Landkarte der Philosophie

Epikur von Samos

341–270 v. Chr. · Samos, lehrte in Athen, Samos, Athen

Strömung
Hellenismus: Stoa und Epikur
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was soll ich tun? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Gründer des „Gartens“ (einer Gemeinschaft in Athen, benannt nach dem Garten, den er um 306 v. Chr. kaufte), der Schule, nach der das Netz seine epikureische Seite benennt: Er will ein ruhiges Leben ohne Angst und ohne Schmerz.

Er ist der Gegenpol zur Stoa: Beide wollen Seelenruhe, gehen aber verschieden vor (Rückzug in den Freundeskreis statt Dienst in der Gemeinschaft). Metrodor (ein enger Schüler, der noch vor Epikur starb), Philodem und Lukrez führen seine Lehre weiter, Cicero (ein römischer Denker, dessen Dialog De finibus eine Hauptquelle für Epikurs Ethik ist) prüft sie kritisch.

Kernidee

Gut ist, was Lust bringt, und gemeint ist vor allem die Abwesenheit von Schmerz im Körper und von Unruhe in der Seele. Die größte Unruhe kommt aus der Angst vor Tod und Göttern. Epikur glaubt, dass diese Angst unbegründet ist, weil die Welt aus Atomen besteht und der Tod das Ende jeder Empfindung ist. Ein einfaches Leben mit Freunden reicht für das Glück.

Bekannt für

Man kennt ihn als den Philosophen der Lust, oft missverstanden als Genießer von Festessen. Tatsächlich setzte er auf ein schlichtes Leben unter Freunden als Quelle der Zufriedenheit.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Der Tod geht uns nichts an

Epikur sagt, dass wir den Tod nie erleben: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir es nicht mehr. Wer sich vor dem Tod fürchtet, fürchtet also etwas, das er nie empfinden wird. Im Alltag zeigt sich das zum Beispiel, wenn eine Führungskraft ständig Angst vor dem Scheitern des Projekts hat und dadurch schlechter entscheidet als jemand, der das Schlimmste einmal bis zum Ende durchdacht hat.

Drei Arten von Wünschen

Epikur teilt Wünsche in natürliche und notwendige (zum Beispiel Essen, Schutz, Gesundheit), natürliche, aber nicht notwendige (feines Essen) und leere Wünsche (Ruhm, Macht). Wer nur die erste Gruppe sicher erfüllt, ist leicht zufrieden zu stellen. Im Büro ist das die Frage, ob du für das nächste Beförderungsziel arbeitest oder weil dir die Arbeit selbst und dein Team wichtig sind.

Freundschaft als Fundament

Für Epikur ist ein Leben unter Freunden die wichtigste Quelle für Sicherheit und Freude. Der Garten war eine Gemeinschaft, die Frauen und sogar einen früheren Sklaven aufnahm. Für ein Team heißt das: Vertrauen ist keine Nebensache, sondern die Voraussetzung für Ruhe im Arbeitsalltag.

Begriffe

Lust (hedone)
: bei ihm das höchste Gut und natürliche Ziel allen Strebens; gemeint ist vor allem ein dauerhafter Zustand des Wohlbefindens, nicht der kurze Genuss
Ataraxie (Seelenruhe)
: Ziel des Weisen: ein Zustand seelischer Ruhe, erreicht durch Befreiung von Furcht, Schmerz und grenzenlosem Begehren
Atome
: unteilbare, unsichtbare Teilchen verschiedener Größe, Form und Gewicht; außer ihnen und dem leeren Raum gibt es nichts, auch die Seele besteht aus Atomen
Freundschaft
: für ihn das größte Gut für ein glückliches Leben; sie bietet gegenseitige Hilfe, und der Garten war ein Zufluchtsort Gleichgesinnter
natürliche und notwendige Wünsche
: Wünsche nach Dingen wie Nahrung, Trinken und Schutz vor Kälte, die der Körper wirklich braucht, anders als bloß natürliche oder auf leeren Meinungen beruhende Wünsche
Ataraxie
: seelische Ruhe ohne Beunruhigung
Hedonismus
: die Lehre, dass Lust das höchste Gut ist, bei Epikur vor allem Freiheit von Schmerz
Atomismus
: die Annahme, dass alles aus kleinsten unteilbaren Teilchen besteht
Hedonismus (epikureisch)
: Lust verstanden als Abwesenheit von Schmerz und Unruhe, nicht als Genuss ohne Ende

