Linda Martín Alcoff
Philosophin · geboren 1955 · Syracuse (New York), Stony Brook (New York), New York
Kernidee in Kürze
Alcoff untersucht, wie Wissen, Identität und Macht zusammenhängen. Ihre Position zur Identität lautet, dass Identitäten wie Geschlecht und Herkunft weder bloße Sonderinteressen noch feste Wesenheiten sind, sondern geschichtlich gewachsene Gegebenheiten mit einer sichtbaren und körperlichen Seite.
- Kapitel
- Gegenwart (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wer darf für andere sprechen, und was geschieht mit Worten, wenn sie an einem anderen Ort gesprochen werden?
- Position
- Alcoff hält das Sprechen für andere weder für grundsätzlich verboten noch für harmlos. Sie verlangt, vor dem Sprechen die eigene Absicht, den eigenen Standort, die Verantwortung und die Folgen zu prüfen, und versteht Identitäten als sichtbar, körperlich und zugleich geschichtlich offen.
- Einwand
- Die Spannung bleibt, dass Bündnisse und politisches Handeln das Sprechen für andere scheinbar verlangen, während es zugleich als Anmaßung gelten kann. Alcoff nennt dazu selbst mehrere Antworten und ihre Grenzen.
- Verbindung
- Alcoff nutzt Foucaults Blick auf Diskurs und Macht und streitet zugleich mit ihm. In ihrem Aufsatz über das Sprechen für andere setzt sie sich mit Spivaks Aufsatz „Can the Subaltern Speak?“ auseinander. Mit Eva Feder Kittay gab sie ein Handbuch der feministischen Philosophie heraus.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Alcoff war
Sie vertritt, dass Menschen ihre Zugehörigkeit zu Gruppen verkörpert erleben und dass diese Zugehörigkeit zugleich geschichtlich offen für Veränderung bleibt.
Alcoff lehrte an mehreren Hochschulen in den Vereinigten Staaten und war 2012 bis 2013 Präsidentin der östlichen Abteilung der American Philosophical Association. Sie setzt sich dafür ein, dass bisher unterrepräsentierte Gruppen in der Philosophie mehr Raum bekommen, und weist darauf hin, dass Philosophinnen und Philosophen aus diesen Gruppen Felder wie feministische Philosophie, kritische Rassentheorie und die Philosophie der Latinas und Latinos geschaffen haben. Das Denken Michel Foucaults nutzt sie und kritisiert zugleich Teile davon, so in ihrem Buch über sexuelle Gewalt.
Kernidee genauer
Im Aufsatz über das Sprechen für andere schlägt sie vor, vor jedem Sprechen für andere die eigene Absicht, den eigenen Standort, die Verantwortung gegenüber den Vertretenen und die möglichen Folgen zu prüfen. In ihren späteren Büchern wendet sie das auf Weißsein und sexuelle Gewalt an.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Alcoff beschreibt selbst, dass sie Foucault in ihrem Buch über sexuelle Gewalt nutzt und zugleich mit ihm streitet. Sie greift seine Aufmerksamkeit für Diskurs und Macht auf und widerspricht seiner Sicht auf Sexualität und Vergewaltigung.[4]
Bekannt für
Man kennt Alcoff für den Aufsatz über das Sprechen für andere und für ihr Buch über sichtbare Identitäten. Ein Alltagsbeispiel: Bevor Du in einer Besprechung für ein anderes Team oder eine Minderheit im Haus sprichst, kannst Du Dich mit Alcoff fragen, warum Du das Wort ergreifst und was Deine Worte bei diesen Menschen auslösen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Identität als Sichtbares und Geschichtliches
In „Visible Identities“ widerspricht Alcoff den Kritikern der Identitätspolitik: Identitätspolitik müsse weder auf feste Wesensmerkmale festlegen noch verengen noch Bündnisse behindern. Sie versteht Identitäten als geschichtliche Gebilde und betont zugleich, dass Geschlecht und Herkunft eine sichtbare und körperliche Seite haben. Dafür verbindet sie die Phänomenologie, hier die Lehre vom Erleben des Körpers, mit der Hermeneutik, der Lehre vom Verstehen.
Das Sprechen für andere
Im Aufsatz „The Problem of Speaking for Others“ von 1991 untersucht Alcoff, welche Probleme entstehen, wenn jemand für andere spricht.
Der Streit um den Begriff „Frau“
Im Aufsatz „Cultural Feminism versus Post-Structuralism“ von 1988 beschreibt Alcoff, dass der Begriff der Frau für viele feministische Theoretikerinnen zum Problem geworden ist, obwohl er für die feministische Theorie zentral ist. Sie stellt dazu zwei Antworten gegenüber: den kulturellen Feminismus, der weibliche Eigenschaften aufwertet, und den Poststrukturalismus, der die Kategorie Frau angreift, indem er das Subjekt in Frage stellt. Beide Antworten haben nach ihr ernste Grenzen.
Wissen, Ignoranz und Macht
Alcoff arbeitet auch in der allgemeinen Erkenntnistheorie, etwa in „Real Knowing“ zu Kohärenztheorien des Wissens, und beschreibt später den Eurozentrismus in der Philosophie als Epistemologie der Ignoranz, so der Titel eines Aufsatzes von 2017. In „Rape and Resistance“ fragt sie, wie Menschen ihre Erfahrung als sexuelle Gewalt benennen können und wie der Widerstand Überlebender dadurch behindert wird, dass ihr Wissensanspruch bestritten wird.
