Landkarte der Philosophie

Christine de Pizan

1364–um 1430 · Venedig, Paris, Poissy

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Hofautorin am französischen Königshof, die Boethius und Thomas von Aquin in der Volkssprache verarbeitet und als erste Frau Europas von ihrer Schrift lebt und dabei die Gleichwertigkeit von Frauen philosophisch und theologisch verteidigt.

Christine ist nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy eine Denkerin, die mit Boethius und Aquin als Bezugspunkten philosophisch schreibt, und führt die mittelalterliche Debatte um die Tugenden von Mann und Frau im Gespräch mit Aristoteles weiter. Sie bildet mit Hildegard, Porete und Héloïse die Gruppe der Denkerinnen des Moduls.

Kernidee

Christine zeigt, dass Männer und Frauen nach Gottes Bild geschaffen sind und beide eine Seele haben, die das Gute lieben kann. Die Vorurteile gegen Frauen halten sich nur, solange Frauen vom Gespräch ausgeschlossen sind. Zugleich schreibt sie über gutes Regieren: Gerechtigkeit, Rat von Klügeren und Frieden statt Spaltung.

Bekannt für

Man kennt Christine als Verfasserin des Buchs von der Stadt der Frauen, in dem sie eine Stadt aus Beispielen kluger und tapferer Frauen baut. Sie gilt als die erste Frau Europas, die von ihrem Schreiben lebte, und ihr Streit mit den Verehrern des Rosenromans war der erste große Pariser Literatenstreit.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die Stadt der Frauen

Im Dialog mit den Figuren Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit baut Christine eine Stadt, deren Bausteine kluge Frauen aus Bibel, Antike und Geschichte sind. Sie zeigt, dass Vorurteile über Frauen sich nur halten, solange Frauen nicht am Gespräch teilnehmen, und stützt sich darauf, dass beide Geschlechter nach Gottes Bild geschaffen sind. Ein Team, dessen Besprechungen nur von denselben Stimmen getragen werden, bestätigt auf diese Weise ständig seine eigenen Vorurteile.

Tugenden von Mann und Frau

Christine greift die mittelalterliche Debatte auf, ob Frauen und Männer unterschiedliche Tugenden haben, und widerspricht der aristotelischen Abwertung der Frau mit dem Gedanken gleicher Gottebenbildlichkeit. Im Buch der drei Tugenden fordert sie Bildung für Frauen und zeigt, wie sie durch kluges Sprechen und Schreiben ihren Platz gestalten können. Wer Talente im Unternehmen nur nach Rolle oder Geschlecht einsetzt, verschenkt genau die Fähigkeiten, die Christine meint.

Gutes Regieren und Frieden

In ihrem Buch vom Frieden rät sie dem Thronfolger, Recht schnell zu sprechen, durch Vorbild zu überzeugen und auf Ältere und Klügere zu hören. Sie warnt, dass ein in sich gespaltenes Reich nicht bestehen kann. Eine Führungskraft, die Konflikte zwischen zwei Abteilungen laufen lässt, erlebt dasselbe im Kleinen.

Begriffe

Stadt der Frauen
Vernunft
Rechtschaffenheit
Gerechtigkeit
Fürstenspiegel
Querelle du Roman de la Rose

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Tommaso da Pizzano: ihr Vater, Arzt und Astrologe, der ihr Latein, Geometrie und Arithmetik beibrachte

Freunde

  • Jean Gerson: Kanzler der Universität Paris, der sie im Streit um den Rosenroman unterstützte

Gegner

  • Jean de Montreuil: königlicher Sekretär, der den Rosenroman verteidigte
  • Jean de Meun: Verfasser des Rosenromans, dessen Frauenbild sie als verleumderisch angriff

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen, davon 1 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Anicius Manlius Severinus BoethiusDeutung

    Die SEP nennt Boethius und Aquin als Bezugspunkte ihres philosophischen Schreibens.

  • baut auf Augustinus von HippoDeutung

    Im Buch der drei Tugenden verweist sie auf Augustinus, um zu zeigen, wie die Edelfrau Gottes Liebe erlangt (en.wikipedia).

  • baut auf Thomas von AquinDeutung

    Dieselbe SEP-Stelle (König-Pralong 2012) nennt Aquin als Bezugspunkt.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • gegenseitige Kritik mit Aristotelesungeprüft

