Landkarte der Philosophie

Viktor Frankl

1905–1997 · Wien

Strömung
Phänomenologie und Existenzialismus
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Wiener Neurologe und Psychiater, der mit der Logotherapie und Existenzanalyse den Willen zum Sinn zum Zentrum der Psychotherapie machte und seine Lagererfahrung zu einem weltweit gelesenen Buch verarbeitete.

Frankl ist der Wiener Vertreter der Existenzanalyse und gilt zusammen mit Rollo May und Irvin Yalom als einer der wichtigsten Vertreter der existenziellen Psychotherapie. Sein Ansatz entstand in Auseinandersetzung mit Freud und Adler und wurde als dritte Wiener Schule der Psychotherapie bezeichnet.

Kernidee

Frankl geht davon aus, dass Menschen nach Sinn streben und krank werden können, wenn sie keinen Sinn sehen. Er ergänzt Leib und Seele um eine geistige Dimension und meint, dass Sinn gefunden und nicht erzeugt wird. Er nennt drei Wege dorthin: etwas schaffen oder bewirken, etwas oder jemanden erleben und eine Haltung zu unvermeidlichem Leid einnehmen.

Bekannt für

Man kennt Frankl für das Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ (englisch „Man's Search for Meaning“), das seine Zeit in den Lagern mit seiner Lehre vom Sinn verbindet. Es wurde 1959 auf Englisch zum internationalen Bestseller und 1991 in einer Umfrage der Library of Congress unter die zehn einflussreichsten Bücher der USA gezählt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Wille zum Sinn

Frankl sieht im Streben nach Sinn die zentrale Antriebskraft des Menschen. Fehlt der Sinn, kann daraus Leid entstehen. Ein Teammitglied, das nach einer Reorganisation nur noch Aufgaben abarbeitet, zeigt oft genau diesen Mangel.

Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung

Nach Frankl richtet sich der Mensch von sich weg auf etwas, das ihm wichtig ist, und kann zugleich Abstand zu eigenen Zuständen gewinnen. Daraus leitet er die Techniken der paradoxen Intention und der Dereflexion ab. Wer vor einer Präsentation Angst vor der Angst hat, wird eher ruhig, wenn er seinen Blick auf die Sache und nicht auf sich selbst richtet.

Drei Wege zum Sinn

Laut englischer Wikipedia nennt Frankl drei Wege, Sinn zu verwirklichen: etwas in der Welt bewirken, bestimmte Erfahrungen machen oder eine bestimmte Haltung einnehmen. Die dritte Möglichkeit bleibt auch dort offen, wo Handeln unmöglich ist. In einem Projekt, das scheitert, bleibt wenigstens die Haltung, mit der man das Scheitern trägt.

Begriffe

Logotherapie
Existenzanalyse
Wille zum Sinn
Selbsttranszendenz
Selbstdistanzierung
paradoxe Intention
Dereflexion

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Sigmund Freud: Frankl korrespondierte als Gymnasiast mit ihm
  • Alfred Adler: Frankl gehörte zu seinem Kreis und wurde 1927 ausgeschlossen, weil er Sinn für zentral hielt

Freunde

  • Elly Schwindt: zweite Ehefrau seit 1947, unterstützte ihn wissenschaftlich

Gegner

  • Lawrence Langer: kritisierte 1982 den „amoralen Fokus auf Sinn“
  • Timothy Pytell: untersucht Unstimmigkeiten in Frankls Lagerdarstellung
  • Alexander Batthyány: widerspricht Pytell

Verbindungen im Netz

2 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Irvin D. Yalomungeprüft

    Beide gelten laut deutscher Wikipedia zusammen mit May als bedeutendste Vertreter der existenziellen Psychotherapie.

  • im Vergleich mit Rollo Mayungeprüft

    Die deutsche Wikipedia nennt Frankl, May und Yalom als bedeutendste Vertreter der existenziellen Psychotherapie.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Frankl leitete ab 1940 die neurologische Abteilung des Rothschild-Spitals, des einzigen Wiener Krankenhauses, das noch Juden aufnahm, und half laut Wikipedia Patienten, dem Euthanasieprogramm zu entgehen. Am 25. September 1942 wurde er mit Frau und Eltern nach Theresienstadt deportiert, am 19. Oktober 1944 kam er nach Auschwitz, dann nach Kaufering III und am 5. März 1945 nach Türkheim, wo ihn US-Truppen am 27. April 1945 befreiten.[1]

