Landkarte der Philosophie

Margaret Cavendish

1623–1673 · Colchester, Paris, Antwerpen, London

Strömung
Rationalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Englische Naturphilosophin im Exil und am Rand der gelehrten Männerwelt, die gegen die mechanische Philosophie ihrer Zeit (die alle Naturvorgänge wie bei einer Maschine durch Kräfte erklärt, die von außen auf Körper wirken) eine Welt denkender Materie setzt.

Cavendish arbeitet im Umfeld von Hobbes, Descartes, Gassendi und Mersenne (Philosophen und Gelehrten ihrer Zeit), die im Kreis ihres Mannes verkehrten, widerspricht aber allen. Mit Anne Conway teilt sie, dass es keine tote Materie gibt, doch Conway leugnet den Körper, während Cavendish die Materie aufwertet.

Kernidee

Für Cavendish besteht alles im Universum aus Materie, auch Geist und Seele. Aber diese Materie ist nicht tot und träge: Jeder Körper bewegt sich selbst, denkt und nimmt wahr, und nur so lässt sich erklären, warum die Natur so geordnet abläuft. Gott allein ist unkörperlich.

Bekannt für

Cavendish war im 17. Jahrhundert eine der wenigen Frauen, die unter eigenem Namen Philosophie und Naturwissenschaft veröffentlichten. Im Mai 1667 war sie die erste Frau, die an einer Sitzung der Royal Society (der 1660 gegründeten britischen Gelehrtengesellschaft für Naturwissenschaften) teilnahm, und mit The Blazing World schrieb sie einen frühen Roman im Grenzgebiet der Science-Fiction.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Denkende, selbstbewegte Materie

Cavendish behauptet, dass alles Körperliche in jeder Teilung klug und wahrnehmungsfähig ist. Das kommt nicht aus einem eingeschleusten Geist, sondern aus der Materie selbst, die sich selbst bewegt. Wer ein eingespieltes Team beobachtet, das ohne ständige Anweisung koordiniert arbeitet, sieht etwas Ähnliches im Kleinen.

Die Natur ist geordnet, weil sie wissend ist

Ordnung in der Natur, etwa im Wachstum von Pflanzen, erklärt Cavendish nicht durch äußere Gesetze oder einen eingreifenden Gott. Die Körper selbst kennen sich und stimmen sich aufeinander ab. Natürliche Gebilde sind deshalb besser als künstliche, weil ihre Teile eine lange gemeinsame Geschichte haben. So wächst eine Unternehmenskultur über Jahre und lässt sich nicht in einem Workshop bauen.

Grenzen des Wissens

Cavendish hält vieles für unerkennbar, besonders Gott, und misstraut den Instrumenten der neuen Experimentalwissenschaft, etwa dem Mikroskop, das ihrer Ansicht nach die Natur verzerrt zeigte. Für sie ist Gott nicht zu begreifen, sondern zu verehren. Das erinnert daran, dass Messen nicht alles zeigt, was in einer Organisation wirkt.

Begriffe

Denkende Materie
: bei Cavendish ist jeder Körper wahrnehmend, vernünftig und bewegt sich selbst; der Geist ist nur die reinste und feinste Materie
Materialismus
: die Lehre, dass alles aus Materie besteht; bei Cavendish ist diese Materie belebt und bewegt sich aus sich selbst, nicht durch äußere Kräfte
Panpsychismus
: die Ansicht, dass alles in der Natur eine Art von Wahrnehmung oder Seele besitzt; Cavendish gilt deshalb als frühe Vertreterin
Ordnung der Natur
: die Einheit und innere Ordnung der Natur, die bei Cavendish aus dem Zusammenspiel der selbstbewegten Körper entsteht und nicht aus äußeren Gesetzen
Grenzen des Wissens
: Cavendish hält Sinneswahrnehmung, Mikroskope und Experimente für unzuverlässig und Gott für unbegreifbar; ihn soll man verehren statt erkennen
Einbildungskraft
: die Fähigkeit, in Dichtung und Fiktion eigene Welten zu entwerfen; für Cavendish ein Mittel, dem Alltag und seinen Einschränkungen zu entkommen