    Ihre Debatte über die Tugenden von Mann und Frau steht im Kontext der aristotelischen Tugendethik und seiner Sicht auf Frauen (en.wikipedia).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    Nach dem Tod ihres Mannes musste Christine ihre Mutter und ihre Kinder versorgen und kämpfte in langen Prozessen um ausstehende Zahlungen. Das Schreiben wurde so zur Grundlage ihres Einkommens, was ihre Themenwahl und Widmungen geprägt haben kann.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Christine hatte keinen einzigen dauerhaften Gönner, sondern schrieb für Herzöge und Königin aus verfeindeten Lagern wie Burgund und Orléans und widmete ihre Bücher mehrfach neu. Die Wahl ihrer Widmungen und Töne hing damit von Hofgunst und Aufträgen ab.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Ihr Werk entsteht im Hundertjährigen Krieg, unter dem zeitweise geistesgestörten König Karl VI. und im Bürgerkrieg zwischen Burgundern und Armagnacs. Ihre Fürstenspiegel und ihr Friedensbuch reagieren darauf, und die letzten Jahre verbrachte sie zurückgezogen im Kloster Poissy.[3]

Kritik

Die deutsche Wikipedia hält fest, dass Christine noch keine Pionierin des modernen Feminismus war: Sie leitet Frauen eher pragmatisch an, reale Möglichkeiten klug auszuschöpfen. Sie sah im Königtum der französischen Dynastie das aristotelische Ideal verwirklicht und schrieb für zahlende Gönner des Hofs. Ihre Stärke liegt darin, dass sie die Stimme von Frauen öffentlich einsetzte (die „parole féminine“).

Wirkung heute

Christines Werk gilt als frühe Verteidigung weiblicher Bildung und Stimme, und ihre Bilder von der Stadt der Frauen werden in Feminismus, Literatur und Politik weiter genutzt. Ihre Fürstenspiegel zeigen, wie sich Ratschläge für gutes Regieren in der Volkssprache an Praktiker richten.

Brücke zu Führung und Coaching

Christine fragt nach, wer in einer Runde überhaupt spricht und wessen Beispiele als Beleg gelten. Zähle in deiner nächsten Teambesprechung, wessen Stimmen vorkommen, und frage dich, wessen Erfahrung bisher nicht als Beweis galt. Und wenn zwei Lager in deinem Bereich streiten: Welches Angebot zur Vermittlung machst du, bevor das Haus gespalten ist?

Lebensstationen

  1. 1364Geburt in Venedig als Tochter des Astrologen und Arztes Tommaso da Pizzano
  2. 1368Umzug nach Paris, weil ihr Vater Hofastrologe König Karls V. wird
  3. 1379Heirat mit dem königlichen Sekretär Étienne du Castel
  4. 1389Tod des Mannes (die deutsche Wikipedia nennt 1390), danach Prozesse ums Erbe und Beginn des Schreibens für den Hof
  5. 1405Vollendung des Buchs von der Stadt der Frauen und des Buchs der drei Tugenden
  6. 1429Ditié de Jehanne d'Arc, ihr letztes datierbares Werk; Tod um 1430, wohl in Poissy

Werke

L'Épistre Othéa (1400)

Le Livre de la Mutation de Fortune (1403)

Le Livre des fais et bonnes meurs du sage roy Charles V (1404)

Le Livre de la cité des dames und Le Livre des trois vertus (beide 1405)

Livre du Corps de policie (1407)

Livre des fais d'armes (1410)

Livre de la paix (1413)

Ditié de Jehanne d'Arc (1429)

Anekdote belegt

Im Sommer 1429 schrieb Christine nach etwa elf Jahren literarischen Schweigens im Kloster Poissy das Ditié de Jehanne d'Arc, wenige Tage nach der Krönung Karls VII. in Reims. Sie deutet Jeanne darin als Erfüllung alter Prophezeiungen.[2]

Lesetipps

Einstieg
Christine de Pizan: Das Buch von der Stadt der Frauen, herausgegeben und aus dem Mittelfranzösischen übersetzt von Margarete Zimmermann (AvivA Verlag, Berlin 2023), eine neuere Übersetzung des Hauptwerks.
Vertiefung
Margarete Zimmermann: Christine de Pizan (Rowohlt, Reinbek 2002).

Noch nicht sicher belegt

  • Es gibt keinen eigenen SEP-Eintrag; die philosophische Einordnung stützt sich auf SEP „Medieval Philosophy“. Todesjahr: um 1430, de.wikipedia nennt „nach 1430, vermutlich in Poissy“. Das Todesjahr des Ehemanns ist uneinheitlich (1389 in der englischen, 1390 in der deutschen Wikipedia). Prüfer M4: Zitat auf null gesetzt, weil die deutsche Wikipedia die Stelle nur mit Seitenzahl (S. 218) und ohne Ausgabe oder Übersetzer belegt. Der Satz zur Kritik fasst die Einordnung der deutschen Wikipedia zusammen (keine Pionierin des modernen Feminismus, parole féminine); die frühere Aussage, sie habe die erbliche Monarchie bevorzugt, stand so in keiner Quelle und wurde durch die Formulierung der englischen Wikipedia ersetzt. Lesetipps per Verlags- und Katalogseiten bestätigt (AvivA 2023, Rowohlt 2002).

Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Chr. de Pizan

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: medieval-philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia, Christine de Pizan (en) · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia, Christine de Pizan (de) · Wikipedia

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