Shinran
Mönch und Philosoph · 1173–1263 · Kyōto, Berg Hiei, Echigo (heute Präfektur Niigata, Japan), Region Kantō (um Hitachi, nördlich des heutigen Tōkyō)
Kernidee in Kürze
Shinran lehrt, dass ein Mensch sich nicht mit eigener Anstrengung von Leid und Wiedergeburt befreien kann. Befreiung kommt für ihn aus dem Gelübde des Buddha Amida, alle Wesen in sein Reines Land (ein Buddha-Land der Befreiung) aufzunehmen.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie kann ein Mensch, der sich selbst nicht erlösen kann, dennoch befreit werden?
- Position
- Shinran sagt, die Befreiung komme aus Amidas Gelübde und dem Vertrauen darauf, und selbst dieses Vertrauen werde geschenkt. Wo das eigene Rechnen abfällt, wirkt Mitgefühl von selbst.
- Einwand
- Kritiker warfen der Lehre vor, nicht der Buddhismus Gotamas zu sein, und fragten, wie Vertrauen in einem Menschen entstehen kann, der keine Ursache dafür in sich hat.
- Verbindung
- Shinran stützt sich auf Hōnen und auf eine Reihe von sieben Lehrern, die mit Nāgārjuna beginnt. Den Prinzen Shōtoku verehrte er als Wegweiser.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Shinran war
Japanischer buddhistischer Lehrer der Kamakura-Zeit und Schüler Hōnens, der als Gründer der Schule Jōdo Shinshū gilt und das Vertrauen auf Amidas Gelübde in den Mittelpunkt stellte.
Shinran lebte in einer Zeit der Kriege, Hungersnöte und des Machtwechsels vom Hofadel zu den Samurai. Viele Menschen glaubten, der Buddhismus sei in ein Zeitalter des Verfalls (mappō) eingetreten, in dem die alten Übungen nicht mehr zur Erleuchtung führten. Shinran verließ den Berg Hiei, das Zentrum der Tendai-Schule, wurde Schüler des Lehrers Hōnen und lebte später als verheirateter Lehrer unter einfachen Menschen.
Kernidee genauer
Der Mensch muss nur vertrauen (shinjin) und diesen Ruf in der Anrufung des Namens Amidas (nembutsu) beantworten. Auch dieses Vertrauen entsteht nach Shinran nicht aus eigener Kraft, sondern wird von Amida geschenkt. Wer sich vom eigenen Rechnen und Planen löst, handelt nach seiner Lehre von selbst mitfühlend.
Biografischer Moment
Anekdote Überlieferte Geschichte, deren Wahrheit nicht gesichert ist.
Shinran war als Tendai-Mönch auf dem Berg Hiei mit seinem geistlichen Weg unzufrieden. Er zog sich 1201 in den Rokkaku-dō-Tempel zurück und hatte dort nach der Überlieferung eine Traumerscheinung des Prinzen Shōtoku. Danach verließ er den Berg und wurde Schüler Hōnens.[5][1]
Fundstelle: Abschnitt Disciple of Hōnen
Bekannt für
Man kennt Shinran für den Gedanken, dass nicht eigene Leistung rettet, sondern das Vertrauen auf Amidas Gelübde, und dafür, dass er als verheirateter Lehrer unter einfachen Menschen lebte. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du merkst, dass Du etwas nicht mehr durch noch mehr Anstrengung erzwingen kannst, und Dich auf Hilfe einlässt, kommst Du Shinrans Gedanken der fremden Kraft nahe.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Vertrauen (shinjin) statt Leistung
Für Shinran liegt der Kern der Lehre im shinjin, dem vertrauenden Glauben. Der Mensch ist nach dieser Lehre von Leidenschaften und dem Festhalten an einem Ich bestimmt und kann sich nicht selbst befreien. Das Vertrauen richtet sich deshalb nicht auf eigene Leistung, sondern auf Amidas Gelübde, gerade denen zur Erleuchtung zu helfen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen. Die Forschung beschreibt, dass sich dabei das Ich in die Kraft des Gelübdes auflöst.
Fremde Kraft statt eigener Kraft
Shinran unterscheidet die eigene Kraft (jiriki), mit der man durch Übungen und Verdienste Erleuchtung erreichen will, von der fremden Kraft (tariki), dem Wirken von Amidas Mitgefühl. Nach seiner Lehre wirkt die fremde Kraft dort, wo das eigene berechnende Denken abfällt. Dann entstehen mitfühlende Handlungen von selbst, ohne dass man sie vorschreibt.
