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Landkarte der Philosophie

Miranda Fricker

Philosophin · geb. 1966 · New York (New York University)

Kapitel
Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Zum Einstieg

Wem glaubst du schneller, und liegt das an dem, was gesagt wird, oder an der Person, die es sagt?

Position
Fricker antwortet, dass Glaubwürdigkeit nicht nur Sache der Fakten ist, sondern auch der Macht: Vorurteile entscheiden mit, wem wir glauben. Wer deshalb weniger Gehör findet, wird in seiner Rolle als Wissender verletzt, und das ist eine eigene Form von Unrecht. Als Gegenmittel braucht es eine eingeübte Aufmerksamkeit dafür, wann Vorurteile unser Urteil über andere färben.
Einwand
Medina hält individuelle Tugend für nicht ausreichend und verlangt gemeinsame, strukturelle Gegenmaßnahmen. Alcoff geht weiter und fordert, Marginalisierten besonderen epistemischen Vorrang zu geben, statt nur Vorurteile auszugleichen.
Verbindung
Ihr Doktorvater Bernard Williams ist in der Sammlung; über seine Ethik hat Fricker viel geschrieben. Als redaktioneller Vergleich passt Foucault, der Wissen ebenfalls als politisch und machtgebunden beschreibt; ein Einfluss Foucaults auf Fricker ist damit nicht behauptet.

Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.

Britische Philosophin, die den Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit geprägt hat: Unrecht, das jemanden in seiner Rolle als Wissende oder Wissender trifft.

Fricker gehört zur feministischen und zur sozialen Erkenntnistheorie (der Lehre vom Wissen, das Menschen miteinander teilen) und gibt der Sammlung einen Begriff, mit dem sich Machtfragen beim Wissen fassen lassen. Ihre Doktorarbeit in Oxford betreuten Bernard Williams und Sabina Lovibond gemeinsam.

Kernidee

Fricker zeigt, dass es nicht nur ungerecht sein kann, was jemand bekommt, sondern auch, ob man ihm glaubt und ob er Worte für seine Erfahrung hat. Wer wegen eines Vorurteils weniger Glaubwürdigkeit erhält, erleidet eine Zeugnisungerechtigkeit. Fehlen einer ganzen Gruppe die Begriffe, um ihre Erfahrung zu verstehen oder mitzuteilen, spricht sie von hermeneutischer Ungerechtigkeit (hermeneutisch heißt: das Deuten und Verstehen betreffend).

Biografischer Moment

Deutung Redaktionelle Deutung eines Zusammenhangs zwischen Leben und Denken, nicht als Tatsache belegt.

Ab 2015 gehörte Fricker als Moralphilosophin dem Spoliation Advisory Panel an, einem Gremium der britischen Regierung, das Ansprüche auf in der NS-Zeit verlorene Kulturgüter in britischen Nationalsammlungen prüft. Eine redaktionelle Deutung: Auch dort stellt sich die Frage, wessen Darstellung eines Verlusts als glaubwürdig gilt. Belegt ist nur die Mitgliedschaft, ein Einfluss auf ihre Theorie ist es nicht.[1]

Fundstelle: Abschnitt Professorship

Bekannt für

Man kennt Fricker für ihr Buch von 2007, in dem sie den Begriff epistemische Ungerechtigkeit prägte. Er wird heute auch außerhalb der Philosophie genutzt, etwa im Gesundheitswesen: Die englische Aufsichtsbehörde Care Quality Commission nennt ihn ein Schlüsselkonzept.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Zeugnisungerechtigkeit

Zeugnisungerechtigkeit (englisch testimonial injustice) liegt vor, wenn jemand wegen eines Vorurteils gegen seine Gruppe weniger Glaubwürdigkeit bekommt, als ihm zusteht. Als Beispiel nutzt Fricker Tom Robinson aus dem Roman „Wer die Nachtigall stört“: Ein rein weißes Geschworenengericht lehnt die Aussage des Schwarzen Angeklagten aus Vorurteil ab. Übertragen auf heute: Eine Mitarbeiterin weist auf ein Risiko hin, wird im Meeting übergangen, und derselbe Hinweis wird zehn Minuten später von einem Kollegen mit Beifall aufgenommen.

Hermeneutische Ungerechtigkeit

Hermeneutische Ungerechtigkeit entsteht, wenn eine Gruppe von der gemeinsamen Bedeutungsbildung ausgeschlossen ist und deshalb Begriffe fehlen, um die eigene Erfahrung zu verstehen oder mitzuteilen. Das Beispiel bei Fricker ist die Erfahrung von Frauen, bevor es das Wort „sexuelle Belästigung“ gab. Übertragen auf heute: Wenn in einem Team niemand ein Wort für die Dauerüberlastung einzelner Rollen hat, fällt es den Betroffenen schwer, sie überhaupt als Problem anzusprechen.

Die Tugend der epistemischen Gerechtigkeit

Als Gegenmittel schlägt Fricker eine Haltung vor, die sie Tugend der epistemischen Gerechtigkeit nennt. Gemeint ist eine eingeübte, zur zweiten Natur gewordene Wahrnehmung, die verhindert, dass Vorurteile die Einschätzung fremder Glaubwürdigkeit verzerren. Übertragen auf den Alltag kann das heißen: Du prüfst vor einem Urteil über eine Aussage bewusst, ob du dem Inhalt misstraust oder dem Menschen, der ihn vorbringt.

