Landkarte der Philosophie · Was ist gerecht?

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Was du jetzt unterscheiden kannst

  • Ob eine Regel schon sagt, was gerecht ist, oder erst der Maßstab, an dem du sie anwendest. Aristoteles verlangt, Gleiche gleich und Ungleiche im Verhältnis ihrer Unterschiede zu behandeln. Was dabei zählt, etwa Leistung, Not oder etwas anderes, legt diese Regel nicht fest, und darüber streiten Menschen.
  • Ob eine Regel gerecht ist, weil sie das Glück aller am meisten mehrt, oder aus einem anderen Grund. Für Bentham ist Gerechtigkeit ein Name für das, was der Nutzen in bestimmten Fällen verlangt. Mill macht sie zum wichtigsten Teil des Nutzens: Regeln, die Rechte schützen und deshalb stärker binden als andere.
  • Ob eine Regel gerecht ist, weil sie die Gesamtwirkung maximiert, oder weil du sie auch wählen würdest, wenn du deine eigene Lage nicht kennst. Das ist die Frage von Rawls mit dem Schleier des Nichtwissens, und seine Antwort schließt Ungleichheit nicht aus, solange sie auch den am schlechtesten Gestellten nützt.
  • Ob es bei einer Verteilung auf ihr Bild ankommt oder darauf, wie sie entstanden ist. Für Nozick ist sie gerecht, wenn jeder seinen Besitz auf gerechtem Weg erworben oder freiwillig übertragen bekommen hat. Locke sieht Eigentum durch Arbeit entstehen, aber nur in Grenzen. Verdient haben und einen Anspruch haben sind dabei zwei verschiedene Dinge.
  • Ob Gerechtigkeit nur ein Thema der Verteilung ist. Honneth sieht Ungerechtigkeit oft darin, dass Anerkennung verweigert wird, und Nussbaum, zusammen mit Sen, darin, dass Menschen mit gleichen Mitteln nicht gleich viel tun und sein können. Fraser verlangt beides zugleich, Umverteilung und Anerkennung.

Was offen bleibt

Offen bleibt, woran sich Gerechtigkeit im Kern entscheidet. Jede Station dieses Wegs hat darauf eine andere Antwort gezeigt, und jede sieht etwas, das den anderen leicht entgeht. Ob sich wenigstens Verteilung und Anerkennung auf eine gemeinsame Grundfrage zurückführen lassen, darüber streiten Honneth und Fraser, und die Debatte darüber geht weiter.

Noch einmal die Situation vom Anfang

Dein Team hat ein großes Projekt geschafft, und es gibt einen Bonus. Eine Kollegin hat am meisten gearbeitet, ein Kollege hat zwei kleine Kinder und wenig Geld, eine dritte war krank. Wie würdest du den Bonus aufteilen?

Denk noch einmal an den Bonus und an die drei, die ihn bekommen sollen. Mit Aristoteles kannst du fragen, in welcher Hinsicht die drei gleich oder verschieden sind und was als Maßstab gelten soll. Mit Bentham und Mill kannst du fragen, wem das Geld am meisten bringt und welche Rechte dabei geschützt bleiben müssen. Mit Rawls kannst du eine Regel suchen, die du auch dann gut fändest, wenn du nicht wüsstest, welche der drei du bist, und mit Nozick und Locke kannst du fragen, ob der Bonus zuerst der gehört, die ihn erarbeitet hat, und ob man sie zum Abgeben zwingen darf. Und mit Honneth und Nussbaum kannst du fragen, ob nach der Auszahlung etwas fehlt, das Geld nicht ersetzt. Wie würdest du den Bonus heute aufteilen, und was an deiner ersten Antwort würdest du anders begründen?

Wie es weitergehen kann

  • Wie frei bin ich?

    Bei Nozick und Locke ging es darum, ob die Kollegin zum Abgeben gezwungen werden darf und was es heißt, dass jeder sich selbst und seiner Arbeit gehört. Der Weg „Wie frei bin ich?“ geht der Frage nach, was Freiheit heißt und wie Regeln sie schützen oder einschränken. Auch Locke und Mill begegnen dir dort wieder.

  • Was macht ein gutes Leben aus?

    Nussbaum fragt, was ein Mensch tun und sein können muss, damit sein Leben der Würde eines Menschen angemessen ist, und Aristoteles fragt nach einem gelingenden Leben. Der Weg „Was macht ein gutes Leben aus?“ fragt, worin dieses Gelingen besteht, und knüpft damit an die Überlegung an, was Menschen für ein gutes Leben brauchen.

  • Wozu brauchen wir andere Menschen?

    Honneth meint, dass Menschen Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstwertgefühl nur entwickeln, wenn andere sie anerkennen. Der Weg „Wozu brauchen wir andere Menschen?“ fragt weiter, was wir einander bedeuten, und greift damit auf, was sich im Rückblick des Teams auf der letzten Station gezeigt hat.

Zum Vertiefen

  • Aristoteles: Profil mit Lehre vom gelingenden Leben, der Tugend als Mitte und der Nikomachischen Ethik.
  • Jeremy Bentham: Profil zum klassischen Utilitarismus und zu seiner Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung.
  • John Stuart Mill: Profil zu Utilitarismus und Über die Freiheit.
  • John Rawls: Profil zum Schleier des Nichtwissens und zur Theorie der Gerechtigkeit.
  • John Locke: Profil zu den Zwei Abhandlungen über die Regierung und zu seiner Lehre von Regierung und Eigentum.
  • Axel Honneth: Profil zur Anerkennung in Liebe, Recht und Wertschätzung.
  • Nancy Fraser: Profil zu Verteilung und Anerkennung als zwei Seiten der Gerechtigkeit.
  • Martha Nussbaum: Profil zum Fähigkeitenansatz, zu ihrem Buch Fähigkeiten schaffen und zu ihrer Lesart der antiken Ethik.