Landkarte der Philosophie

Bernard Williams

1929–2003 · Oxford

Strömung
Utilitarismus und Pragmatismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der britische Moralphilosoph, der mit dem Integritätseinwand die schärfste Kritik am Utilitarismus des 20. Jahrhunderts formuliert.

Williams ist Smarts Mitautor und Gegenspieler im Buch von 1973. Er war Schüler und Widersacher von R. M. Hare und in „Truth and Truthfulness“ ein Gegner des Pragmatisten Richard Rorty.

Kernidee

Williams meint, dass Ethik zu vielschichtig ist für eine einzige Theorie. Der Utilitarismus verlangt, dass jeder seine eigenen Lebensprojekte zurückstellt, sobald die Gesamtrechnung etwas anderes sagt. Damit entfremdet er die Menschen von ihren tiefsten Überzeugungen und greift ihre Integrität an.

Bekannt für

Williams ist vor allem als Kritiker des Utilitarismus bekannt, besonders durch den Beitrag „A Critique of Utilitarianism“ im gemeinsamen Buch mit Smart. Berühmt sind seine Beispiele von Jim und George, die zeigen sollen, was passiert, wenn man Menschen ihre Überzeugungen aus der Hand nimmt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Der Integritätseinwand

Der Einwand lautet: Handeln ist immer das Handeln einer bestimmten Person, und diese Person ist mit Projekten verbunden, die ihr Leben ausmachen. Der Utilitarismus verlangt aber, dass sie sich zum Kanal macht, durch den die Summe aller Wünsche in eine beste Entscheidung fließt. Das nimmt ihr, so Williams, ihre Integrität im wörtlichen Sinn, also ihre Ganzheit. Wer im Betrieb von seinem Team verlangt, eigene Überzeugungen jederzeit der Gesamtbilanz zu opfern, bekommt vielleicht Gehorsam, aber keine Verbundenheit.

Jim und George

Jim soll nach dem Utilitarismus einen Dorfbewohner erschießen, damit zwanzig andere nicht getötet werden, und George soll eine Stelle in der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen annehmen, weil sonst ein anderer sie bekäme, der mehr Schaden anrichten würde, während George und seine Familie verarmen. Nach der SEP sind das nicht bloß Gegenbeispiele: Williams bestreitet gar nicht, dass der Utilitarismus in beiden Fällen die richtige Antwort geben könnte, bei Jim räumt er es sogar ein. Ihm geht es darum, welche Überlegungen überhaupt in die Antwort eingehen, nämlich die eigene Verantwortung der Person für das, was sie tut. Im Alltag erkennst du das, wenn eine Entscheidung als „alternativlos“ ausgegeben wird und niemand mehr danach fragt, wer sie trägt.

Ein Gedanke zu viel

Williams (1981) zeigt an einem Beispiel: Wer seine ertrinkende Frau retten will und erst überlegt, ob das moralisch erlaubt ist, hat „einen Gedanken zu viel“. Moral darf nicht in jedem Fall zwischen uns und die Menschen treten, die uns wichtig sind. Das Moralitätssystem, wie er es nennt, setzt dagegen auf Unparteilichkeit und Allgemeingültigkeit. In der Führung geht es um die Frage, wann Fairness gegenüber allen deine Verbundenheit mit einzelnen Mitarbeitenden nicht ersetzen soll.

Begriffe

Integritätseinwand
ein Gedanke zu viel (one thought too many)
Moralitätssystem (morality system)
moralischer Zufall
Jim und George

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • R. M. Hare: einer seiner Tutoren in Balliol, dessen Ansatz Williams ablehnte

Freunde

  • Amartya Sen: Mitherausgeber von Utilitarianism and Beyond (1982)

Gegner

  • J. J. C. Smart: verteidigte im gemeinsamen Buch den Utilitarismus
  • Richard Rorty: von Williams in Truth and Truthfulness (2002) als Leugner der Bedeutung objektiver Wahrheit kritisiert
  • R. M. Hare: Gegensatz im Zugang zur Philosophie

Verbindungen im Netz

7 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Schüler von R. M. HareDeutung

    SEP: Hare war einer seiner Tutoren in Oxford, dessen Ansatz Williams ablehnte; 1990 folgte er ihm auf den Oxford-Lehrstuhl.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Henry SidgwickDeutung

    Williams warf ihm vor, ein ‚Government House‘-Utilitarist zu sein, dessen Ansichten zum Kolonialismus passten (SEP, Sidgwick).

  • kritisiert J. J. C. SmartDeutung

    Smart und Williams schrieben 1973 gemeinsam „Utilitarianism: For and Against“, Smart verteidigt, Williams kritisiert (IEP).

  • wird kritisiert von Peter RailtonDeutung

    Die SEP führt Railton 1984 als Antwort auf den Einwand vom „einen Gedanken zu viel“ (Williams 1981) an: Das Nutzenprinzip ist Maßstab, nicht Entscheidungsverfahren.

  • kritisiert R. M. HareDeutung

    Williams war Hares Balliol-Schüler und kritisierte später die Zwei-Ebenen-Lehre (SEP, Hare).