Der Name als Gabe des Buddha
Für Shinran ist das nembutsu, die Anrufung des Namens Amidas, keine eigene Leistung, mit der man Verdienste sammelt. Das Vertrauen wird nach seiner Lehre von Amida geschenkt, und die Anrufung wird dann zum dankbaren Ausdruck des Geistes des Buddha, der den Menschen erfüllt. Darum hängt ihre Wirkung nicht davon ab, wie oft man sie spricht.
Amida vor dem historischen Buddha
Shinran stellt Amida über Shakyamuni, den historischen Buddha. Für ihn ist es das Mitgefühl, das Amidas Leben ausmacht und das Shakyamuni erst zum Buddha machte. Das Auftreten Shakyamunis in der Welt kann man deshalb als Erscheinen Amidas verstehen. Das Große Sutra von Amida zeigt für Shinran unter allen Lehrtexten die wahre Lehre, für die Shakyamuni in die Welt kam.
Kritik am Rechnen als Grundlage der Ethik
Nach der Forschung wandte sich Shinran dagegen, Ethik auf Vernunft zu gründen. Wer durch Rechnen herausfinden will, was richtig ist, entfernt sich vom Geschehen und macht sich zu einem abgelösten Ich (hakarai). Wer sich dagegen auf das Geschehen einlässt, kann mitfühlend antworten. Das ist nach dieser Deutung die Grundlage der Ethik.
Begriffe
- shinjin (vertrauendes Glauben)
- tariki (fremde Kraft
- auch „andere Kraft“) und jiriki (eigene Kraft)
- nembutsu (Anrufung des Namens von Amida)
- Amida (Buddha des unendlichen Lichts)
- Gelübde Amidas
- jinen (Natürlichkeit
- „von selbst so werden“)
- hakarai (berechnendes Grübeln)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Übernimmt Gedanken von
Shinran übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
NāgārjunaPrüfstand: belegt
Shinran nennt Nāgārjuna als ersten von sieben Meistern, auf deren Lehre die Anrufung des Namens Amidas beruht: Nāgārjuna, Vasubandhu, Tanluan, Daochuo, Shandao, Genshin und Hōnen.
Siddhartha Gautama (Buddha)Prüfstand: belegt
Shinran begründet seine Lehre mit dem Großen Sutra von Amida und sagt, dieser Lehrtext zeige die wahre Lehre, für die Shakyamuni, der historische Buddha, in die Welt kam.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
DōgenPrüfstand: Deutung
Vergleich der Forschung: Dōgen und Shinran werden als Denker der Kamakura-Zeit beschrieben, die eine einzige Übung in den Mittelpunkt stellen, Dōgen das Sitzen in Meditation, Shinran das Vertrauen in Amidas Gelübde. Dōgen lehnte dabei die Lehre vom Zeitalter des Verfalls (mappō) ab. Ein Kontakt der beiden ist nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie überliefert
Shinran wurde 1173 nahe Kyōto geboren und lebte zunächst als Mönch der Tendai-Schule auf dem Berg Hiei. Nach der Überlieferung hatte er bei einer Klausur im Rokkaku-dō-Tempel eine Traumerscheinung des Prinzen Shōtoku. In einer Darstellung wird ihm gesagt, der Bodhisattva Kannon werde seine Lebensgefährtin werden, in einer anderen weist ihn die Erscheinung zu Hōnen. Shinran verließ daraufhin das Klosterleben auf dem Berg und wurde Schüler Hōnens.[5]
Zeitgeschehen belegt
1207 verbot der abgedankte Kaiser Go-Toba die Gemeinschaft um Hōnen. Hōnen und sieben Schüler, darunter Shinran, wurden aus dem Mönchsstand ausgeschlossen und in die Verbannung geschickt. Shinran kam für fünf Jahre nach Echigo. Hōnen starb 1212, ohne dass beide sich wiedersahen. Danach lebte Shinran etwa zwanzig Jahre in der Region Kantō und predigte unter Bauern, Fischern und Kriegern.[5]
Biografie belegt
Shinran heiratete, was dem Gebot der Ehelosigkeit der Mönche widersprach, und lebte als verheirateter Lehrer. Er bezeichnete sich als weder Mönch noch Laie. Im Alter lebte er in Kyōto ohne festen Wohnsitz und schrieb weiter. Er starb 1263.[5]
Wirkung belegt
Zu Lebzeiten war Shinran eine unbedeutende Gestalt, und er taucht in den Aufzeichnungen seiner Zeit kaum auf. Seine Bewegung wuchs erst in den Jahrhunderten nach seinem Tod zu einer riesigen religiösen Organisation, die ihn als Gründer verehrt. In der Neuzeit gilt er als bedeutender und scharfsinniger religiöser Denker.[2]
Wirkung belegt
Nichiren, der Gründer der Nichiren-Schule, griff später die Anrufung des Namens Amidas scharf an. Seine Kritik galt der Reine-Land-Lehre insgesamt und vor allem Hōnen; Shinran wird dabei nicht ausdrücklich als Ziel genannt.[9]
Kritik
Zu seiner Zeit wurde die Lehre Hōnens, auf die Shinran sich stützt, von anderen Schulen scharf kritisiert, etwa von Myōe aus der Kegon-Schule. Myōe meinte, der Verzicht auf den Erleuchtungsgeist widerspreche dem Mahayana-Buddhismus. Nichiren griff später die Anrufung des Namens Amidas an. Im 19. Jahrhundert warf der christliche Missionar Gordon der Schule Shinrans vor, sie sei nicht der Buddhismus, den Gotama gelehrt habe. Myōes Kritik weist zugleich auf eine Spannung in Hōnens Lehre hin: Wenn Menschen keine Ursache in sich haben, die zur Befreiung führt, bleibt offen, wie das Vertrauen auf Amidas Gelübde überhaupt in ihnen entstehen kann.
