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Landkarte der Philosophie

Charles Taylor

Philosoph · geboren 1931 · Montreal (Kanada), Oxford

Kernidee in Kürze

Taylor zeigt in „Quellen des Selbst“, dass das moderne Selbst aus mehreren Strängen besteht, zum Beispiel Freiheit, innere Tiefe, Echtheit und Wohlwollen gegenüber Leidenden, die sich manchmal ergänzen und manchmal widersprechen. Menschen sind für ihn sich selbst deutende Wesen, die Sprache brauchen, und ihre Identität entsteht im Dialog und braucht die Anerkennung anderer.

Kapitel
Gegenwart (redaktionell)
Richtung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wer sind wir als Menschen, wenn wir uns erst durch Sprache, Gemeinschaft und Anerkennung verstehen?

Position
Taylor sagt, der Mensch sei ein sich selbst deutendes Wesen, dessen Identität im Dialog entsteht und das höhere und niedrigere Güter unterscheidet. Die Sozialwissenschaften müssen deshalb die Bedeutungen ernst nehmen, die Menschen ihrem Handeln geben.
Einwand
Er lässt sich schwer einer Schule zuordnen, und die Stränge des modernen Selbst stehen teils im Widerspruch zueinander. Zur Politik der Anerkennung gibt es kritische Aufsätze.
Verbindung
Taylor stützt sich auf Hegel, Heidegger und Gadamer und wird mit dem Kommunitarismus verbunden. Gegen Rawls und andere Theoretiker des Liberalismus wendet er ein, dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhang des Einzelnen übersehen.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Taylor war

Kanadischer Philosoph, der das moderne Selbst, die Bedeutung von Sprache und Deutung (Hermeneutik) und die Rolle der Gemeinschaft untersucht und Vertreter des Kommunitarismus genannt wird.

Taylor wuchs in Montreal zweisprachig mit einem englischsprachigen protestantischen Vater und einer französischsprachigen katholischen Mutter auf. Er studierte in Montreal und Oxford, wo zu seiner Zeit der logische Positivismus und der Naturalismus vorherrschten, gegen die sich seine frühe Philosophie richtete. Neben seiner akademischen Laufbahn war er politisch aktiv und leitete 2007 bis 2008 eine Untersuchung zum Zusammenleben der Kulturen und Religionen in Québec.

Kernidee genauer

Er bewertet Wünsche nicht nur nach Stärke, sondern unterscheidet höhere und niedrigere Güter, was er starke Wertung nennt.

Biografischer Moment

Deutung Redaktionelle Deutung eines Zusammenhangs zwischen Leben und Denken, nicht als Tatsache belegt.

Taylors reife Philosophie beginnt nach einer Darstellung damit, dass er sich als Doktorand in Oxford enttäuscht von der analytischen Philosophie abwandte und in der französischen und deutschen Hermeneutik und Phänomenologie neue Hilfsmittel fand.[3]

Bekannt für

Man kennt Taylor für „Quellen des Selbst“, für den Aufsatz „Die Politik der Anerkennung“ und für „Ein säkulares Zeitalter“. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du merkst, dass Dich eine Anerkennung im Team mehr trägt als eine Gehaltserhöhung, denkst Du wie Taylor, für den das Selbstbild von der Anerkennung durch andere abhängt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Kritik am Naturalismus

Taylor definiert Naturalismus als Gruppe von Theorien, die das Studium des Menschen nach dem Vorbild der Naturwissenschaften gestalten wollen. Seine Dissertation „The Explanation of Behaviour“ von 1964 kritisierte die behavioristische Psychologie von B. F. Skinner. Später dehnte er die Kritik auf Politikwissenschaft und andere Gebiete aus.

Deutung und Hermeneutik

Taylor sieht den Menschen als sich selbst deutendes Wesen und folgt der Hermeneutik, die das Verstehen als Entziffern von Bedeutungen begreift. Man kann zum Beispiel das Wählen nicht allein mit dem Eigeninteresse erklären, denn für viele Menschen drückt es die Zugehörigkeit zu einer demokratischen Gemeinschaft aus. Bedeutungen ändern sich mit Zeit und Kultur, doch er hält an einer allgemeinen menschlichen Natur fest.