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Freunde

  • William Cavendish: ihr Mann, Gastgeber des Cavendish-Kreises und Förderer ihrer Drucke
  • John: ihr Bruder, Gesprächspartner und Gelehrter, später Gründungsmitglied der Royal Society

Gegner

  • Thomas Hobbes: Cavendish sieht Denken nicht als Bewegung im Gehirn, sondern als Grundzug aller Körper
  • Descartes: sie lehnt Geist als eigene, unkörperliche Substanz ab
  • Mechanistische Experimentalphilosophen wie Boyle: sie kritisiert ihre Methoden

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert René DescartesDeutung

    Descartes gehörte in den 1640er Jahren zu den Gästen des Cavendish-Kreises, an dessen Treffen Margaret oft teilnahm (SEP); in ihren Schriften setzt sie sich mit ihm auseinander und lehnt seinen unkörperlichen Geist und seine Tier-Automaten ab (en.wikipedia, SEP).

  • kritisiert Thomas HobbesDeutung

    Hobbes verkehrte im Cavendish-Kreis, doch für Cavendish ist Denken keine Bewegung im Gehirn, sondern Grundzug der Körper (SEP).

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Pierre GassendiDeutung

    Gassendi nahm laut SEP an Treffen des Cavendish-Kreises teil.

  • persönlich verbunden mit René DescartesDeutung

    Descartes gehörte in den 1640er Jahren zu den Gästen des Cavendish-Kreises, an dessen Treffen Margaret oft teilnahm (SEP); in ihren Schriften setzt sie sich mit ihm auseinander und lehnt seinen unkörperlichen Geist und seine Tier-Automaten ab (en.wikipedia, SEP).

  • persönlich verbunden mit Thomas HobbesDeutung

    Hobbes verkehrte im Cavendish-Kreis, doch für Cavendish ist Denken keine Bewegung im Gehirn, sondern Grundzug der Körper (SEP).

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Anne ConwayDeutung

    Beide lehnen tote Materie ab, nach der SEP sind sie sich großteils einig, Cavendish lässt aber Materie gelten.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Cavendish folgte 1644 der exilierten Königin Henrietta Maria nach Frankreich, heiratete 1645 William Cavendish und lebte bis zur Restauration 1660 (der Rückkehr der Königsfamilie auf den englischen Thron nach der Zeit ohne König) im Exil in Paris, Rotterdam und Antwerpen. Dort kam sie in den Kreis ihres Mannes mit Hobbes, Descartes, Mersenne und Gassendi.[1]

  • Geld belegt

    Ihre philosophischen Werke erschienen mit Hilfe ihres gut vernetzten Mannes, und Zeitgenossen spotteten, sie zahle viel Geld für den Druck. Die SEP schildert, dass Gelehrte auf ihre Zusendungen meist herablassend antworteten und sich kaum auf ihre Argumente einließen.[1]

  • Biografie Deutung

    Sie erhielt keine formale Bildung, las aber viel und diskutierte mit ihrem gelehrten Bruder John. Dass der Ausschluss von Universität und Debatte ihren eigenwilligen, wenig mechanistischen Stil mitprägte, ist eine Deutung.[1]

Kritik

Zu Lebzeiten galt Cavendish nach der SEP abwechselnd als verrückt, anmaßend, Kuriosität oder Genie, und die Briefe der Gelehrten gingen kaum auf ihre Argumente ein. Eine bleibende Schwierigkeit ist, wie sie ihre Denkmaterie mit Gott und mit der Möglichkeit von Irrtum verträgt.

Wirkung heute

Ihre Idee einer nicht toten, selbstbewegten Materie wird in der heutigen Forschung zu Panpsychismus und Vitalismus wieder aufgegriffen. Außerdem gilt sie als ein Beispiel dafür, wie viel am philosophischen Kanon des 17. Jahrhunderts durch das Fehlen von Frauenstimmen verloren ging.