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Nausiphanes: Demokriteer, bei dem Epikur in Kolophon studierte (er selbst bestritt Einfluss)

Schüler

  • Metrodor von Lampsakos: engster Freund und Mitbegründer
  • Hermarchos: erhielt Epikurs Bücher, führte die Schule nach ihm weiter

Freunde

  • Metrodor: lebte fast durchgehend mit ihm zusammen
  • Leonteus und Themista: Schüler aus Lampsakos, an Themista schrieb er Briefe

Gegner

  • Timokrates (Bruder Metrodors): verbreitete laut Diogenes Laertios Verleumdungen über Epikur
  • Cicero: prüft die Lehre im Dialog kritisch, besonders ihre Ethik
  • Plutarch: schrieb später eine Streitschrift, nach der man nach Epikur nicht angenehm leben könne

Verbindungen im Netz

12 Verbindungen, davon 10 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Lorenzo VallaDeutung

    In De voluptate stellt er Epikurs Lust als höchstes Gut gegen die Stoiker.

  • Grundlage für Lucius Annaeus Senecaungeprüft

    Seneca zitiert Epikur zustimmend, obwohl er Stoiker ist (IEP)

  • Grundlage für Martha Nussbaumungeprüft

    Epikur steht am Anfang ihrer Untersuchung der hellenistischen Therapien.

  • Grundlage für Philodemos von Gadaraungeprüft

    Philodem sammelt und deutet die Schriften der ersten Epikureer.

  • Grundlage für Pierre GassendiDeutung

    Gassendi rekonstruierte die Lehre Epikurs aus den antiken Quellen und baute darauf seine Atomlehre.

  • Grundlage für Titus Lucretius Carusungeprüft

    Lukrez bringt Epikurs Atomlehre in lateinische Verse.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Karneades von Kyreneungeprüft

    Er richtete seine Kritik auch gegen die Epikureer.

  • wird kritisiert von Marcus Tullius Ciceroungeprüft

    Cicero lässt Epikureer im Dialog auftreten und widerspricht ihnen.

  • wird kritisiert von Sextus Empiricusungeprüft

    Sextus kritisiert Epikureer und andere Dogmatiker in „Gegen die Wissenschaftler“.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Platonungeprüft

    Radikaler Materialismus ohne Platonische Ideen (SEP)

  • im Vergleich mit Siddhartha Gautama (Buddha)ungeprüft

    Vergleich von Leidminderung und Seelenruhe, in der Literatur üblich, in den Quellen nicht geprüft

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Epikur lehrt in Athen, nachdem Alexanders Reich zerfallen ist und Athen politisch an Macht verloren hat. Britannica nennt als Besonderheit seiner Schule, dass sie sich bewusst vom Dienst am Staat fernhielt, anders als Akademie und Lykeion.[2]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Die Hinwendung zum privaten Glück und zum Rückzug aus der Politik kann man als Reaktion auf die unsicheren Zeiten lesen, in denen Macht und Besitz rasch wechselten.[1]

  • Geld Deutung

    Epikur kaufte in Athen ein Haus mit Garten und machte es zum Sitz der Schule. Die Gemeinschaft war damit auf Eigentum und Zuwendungen von Freunden angewiesen, das prägt vermutlich die Betonung des einfachen, günstigen Lebens.[2]

Kritik

Cicero hält Epikur vor, dass Lust als höchstes Gut zu wenig Raum für Tugend lässt (im Dialog „De finibus“). Plutarch (ein Philosoph aus der Schule Platons) schrieb eine eigene Streitschrift gegen das angenehme Leben nach Epikur. Wegen seiner Lehre, dass die Götter sich nicht um die Menschen kümmern, galt er in der Antike manchen als gottlos.

