Landkarte der Philosophie

Alasdair MacIntyre

1929–2025 · Glasgow, lehrte u. a. in Manchester, Oxford und Notre Dame (USA)

Strömung
Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik
Kants Fragen
Was soll ich tun? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Moralphilosoph, der mit After Virtue den Aristotelismus (mit Thomas von Aquin) in die moderne Debatte zurückholte.

Er baut auf Aristoteles und Thomas auf und führt Anscombes Kritik weiter. Seine Warnung, dass Geld, Macht und Status äußere Güter sind, die innere Güter verdrängen können, trifft Unternehmen und Führung ganz direkt.

Kernidee

MacIntyre sagt, die moderne Moral sei ein Trümmerfeld aus Bruchstücken einer früheren, aristotelischen Ordnung. Tugenden sind Eigenschaften, die uns befähigen, die inneren Güter einer Praxis zu erreichen, etwa Gerechtigkeit und Ehrlichkeit im Handwerk oder in der Medizin. Wer wissen will, was er tun soll, muss wissen, in welcher Geschichte er steht.

Bekannt für

After Virtue gilt als eines der wichtigsten Werke der englischsprachigen Moral- und Politikphilosophie des 20. Jahrhunderts.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Tugenden und Praktiken

Eine Praxis ist eine gemeinsame, anspruchsvolle Tätigkeit mit eigenen Maßstäben der Exzellenz, etwa Schach, Medizin oder Handwerk. Tugenden sind die Eigenschaften, ohne die man deren innere Güter nicht erreicht. Eine Chirurgin, die auf Anerkennung statt auf gute Operationen zielt, verliert genau das, was ihre Praxis ausmacht.

Innere und äußere Güter

Äußere Güter wie Geld, Macht und Status sind für Einzelne knapp, innere Güter einer Praxis nützen allen, die an ihr teilhaben. Institutionen brauchen äußere Güter, geraten aber in Gefahr, die Praktiken zu verdrängen, die sie tragen. Wenn eine Firma nur noch nach Quartalszahlen führt, leidet die Qualität der Arbeit, für die sie einmal gegründet wurde.

Narrative Einheit des Lebens

Ein Leben ist für MacIntyre eine Erzählung, in der wir Mitautoren sind, aber nicht die einzigen. Rollen, die man übernimmt, und Traditionen, in denen man steht, geben Handlungen erst ihren Sinn. Wer in einem Team arbeitet, übernimmt die Geschichte des Teams mit, auch wenn er sie nicht geschrieben hat.

Begriffe

Praktiken
Tugenden
innere und äußere Güter
Tradition
Erzählung des Lebens
Telos (Ziel)

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Dorothy Emmet: seine Philosophielehrerin in Manchester

Freunde

  • Herbert McCabe: Mitstudent in Manchester

Gegner

  • Liberalismus, Utilitarismus und Emotivismus: Zielscheiben seiner Kritik

Verbindungen im Netz

3 Verbindungen, davon 3 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Aristotelesungeprüft

    Er will die aristotelische Ethik mit ihrem Telos-Begriff in moderner Form wiederbeleben.

  • baut auf G. E. M. Anscombe (Elizabeth Anscombe)ungeprüft

    MacIntyres After Virtue greift Themen aus Anscombes Aufsatz auf.

  • baut auf Thomas von Aquinungeprüft

    Er sieht in den Schriften des Thomas die Erfüllung der aristotelischen Ethik.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Er kam aus einer marxistischen Prägung und wandte sich später dem Aristotelismus und dem Katholizismus zu. Er beschrieb sich als „revolutionären Aristoteliker“, der Einsichten aus seiner marxistischen Vergangenheit mit denen von Thomas und Aristoteles verband.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Er schrieb in einer Zeit, in der Kantianismus und Utilitarismus die Debatte beherrschten. Der Theologe Stanley Hauerwas sieht eine Wende zu Thomas zwischen After Virtue und Whose Justice? Which Rationality?, MacIntyre selbst nennt Faktoren für diese Wende.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Er war ein „intellectual nomad“, der an vielen Universitäten lehrte, zuletzt in Notre Dame, einer katholischen Hochschule. Das mag seine Hinwendung zum Thomismus gefördert haben, ob es sie verursachte, ist offen.[1]

Kritik

In meinen abgerufenen Quellen steht als deutlichster Einwand seine eigene Korrektur: Im Vorwort zu Dependent Rational Animals räumt er ein, sich geirrt zu haben, als er eine Ethik ohne Biologie für möglich hielt. Bei der Wende zu Thomas weist Hauerwas auf einen Wandel seiner Sicht hin. Darüber hinausgehende Kritikerlisten wurden nicht abgerufen.

