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Landkarte der Philosophie

Eva Feder Kittay

Philosophin · geboren 1946 · Malmö, New York, Stony Brook

Kernidee in Kürze

Kittay geht davon aus, dass kein Mensch dauerhaft unabhängig ist: Wir sind als Kinder, im Alter, in Krankheit oder durch eine Behinderung auf andere angewiesen. Wer andere in dieser Abhängigkeit versorgt, leistet nach ihr eine Arbeit, die eine Theorie der Gerechtigkeit nicht übergehen darf.

Kapitel
Gegenwart (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wenn jeder Mensch eine Zeit lang auf andere angewiesen ist: Wie kann dann eine Gerechtigkeit stimmen, die alle als unabhängig behandelt?

Position
Für Kittay ist Abhängigkeit der Normalfall des Menschseins, und darum müssen Gerechtigkeit und Gleichheit die Sorgearbeit und die Menschen, die sie leisten, mit einbeziehen. Sie schlägt dafür ein zusätzliches Prinzip vor, nach dem die Gesellschaft Pflegende unterstützt.
Einwand
Kritiker werfen der Care-Ethik als Ganzer vor, dass sie wenig konkrete Anleitung gibt und Frauen weiter an Sorgearbeit bindet. Kittay spricht von Abhängigkeitsarbeit und löst Sorge so von der Vorstellung, sie sei Frauensache.
Verbindung
Kittay verbindet die Care-Ethik, deren Entstehung meist Gilligan und Noddings zugeschrieben wird, mit der Gerechtigkeitstheorie von Rawls, die sie ergänzen will. Tronto und Held arbeiten wie sie daran, Sorge als öffentliche Frage zu begreifen.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Kittay war

Amerikanische Philosophin, die in „Love’s Labor“ argumentiert, dass Gerechtigkeitstheorien, die auf Gleichheit bauen, sich ohne Ergänzung selbst untergraben, wenn sie die Abhängigkeit von Kindern, Kranken, Menschen mit Behinderung und Alten und die Arbeit der Pflegenden übergehen.

Sie fragt, was der Gedanke der gleichen und freien Bürger für Menschen bedeutet, die nie unabhängig sein werden, und für diejenigen, die sie versorgen. Ihre Antwort ist ein Gerechtigkeitsprinzip, das Sorgearbeit einschließt.

Kernidee genauer

Darum verlangt sie, dass die Gesellschaft und ihre Einrichtungen diejenigen unterstützen, die Sorgearbeit leisten, damit ihnen aus dieser Arbeit kein Nachteil entsteht.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Kittay beschreibt in „Love’s Labor“ ihre Erfahrung mit ihrer Tochter, die schwer behindert ist und dauerhaft Hilfe braucht, als Ausgangspunkt ihrer Fragen nach Abhängigkeit. Eine Beschreibung des Verlags nennt dies eine Erzählung ihrer Erfahrung mit der Pflege ihrer behinderten Tochter.[2][3]

Bekannt für

Man kennt Kittay für „Love’s Labor“, für den Begriff der Abhängigkeitsarbeit und für ihre Kritik an Rawls, der die Sorge für Abhängige in seiner Theorie nicht vorsieht. Ein Alltagsbeispiel: Eine Mitarbeiterin pflegt abends ihre Mutter und fällt im Beruf deshalb zurück. Nach Kittay ist das kein privates Pech, sondern eine Frage der Gerechtigkeit.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Abhängigkeit gehört zum Menschsein

Nach der Internet Encyclopedia of Philosophy betont sie, dass auch Gleichheit auf diese Abhängigkeit Rücksicht nehmen muss, und sie spricht von „Abhängigkeitsarbeiterinnen und Abhängigkeitsarbeitern“, um Sorge nicht automatisch Frauen zuzuschreiben. In Deinem Team heißt das: Wer gerade jemanden versorgt, ist nicht weniger leistungsfähig, sondern leistet bereits eine Arbeit.

