Harry G. Frankfurt
Philosoph · 1929–2023 · Princeton
- Kapitel
- Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Bist du frei, wenn du tust, was du willst, aber eigentlich etwas anderes wollen möchtest?
- Position
- Frankfurt unterscheidet Wünsche erster Stufe (etwa Lust auf Kuchen) von Wünschen zweiter Stufe (etwa den Wunsch, dass dich lieber die Lust auf Gesundes leitet). Aus freiem Willen handelst du, wenn dein wirksamer Wunsch der ist, den du als handlungsleitend haben willst. Deshalb nimmt der unwillige Süchtige seine Droge nach Frankfurt nicht aus freiem Willen, der willige Süchtige, der seine Sucht bejaht, dagegen schon.
- Einwand
- Gary Watson wendet ein, dass man sich auch von Wünschen höherer Stufe entfremden kann, sodass das Problem auf jeder Stufe wiederkehrt. Andere, darunter Fischer und Ravizza, halten dagegen, dass es auch darauf ankommt, wie die Übereinstimmung entstanden ist, etwa bei Manipulation.
- Verbindung
- Im Freiheitsvergleich steht Frankfurt neben Hobbes, für den Freiheit heißt, ungehindert zu tun, was man will; Frankfurt fragt zusätzlich, ob dein Wille der ist, den du haben willst, und erfasst so innere Zwänge wie eine Sucht. Die Gegenüberstellung ist redaktionell, und eine weitere Brücke führt zu Berlin mit der Frage, ob Freiheit mehr ist als das Fehlen äußerer Hindernisse.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Kommt in diesen Denkwegen vor
US-amerikanischer Philosoph, der Willensfreiheit über Wünsche über Wünsche erklärt und mit seinen Gedankenexperimenten die Debatte um Verantwortung veränderte.
Im Netz steht Frankfurt neben Hobbes und Hume, die als klassische Kompatibilisten Freiheit als ungehindertes Tun des Gewollten verstanden. Nach dem Stanford-Eintrag zum Kompatibilismus lässt sich seine Theorie als Weiterentwicklung dieser Linie lesen, die zusätzlich innere Zwänge wie eine Sucht erfasst; ein direkter Einfluss von Hobbes oder Hume auf Frankfurt ist damit nicht behauptet.
Kernidee
Frankfurt sagt, dass du aus freiem Willen handelst, wenn dein Handeln aus dem Willen kommt, den du auch haben willst. Dazu brauchst du Wünsche zweiter Stufe, also Wünsche über deine eigenen Wünsche, mit denen du dich auf die Seite eines deiner Wünsche stellst und dich mit ihm identifizierst. Freiheit hängt für ihn deshalb weniger an offenen Alternativen als daran, ob du dich im eigenen Wollen wiederfindest.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Frankfurt kam in einem Heim für unverheiratete Mütter in Langhorne, Pennsylvania, zur Welt und kannte seine leiblichen Eltern nicht. Kurz nach der Geburt adoptierte ihn eine jüdische Familie aus der Mittelschicht und gab ihm den Namen Harry Gordon Frankfurt. Ob dieses Ereignis sein Denken über Willen und Identifikation geprägt hat, ist nicht belegt.[3]
Fundstelle: Abschnitt Early life
Bekannt für
Frankfurt wurde mit der Analyse des Willens bekannt, die zwischen Wünschen erster und zweiter Stufe unterscheidet, und mit den Frankfurt-Fällen von 1969. Ein breites Publikum kennt ihn durch den Essay On Bullshit, der zum Bestseller wurde.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Wünsche zweiter Stufe und der freie Wille
Ein Wunsch erster Stufe richtet sich auf eine Handlung, ein Wunsch zweiter Stufe auf einen Wunsch. Nach Frankfurt handelt jemand aus freiem Willen, wenn sein Handeln aus dem Willen kommt, den er haben will. Dazu gehören sogenannte Volitionen zweiter Stufe, also der Wunsch, dass ein bestimmter Wunsch auch wirklich handlungswirksam wird. Übertragen auf heute: Wenn du jeden Abend Mails liest, obwohl du nicht willst, dass dieser Drang dein Handeln bestimmt, tust du zwar, was dich gerade treibt, aber nach Frankfurt nicht aus freiem Willen.
