Landkarte der Philosophie

David Hume

1711–1776 · Edinburgh

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Kants Fragen
Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der schottische Skeptiker, der die Gewissheit über Ursache und Wirkung erschütterte und Kant nach dessen eigenen Worten aus dem dogmatischen Schlummer (Kants Bild dafür, dass er Annahmen der Religion und der Naturphilosophie bis dahin ungeprüft übernommen hatte) weckte.

Hume ist die Wurzel von Kants Fragen: Er zeigt, dass Erfahrung allein keine Notwendigkeit liefert, und Kant antwortet darauf mit der Kritik der reinen Vernunft. Hamann und Maimon (ein jüdischer Philosoph der Aufklärung, der Kants Hauptwerk kritisierte) greifen seinen Skeptizismus auf, mit Rousseau verbindet ihn ein berühmter Bruch: Hume holte den verfolgten Rousseau 1766 nach England, der aber wenige Monate später aus Misstrauen floh und den Streit öffentlich austrug.

Kernidee

Hume sagt, alles Wissen über die Welt stamme aus Erfahrung, und in der Erfahrung finden wir nie eine notwendige Verbindung zwischen Ursache und Wirkung, sondern nur, dass B regelmäßig auf A folgt. Dass wir trotzdem Ursachen sehen, liegt an der Gewohnheit unseres Geistes. Auch ein festes Ich finden wir nicht, sondern nur eine Folge von Wahrnehmungen.

Bekannt für

Hume ist bekannt für die These, dass wir Kausalität nur aus Gewohnheit annehmen: Dass die Sonne morgen aufgeht, folgt aus keiner Logik, sondern aus bisheriger Erfahrung. Berühmt ist auch seine Wunderkritik: Kein Zeugnis reicht aus, ein Wunder zu belegen, es sei denn, seine Falschheit wäre noch wunderbarer als das berichtete Ereignis.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Kausalität als Gewohnheit

Hume sucht den Eindruck, der unserer Idee einer notwendigen Verknüpfung von Ursache und Wirkung entspricht, und findet nur Nähe und zeitliche Aufeinanderfolge. Die Erwartung, dass B auf A folgt, entsteht im Geist durch Gewöhnung, nicht aus einem Blick auf die Sache selbst. Wenn Dein Quartalsende bisher jedes Mal Stress bedeutete, erwartest Du ihn auch diesmal, aber bewiesen ist damit nichts.

Das Induktionsproblem

Kein Argument kann zeigen, dass die Zukunft der Vergangenheit gleicht, denn jeder solche Schluss setzt das schon voraus. Aus Erfahrung zu lernen ist praktisch klug, lässt sich aber nicht vernünftig begründen, so Hume im Treatise (seinem Erstlingswerk von 1739/40) und in der Enquiry (der späteren, überarbeiteten Darstellung von 1748). Wenn ein Kunde dreimal pünktlich gezahlt hat, ist das eine gute Wette auf das vierte Mal und kein Beweis.

Das Ich als Bündel

Wenn Hume in sich hineinschaut, findet er nie ein festes Ich, sondern nur wechselnde Wahrnehmungen, ein Bündel davon. Er selbst zweifelte im Anhang des Treatise an dieser Erklärung. Wer im Feedbackgespräch sagt „So bin ich eben“, behauptet ein festes Ich, das Hume nicht finden konnte, und Verhalten lässt sich ändern, weil es eine Abfolge ist.

Begriffe

Eindruck und Idee
: Wahrnehmungen teilt er in lebhafte Eindrücke (Sehen, Hören, Fühlen) und deren blassere Abbilder, die Ideen (Erinnern, Denken); jede Idee lässt sich auf Eindrücke zurückführen
Kausalität als Gewohnheit
: die notwendige Verbindung zwischen Ursache und Wirkung ist nicht beobachtbar; sie entsteht im Geist, weil wiederholte Abfolgen eine Erwartung formen
Induktionsproblem
: Schlüsse von Vergangenem auf Künftiges setzen voraus, dass die Zukunft der Vergangenheit gleicht; das lässt sich vernünftig nicht begründen, nur durch Gewohnheit erklären
Bündeltheorie des Selbst
: das Ich ist kein festes Ding, sondern ein Bündel oder eine Abfolge von Wahrnehmungen, die Erinnerung und Assoziation verknüpfen
Sein und Sollen
: aus Aussagen darüber, wie etwas ist, folgt nicht, wie es sein soll; Moral beruht bei ihm auf Gefühlen wie Mitgefühl, nicht allein auf Vernunft
Skeptizismus
: Zweifel an Gewissheit; die Außenwelt lässt sich bei ihm nicht rational beweisen, wird aber unvermeidlich geglaubt, und in der Enquiry vertritt er eine gemäßigte Form
Sein-Sollen-Lücke
: aus Tatsachen allein folgt noch keine Moral
Eindrücke und Ideen
: Wahrnehmungen und ihre blasseren Erinnerungsbilder

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Autodidakt: ging mit etwa elf Jahren an die Universität Edinburgh, verließ sie mit etwa fünfzehn und arbeitete sich selbst durch die Philosophie

