Edith Stein
1891–1942 · Breslau, Göttingen, Freiburg, Köln, Echt, Auschwitz
- Strömung
- Phänomenologie und Existenzialismus
- Kants Fragen
- Was ist der Mensch? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Deutsche Philosophin der Phänomenologie, Schülerin und Assistentin Husserls, die in ihrer Doktorarbeit das Einfühlen in andere Menschen untersucht, später Karmelitin (Nonne im Orden der Karmeliten, der aus einer Einsiedlergemeinschaft auf dem Berg Karmel hervorging) wurde und 1942 in Auschwitz ermordet wurde.
Stein verbindet im Modul die Phänomenologie Husserls mit dem Thema der Person, der Gemeinschaft und später des christlichen Glaubens. Ihre Lage als Frau, als Jüdin und als Philosophin zeigt, wie das Denken dieser Zeit von äußeren Umständen abgeschnitten wurde.
Kernidee
Stein beschreibt Einfühlung als eigene Form des Erlebens, in der wir das Erleben anderer unmittelbar erfassen, ohne es zu erschließen oder auf sie zu projizieren. Dabei bleibt der Unterschied zwischen mir und dem anderen erhalten. Die Person versteht sie als Einheit aus Leib, Seele und Geist, die sich in der Zeit entfaltet.
Bekannt für
Man kennt Edith Stein für ihre Dissertation zur Einfühlung, für ihren Übertritt zum Katholizismus 1922 und für ihren Tod in Auschwitz am 9. August 1942. Die katholische Kirche sprach sie 1987 selig und 1998 heilig.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Einfühlung
Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy ist Einfühlung ein eigener Akt, der das Erleben anderer unmittelbar erfasst und weder Schluss noch Projektion ist. Sie läuft in drei Schritten ab: Das fremde Erleben zeigt sich, wird entfaltet und dann zusammenfassend vergegenständlicht, also zu etwas gemacht, über das man nachdenken kann. Wenn eine Führungskraft in einem Gespräch merkt, dass ihr Gegenüber verunsichert ist, bevor es ein Wort darüber sagt, beschreibt das den ersten Schritt.
Person und Gefühle
Stein versteht die Person als Einheit aus Leib, Seele und Geist mit einem persönlichen Kern, der sich über die Zeit entfaltet. Gefühle erschließen dabei Werte und prägen die Person. Eine Mitarbeiterin, die sich über Jahre in einer Rolle nicht wertgeschätzt fühlt, verändert deshalb nicht nur ihre Laune, sondern ihr ganzes Selbstverständnis.
Gemeinschaft
Stein beschreibt gemeinsames Erleben als Grundlage von Gemeinschaft, als Mittelweg zwischen Individualismus und Kollektivismus. Gemeinschaftliche Erlebnisse entstehen, wenn viele Menschen dasselbe auf dieselbe Weise erleben. Ein gemeinsam durchgestandener Krisenmoment kann ein Team stärker verbinden als jede Teamschulung.
Begriffe
- Einfühlung
- : das unmittelbare Erfassen fremden Erlebens: es zeigt sich im Ausdruck, wird nacherlebt und dann zum Gegenstand der Betrachtung gemacht
- Person
- : ein lebendiger Leib, ein beseeltes Wesen und ein geistiges Ich mit einem persönlichen Kern, der sich über die Zeit entfaltet
- Gemeinschaft
- : Menschen leben miteinander als Subjekte in Solidarität und teilen gemeinsames Erleben, ohne dass der Einzelne in der Gruppe aufgeht
- psychische Kausalität
- : eigene Art von Ursache und Wirkung im Seelenleben: Lebensgefühle wie Müdigkeit färben das ganze Erleben, anders als Gründe, die Handeln motivieren
- Leib-Seele-Geist
- : ihr Bild des Menschen als Einheit aus lebendigem Leib, beseelter Seele und Geist mit einem persönlichen Kern
- Endliches und ewiges Sein
- : ihr spätes Hauptwerk, 1950 erschienen, das Husserls Phänomenologie mit der Lehre des Thomas von Aquin verbindet und über Wesen, Sein und Gott nachdenkt
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Edmund Husserl: Stein arbeitete 1916 bis 1918 als seine erste bezahlte Assistentin
Gegner
- Husserl: Stein kritisierte seinen transzendentalen Ausgangspunkt und suchte die Verbindung von Phänomenologie und thomistischem Realismus (SEP)
Verbindungen im Netz
2 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Edmund Husserlungeprüft
Edith Stein war 1916 bis 1918 Husserls Assistentin und beendete die Arbeit aus Frustration (SEP).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Martin Heideggerungeprüft
Laut SEP bot ihre späte Ontologie eine christliche Alternative zu Heideggers Verständnis des Seins als Endlichkeit.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Stein arbeitete 1916 bis 1918 als Husserls erste bezahlte Assistentin und trat im Februar 1918 zurück. Ihre Habilitationsversuche scheiterten mehrfach, 1919 in Göttingen und später weiter. Wikipedia de führt das auf ihr Geschlecht zurück, während die SEP keinen Grund nennt.[2]
Zeitgeschehen belegt
Am 19. April 1933 wurde Stein wegen ihrer jüdischen Herkunft aus ihrer Stellung in Münster entlassen. Im Oktober 1933 trat sie in den Kölner Karmel ein und floh Ende 1938 in den Karmel von Echt in den Niederlanden. Am 2. August 1942 verhaftete die Gestapo sie dort, sie wurde nach Auschwitz deportiert und starb dort vermutlich am 9. August 1942.[2]
Biografie Deutung
Stein wurde 1921 durch die Autobiografie Teresas von Ávila zum Katholizismus geführt und am 1. Januar 1922 getauft. Ihre späteren Schriften verbinden Phänomenologie und christliche Philosophie. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann sieht in manchen Aussagen Steins antijüdische Muster, etwa in der Deutung der Pogromnacht 1938, was Wikipedia de als Kritik wiedergibt.[2]
Kritik
Uta Ranke-Heinemann kritisierte Steins Deutung der Pogromnacht von 1938 als Erfüllung eines Fluches, den das jüdische Volk auf sich gezogen habe (nach Wikipedia de). Philosophisch setzte Stein selbst Husserls transzendentalem Ansatz ihre Verbindung von Phänomenologie und thomistischem Realismus (der an Thomas von Aquin anknüpfenden Lehre, die von der Wirklichkeit des Seins unabhängig vom erkennenden Subjekt ausgeht) entgegen.