Frankfurt-Fälle: Verantwortung ohne Alternativen
Das Prinzip der alternativen Möglichkeiten besagt, dass du nur verantwortlich bist, wenn du anders hättest handeln können. Frankfurt zeigt an Gedankenexperimenten, dass jemand verantwortlich sein kann, obwohl ein heimlicher Eingriff ihn im Notfall zur selben Tat gebracht hätte, der aber nie nötig wurde. Entscheidend ist dann, dass er die Tat aus eigenem Willen beging. Übertragen auf heute: Trifft eine Mitarbeiterin eine Entscheidung aus eigenem Antrieb, trägt sie dafür Verantwortung, auch wenn ihr Chef sie im Hintergrund zur selben Entscheidung gedrängt hätte, falls sie geschwankt hätte.
Fürsorge und Genug statt Gleichheit
Frankfurt meint, dass uns wichtig wird, worum wir uns sorgen, und dass dieses Sorgen unseren Charakter zeigt. Später schreibt er über die Liebe als Quelle von Gründen (The Reasons of Love, 2004) und lehnt wirtschaftliche Gleichheit als eigenständiges Ideal ab. Nach seiner Lehre vom Genug kommt es darauf an, dass jeder genug für ein gutes Leben hat, und Unterschiede darüber hinaus sind für ihn moralisch nicht an sich bedeutsam. Übertragen auf heute: Statt Gehälter nur zu vergleichen, kannst du fragen, ob jeder im Team genug hat, um gut zu arbeiten und zu leben.
Begriffe
- Wünsche zweiter Stufe
- Identifikation
- Frankfurt-Fälle
- Prinzip der alternativen Möglichkeiten
- Fürsorge
- Genug statt Gleichheit
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Untersucht
Frankfurt untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht René DescartesPrüfstand: Deutung
Frankfurt untersuchte Descartes' Rationalismus (Demons, Dreamers and Madmen, 1970) und war unter Fachleuten zeitweise vor allem dafür bekannt (Wikipedia en, Career); er übernimmt dessen Position nicht.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
David HumePrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Hume zählt nach SEP Compatibilism § 2 zu den klassischen Kompatibilisten; Frankfurts Identifikationstheorie gilt nach SEP Free Will § 2.4 als Antwort auf deren unbefriedigende Deutung der Selbstbestimmung. Ein direkter Einfluss ist nicht belegt.
Thomas HobbesPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Hobbes versteht Freiheit als Fehlen äußerer Hindernisse für das Gewollte; SEP Compatibilism § 4.2 liest Frankfurts hierarchische Theorie als Weiterentwicklung dieses klassischen Kompatibilismus, die auch innere Zwänge wie Sucht erfasst. Ein direkter Einfluss ist nicht belegt.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Frankfurt wuchs bei seinen Adoptiveltern, einer Klavierlehrerin und einem Buchhalter, in Brooklyn und Baltimore auf.[3]
Abhängigkeit belegt
Frankfurt lehrte an der Ohio State University, in Binghamton, an der Rockefeller University (bis deren philosophische Abteilung 1976 geschlossen wurde), in Yale und in Princeton.[3]
Biografie belegt
Seine Mutter gab ihm früh Klavierunterricht und hoffte, er werde Konzertpianist, ihr zweiter Wunsch war ein Rabbiner. Professor der Philosophie war für sie nach Frankfurts Worten nah genug an diesem Wunsch. Er blieb zeitlebens Amateurpianist.[3]
Kritik
Gary Watson hielt dagegen, dass man sich auch von Wünschen zweiter und höherer Stufe entfremden kann, sodass die Frage immer wiederkehrt. Außerdem berücksichtigt die Theorie nicht, wie die Übereinstimmung der Wünsche entstand, etwa durch Hypnose oder Manipulation (Slote, Fischer und Ravizza). Gegen die Frankfurt-Fälle wenden Widerker, Ginet und Kane ein, dass sie bei deterministischem Aufbau Gegner des Kompatibilismus nicht überzeugen und bei offenem Aufbau doch eine Alternative übrig lassen.