Kritik an Rawls: Gerechtigkeit braucht Fürsorge

Nach der Internet Encyclopedia of Philosophy hält Kittay die Grundsätze egalitärer Gerechtigkeitstheorien wie der von John Rawls für abhängig von grundlegenderen Praktiken der Fürsorge, sodass solche Theorien ohne Ergänzung sich selbst untergraben. Ein Kurs der University of Waterloo fasst ihre Sicht so zusammen, dass Rawls eine Gerechtigkeit für Erwachsene im arbeitsfähigen Alter ohne Krankheit oder Behinderung entwerfe. Bei Dir im Alltag: Eine Regel, die nur den voll Verfügbaren im Blick hat, fällt für alle anderen durch.

Das Prinzip der Doulia

Kittay fügt der Theorie von Rawls nach der Internet Encyclopedia of Philosophy ein weiteres Prinzip hinzu: Jeder soll nach seinem Bedarf erhalten und nach seiner Fähigkeit zur Sorge beitragen, und die Gesellschaft soll denen Mittel und Möglichkeiten geben, die Sorge leisten. Das folgt dem Gedanken, dass Pflegende selbst Unterstützung verdienen, wie eine Doula, eine erfahrene Begleiterin, die sich um Gebärende und Mütter kümmert. Ein Beispiel aus der Arbeitswelt ist bezahlte Freistellung für die Pflege Angehöriger.

Begriffe

Abhängigkeit
Sorgearbeit (Pflege- und Betreuungsarbeit)
Abhängigkeitsarbeiterin bzw. Abhängigkeitsarbeiter
Prinzip der Doulia
Care-Ethik
Philosophie der Behinderung

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 3 Deutung, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Kritisiert

Kittay kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • John RawlsPrüfstand: belegt

    Kittay hält Rawls’ Gerechtigkeitstheorie für unvollständig, weil sie Abhängigkeit und Sorgearbeit übergeht, und fügt ihr ein Prinzip der Unterstützung für Pflegende hinzu.

Übernimmt Gedanken von

Kittay übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Carol GilliganPrüfstand: ungeprüft

    Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

    Der von Kittay mitherausgegebene Band „Women and Moral Theory“ greift Gilligans Arbeit kritisch und unterstützend auf; ein Einfluss auf Kittays eigene Theorie ist damit nicht belegt.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Joan TrontoPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Beide gehören nach einem Interview mit Kittay zu den Vorreiterinnen einer Ethik, die nicht auf allgemeinen Grundsätzen, sondern auf Sorge beruht; ein Einfluss ist damit nicht behauptet.

  • Susan Moller OkinPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Beide nutzen Rawls’ Theorie, um sie auf die Anliegen von Frauen auszuweiten, Kittay über die Sorgearbeit, Okin über die Familie; ein Einfluss ist damit nicht behauptet.

  • Virginia HeldPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Beide fassen Fürsorge als Praxis und betonen, dass Menschen ungleich und doch voneinander abhängig sind; ein Einfluss ist damit nicht behauptet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Kittay erhielt 1967 den Bachelor am Sarah Lawrence College und 1978 die Promotion am Graduate Center der City University of New York. Seit 1979 lehrte sie an der Stony Brook University, ab 2009 als Distinguished Professor.[4]

  • Biografie belegt

    Ihre ersten Arbeiten lagen in der Sprachphilosophie, ihr Buch über Metapher erschien 1987. Mit Diana Meyers gab sie im selben Jahr den Band „Women and Moral Theory“ heraus, der nach dem Verlag viele Jahre der Care-Ethik in der Philosophie vorangebracht hat.[2]

  • Lebensumstände belegt

    Kittay ist Mutter einer Tochter, die mehrfach und schwer behindert ist. Sie beschreibt, dass das Leben mit ihr ihre Fragen an die Philosophie geprägt hat, und erzählt davon in „Love’s Labor“.[2]

  • Politik belegt

    1995 leitete Kittay das Women’s Committee of One Hundred, das sich gegen die als zu hart empfundene Sozialhilfereform in den Vereinigten Staaten aussprach. 2016 und 2017 war sie Präsidentin der Eastern Division der American Philosophical Association.[4]

Kritik

Die Internet Encyclopedia of Philosophy führt Einwände gegen die Care-Ethik allgemein an: Sie bleibe unbestimmt und gebe wenig Anleitung, und sie laufe Gefahr, die Last der Sorge bei Frauen zu belassen. Offen bleibt, wie weit sich ihr Prinzip der Unterstützung für Pflegende politisch umsetzen lässt; ihre Forderung, alle Sorgearbeit zu bezahlen, nennt sie in einem Interview selbst zurzeit noch utopisch, wenn auch nicht ganz.

