Landkarte der Philosophie · Was macht ein gutes Leben aus?
Zurückblicken: Was macht ein gutes Leben aus?
Was du jetzt unterscheiden kannst
- Ob Freude ein Gefühl ist, das kommt und geht, oder die Ruhe, die entsteht, wenn nichts mehr schmerzt und dich kein unerfüllter Wunsch quält. Epikur setzt auf die Ruhe und rät, Wünsche zu sortieren: Wünsche nach Reichtum, Ruhm und Macht haben für ihn keine natürliche Grenze und halten dich unruhig.
- Was bei dir liegt und was nicht. Für Epiktet liegen dein Urteil, deine Antriebe, dein Wünschen und dein Meiden bei dir, nicht aber Körper, Besitz und Ansehen. Gut oder schlecht ist nach ihm nur, wie du das Erste gebrauchst.
- Ob Glück ein Gefühl ist oder ein Tun. Aristoteles versteht es als Tätigkeit, bei der du deine Vernunft mit einem tüchtigen Charakter über ein ganzes Leben einsetzt. Die Freude gehört dazu, ist aber nicht das höchste Gut.
- Ob allein zählt, wie sich ein Leben anfühlt. Mill unterscheidet Freuden nicht nur nach Menge, sondern auch nach ihrer Art, und lässt Menschen entscheiden, die beide Arten kennen. Nozick fragt mit seiner Erlebnismaschine, ob dir über das Erleben hinaus etwas wichtig ist, nämlich etwas wirklich zu tun, eine bestimmte Art von Mensch zu sein und mit der Wirklichkeit in Kontakt zu stehen.
- Dass Sinn und Glück zwei verschiedene Fragen sind. Camus geht davon aus, dass die Welt auf deine Frage nach Sinn schweigt, und rät, das auszuhalten und wach weiterzuleben. Frankl hält Sinn dagegen für etwas, das du in jeder Lage finden kannst, sei es im Tun, im Erleben oder in deiner Haltung zu einem Leid, das sich nicht ändern lässt.
Was offen bleibt
Offen bleibt, wie viel von einem guten Leben bei dir liegt. Epiktet legt das Entscheidende in dein Urteil und deine Haltung. Die Schulen in der Nachfolge Platons und des Aristoteles meinten dagegen, dass Gesundheit und ein Auskommen einen Unterschied machen, und auch Aristoteles selbst rechnet mit Freunden, Gesundheit und einem Mindestmaß an Mitteln als Voraussetzung für gutes Tun. Ebenso offen ist, ob es einen Sinn gibt, der unabhängig von dir besteht und gefunden werden will, wie Frankl meint, oder ob die Welt auf diese Frage schweigt, wie Camus annimmt. Dazwischen steht die Auffassung, dass Sinn in dem liegt, was du liebst und wofür du dich einsetzt. Die Positionen auf diesem Weg antworten verschieden, und keine hat die anderen erledigt. Auch die Reihenfolge der Stationen ist keine Rangfolge, denn jede Antwort sieht etwas, das den anderen leicht entgeht.
Noch einmal die Situation vom Anfang
Du bekommst ein Jobangebot: deutlich mehr Geld, aber lange Abende und weniger Zeit für Freunde und Familie. Alle gratulieren dir. Du merkst, dass du nicht sicher bist, ob du dich freust.
Denk noch einmal an den Tag, an dem du das Jobangebot bekommen hast und nicht sicher warst, ob du dich freust. Mit Epikur kannst du fragen, welche Wünsche hinter dem Geld stehen und ob sie ein Maß haben. Mit Epiktet fragst du, was bei dir liegt: ob du zusagst und wie du die Lage beurteilst, nicht aber, wie andere darauf reagieren. Aristoteles lenkt den Blick darauf, wie du über längere Zeit handelst und welcher Charakter sich darin zeigt. Mit Mill fragst du, welche Art von Freude dir die Stelle bringt, und mit Nozick, ob dir nur zählt, wie sich dein Leben anfühlt, oder auch, ob es echt ist, so wie die Glückwünsche, über die du dich gefreut hast. Mit Frankl kannst du fragen, wofür du die langen Abende auf dich nimmst, und mit Camus überlegen, wie du sie wach lebst, auch wenn dir niemand sagt, wofür sie letztlich gut sind. Welche dieser Fragen trifft deine Unsicherheit am ehesten, und was würdest du heute als Maßstab für deine Antwort nehmen?
Wie es weitergehen kann
- Wie frei bin ich?
Epiktet trennt, was bei dir liegt, von dem, was nicht bei dir liegt, und für Frankl bleibt dir selbst in einer unveränderlichen Lage ein Spielraum, nämlich deine Haltung. Auf dem Weg „Wie frei bin ich?“ fragst du genauer, wie viel Freiheit dahintersteckt und wofür du verantwortlich bist, wenn vieles nicht in deiner Hand liegt.
- Wozu brauchen wir andere Menschen?
Epikur zählt Freundschaft zu den wichtigsten Mitteln für ein ruhiges Leben, und schon bei ihm bleibt offen, ob ein Freund, der vor allem nützt, der Freund ist, den du dir wünschst. Dein Jobangebot kostet Abende mit Freunden und Familie. Der Weg „Wozu brauchen wir andere Menschen?“ geht dieser Frage weiter nach.
- Wer bin ich eigentlich?
Aristoteles versteht eine Tugend des Charakters als feste Haltung, die du durch Übung erwirbst, und Nozick sagt, wir wollten eine bestimmte Art von Mensch sein. Der Weg „Wer bin ich eigentlich?“ fragt weiter, was dieses Ich ist, das ein gutes Leben führen will.
Zum Vertiefen
- Epikur von Samos: Profil zum „Garten“ in Athen und zu seiner Lehre von Lust, Ruhe und Freundschaft.
- Epiktet: Profil zur Frage, was bei dir liegt, und zu den Gesprächen und dem Handbüchlein der Moral.
- Aristoteles: Profil zur Tugendethik, zur Nikomachischen Ethik und zur Eudaimonia.
- John Stuart Mill: Profil zu Der Utilitarismus, zur Qualität der Freuden und zu Über die Freiheit.
- Albert Camus: Profil zum Absurden, zur Revolte und zum Mythos des Sisyphos.
- Viktor Frankl: Profil zu Logotherapie, Wille zum Sinn und seiner Lagererfahrung.