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Landkarte der Philosophie

Hans-Georg Gadamer

Philosoph · 1900–2002 · Marburg, Breslau, Freiburg, Leipzig, Heidelberg

Kernidee in Kürze

Gadamer fragte nicht, mit welcher Methode man einen Text richtig auslegt, sondern wie Verstehen überhaupt geschieht. Dabei bringen wir immer schon Vorurteile mit, also Vor-Urteile, die uns für eine Sache erst öffnen und die sich im Verstehen ändern können.

Kapitel
Phänomenologie und Existenzialismus (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Vertiefung

Zum Einstieg

Wenn Du einen Text oder einen Menschen verstehst: Gibst Du das Verstehen vor, oder geschieht es mit Dir?

Position
Für Gadamer ist Verstehen kein Verfahren, das man richtig anwendet, sondern ein Geschehen, das aus unserer Geschichte kommt und im Gespräch zu einer neuen gemeinsamen Sicht führt. Vorurteile sind dabei die Voraussetzung und können zugleich im Verstehen verändert werden.
Einwand
Habermas hält ihm vor, dass die Bindung an Überlieferung zu wenig Handhabe gibt, verzerrende Ideologien zu kritisieren. Derrida fragt, ob Verstehen überhaupt zu einer bestimmten Bedeutung führt.
Verbindung
Gadamer greift Heideggers Verständnis von Hermeneutik auf und setzt sich kritisch von Diltheys Frage nach einer Methode der Geisteswissenschaften ab. Ricœur entwickelt die Hermeneutik in eine andere Richtung weiter, nämlich über die Auslegung von Texten und Zeichen.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Gadamer war

Deutscher Philosoph, der mit „Wahrheit und Methode“ die philosophische Hermeneutik begründete: Verstehen ist für ihn kein Verfahren, sondern ein Geschehen, das aus Geschichte und Gespräch lebt.

Seine Debatten mit Habermas und Derrida gehören zu den bekanntesten Auseinandersetzungen um die Folgen seiner Hermeneutik.

Kernidee genauer

Verstehen gleicht für ihn einem Gespräch, in dem sich zwei Horizonte, also zwei Bedeutungsrahmen, zu einem neuen verbinden.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy war Heidegger bis 1925 kritisch gegenüber Gadamers philosophischen Fähigkeiten und Beiträgen geworden, und Gadamer entschied sich daraufhin, die Philosophie für die klassische Philologie zu verlassen. Durch die philologische Arbeit gewann er nach derselben Quelle offenbar Heideggers Achtung zurück. Wikipedia gibt Gadamers eigene Begründung wieder: Er begann 1924 mit der klassischen Philologie, weil er sich von Heideggers Überlegenheit erdrückt fühlte und einen eigenen Boden suchte.[1][4]

Fundstelle: Abschnitt 1 Abschnitt Edmund Husserl, Martin Heidegger, Paul Friedländer

Bekannt für

Man kennt Gadamer für „Wahrheit und Methode“, für die Rede von der Horizontverschmelzung und für die Auffassung, dass Verstehen einem Gespräch gleicht. Ein Alltagsbeispiel: Du liest einen Vertrag oder eine Rückmeldung und merkst, dass Du sie vor dem Hintergrund Deiner eigenen Erfahrungen liest.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Vorurteile öffnen das Verstehen

Gadamer wendet sich gegen die Annahme, Vorurteile seien nur Hindernisse. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy sind sie für ihn gerade das, was uns für die Sache öffnet, die wir verstehen wollen, und sie können im Verstehen selbst überprüft und geändert werden. Wenn Du eine neue Kollegin kennenlernst, urteilst Du schon vor dem ersten Gespräch ein wenig. Entscheidend ist, ob Du dieses Urteil durch das Gespräch ändern lässt.

Wirkungsgeschichte und Horizont

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein als das Bewusstsein davon, dass unser Verstehen von der Geschichte mitgeprägt wird. Der Horizont ist der Rahmen, aus dem heraus wir verstehen, und er ist nicht abgeschlossen. Wenn Du ein altes Firmenleitbild liest, liest Du es mit den Augen Deiner Zeit.