Wirkung heute

Die Internet Encyclopedia of Philosophy zählt Kittay zu den prominenten Vertreterinnen der Care-Ethik. Nach der Einleitung eines Interviews gehört sie zu den Vorreiterinnen, die Sorge und Behinderung, besonders geistige Behinderung, zum Thema der Philosophie gemacht haben.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: In einem Team gibt es fast immer Menschen, die nebenbei jemanden versorgen, ein Kind, einen kranken Partner oder eine pflegebedürftige Mutter. Mit Kittay kannst Du fragen, ob Eure Regeln zu Erreichbarkeit und Beförderung nur den Unabhängigen im Blick haben, und Aufgaben so verteilen, dass Sorgearbeit nicht zum Nachteil wird. Das ist eine Analogie und keine Aussage Kittays über Führung.

Lebensstationen

  1. 1946Geburt in Malmö, Schweden (13. August)
  2. 1967Bachelor am Sarah Lawrence College
  3. 1978Promotion am Graduate Center der City University of New York
  4. 1979Stelle an der Stony Brook University
  5. 1987„Women and Moral Theory“ (mit Diana T. Meyers) erscheint
  6. 1999„Love’s Labor“ erscheint
  7. 2016Präsidentin der Eastern Division der American Philosophical Association (bis 2017)

Werke

Love’s Labor: Essays on Women, Equality, and Dependency (1999); Women and Moral Theory (1987, mit Diana T. Meyers); Learning from My Daughter (2019)

Lesetipps

Einstieg
Eva Feder Kittay, Love’s Labor: Essays on Women, Equality, and Dependency (1999); als Einstieg das Kapitel über die Abhängigkeit in der Theorie von Rawls.
Vertiefung
Internet Encyclopedia of Philosophy, „Care Ethics“, Abschnitt zu Eva Feder Kittay

Noch nicht sicher belegt

  • Das Geburtsjahr 1946 und der Geburtsort Malmö stehen nur in der deutschen Wikipedia. Ob das Buch „Learning from My Daughter“ 2019 oder 2020 erschien, geben die Quellen unterschiedlich an; für „Women and Moral Theory“ nennt die Seite der Stony Brook University 1985, die übrigen Quellen 1987. Ein Einfluss von Carol Gilligan auf Kittays eigene Theorie ist nicht belegt, nur dass der von ihr mitherausgegebene Band Gilligans Arbeit aufgreift. Eine deutsche Ausgabe von „Love’s Labor“ wurde nicht gefunden; belegt sind Übersetzungen ins Japanische, Italienische und Koreanische. Wie stark die Erfahrung mit ihrer Tochter ihre Theorie im Einzelnen geprägt hat, geht aus den Quellen nicht hervor.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 2: Ethik und Care-Ethik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Kittay

  1. [1]Care Ethics, Abschnitt a. Carol Gilligan · Internet Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Routledge, Love’s Labor, Autorinnenbeschreibung · Webseite
  3. [3]Marivete Gesser und Helena Fietz, Interview mit Eva Feder Kittay, Revista Estudos Feministas 29, Heft 2 (2021) · Webseite
  4. [4]Eva Feder Kittay, Abschnitt Education and career · Wikipedia
  5. [5]Eva Feder Kittay · Wikipedia
  6. [6]stonybrook.edu/philosophy/people/emeriti-faculty/eva_kittay.html · Webseite
  7. [7]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Feminist Ethics, Abschnitt 2.2 und Bibliographie · abgerufen 2026-10-22
  8. [8]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  9. [9]contensis.uwaterloo.ca/sites/courses-archive/1185/PHIL-324/lecture-content/module-9/a/9a1-kittays-critique-of-rawls.aspx/1000 · Webseite
  10. [10]uwspace.uwaterloo.ca/bitstreams/576856c1-bd98-4bf5-b4f9-c8be6ff6dd9f/download · Webseite

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