Das moderne Selbst

In „Sources of the Self“ (1989) zeichnet Taylor die Stränge der modernen Identität nach: Wert der Freiheit, innere Tiefe, Echtheit und Individualität, Bejahung des gewöhnlichen Lebens und Mitgefühl mit Leidenden. Diese Stränge widersprechen sich teils. So steht die Freiheit als Beherrschung der Natur gegen die romantische Sicht der Natur als Quelle des Guten.

Starke Wertung und Anerkennung

Menschen ordnen ihre Wünsche nach Wertigkeit und sind deshalb keine bloßen Abwäger von Vorlieben, sagt Taylor. In „The Politics of Recognition“ (1992) erklärt er, warum Gruppen öffentliche Anerkennung ihrer Identität fordern.

Kommunitarismus

Taylor wird Kommunitarist genannt, weil er die soziale Natur des Selbst und die Pflichten des Einzelnen gegenüber seinen Gemeinschaften betont. In seinen Massey-Vorlesungen „The Malaise of Modernity“ (1991, in den USA 1992 als „The Ethics of Authenticity“ erschienen) wirft er politischen Theoretikern von Locke und Hobbes bis Rawls und Dworkin vor, übersehen zu haben, dass Menschen in einem gesellschaftlichen Zusammenhang entstehen.

Säkularität

In „A Secular Age“ (2007) verfolgt Taylor die Veränderungen des christlichen Glaubens im Westen über fünf Jahrhunderte und fragt, wie es dazu kam, dass Menschen sich und die Welt rein weltlich verstehen können. Er wendet sich gegen die These, Modernisierung lasse Religion einfach verschwinden.

Begriffe

modernes Selbst
starke Wertung (strong evaluation)
Hermeneutik
Politik der Anerkennung
Kommunitarismus
säkulares Zeitalter
sozialer Imaginärer Rahmen (social imaginary)

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Kritisiert

Taylor kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • John RawlsPrüfstand: belegt

    Wie Michael Sandel hielt Taylor in den 1980er Jahren dem Liberalismus von Rawls vor, er beruhe auf einem zu individualistischen Verständnis des Selbst. In seinen Massey-Vorlesungen von 1991 warf er politischen Theoretikern von Locke und Hobbes bis Rawls und Dworkin vor, übersehen zu haben, wie Menschen innerhalb gesellschaftlicher Zusammenhänge entstehen.

Übernimmt Gedanken von

Taylor übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Georg Wilhelm Friedrich HegelPrüfstand: belegt

    Taylor baut auf der kritischen Grundlage auf, die er großenteils mit Hegel teilt, lehnt aber die weitergehenden Behauptungen von Hegels Logik und verwandte Teile seiner Anthropologie und Gesellschaftstheorie ab. Sein erstes großes Werk ist eine Studie über Hegel.

  • Hans-Georg GadamerPrüfstand: belegt

    Taylor ist von Gadamer beeinflusst, sowohl bei seinem hermeneutischen Zugang zur Gesellschaft als auch bei der Vorstellung eines Erkenntnisgewinns statt der Gegenüberstellung von wahr und falsch.

  • Martin HeideggerPrüfstand: belegt

    Taylor ist von Heidegger beeinflusst und verfolgt einen hermeneutischen Zugang zur Gesellschaft.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Alasdair MacIntyrePrüfstand: Deutung

    Taylor wird zusammen mit Alasdair MacIntyre, Michael Walzer und Michael Sandel der kommunitaristischen Kritik am liberalen Verständnis des Selbst zugeordnet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Taylor wurde am 5. November 1931 in Montreal geboren. Er schloss 1952 an der McGill University ein Geschichtsstudium ab, erwarb 1955 am Balliol College in Oxford einen zweiten Abschluss in Politik, Philosophie und Wirtschaft und promovierte dort 1961 in Philosophie.[1]