Wirkung heute
Der Theologe Karl Barth verglich die Reine-Land-Lehre Hōnens und Shinrans mit dem Christentum der Reformation, weil sie eine durchgängige Religion der Gnade sei. Der Philosoph Nishitani Keiji deutete Shinrans Umgang mit der Zeit als Zugleich von Zeitlichem und Ewigem. Das sind Deutungen. Die Schule Jōdo Shinshū wurde unter Shinrans Nachfahren Rennyo zur größten und mächtigsten religiösen Bewegung Japans.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Shinran kritisiert das ständige Rechnen und Abwägen als Weg, richtig zu handeln, und setzt auf das Einlassen auf das, was gerade geschieht. Wenn ein Teammitglied einen Fehler macht, kannst Du erst wahrnehmen, was passiert ist und was die Person braucht, bevor Du bewertest und entscheidest. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Shinrans über Führung.
Lebensstationen
- 1173Geburt nahe Kyōto
- 1201Verlässt nach der Überlieferung den Berg Hiei und wird Schüler von Hōnen
- 1207Verbannung nach Echigo für fünf Jahre
- 1212Tod seines Lehrers Hōnen; danach etwa zwanzig Jahre in der Region Kantō
- 1263Tod in Kyōto am 9. Januar (nach anderen Angaben am 16. Januar)
Werke
Kyōgyōshinshō (Sammlung von Textstellen zur wahren Lehre, Übung, Glauben und Verwirklichung); Shōshinge (Gedicht vom wahren Glauben an die Anrufung); Wasan (rund 550 Lehrgedichte auf Japanisch); Briefe an Schüler; Tannishō (Aufzeichnung seiner Worte, nach allgemeiner Annahme von seinem Schüler Yuien)
Anekdote überliefert
Nach dem Tannishō sagte Shinran: „Ich, Shinran, habe nicht einen einzigen Schüler.“ Denn wer den Namen Amidas anrufe, tue es nicht durch seine, sondern durch Amidas Kraft. Die Aufzeichnung stammt von seinem Schüler Yuien.[7]
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Japanese Pure Land Philosophy“; Britannica, „Shinran“
- Vertiefung
- Routledge Encyclopedia of Philosophy, „Shinran (1173–1263)“ von Taitetsu Unno; Dennis Hirota und andere (Übersetzer), The Collected Works of Shinran, zwei Bände (Jōdo Shinshū Hongwanji-ha, 1997)
Noch nicht sicher belegt
- Das Sterbejahr wird teils mit 1262, überwiegend mit 1263 angegeben, und der Todestag mit dem 9. oder 16. Januar. Die Traumerscheinung des Prinzen Shōtoku ist eine Überlieferung, und die Quellen beschreiben ihren Inhalt unterschiedlich. Wann das Kyōgyōshinshō entstand, ist in der Forschung umstritten. Wie seine Ehe zu verstehen ist und ob er in der Verbannung oder davor heiratete, ist ebenfalls umstritten.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 7: Japan klassisch und Korea. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Shinran
- [1]Shinran · Britannica
- [2]Britannica, Shinran; Routledge Encyclopedia of Philosophy, Shinran (1173–1263) · Webseite
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Japanese Philosophy, Abschnitt 4.1.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]Britannica, Shinran; Wikipedia (englisch), Shinran
- [6]Tannishō · Wikipedia
- [7]The Tannisho, übersetzt von Taitetsu Unno, Abschnitt VI · Webseite
- [8]viewer.cbl.ie/viewer/image/J_1215/1/LOG_0000 · Webseite
- [9]Britannica, Nichiren, Abschnitt Early years and spiritual quest; Wikipedia (englisch), Nichiren