Begriffe

epistemische Ungerechtigkeit
Zeugnisungerechtigkeit
hermeneutische Ungerechtigkeit
Glaubwürdigkeit
Tugend der epistemischen Gerechtigkeit

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

Eine Verbindung im Netz (Prüfstand: 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet
belegt
Mit Quelle belegt.
Deutung
Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
überliefert
Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

Lehrer

Persönliches Lehrverhältnis: hat Fricker unterrichtet.

  • Bernard WilliamsPrüfstand: Deutung

    Williams betreute ihre Oxforder Doktorarbeit gemeinsam mit Sabina Lovibond; später schrieb sie viel über seine Ethik.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Fricker promovierte 1996 in Oxford bei Sabina Lovibond und Bernard Williams. Die Ethik von Williams blieb ein Schwerpunkt ihrer späteren Arbeit.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Ab 2015 war sie als Moralphilosophin Mitglied des Spoliation Advisory Panel. Dieses Beratungsgremium der britischen Regierung prüft Ansprüche auf Kulturgüter, die in der NS-Zeit (1933 bis 1945) verloren gingen und heute in britischen Nationalsammlungen liegen.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Der Begriff wird in Forschungsprojekten zur Gesundheitsversorgung angewandt, in deren Lenkungsgremien Fricker selbst sitzt. Die englische Aufsichtsbehörde Care Quality Commission nennt ihn ein Schlüsselkonzept für ihre Arbeit.[1]

Kritik

Einige Autorinnen und Autoren halten individuelle Tugenden für zu wenig. Medina verlangt, die Verantwortung für den Widerstand gegen epistemische Ungerechtigkeit zu teilen, und Alcoff meint, man müsse den Marginalisierten sogar besonderes Gewicht als Wissende geben, nicht nur Vorurteile neutralisieren. Dotson ergänzt eine zweite Form von Zeugnisungerechtigkeit, bei der Betroffene sich selbst zurückhalten, um Vorurteile nicht zu bestätigen.

Wirkung heute

Der Begriff hilft zu erkennen, wer in Institutionen, in der Medizin und in Teams als glaubwürdig gilt. Fricker selbst hat 2026 in einem Fernsehinterview (France 24) darüber gesprochen, was epistemische Ungerechtigkeit in einer Zeit verbreiteter Falschinformationen bedeutet.

Brücke zu Führung und Coaching

In Teams stellt sich die Frage, wessen Hinweisen du schnell folgst und wessen Hinweisen weniger, und ob das am Inhalt oder an der Person liegt. Übertragen auf heute kann das konkret heißen: Du bittest in Besprechungen reihum um Einschätzungen und notierst, wessen Vorschläge später aufgegriffen wurden. Das ist eine Analogie: Fricker schreibt über Gerechtigkeit im Wissen und Erkennen, die Übertragung auf Führung stammt von uns.

Lebensstationen

  1. 1966Geburt (12. März)
  2. 1996Doktorgrad (D.Phil.) in Oxford
  3. 2007Erscheinen von Epistemic Injustice
  4. 2015Moralphilosophin im Spoliation Advisory Panel
  5. 2016Wahl zum Fellow der British Academy
  6. 2022Wechsel an die New York University; Präsidentin der American Philosophical Association (Eastern Division) 2022/23

Werke

Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing (2007); The Cambridge Companion to Feminism in Philosophy (Mitherausgeberin, 2000); The Epistemic Life of Groups (Mitherausgeberin, 2016); Reading Ethics (mit Samuel Guttenplan, 2009)

Lesetipps

Einstieg
Miranda Fricker, Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing (Oxford University Press, 2007); das Buch, in dem der Begriff eingeführt wird.
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Social Epistemology“, Abschnitt 5.3, und „Feminist Epistemology and Philosophy of Science“, Abschnitt 9 (kurze Einordnung)

Noch nicht sicher belegt

  • Der Eintrag zu epistemischer Ungerechtigkeit in der Stanford Encyclopedia of Philosophy war beim Abruf noch nicht verfügbar. Als Ersatz dienen deren Artikel Social Epistemology (5.3) und Feminist Epistemology (9). Der Geburtsort ist nicht belegt, der angegebene Ort ist ihr Arbeitsort. Eine Verbindung zu Beauvoir wurde gestrichen: Belegt war nur der Aufsatztitel „Life-Story in Beauvoir's Memoirs“ (2003) in der Werkliste der Wikipedia, eine inhaltliche Beziehung beschreiben die abgerufenen Quellen nicht. Ob Fricker heute noch dem Spoliation Advisory Panel angehört, sagt die Quelle nicht (genannt ist nur „From 2015“). Die Verbindung zu Foucault ist ein Vergleich der Redaktion, für einen Einfluss gibt es keinen Quellenbeleg. Weitere Verbindungen (Nussbaum und Sen wegen des Aufsatzes „Epistemic Contribution as a Central Human Capability“, 2015) sind nur über den Titel belegt und fehlen deshalb. Eine deutsche Ausgabe wurde nicht geprüft.

Herkunft der Daten: Runde 2: fehlende Protagonisten und neue Perspektiven (Gegenwart). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Fricker

  1. [1]Miranda Fricker – Wikipedia (en), Abschnitte Early life and education, Other aspects
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy

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