  • Biografie Deutung

    Seine Frau Tilly starb im KZ Bergen-Belsen, seine Mutter und sein Bruder Walter wurden in Auschwitz ermordet, sein Vater Gabriel starb 1943 in Theresienstadt. Dass diese Verluste die Sinnlehre prägten, ist eine naheliegende Deutung, die Quellen belegen die Verluste, nicht den Zusammenhang.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    In der Forschung ist umstritten, wie genau Frankls Lagerbericht seine Erfahrung wiedergibt. Timothy Pytell sieht Unstimmigkeiten und Auslassungen, etwa dass Frankl nach seiner Darstellung nur wenige Tage im Auschwitzer Bereich war, ohne registriert zu werden, und verbindet die Ursprünge der Logotherapie mit dem Göring-Institut (Beitrag 1937). Alexander Batthyány hält dagegen, Pytell habe das Archiv nicht genutzt und Frankl nicht befragt und werde von Holocaustleugnern benutzt. Lawrence Langer kritisierte 1982 Verzerrungen und einen „amoralen Fokus auf Sinn“.[2]

Kritik

Lawrence Langer warf Frankls Buch 1982 Verzerrungen und einen „amoralen Fokus auf Sinn“ vor, und Timothy Pytell nennt die Formulierungen des Buches „zutiefst irreführend“. Alexander Batthyány antwortete 2007 mit „Mythos Frankl?“ und wirft Pytell vor, Archive und Frankl selbst nicht herangezogen zu haben. Die Darstellungen der Debatte stammen aus Wikipedia, die Originalarbeiten wurden nicht gelesen.

Wirkung heute

Die Frage nach Sinn als Antrieb und Schutzfaktor prägt bis heute Beratung, Coaching und Psychotherapie. Frankls Bild des Menschen, der seine Haltung wählen kann, wird dabei oft aufgegriffen.

Brücke zu Führung und Coaching

Frankl hilft Führungskräften, Überlastung nicht nur als Zeitproblem zu sehen, sondern auch als Sinnfrage. In Krisen kann die Frage helfen, welche Haltung man einnehmen will, wenn man die Lage nicht ändern kann. Frage dein Team: Wofür lohnt sich diese Arbeit gerade, und welche Haltung wollen wir dazu einnehmen?

Lebensstationen

  1. 1905Geburt in Wien
  2. 1940Leitung der neurologischen Abteilung des Rothschild-Spitals
  3. 1942Deportation nach Theresienstadt mit Frau und Eltern am 25. September
  4. 1944Transport nach Auschwitz am 19. Oktober, danach Kaufering III
  5. 1945Befreiung in Türkheim am 27. April
  6. 1997Tod in Wien am 2. September

Werke

Ärztliche Seelsorge (1946); …trotzdem Ja zum Leben sagen (1946); Der unbewußte Gott (1948/49); Der Wille zum Sinn (1972); Der Mensch auf der Suche nach Sinn (1972)

Anekdote überliefert

Frankl schrieb sein bekanntestes Buch laut englischer Wikipedia in neun Tagen, während er die Neurologie der Allgemeinen Poliklinik in Wien leitete. Der ursprüngliche Titel lautete „A Psychologist Experiences the Concentration Camp“.[2]

Lesetipps

Einstieg
Viktor E. Frankl, …trotzdem Ja zum Leben sagen (Original 1946): der Bericht über die Lager und der Einstieg in die Logotherapie
Vertiefung
Anna Redsand, Viktor Frankl: A Life Worth Living (2006); zur Debatte: Timothy Pytell, Viktor Frankl: Das Ende eines Mythos? (2005) und Alexander Batthyány, Mythos Frankl? (2007)

Noch nicht sicher belegt

  • Die Forschungsdebatte um die Lagerbiografie (Pytell, Langer, Batthyány) ist nur über Wikipedia (de und en) in Kurzform abgerufen, die Primärliteratur selbst nicht. Die englische Wikipedia nennt keine Türkheim-Station, die deutsche nennt sie; die englische erwähnt „vier Konzentrationslager“, ohne das vierte zu nennen. Todesort der Ehefrau Tilly: die englische Wikipedia nennt sie inkonsistent, die deutsche Bergen-Belsen; das Jahr ihres Todes ist nicht genannt. Heidegger, Scheler und Jaspers erscheinen in den abgerufenen Texten nicht, deshalb keine Kanten dorthin. Das deutsche Wikipedia-Zitat „Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden“ wurde nicht als Zitat übernommen, weil keine Stelle genannt ist. Lehrer-Schüler-Beziehungen zu May sind nicht belegt. Die Lesetipp-Titel von Pytell und Batthyány sind nur aus der deutschen Wikipedia bekannt, Verlage wurden nicht geprüft. Der Ausdruck „Trotzmacht des Geistes“ kommt in der abgerufenen deutschen Wikipedia nicht vor. Die Anekdote um die neun Tage stammt aus der englischen Wikipedia ohne zeitgenössischen Beleg.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Frankl

  1. [1]Viktor Frankl, Wikipedia (de) · Wikipedia
  2. [2]Viktor Frankl, Wikipedia (en) · Wikipedia

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