Wirkung heute

Die Idee, dass Ängste oft aus Vorstellungen statt aus der Lage selbst kommen, steckt heute in vielen Formen der kognitiven Therapie. Auch die Einsicht, dass Freundschaft und einfache Verhältnisse mehr zum Wohlbefinden beitragen als Status, wird von der Glücksforschung bestätigt.

Brücke zu Führung und Coaching

Epikurs Frage an Führungskräfte lautet: Welche deiner Sorgen betreffen etwas, das du wirklich spüren wirst, und welche betreffen nur Bilder in deinem Kopf? Probiere es in einer schwierigen Entscheidung aus: Schreibe das schlimmste Ergebnis genau auf und frage, was davon wirklich eintreten würde. Und frage dein Team, welche Wünsche (Titel, Prestigeprojekte) wirklich notwendig sind und welche leer.

Zitate

„Solange wir sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.“

Brief an Menoikeus, § 125 (sinngemäß übersetzt)

Lebensstationen

  1. 341 v. Chr.Geburt auf Samos
  2. 321 v. Chr.Studium in Kolophon bei Nausiphanes
  3. 306 v. Chr.Kauft in Athen das Haus mit Garten und gründet die Schule
  4. 277 v. Chr.Tod seines engsten Freundes Metrodor
  5. 270 v. Chr.Tod in Athen mit etwa 70 Jahren

Werke

  • Brief an Menoikeus (überliefert bei Diogenes Laertios)
  • Brief an Herodot (überliefert bei Diogenes Laertios)

Über 300 Schriften werden ihm zugeschrieben, fast alle sind verloren, darunter das Hauptwerk „Über die Natur“ (37 Bücher). Erhalten sind die drei Briefe (an Herodot, Pythokles, Menoikeus)

die „Kyriai Doxai“ (Hauptlehrsätze, 40 Sprüche) und Fragmente.

Anekdote überliefert

Die Schüler feierten jeden 20. Tag des Monats als Festtag zu Ehren Epikurs und seines Freundes Metrodor. Das zeigt, wie stark der Kult um den Lehrer schon zu Lebzeiten und kurz danach war.[6]

Lesetipps

Einstieg
Epikur: Von der Überwindung der Furcht. Katechismus, Lehrbriefe, Spruchsammlung, Fragmente, übersetzt von Olof Gigon (Artemis & Winkler, 1991): enthält den Brief an Menoikeus als besten Einstieg.
Vertiefung
Malte Hossenfelder: Epikur (C.H. Beck, Reihe Große Denker, 1991, später neu aufgelegt)

Noch nicht sicher belegt

  • Die Zitatstelle (Brief an Menoikeus § 125) ist sinngemäß übersetzt und nicht im griechischen Wortlaut geprüft. Das Gründungsjahr des Gartens schwankt je nach Quelle zwischen 307 und 306 v. Chr. Die Aussagen zu Plutarchs Streitschrift stammen aus Fußnoten bei Wikipedia (Metrodorus), nicht aus dem Werk selbst.
  • Gerüst: Britannica-Abruf lieferte nur Stoa-Text, daher zählt als zweite Quelle Wikipedia de. Geburtsjahr -341 um, Sterbejahr -270 (Wikipedia 271 oder 270).

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Stoa und Epikur. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Epikur

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Epicurus · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Britannica: Epicurus · Britannica
  3. [3]Wikipedia: Epicurus · Wikipedia
  4. [4]Wikipedia (en): Principal Doctrines · Wikipedia
  5. [5]Wikipedia (de): Epikur · Wikipedia
  6. [6]Diogenes Laertios, Leben der Philosophen X (nach Wikipedia: Metrodorus of Lampsacus) · Wikipedia

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