Begriffe
- Soziale Identität
- verkörperte Identität (Phänomenologie)
- Sprechen für andere
- Identitätspolitik
- Epistemologie der Ignoranz
- dekoloniale Philosophie
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Eva Feder KittayPrüfstand: belegt
Alcoff und Eva Feder Kittay gaben gemeinsam The Blackwell Guide to Feminist Philosophy (2006) heraus.
Übernimmt Gedanken von
Alcoff übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Michel FoucaultPrüfstand: belegt
Alcoff übernimmt von Foucault den Blick auf Diskurs und Macht, zum Beispiel den Begriff der Rituale des Sprechens, und kritisiert zugleich seinen Zugang zu Sexualität und Vergewaltigung.
Untersucht
Alcoff untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Gayatri Chakravorty SpivakPrüfstand: belegt
Alcoff untersucht in ihrem Aufsatz über das Sprechen für andere Spivaks Aufsatz „Can the Subaltern Speak?“ als eine von mehreren möglichen Antworten auf das Problem, darunter Spivaks Einwand gegen den Rückzug von Intellektuellen.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Alcoff stammt aus Panama. Sie erwarb 1980 einen Bachelor und 1983 einen Master in Philosophie an der Georgia State University und promovierte 1987 an der Brown University.[1]
Biografie belegt
Nach einem Jahr am Kalamazoo College lehrte Alcoff zehn Jahre an der Syracuse University, wo sie 1995 Associate Professor und 1999 ordentliche Professorin wurde. 2002 wechselte sie an die Stony Brook University und 2009 an das Hunter College und das Graduate Center der City University of New York.[1]
Zeitgeschehen belegt
Alcoff wirbt dafür, die Philosophie für bisher unterrepräsentierte Gruppen zu öffnen, und weist darauf hin, dass Philosophinnen und Philosophen aus diesen Gruppen neue Forschungsfelder wie feministische Philosophie, kritische Rassentheorie und die Philosophie der Latinas und Latinos geschaffen haben. 2012 bis 2013 war sie Präsidentin der östlichen Abteilung der American Philosophical Association.[1]
Kritik
Sie nennt Gilles Deleuzes Wort von der Unwürdigkeit des Sprechens für andere und prüft mehrere Antworten darauf, bis hin zu Gayatri Chakravorty Spivaks Einwand gegen den Rückzug von Intellektuellen. Ausgearbeitete Einwände Dritter gegen ihre Hauptthesen haben die Quellen nicht geliefert.
Wirkung heute
Visible Identities erhielt 2009 den Frantz-Fanon-Preis der Caribbean Philosophical Association, und 2023 wurde Alcoff in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Ein Überblick zur kontinentalen feministischen Philosophie nennt sie als Beispiel für dekoloniale feministische Ansätze und unter den Phänomenologinnen und Phänomenologen der Rasse.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du in einer Besprechung für Kolleginnen und Kollegen sprichst, die nicht anwesend sind, kannst Du Dir mit Alcoff vier Fragen stellen: Warum will ich das sagen? Von welchem Standort aus spreche ich? Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Was bewirken meine Worte bei denen, über die ich spreche? Das ist eine Übertragung und keine Aussage Alcoffs über Führung.
Lebensstationen
- 1955Geburt in Panama
- 1983Master in Philosophie an der Georgia State University
- 1987Promotion an der Brown University
- 1988Aufsatz „Cultural Feminism versus Post-Structuralism“ in der Zeitschrift Signs
- 1991Aufsatz „The Problem of Speaking for Others“
- 1996Real Knowing erscheint
- 2006Visible Identities erscheint
- 2009Professur am Hunter College und Graduate Center der City University of New York; Frantz-Fanon-Preis für Visible Identities
- 2018Rape and Resistance erscheint
Werke
Visible Identities: Race, Gender, and the Self (2006); The Problem of Speaking for Others (1991); Real Knowing (1996); Rape and Resistance (2018)
Lesetipps
- Einstieg
- Linda Martín Alcoff, „The Problem of Speaking for Others“, Cultural Critique, Nummer 20 (Winter 1991–1992), Seiten 5–32
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Continental Feminism“ (Abschnitt zu postkolonialen und dekolonialen Ansätzen)
Noch nicht sicher belegt
- Das Geburtsjahr 1955 nennen eine Enzyklopädie und ein Autorenverzeichnis; ihre Hochschulen nennen kein Geburtsdatum. Das Jahr der Promotion und die Betreuung der Dissertation durch Ernest Sosa, Martha Nussbaum und Richard Schmitt sind nur in einer Quelle belegt. Ausgearbeitete Einwände anderer gegen ihre Hauptthesen sind noch nicht belegt.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Alcoff
- [1]Linda Martín Alcoff, Abschnitt Career · Wikipedia
- [2]hunter.cuny.edu/people/linda-martin-alcoff · Webseite
- [3]gc.cuny.edu/people/linda-martin-alcoff · Webseite
- [4]Linda Martín Alcoff, eigene Webseite, Beschreibung von Rape and Resistance · Webseite
- [5]alcoff.com/books · Webseite
- [6]amacad.org/person/linda-martin-alcoff · Webseite
- [7]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [8]Feminist Perspectives on Sex and Gender · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
- [9]philpapers.org/rec/MARVIR · Aufsatz
- [10]wpcdn.web.wsu.edu/wp-events/uploads/sites/1927/2025/02/Alcoff-1992.pdf · Webseite
- [11]depts.washington.edu/egonline/wordpress/wp-content/uploads/2010/05/Alcoff-Reading.pdf · Webseite