Johannes Clauberg
1622–1665 · Duisburg
- Strömung
- Rationalismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Reformierter Theologe und Philosoph, einer der frühesten deutschen Fürsprecher Descartes' und Autor des ersten umfassenden Kommentars zu den Meditationen.
Clauberg bringt den Cartesianismus ins protestantische Deutschland und ist über Lodewijk Meyer mit dem Kreis um Spinoza verbunden. Der junge Leibniz schätzte ihn, und seine Logik traf sich mit der Logik von Port-Royal, die Arnauld und Nicole zeitgleich verfassten.
Kernidee
Clauberg verteidigt Descartes gegen Angriffe aus Theologie und Schulphilosophie und baut dessen Gedanken zu Lehrbüchern der Logik, Metaphysik und Physik aus. Er will zeigen, dass Descartes mit dem eigentlichen Aristoteles besser zusammenpasst als mit der Schulphilosophie. Sein Interesse gilt der Frage, wie sich Geist und Körper trotz ihres völlig verschiedenen Wesens verbinden.
Bekannt für
Man kennt ihn als Verfasser der Logica vetus et nova und als frühen Kommentator der Meditationen, außerdem für seine Handschrift des „Gesprächs mit Burman“, in dem Descartes 1648 Fragen zu seinem Werk beantwortete. Er schrieb auch die einzige deutsche Schrift seines Werks, den Unterscheid zwischen der cartesianischen und der sonst in Schulen gebräuchlichen Philosophie (1657).
Theorien mit Alltagsbeispiel
Logik als Medizin des Geistes
Clauberg versteht Logik als Heilmittel gegen Irrtum, Zweifel und andere Mängel des Geistes. Entscheidend ist dabei, dass der Geist klare und deutliche Wahrnehmungen hat, die Schlussformen des Aristoteles ordnen sie nur. Wie ein Team vor jeder Planungsrunde erst klären sollte, was es wirklich weiß, so soll nach Clauberg der Geist zuerst seine Vorurteile aus der Kindheit loswerden.
Auslegung nach dem Grundsatz des Wohlwollens
In seiner Logik entwirft Clauberg eine Lehre vom Verstehen fremder Texte. Er verlangt, die Deutung zu wählen, die keinen Unsinn enthält und dem Autor nicht schadet, und warnt vor Verleumdern, die Worte verdrehen. Das gleicht der Regel, in einer Teambesprechung zuerst die großzügigste Lesart einer knappen Mail zu prüfen, bevor man sich ärgert.
Ontosophia und Geist-Körper-Verbindung
Seine Ontosophia fragt nach dem, was Gott und Geschöpfen gemeinsam ist, nämlich dem Denkbaren. Im Abschnitt über Seele und Körper sagt er, es gebe nichts im Universum, das verschiedener sei als beide. Ihre Verbindung führt er deshalb auf die göttliche Weisheit zurück, und Forscher streiten bis heute, ob das schon Okkasionalismus ist, weil nur die Behauptung klar ist, dass Geist und Körper nicht aufeinander einwirken.
Begriffe
- Ontosophia (Lehre vom Seienden)
- Logik als Medizin des Geistes
- Hermeneutik
- Verbindung von Seele und Körper
- Aristoteles und Descartes
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Tobias Andreae: Groninger Professor, durch den er vermutlich zu Descartes kam
- Johannes de Raey: Leidener Mediziner und Naturphilosoph, bei dem er Vorlesungen hörte
- Balthasar Willius und Gérard de Neufville: Bremer Lehrer, die ihn bleibend prägten
Schüler
- Zahlreiche Studenten folgten ihm 1651 von Herborn nach Duisburg
Freunde
- Christoph Wittich: Studienfreund, mit dem er die meisten Stationen seines Werdegangs teilte
- Tobias Andreae: Lehrer und Freund
Gegner
- Jacobus Revius: Leidener Professor, der die cartesische Logik bemängelte
- Cyriacus Lentulus: früherer Kollege in Herborn, Kritiker Descartes'
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen, davon 1 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Antoine ArnauldDeutung
Arnauld und Nicole erfuhren von Claubergs Logik erst, als die Logik von Port-Royal schon im Druck war, nutzten sie aber noch in Teil III ihres Werks.