Wirkung heute

Seine Unterscheidung von inneren und äußeren Gütern ist in der Wirtschafts- und Berufsethik ein verbreitetes Werkzeug. Auch seine Frage nach der Geschichte, in der wir stehen, taugt für jede Organisationsentwicklung.

Brücke zu Führung und Coaching

MacIntyre würde fragen, welche Praxis dein Team eigentlich ausübt und welche inneren Güter sie hat. Schreib auf, woran jemand erkennt, dass bei euch gute Arbeit geleistet wurde, und vergleiche es mit dem, wonach du es messen lässt. Wo beides auseinanderfällt, wirken äußere Güter gegen die Arbeit.

Zitate

„Ich kann die Frage „Was soll ich tun?“ nur beantworten, wenn ich die vorgängige Frage beantworten kann: „Von welcher Geschichte oder welchen Geschichten bin ich ein Teil?““

Alasdair MacIntyre, After Virtue (1981), Kap. 15, S. 216 (2. Aufl.)

Lebensstationen

  1. 1929Geboren am 12. Januar in Glasgow
  2. 1951Beginn der Lehrtätigkeit in Manchester
  3. 1969Übersiedlung in die USA (um)
  4. 1981After Virtue erscheint
  5. 1999Dependent Rational Animals: er verankert die Tugenden in der Biologie
  6. 2025Tod am 21. Mai in South Bend, Indiana

Werke

After Virtue (1981, dt. Der Verlust der Tugend, 1987)

Whose Justice? Which Rationality? (1988)

Three Rival Versions of Moral Enquiry (1990)

Dependent Rational Animals (1999)

außerdem Marxism: An Interpretation und Notes from the Moral Wilderness.

Anekdote belegt

Seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung, „Analogy in Metaphysics“, schrieb er, bevor er 22 wurde. Mehr als siebzig Jahre später veröffentlichte er mit 93 noch immer.[3]

Lesetipps

Einstieg
Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend: Zur moralischen Krise der Gegenwart, übers. von Wolfgang Riehl (Frankfurt: Campus, 1987). Das Hauptwerk, dessen Eingangsgleichnis von der zerstörten Wissenschaft den Ton setzt.
Vertiefung
Kapitelführer zu After Virtue (The New Atlantis, 2012, als PDF): fasst jedes Kapitel kurz zusammen. Ein Einführungsbuch wurde nicht bestätigt.

Noch nicht sicher belegt

  • Ob er noch lebt: nein, gestorben am 21. Mai 2025 in South Bend, Indiana, mit 96 Jahren (Wikipedia, Britannica, Word on Fire, OSV News, Duke University; ein NYT-Nachruf vom 2. Juni 2025 wird dort zitiert, nicht abgerufen). Der SEP-Link existiert nicht (404), Grundlage sind Wikipedia und Britannica. Das Zitat folgt der englischen Ausgabe (Kap. 15, S. 216 laut Kapitelführer und Rezension), die deutsche Fassung ist meine Übersetzung, nicht die Riehl-Übersetzung. Jahre 1951 und um 1969 nach Wikipedia. Die Beispiele (Chirurgin, Firma mit Quartalszahlen) sind meine Anwendungen.

Wege durchs Netz

  • Die Rückkehr der Tugend

    MacIntyre: Ich weiß erst, was ich tun soll, wenn ich weiß, von welcher Geschichte ich ein Teil bin.

Herkunft der Daten: Klassisches Athen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu MacIntyre

  1. [1]Alasdair MacIntyre, Wikipedia · Wikipedia
  2. [2]Britannica: Alasdair MacIntyre · Britannica
  3. [3]Remembering Alasdair MacIntyre, Word on Fire · Webseite
  4. [4]osvnews.com/alasdair-macintyre-renowned-catholic-moral-philosopher-who-wrote-after-virtue-dies-at-96 · Webseite
  5. [5]philosophy.duke.edu/news/alasdair-macintyre-professor-emeritus-1929-2025 · Webseite
  6. [6]macintyreanenquiry.org/books-by-macintyre · Webseite
  7. [7]thenewatlantis.com/wp-content/uploads/legacy-pdfs/20120203_AfterVirtuechaptersummary.pdf · Webseite

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