Wirkung heute
Steins Analyse der Einfühlung wird heute in Psychologie, Pflege und Empathieforschung aufgegriffen. Sie gilt zugleich als Mahnung, was verloren geht, wenn Wissenschaft Menschen wegen Herkunft oder Geschlecht ausschließt.
Brücke zu Führung und Coaching
Steins Einfühlung hilft dir, Mitarbeiter wirklich zu erfassen, statt nur Annahmen über sie zu treffen. Frage dich im nächsten Gespräch: Woran merke ich gerade, wie es meinem Gegenüber geht, bevor ich es erfrage? Und welche Annahme über diese Person prüfe ich besser, bevor ich entscheide?
Lebensstationen
- 1891Geboren am 12. Oktober in Breslau
- 1916Promotion mit Auszeichnung, Zum Problem der Einfühlung, danach Assistentin Husserls bis 1918
- 1922Taufe am 1. Januar in Bad Bergzabern
- 1933Entlassung aus der Stelle in Münster im April, Eintritt in den Kölner Karmel im Oktober
- 1942Verhaftung am 2. August in Echt, Tod in Auschwitz vermutlich am 9. August
- 1987Seligsprechung am 1. Mai durch Papst Johannes Paul II. in Köln, Heiligsprechung am 11. Oktober 1998 in Rom
Werke
Zum Problem der Einfühlung (1917)
Beiträge zur philosophischen Begründung der Psychologie und der Geisteswissenschaften (1922)
Potenz und Akt (1931 verfasst, 1988 erschienen)
Endliches und ewiges Sein (1936/37 überarbeitet, 1950 erschienen)
Kreuzeswissenschaft (1942 verfasst, 1950 erschienen)
Anekdote belegt
Als Husserls Vorlesungen über das innere Zeitbewusstsein 1928 erschienen, erwähnte Heidegger als Herausgeber die Vorarbeit Steins nur knapp, obwohl sie die Manuskripte zuvor als Assistentin bearbeitet hatte.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Zum Problem der Einfühlung (1917), ihre Dissertation, deren Grundgedanken zugleich als Einstieg in ihr Denken dienen.
- Vertiefung
- Der Eintrag zu Edith Stein in der Stanford Encyclopedia of Philosophy dient als Einführung. Ein Buchtitel wurde nicht bestätigt.
Noch nicht sicher belegt
- Todestag: SEP nennt den 9. August 1942, Wikipedia de vermutlich den 9. August 1942 (Gaskammer vermutet). Promotion: Wikipedia de nennt 1916, die Buchausgabe 1917. Eintritt in den Karmel: Wikipedia de 14. Oktober 1933. Habilitationsgründe: Wikipedia de nennt das Geschlecht, die SEP keinen Grund. Heideggers knappe Erwähnung 1928 nur nach der SEP. Der Satz Komm, wir gehen für unser Volk wird von Wikipedia de als nicht sicher belegt bezeichnet und deshalb nicht verwendet. Kein Zitat aufgenommen. Die SEP-Seite war am Ende abgeschnitten. Dass Husserl formal ihr Doktorvater war, steht in den abgerufenen Quellen nicht und wurde nicht behauptet. Patronin Europas 1999 steht nur in Wikipedia de und ist im JSON nicht verwendet. Lesetipp Sekundärliteratur nicht bestätigt.
Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Stein
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Edith Stein · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Edith Stein – https://plato.stanford.edu/entries/stein/ und Wikipedia de: Edith Stein · Wikipedia
- [3]Wikipedia (de): Karmeliten · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20