Verstehen als Gespräch und Horizontverschmelzung

Das Grundmodell des Verstehens ist bei Gadamer nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy das Gespräch, in dem man sich über eine Sache zu verständigen sucht. Dabei bildet sich ein gemeinsamer Rahmen, die sogenannte Horizontverschmelzung. Ein gutes Konfliktgespräch zeigt das: Am Ende steht oft eine Sicht, die keiner der beiden zu Beginn hatte.

Begriffe

philosophische Hermeneutik
Vorurteil als Vor-Urteil
Wirkungsgeschichte
Horizontverschmelzung
Gespräch
Sprachlichkeit des Verstehens

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 6 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Lehrer

Persönliches Lehrverhältnis: hat Gadamer unterrichtet.

  • Martin HeideggerPrüfstand: belegt

    Gadamer arbeitete als Heideggers Assistent in Marburg und habilitierte sich unter dessen Begleitung; Heideggers Denken prägte seine Hermeneutik.

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Jacques DerridaPrüfstand: belegt

    Gadamer und Derrida trafen 1981 in Paris zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zusammen. Es ging darum, ob erfolgreiches Verstehen zu einer bestimmten Bedeutung führt; Derrida bezweifelte das.

Kritisiert

Gadamer kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Wilhelm DiltheyPrüfstand: belegt

    Gadamers Hermeneutik entwickelte sich aus der Kritik an der älteren Hermeneutik von Schleiermacher und Dilthey, die vor allem nach einer Methode für die Geisteswissenschaften suchte. Zugleich gilt Diltheys Begriff der Wirkung nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy als Wurzel von Gadamers Wirkungsgeschichte.

Gegenseitige Kritik

Beide Seiten kritisieren Thesen der anderen.

  • Jürgen HabermasPrüfstand: belegt

    Gadamer und Habermas debattierten von 1967 bis 1971 öffentlich. Habermas wandte ein, Gadamers Bindung an die Autorität der Überlieferung lasse zu wenig Raum für Ideologiekritik, also für das Aufdecken verzerrter Überzeugungen. Gadamer erwiderte, gerade der Glaube an einen Standpunkt außerhalb jeder Überlieferung sei unkritisch, und Verstehen prüfe Vorurteile, statt sie blind anzunehmen.

Grundlage für

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Gadamer weiter, meist über Texte.

  • Paul RicœurPrüfstand: belegt

    Ricœur stimmte Gadamer zu, dass es bei der Auslegung um eine Aneignung geht, sah diese aber stärker auf Handeln in der Gegenwart gerichtet als auf Gadamers Aneignung der Überlieferung.

Untersucht

Gadamer untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.

  • untersucht PlatonPrüfstand: belegt

    Gadamer promovierte und habilitierte sich über Platon und las die Dialoge als Vorbild für Verstehen als Gespräch.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Gadamer arbeitete in Marburg als Assistent von Heidegger. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy war Heidegger bis 1925 kritisch gegenüber Gadamers philosophischen Fähigkeiten geworden, und Gadamer wandte sich daraufhin der klassischen Philologie zu. Heidegger war später einer der Prüfer im Staatsexamen 1927 und begleitete die Habilitation.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    In der Zeit des Nationalsozialismus gehörte Gadamer nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy dem Nationalsozialistischen Lehrerbund an, war aber nie Mitglied der Partei. Er passte sich nach eigener Darstellung widerwillig an und fiel durch keinen offenen Widerstand auf. Manche sehen diese Haltung als zu nachgiebig, andere meinen, er habe die Diktatur oder einzelne Seiten davon unterstützt; die Stanford Encyclopedia of Philosophy verweist auf die Debatte darüber.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Nach Wikipedia unterzeichnete Gadamer am 11. November 1933 das Bekenntnis der Professoren zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat und nahm im Oktober 1935 freiwillig an einem Dozentenlager des Nationalsozialistischen Dozentenbundes teil. Daraufhin erhielt er nach Wikipedia 1937 in Marburg den Titel eines nichtbeamteten außerordentlichen Professors, der ihm zuvor verweigert worden war.[4]