Schüler

  • Immanuel Kant: nennt Humes Einwand den Anstoß, der ihn aus dem dogmatischen Schlummer weckte

Freunde

  • William Strahan: Verleger und Briefpartner
  • Hugh Blair: Briefpartner in Edinburgh
  • Gilbert Elliot of Minto: Briefpartner

Gegner

  • Thomas Reid: Kritik am Treatise aus der schottischen Common-Sense-Schule
  • James Beattie: Kritik am Treatise, von Hume scharf abgetan
  • Jean-Jacques Rousseau: Bruch 1766 nach Humes Einladung nach England
  • William Warburton: Bischof, dessen Druck 1757 zur Zensur zweier Essays führte

Verbindungen im Netz

19 Verbindungen, davon 8 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Cesare BeccariaDeutung

    Beccaria begründet die rasche Strafe mit der Assoziationslehre, für die Wikipedia auf Humes Induktionsproblem verweist.

  • Grundlage für Derek ParfitDeutung

    Britannica: Parfit folgt Hume mit der These, dass es kein einheitliches Selbst gibt.

  • baut auf Francis BaconDeutung

    Kuno Fischer sieht in Bacons Philosophie den Skeptizismus Humes angelegt (nach der deutschen Wikipedia).

  • baut auf George BerkeleyDeutung

    Laut Wikipedia haben Berkeleys Werke Denker wie Kant und Hume tief beeinflusst.

  • Grundlage für Immanuel Kantungeprüft

    Kant sagt, Humes Einwand habe ihn aus dem dogmatischen Schlummer geweckt (Prolegomena, Akademie-Ausgabe IV, 260).

  • Grundlage für Jeremy BenthamDeutung

    Hume gilt neben Helvétius als Einfluss auf Benthams Denken

  • Grundlage für Johann Georg Hamannungeprüft

    Hamann liest Hume früh und überträgt dessen Satz über den Glauben auf die Religion.

  • baut auf John Lockeungeprüft

    führt den Empirismus konsequenter weiter

  • Grundlage für John Stuart Millungeprüft

    Empiristische Tradition, laut SEP ein Empirist

  • Grundlage für Salomon Maimonungeprüft

    Maimon teilt Humes Zweifel an Erfahrung und nennt sich einen empirischen Skeptiker.

  • Grundlage für William GodwinDeutung

    Seine Ansicht, dass jede Regierung auf Meinung gründet, erweitert nach der SEP (William Godwin) teilweise einen Satz Humes.

  • Grundlage für William Jamesungeprüft

    Empiristische Tradition, in der Literatur üblich

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jean-Jacques Rousseauungeprüft

    Hume nahm Rousseau 1766 in England auf, danach zerbrach die Freundschaft in öffentlichem Streit.

  • wird kritisiert von Mary ShepherdDeutung

    Sie verwirft Humes Kausalität als Gewohnheit (SEP Abschn. 2).

  • wird kritisiert von Thomas ReidDeutung

    Reid kritisiert nach dem SEP besonders Humes Skepsis und seine Lehre von der Kausalität.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Adam FergusonDeutung

    Ferguson folgte Hume 1757 als Bibliothekar der Advocates' Library und war mit ihm befreundet.

  • persönlich verbunden mit Adam SmithDeutung

    enger Freund, Moralphilosophie des Gefühls

  • persönlich verbunden mit Francis HutchesonDeutung

    Hume bat Hutcheson um sein Urteil zum Moralteil des Treatise, und Hutcheson widersprach Humes Rückgriff auf Mitgefühl als Antrieb.

  • persönlich verbunden mit Jean-Jacques Rousseauungeprüft

    folgte 1766 dessen Einladung nach England

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Hume bewarb sich 1745 um den Lehrstuhl für Ethik in Edinburgh, wurde aber öffentlich als Skeptiker und Atheist angegriffen und scheiterte; 1751 misslang auch die Bewerbung um den Logik-Lehrstuhl in Glasgow. Er verdiente sich seinen Unterhalt anders und wurde 1752 Bibliothekar der Anwaltsbibliothek in Edinburgh.[1]

  • Geld belegt

    Mit der History of England (einem Geschichtswerk in sechs Bänden, das 1603 mit dem Haus Stuart einsetzte) wurde Hume erfolgreich und wohlhabend; seine jährlichen Einkünfte stiegen bis 1769 auf rund 1000 Pfund Sterling. Dieser Erfolg als Historiker war größer als der seiner philosophischen Schriften.[2]

  • Biografie belegt

    In seinem Essay „Of National Characters“ steht seit 1753 eine Fußnote, die Schwarze als von Natur aus den Weißen unterlegen darstellt. Die Forschung nennt sie schockierend und rätselhaft und streitet darüber, ob sie Humes wahre Ansicht ist; zudem gibt es Hinweise, dass er Freunde bei Investitionen in eine Sklavenplantage ermutigte und unterstützte.[3]

Kritik

Reid und Beattie (zwei schottische Philosophen, die den gesunden Menschenverstand als Grundlage des Wissens verteidigten) warfen der skeptischen Philosophie vor, den gesunden Menschenverstand zu untergraben. Kant hielt Humes Folgerungen für falsch, weil Hume nur einen Teil des Problems gesehen habe, und zeigte, dass die Ursache-Wirkung-Verknüpfung eine Bedingung von Erfahrung ist. Hinzu kommt die berechtigte Kritik an Humes rassistischen Äußerungen.

