Theaterdirektor 1665 bis 1669 und ab 1677, Verbot 1674 durch den Hof van Holland, anfangs Anhänger Descartes') und die Datenbank Spinoza Web der Universität Utrecht ergänzt. Die Kante zu descartes bleibt eine Deutung, jetzt mit Beleg aus nl.wikipedia. Die Marquette-Seite ist nur Beleg für die Ausgabe von 2005 und für ihre biografischen Sätze (Wörterbuch, Theater, Herausgeber). Lesetipp Lagrée (Delft: Eburon, 2001) per WorldCat und Bibliothekskatalog bestätigt. Die Anekdote stammt aus de.wikipedia Spinoza nach Colerus.

Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Meyer

  1. [1]Marquette University Press, Meyer Spinoza – https://www.marquette.edu/mupress/meyer_spinoza.shtml; Wikipedia (en), Lodewijk Meyer · Wikipedia
  2. [2]marquette.edu/mupress/meyer_spinoza.shtml · Webseite
  3. [3]Internet Encyclopedia of Philosophy: spinoza · Internet Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Wikipedia (de), Baruch de Spinoza, nach Colerus 1705 · Wikipedia
  5. [5]Wikipedia (nl): Lodewijk Meyer · Wikipedia
  6. [6]spinozaweb.org/people/24 · Webseite

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