  • kritisiert Richard RortyDeutung

    SEP: Williams kritisiert Rortys Wissenschaftsverständnis; in Truth and Truthfulness (2002) stellt er sich gegen Rortys Wahrheitsskepsis.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit J. J. C. SmartDeutung

    Smart und Williams schrieben 1973 gemeinsam „Utilitarianism: For and Against“, Smart verteidigt, Williams kritisiert (IEP).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Williams ging 1987 nach Berkeley, aus Protest gegen die Auswirkungen der Politik der Regierung Thatcher auf die britischen Universitäten. Die SEP nennt das als Grund; ob es seine Philosophie veränderte, bleibt offen.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Williams leitete 1979 das staatliche Komitee zu Obszönität und Zensur, das Mills Schadensprinzip anwandte. Dass seine Kritik am Utilitarismus von Mill und Hare her kommt, nicht von der Politik, ist eine Deutung.[1]

  • Biografie belegt

    Williams diente von 1951 bis 1953 in der Royal Air Force und war später Professor in Cambridge, Provost des King's College, Professor in Oxford und Berkeley. Dass der Wechsel zwischen britischen und amerikanischen Hochschulen sein Denken berührte, sagt die Quelle nicht (Deutung).[2]

Kritik

Kritiker, so die SEP, werfen Williams vor, seine Arbeit sei vor allem „destruktiv“ oder „negativ“. Seine Antwort: Nur wer ungeprüft von einer Theorie ausgeht, sieht darin ein Defizit. Außerdem wird der Integritätseinwand oft missverstanden, weil er nicht einfach behauptet, der Utilitarismus liefere bei Jim und George die falschen Antworten.

Wirkung heute

Der Integritätseinwand und das „ein Gedanke zu viel“ gehören zu den meistzitierten Einwänden gegen den Konsequentialismus, die Stanford Encyclopedia of Philosophy führt sie bei der Frage nach Freundschaft an. Williams' Misstrauen gegenüber geschlossenen Moraltheorien beeinflusst bis heute die Debatte.

Brücke zu Führung und Coaching

Williams erinnert dich daran, dass Mitarbeitende Menschen mit eigenen Überzeugungen sind und keine Kanäle für Gesamtnutzen. Frage in Entscheidungen mit hohem Einsatz: Wer muss das hier tun, und kann er es als seine eigene Entscheidung verantworten? Rechne nicht nur Nutzen zusammen, sondern frage nach, was die Entscheidung von der Person verlangt, die sie umsetzen soll.

Lebensstationen

  1. 1929geboren in Westcliff-on-Sea, Essex
  2. 1967Knightsbridge Professor of Moral Philosophy in Cambridge
  3. 1973Utilitarianism: For and Against mit J. J. C. Smart
  4. 1979Provost des King's College; leitet das Komitee zu Obszönität und Zensur
  5. 1990White's Professor of Moral Philosophy in Oxford
  6. 2003gestorben in Rom

Werke

Morality: An Introduction to Ethics (1972); Utilitarianism: For and Against (1973, mit J. J. C. Smart); Moral Luck (1981); Ethics and the Limits of Philosophy (1985); Shame and Necessity (1993); Truth and Truthfulness (2002)

Anekdote überliefert

Williams' Mitstudenten in Balliol, zum Beispiel John Lucas, berichten laut SEP noch heute von ihren „kombinierten Taktiken“ in den Tutorien bei Richard Hare, vielleicht eher gegen Hare. Die SEP fasst zusammen: Der Ansatz der Griechen habe Williams zeitlebens angezogen, der von Hare habe zeitlebens die gegenteilige Wirkung gehabt.[1]

Lesetipps

Einstieg
Bernard Williams, Kritik des Utilitarismus (Klostermann Texte Philosophie, Frankfurt am Main 1979), die deutsche Ausgabe seines Beitrags im Buch mit Smart, weil hier Jim und George und der Integritätseinwand zu Hause sind.
Vertiefung
Sophie-Grace Chappell und Nicholas Smyth, Bernard Williams (Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2006, überarbeitet 2023)

Noch nicht sicher belegt

  • Kein Zitat verwendet: Die Zitate stehen in der SEP auf Englisch mit Stellenangabe (UFA 116 bis 117), eine geprüfte deutsche Übersetzung wurde nicht abgerufen. Lehrer-Kante zu Hare: Die SEP nennt Hare als Tutor, nicht als Doktorvater. Der Kontext-Eintrag zu Thatcher stützt sich nur auf die SEP, de.wikipedia nennt nur die Berkeley-Stelle 1987. Beschreibung der Beispiele Jim und George folgt der SEP (UFA 97 bis 99). Entfernt: „negative Verantwortung“ als Ursache des Integritätseinwands, weil der Begriff in den abgerufenen Quellen nicht vorkommt. Dass Williams selbst gesagt habe, Hares Ansatz habe ihn abgestoßen, ist eine Zusammenfassung der SEP-Autoren, kein Zitat. Britannica nicht abgerufen. Prüfung: SEP und de.wikipedia erneut abgerufen, Lebensdaten, Stationen, Werke mit Jahr und die deutsche Ausgabe Kritik des Utilitarismus (Klostermann 1979, ISBN in de.wikipedia) bestätigt.

Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Williams

  1. [1]Bernard Williams – Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Bernard Williams – Wikipedia de · Wikipedia
  3. [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: consequentialism · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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