  • Biografie belegt

    Der größte Teil von Taylors Laufbahn fand an der McGill University und in Oxford statt, wo er den Lehrstuhl für Soziale und Politische Theorie (Chichele Professorship) innehatte. Für mehrere Jahre lehrte er nach seiner Emeritierung auch an der Northwestern University in Illinois.[3]

  • Zeitgeschehen belegt

    Neben der Wissenschaft war Taylor in der sozialdemokratischen Neuen Demokratischen Partei Kanadas aktiv und kandidierte mehrfach erfolglos für das Bundesparlament. Er gehörte dem Rat für die französische Sprache in Québec an und leitete 2007 bis 2008 gemeinsam mit einem Kollegen eine öffentliche Untersuchung zum Umgang mit kulturellen und religiösen Unterschieden in der Provinz.[1]

  • Biografie belegt

    Taylor erhielt unter anderem den Templeton-Preis (2007), den Kyoto-Preis (2008) und den John-W.-Kluge-Preis (2015) und wurde 1996 Companion of the Order of Canada. Für die Aufnahme in den Orden werden die Jahre 1995 und 1996 genannt.[3]

Kritik

Taylor lässt sich schwer einer philosophischen Schule zuordnen; er wird oft als Brücke zwischen der analytischen und der kontinentalen Philosophie beschrieben. Himani Bannerji veröffentlichte im Jahr 2000 eine Kritik an seiner Politik der Anerkennung. Nach einer Darstellung teilt er die kritische Grundlage seines Denkens zu großen Teilen mit Hegel, lehnt aber die weitergehenden Behauptungen von Hegels Logik und damit verbundene Teile von Hegels Menschenbild und Gesellschaftslehre ab.

Wirkung heute

Taylors „A Secular Age“ beteiligte ihn an den Debatten des 21. Jahrhunderts über die Rolle der Religion in westlichen Gesellschaften. Seine Schriften sind in viele westliche und nichtwestliche Sprachen übersetzt.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du ein Teammitglied nach seinen Zielen fragst, kannst Du mit Taylor nicht nur nach Vorlieben fragen, sondern danach, was ihm wirklich wichtig ist und wie es von anderen anerkannt wird. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Taylor über Führung.

Lebensstationen

  1. 1931Geburt in Montreal (5. November)
  2. 1952Abschluss in Geschichte an der McGill University
  3. 1961Doktortitel in Philosophie in Oxford
  4. 1975„Hegel“ erscheint
  5. 1989„Sources of the Self“ erscheint
  6. 2007„A Secular Age“ erscheint; Templeton-Preis; Leitung einer Untersuchung in Québec bis 2008

Werke

The Explanation of Behaviour (1964); Hegel (1975); Sources of the Self (1989, „Quellen des Selbst“); The Malaise of Modernity (1991, in den USA 1992 als „The Ethics of Authenticity“); A Secular Age (2007, „Ein säkulares Zeitalter“)

Lesetipps

Einstieg
Charles Taylor, Das Unbehagen an der Moderne (Suhrkamp, 1995)
Vertiefung
Britannica, „Charles Taylor“ (Ruth Abbey); Routledge Encyclopedia of Philosophy, „Taylor, Charles“ (Craig Calhoun)

Noch nicht sicher belegt

  • Das Jahr der Aufnahme in den Order of Canada wird mit 1995 und mit 1996 angegeben. Dass Isaiah Berlin seine Doktorarbeit in Oxford betreute, ist nur aus einer Darstellung bekannt.

Herkunft der Daten: referenz-2026-10. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Taylor

  1. [1]Charles Taylor · Britannica
  2. [2]rep.routledge.com/articles/biographical/taylor-charles-1931/v-1 · Webseite
  3. [3]Britannica, Charles Taylor; Wikipedia (en), Career
  4. [4]Charles Taylor (Philosoph) · Wikipedia

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