  • Geld belegt

    Der Druck von Gadamers Habilitationsschrift „Platos dialektische Ethik“ wurde 1931 von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft bezahlt.[4]

  • Zeitgeschehen belegt

    Nach dem Krieg wurde Gadamer 1945 Dekan der Philosophischen Fakultät und später Rektor der Universität Leipzig. Nachdem sich nach Wikipedia die Hoffnungen auf eine demokratische Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone zerschlagen hatten, suchte er eine Stelle im Westen und ging 1947 nach Frankfurt am Main. 1949 wurde er Nachfolger von Karl Jaspers in Heidelberg.[4]

Kritik

Auch Gadamers Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus wird bis heute unterschiedlich bewertet.

Wirkung heute

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt Gadamer die entscheidende Figur der Hermeneutik des 20. Jahrhunderts. Seine Gedanken zum Verstehen als Gespräch und zur Rolle von Vorurteilen werden bis heute in den Geistes- und Sozialwissenschaften diskutiert.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: In einem Feedbackgespräch bringst Du Deine eigene Geschichte und Deine Erwartungen mit, ob Du willst oder nicht. Mit Gadamer kannst Du fragen, welche Vorurteile Dich gerade für die Sache öffnen und welche Dich verschließen, und dann das Gespräch so führen, dass sich Deine Sicht ändern darf. Das ist eine Analogie und keine Aussage Gadamers über Führung.

Lebensstationen

  1. 1900Geburt in Marburg (11. Februar)
  2. 1922Promotion in Marburg mit einer Arbeit über Platon
  3. 1923Erste Begegnung mit Heidegger in Freiburg; danach Marburger Kreis um Heidegger
  4. 1939Leitung des Philosophischen Instituts der Universität Leipzig
  5. 1949Nachfolger von Karl Jaspers in Heidelberg
  6. 1960„Wahrheit und Methode“ erscheint
  7. 1968Emeritierung in Heidelberg; er lehrte weiter
  8. 2002Tod in Heidelberg (13. März)

Werke

Wahrheit und Methode (1960); Platos dialektische Ethik (1931); Plato und die Dichter (1934)

Lesetipps

Einstieg
Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode (1960); als Einstieg die Abschnitte über das Vorurteil und die Horizontverschmelzung.
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Hans-Georg Gadamer“ (Jeff Malpas) und „Hermeneutics“

Noch nicht sicher belegt

  • Zur Habilitation nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy 1928 als Jahr der Einreichung, die deutsche und die englische Wikipedia 1929 als Jahr der Habilitation. Beides wird so gelesen, dass er die Arbeit 1928 einreichte und 1929 habilitiert wurde; die Druckfassung erschien 1931. Für das Amt des Rektors in Leipzig nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy 1946, die deutsche Wikipedia „später bis 1947“; deshalb steht im Steckbrief kein Jahr. Dass „Plato und die Dichter“ ein Vortrag war, sagt nur die Zusammenfassung eines Fachaufsatzes auf PhilPapers; Anlass und Ort des Vortrags sind nicht geprüft. Der Verlag von „Wahrheit und Methode“ stammt nur aus einer Werkliste (Monoskop). Gadamers Verhalten im Nationalsozialismus bewertet die Forschung nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy unterschiedlich; die Einzelheiten zu den Jahren 1933 bis 1937 stehen nur bei Wikipedia. Die Auseinandersetzung mit Derrida ist als Kontakt und nicht als Streit eingetragen, weil nur Derridas Einwand als Kritik belegt ist; Gadamer nahm ihn nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy eher als Anstoß auf.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 1: Hermeneutik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Gadamer

  1. [1]Hans-Georg Gadamer, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Wilhelm Dilthey, Abschnitt 1.2 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Hans-Georg Gadamer, Abschnitt Zeit des Nationalsozialismus · Wikipedia
  5. [5]Hans-Georg Gadamer · Wikipedia
  6. [6]Wilhelm Dilthey · Wikipedia

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