Grundlage für Gottfried Wilhelm LeibnizDeutung
Der junge Leibniz hielt Clauberg laut SEP für klarer als Descartes selbst.
baut auf René DescartesDeutung
Clauberg verteidigte Descartes' Methode und schrieb den ersten umfassenden Kommentar zu den Meditationen.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Lodewijk Meyerungeprüft
Spinoza kannte Clauberg über den Kreis um Lodewijk Meyer und besaß seine Logica und die Defensio cartesiana.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
In Herborn wurde ihm unter Androhung der Amtsenthebung verboten, weiter den Cartesianismus zu lehren, weil die Hohe Schule nur Aristoteliker und Ramisten zuließ. Er ging 1651 nach Duisburg, wo er später erster Rektor der neuen Universität wurde.[1]
Zeitgeschehen belegt
Clauberg wirkte im reformierten Protestantismus, wo ältere Aristoteles-Schulen und neue Philosophie um den Rang gegenüber der Theologie stritten. Er nennt sein Jahrhundert „verkehrt“ wegen der religiösen Polemik und wirbt in der Logik für ein Wohlwollen gegenüber fremden Texten.[1]
Biografie Deutung
Clauberg stammte aus einer calvinistischen Familie, sein Vater war Klingenkaufmann in Solingen. Dass er Descartes lieber mit Aristoteles als gegen ihn verteidigte, mag mit seiner reformierten Ausbildung zu tun haben, das ist eine Deutung.[2]
Kritik
Revius hielt dem Cartesianismus vor, ihm fehle eine strenge Logik, und Clauberg schrieb darauf teils seine Logica. Lentulus, sein früherer Kollege in Herborn, griff Descartes ebenfalls an. Seine Haltung zur Frage von Seele und Körper bleibt umstritten: Manche lesen ihn als Okkasionalisten, andere als Anhänger der Wechselwirkung oder eines Parallelismus.
Wirkung heute
Seine Hermeneutik mit dem Grundsatz des Wohlwollens gilt als frühe Auslegungslehre. Die Frage, wie Geist und Körper verbunden sind, bleibt ein Standardthema der Philosophie des Geistes.
Brücke zu Führung und Coaching
Clauberg bietet eine einfache Praxis für Gespräche: Lies fremde Aussagen zuerst so, dass sie sinnvoll sind, und prüfe erst dann, ob sie stimmen. Frag dich vor dem nächsten Konflikt im Team, welche Absicht hinter einer scharfen Mail stehen könnte, die dem Verfasser keine Schande macht. So trennst du, was jemand meinte, von der Frage, ob es stimmt.
Lebensstationen
- 1622Geburt in Solingen
- 1644Studium in Groningen, dort wohl erster Kontakt mit Descartes
- 1648Rückkehr in die Niederlande, Abschrift des Gesprächs mit Burman
- 1649Professor in Herborn
- 1651Wechsel nach Duisburg, zuerst Gymnasium
- 1655Erster Rektor der neuen Universität Duisburg
- 1665Tod in Duisburg
Werke
Elementa philosophiae sive ontosophia (1647)
Defensio Cartesiana (1652)
Logica vetus et nova (1654)
Initiatio philosophi sive dubitatio Cartesiana (1655)
Paraphrasis in Renati Des Cartes meditationes de prima philosophia (1658)
Metaphysica de ente quae rectius ontosophia (1664)
Physica mit Corporis et animae in homine conjunctio (1664)
Anekdote belegt
Am 20. April 1648 war Clauberg in Amsterdam und schrieb dort ein Gespräch ab oder wirkte an dessen Entwurf mit, das Descartes vier Tage zuvor in Egmond mit dem Theologiestudenten Frans Burman geführt hatte. Seine Handschrift wurde 1895 in Göttingen entdeckt und von Charles Adam herausgegeben.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- René Descartes, Frans Burman: Gespräch mit Burman, lateinisch-deutsch, hrsg. und übers. von Hans Werner Arndt, Meiner, Hamburg 1982, weil der Text auf Claubergs Abschrift beruht und Descartes' Meditationen aus erster Hand erklärt.
- Vertiefung
- Theo Verbeek (Hrsg.): Johannes Clauberg (1622–1665) and Cartesian Philosophy in the Seventeenth Century (1999)
Noch nicht sicher belegt
- Kein Zitat, da nur englische Wiedergaben abgerufen wurden. 'Zahlreiche Studenten folgten ihm' nur nach de.wikipedia. Okkasionalismus-Einordnung in der Forschung strittig. Biografie-Kontext ist Deutung. Zur Verbindung Spinozas siehe SEP-Einleitung (Kreis um Meyer); die Kante zu Meyer beruht allein darauf. Prüfer: Kante zu Arnauld als Wirkung auf die Logik von Port-Royal umgestellt (SEP). Lesetipps bestätigt über die SEP-Literaturliste (Arndt, Gespräch mit Burman, Meiner 1982, Philosophische Bibliothek 325; Verbeek (Hrsg.) 1999, Dordrecht).
Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Clauberg
- [1]de.wikipedia Johannes Clauberg – https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Clauberg und SEP Johannes Clauberg · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]SEP Johannes Clauberg – https://plato.stanford.edu/entries/clauberg/ und de.wikipedia Johannes Clauberg · Wikipedia