Wirkung heute
Frankfurts Theorie gilt nach Wikipedia als die vielleicht einflussreichste Fassung des Kompatibilismus, und mit seiner Arbeit von 1971 beginnen nach dem Stanford-Eintrag zur Willensfreiheit die Identifikationstheorien der Selbstbestimmung. Um seine Frankfurt-Fälle ist eine umfangreiche Fachliteratur entstanden, und die Debatte darüber, ob Verantwortung Alternativen verlangt, ist nicht entschieden.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Frankfurts Unterscheidung kann dir helfen, im Gespräch nicht nur zu fragen, was jemand tut, sondern ob er es auch so wollen will. Frag etwa: Wolltest du das so entscheiden, oder hat es sich durch die Umstände ergeben? Ein Team, das ständig Dringendes erledigt, hat vielleicht nie gewählt, was es für wichtig hält, und genau darüber kannst du mit ihm reden. Das ist eine Analogie, denn Frankfurt schreibt über Willensfreiheit und Verantwortung.
Lebensstationen
- 1929Geboren in Langhorne, Pennsylvania, und kurz darauf adoptiert
- 1954Promotion in Philosophie an der Johns Hopkins University
- 1956Assistant Professor an der Ohio State University
- 1978Vorsitzender der Philosophie an der Yale University bis 1987
- 1990Wechsel an die Princeton University, bis 2002
- 2023Tod in Santa Monica, Kalifornien
Werke
Alternate Possibilities and Moral Responsibility (1969); Freedom of the Will and the Concept of a Person (1971); The Importance of What We Care About (1988); The Reasons of Love (2004); On Bullshit (2005); On Inequality (2015)
Anekdote belegt
Frankfurts Essay über Bullshit erschien 1986 als Aufsatz und wurde 2005 als Buch unerwartet zum Bestseller. Frankfurt trat danach in Medien wie der Daily Show mit Jon Stewart auf.[3]
Lesetipps
- Einstieg
- Harry G. Frankfurt: Freiheit und Selbstbestimmung, hg. von M. Betzler und B. Guckes (Berlin: Akademie Verlag, 2001), darin der Aufsatz Willensfreiheit und der Begriff der Person. Für Gleichheit: Ungleichheit. Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen (Suhrkamp, 2016).
- Vertiefung
- Michael H. Bischof: Kann ein Konzept der Willensfreiheit auf das Prinzip der alternativen Möglichkeiten verzichten? Harry G. Frankfurts Kritik am PAP, Zeitschrift für philosophische Forschung (Heft 4/2004)
Noch nicht sicher belegt
- Ein Zitat fehlt bewusst, weil keine belegte Stelle mit deutscher Übersetzung abgerufen wurde. Die Verbindungen zu Hobbes und Hume sind Vergleiche der Redaktion: Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt Frankfurts Theorie als Weiterentwicklung des klassischen Kompatibilismus, nennt aber keinen direkten Einfluss. Die Verbindung zu Descartes bedeutet Untersuchung, nicht Übernahme. Die Einwände von Watson, Slote sowie Fischer und Ravizza stehen in der Stanford Encyclopedia (Artikel Compatibilism, § 4.2.2), der Dilemma-Einwand von Widerker, Ginet und Kane im Artikel Free Will, § 2.3. Ein Einfluss der Adoption auf sein Denken ist nicht belegt, sie ist nur als Lebensereignis genannt. Die Lesetipps beruhen auf den Literaturlisten der deutschen und der englischen Wikipedia. Das Kuchen-Beispiel ist eine Veranschaulichung der Redaktion nach der englischen Wikipedia.
Herkunft der Daten: Runde 2: fehlende Protagonisten und neue Perspektiven (Gegenwart). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Frankfurt
- [1]Free Will · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
- [2]Compatibilism · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
- [3]Harry G. Frankfurt – Wikipedia (en)
- [4]Harry G. Frankfurt · Wikipedia