Brücke zu Führung und Coaching

Cavendish erinnert dich daran, dass eine Idee oft nicht an ihrer Qualität scheitert, sondern daran, wer sie vorbringt. Frage dich vor der nächsten Besprechung: Welche Stimme im Team wird regelmäßig überhört, und was würde sich ändern, wenn ich ihren Vorschlag ernsthaft prüfe? Wer Argumente trennt von der Person, hört mehr.

Lebensstationen

  1. 1623Als Margaret Lucas in Colchester geboren
  2. 1644Folgt der exilierten Königin Henrietta Maria nach Frankreich
  3. 1645Heirat mit William Cavendish, Exil in Paris, Rotterdam, Antwerpen
  4. 1653Erscheinen von Poems and Fancies
  5. 1667Besucht als erste Frau eine Sitzung der Royal Society
  6. 1673Stirbt im Dezember, begraben in der Westminster Abbey

Werke

Poems and Fancies (1653); Philosophical and Physical Opinions (1656); Philosophical Letters (1664); Observations Upon Experimental Philosophy (1666); The Description of a New World, Called the Blazing World (1666); Grounds of Natural Philosophy (1668)

Anekdote belegt

Im Mai 1667 wurde Cavendish zu einer Sitzung der Royal Society eingeladen und war die erste Frau, die daran teilnahm. Nach der SEP wurde sie von vielen Anwesenden wie eine Sehenswürdigkeit betrachtet.[2]

Lesetipps

Einstieg
Margaret Cavendish: Die gleißende Welt (The Description of a New World, Called the Blazing World, 1666), übersetzt von Virginia Richter, Scaneg Verlag, München 2001, ein Roman mit Naturphilosophie
Vertiefung
Marcy P. Lascano: The Metaphysics of Margaret Cavendish and Anne Conway. Monism, Vitalism, and Self-Motion (2023)

Noch nicht sicher belegt

  • Britannica-Seite nicht abrufbar (404), daher SEP und Wikipedia als Personenquellen. Zitat bewusst weggelassen (nur englische Originalpassagen). Sterbetag: Wikipedia 16. Dezember 1673, SEP nur 'Dezember 1673'. Kante zu Descartes: Die SEP nennt Descartes unter den Teilnehmern des Cavendish-Kreises und Margaret als häufige Besucherin, ohne zu sagen, wie weit sie sich beteiligte; die englische Wikipedia sagt, sie habe sich mit Descartes, Hobbes und More auseinandergesetzt und Descartes' Tier-Automaten abgelehnt. Die Kante bleibt darum als Streit der Lehre, nicht als belegtes persönliches Gespräch. 'Erste Frau bei der Royal Society' und 'Mai 1667' stammen aus Wikipedia, die SEP spricht nur von einer äußerst seltenen Einladung 1667. Dass ihr Bruder John später Gründungsmitglied der Royal Society wurde, steht in der SEP. Lesetipp Lascano 2023 aus der SEP-Bibliografie (Oxford University Press). Prüfer: deutsche Ausgabe der Blazing World (Scaneg 2001) über die de.wikipedia-Ausgabenliste ergänzt. 'Mechanistische Experimentalphilosophen wie Boyle' stützt sich auf Wikipedia (criticising ... Boyle) und die SEP-Bibliografie (Lascano 2020 zu Cavendish und Experimentalismus).

Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Cavendish

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Margaret Cavendish · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Margaret Cavendish – https://plato.stanford.edu/entries/margaret-cavendish/ und Wikipedia · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (de): The Blazing World · Wikipedia
  4. [4]Wikipedia (de): Mechanistisches Weltbild · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  5. [5]Wikipedia (de): Margaret Cavendish · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  6. [6]Wikipedia (de): Royal Society · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

Zurück zur Landkarte · Suche