Wirkung heute

Humes Frage, mit welchem Recht wir aus Vergangenem auf Künftiges schließen, ist das Grundproblem jeder Prognose und jeder empirischen Wissenschaft geblieben. Auch seine Trennung von Tatsachen und Werten, nach der sich aus einem Sein kein Sollen ableiten lässt, bestimmt die Ethik bis heute.

Brücke zu Führung und Coaching

Hume schärft den Blick für Gewohnheitsschlüsse im Management: „Das hat bisher immer funktioniert“ ist keine Begründung, sondern eine Erwartung. Frage Dein Führungsteam bei der nächsten Planung, welche Annahmen nur auf Gewohnheit beruhen und was passiert, wenn die Zukunft diesmal anders aussieht. Prüfe außerdem, wo in Deinen Argumenten aus einer Beschreibung („Wir sind so“) unbemerkt eine Forderung („Wir müssen so bleiben“) geworden ist.

Zitate

„Reason is, and ought only to be the slave of the passions, and can never pretend to any other office than to serve and obey them.“

David Hume, A Treatise of Human Nature, Buch 2, Teil 3, Abschnitt 3 (englisches Original)

Lebensstationen

  1. 1711Geboren in Edinburgh
  2. 1739Treatise of Human Nature, Bücher 1 und 2 (Buch 3 folgt 1740)
  3. 1745Bewerbung um den Edinburgher Ethik-Lehrstuhl scheitert
  4. 1752Bibliothekar der Anwaltsbibliothek in Edinburgh
  5. 1766Rousseau zu Gast in England, danach Bruch
  6. 1776Tod in Edinburgh

Werke

  • Traktat über die menschliche Natur (1739/40)
  • Untersuchung über den menschlichen Verstand (1748)

A Treatise of Human Nature (1739/40); Essays, Moral and Political (1741/42); An Enquiry Concerning Human Understanding (1748); An Enquiry Concerning the Principles of Morals (1751); History of England (1754–1762); Dialogues Concerning Natural Religion (1779, nach seinem Tod)

Anekdote belegt

Humes Erstling, der Treatise, fiel nach seinen eigenen Worten „deadborn from the press“, also als Totgeburt aus der Presse. Das ist übertrieben, denn das Buch fand durchaus Reaktionen, aber es blieb weit hinter seinen Hoffnungen zurück.[1]

Lesetipps

Einstieg
David Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand (Meiner, Philosophische Bibliothek Band 648, 2015): der kürzere und lesbarere Hume, mit seiner Kurzbiografie „Mein Leben“
Vertiefung
Gerhard Streminger, David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter (2011)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsdatum (26. April jul./7. Mai greg. 1711) und Todesdatum (25. August 1776) nur de.wikipedia; SEP nennt nur die Jahre. Jahr des endgültigen Scheiterns in Edinburgh: SEP 1745 (Bewerbung), de.wikipedia 1746. Absatzzählung des Treatise-Zitats (T 2.3.3.4) nicht geprüft, Zitat englisch ohne geprüfte deutsche Übersetzung. Der Sklavenplantage-Hinweis stammt aus Wikipedia (en) mit Verweis auf Fieser, nicht aus einer Primärquelle. Humes Studienzeit (Eintritt mit etwa elf, Abgang mit etwa fünfzehn Jahren) laut SEP.
  • Gerüst: Konzepte, Führungs-Transfer und Leseempfehlung sind eigene Verdichtung, nicht einzeln aus den Quellen zitiert. Das Kant-Wort vom dogmatischen Schlummer steht in den Prolegomena, in den abgerufenen Auszügen nur sinngemäß (Wikipedia: regte Kant zur Kritik an). Hume baut auf Locke und Berkeley auf, Berkeley ist nicht in der ID-Liste.

Wege durchs Netz

  • Die Wende im Kopf

    Hume: Eine notwendige Verbindung von Ursache und Wirkung sehen wir nie, wir erwarten sie aus Gewohnheit.

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Hume

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, David Hume · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de), David Hume · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (en), David Hume · Wikipedia
  4. [4]korpora.org/kant/aa04/260.html · Webseite
  5. [5]chbeck.de/streminger-david-hume/product/36169696 · Buch
  6. [6]meiner-elibrary.de/pdf/book/739/eine-untersuchung-uumlber-den-menschlichen-verstand.pdf · Webseite
  7. [7]Wikipedia (en): Immanuel Kant · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  8. [8]Wikipedia (de), Salomon Maimon · Wikipedia
  9. [9]Wikipedia (de): Thomas Reid · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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