Carol Gilligan
Psychologin · geb. 1936 · New York
- Kapitel
- Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Richtung
- Care-Ethikbelegt[5][6]
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Wenn du eine schwere Entscheidung triffst, fragst du zuerst, was Recht ist, oder zuerst, was die Beteiligten brauchen?
- Position
- Gilligan sagt, dass es zwei gleichwertige Weisen gibt, moralisch zu denken: nach Rechten und Regeln, und nach Beziehung und Verantwortung. Weil die Forschung lange nur die erste Weise als reif ansah, wurde die zweite überhört. Wie beide Perspektiven zusammenhängen, hat Gilligan selbst im Lauf der Zeit unterschiedlich beschrieben.
- Einwand
- Kritiker wenden ein, Gilligans Stichproben seien zu schmal und einheitlich gewesen, und breitere Untersuchungen zeigten ein vielfältigeres Bild als zwei nach Geschlecht verteilte Perspektiven (IEP: Haan, Brabeck). Feministische Kritikerinnen wie Claudia Card warnen zudem, die Care-Perspektive verfestige ein Frauenbild, das mit Fürsorgelast verbunden ist.
- Verbindung
- Gilligans Studien gehören zu den Wurzeln der Care-Ethik. Joan Tronto hat die Care-Perspektive in die politische Theorie weitergeführt, und 2013 erschien ein gemeinsames Buch der beiden mit Arlie Hochschild.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Amerikanische Psychologin, die über moralische Entwicklung forscht. Ihre Studien zu Mädchen und Frauen gehören zu den Wurzeln der Fürsorgeethik (Care-Ethik).
Gilligan ist Psychologin und hat in Sozialpsychologie promoviert; Wikipedia führt sie zusätzlich als Philosophin. Die Entstehung der Care-Ethik als eigener Moraltheorie wird meist ihr und der Philosophin Nel Noddings zugeschrieben. Philosophinnen wie Joan Tronto haben Gilligans empirische Befunde später in Ethik und politische Theorie übertragen.
Kernidee
Gilligan widerspricht der Annahme, dass sich Moral nur in Regeln, Rechten und Unabhängigkeit voll entfaltet. Sie hörte in Interviews eine zweite „Stimme“, die Beziehungen, Verantwortung und Fürsorge in den Mittelpunkt stellt, und hält sie für ebenso reif wie die Stimme der Gerechtigkeit. Später betont sie, dass diese Stimme eher eine menschliche als eine rein weibliche ist.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die Quellen belegen, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat.
Gilligan lehrte in den späten 1960ern in Harvard neben Erik Erikson und Lawrence Kohlberg. Nach ihren eigenen Worten erschienen Frauen in den Theorien von Freud, Erikson, Piaget und Kohlberg als in der Entwicklung unzureichend. Das ist ein belegter Einfluss auf ihre Fragestellung, sagt aber nichts darüber, ob ihre Antwort stimmt.[3]
Fundstelle: Abschnitt Psychology (zitiert Gilligan)
Bekannt für
Man kennt Gilligan für ihr Buch In a Different Voice von 1982, das sich gegen Lawrence Kohlbergs Stufenmodell der moralischen Entwicklung wendet. Es wurde laut Wikipedia in 20 Sprachen übersetzt und über 700.000 Mal verkauft.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Zwei moralische Perspektiven
Gilligan unterscheidet eine Gerechtigkeitsperspektive, bei der Rechte, Regeln und Unabhängigkeit zählen, von einer Care-Perspektive, bei der Beziehung, Verantwortung und Sorge zählen. Beide kommen bei Frauen und Männern vor, aber ohne die Frauen wäre die Care-Perspektive in ihren Studien fast nicht aufgetaucht. Übertragen auf den Arbeitsalltag: Eine Entscheidung lässt sich einmal nach Regeln bewerten („Was steht im Vertrag?“) und einmal nach Beziehungen („Was bedeutet das für das Team?“).
Kritik an Kohlbergs Stufenmodell
Kohlberg ordnete Moral in Stufen hin zu immer allgemeineren Prinzipien, und Mädchen schnitten darin schlechter ab als Jungen. Gilligan nennt das eine Verzerrung, weil das Modell eine Art des Denkens zum Maßstab macht und andere als unreif einstuft. Übertragen auf heute: Ein Beurteilungsraster in einem Unternehmen kann ebenfalls einen Stil bevorzugen und andere Stile wie unreife Vorstufen behandeln.
Stimme und Jugendalter
In ihren Studien mit Mädchen zwischen elf und sechzehn Jahren beschreibt Gilligan, dass viele ihre inneren moralischen Einschätzungen zurückhalten und sich an strengeren Regeln orientieren. Sie sieht darin einen Verlust der eigenen Stimme. Übertragen auf den Beruf kannst du darauf achten, wer in Besprechungen schweigt und was dadurch fehlt.
Begriffe
- Care-Perspektive
- Gerechtigkeitsperspektive
- andere Stimme
- moralische Entwicklung
- Beziehung
- Stimme
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Joan TrontoPrüfstand: Deutung
Zusammenarbeit: Gilligan, Joan Tronto und Arlie Hochschild veröffentlichten 2013 gemeinsam das Buch „Contre l'indifférence des privilégiés: à quoi sert le care“ (Wikipedia, Joan Tronto, Abschnitt Books).
Kritisiert
Gilligan kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Sigmund FreudPrüfstand: Deutung
Gilligan kritisiert, dass Freud die Entwicklung am Bild von Männerleben beschrieb und die Erfahrung von Mädchen schlecht fasste (Wikipedia, In a Different Voice).
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Gilligan weiter, meist über Texte.
Joan TrontoPrüfstand: Deutung
Tronto entwickelt die von Gilligan beschriebene Care-Perspektive weiter: SEP (Feminist Ethics 2.2) nennt Tronto 1993 unter den Philosophinnen, die Gilligans empirische Ergebnisse auf die Ethik anwenden und Care als soziale und politische Aufgabe verstehen. Dabei kritisiert Tronto frühe Fassungen der Care-Ethik als zu einheitlich im Bild der Frau (IEP, Care Ethics, Abschnitt Essentialism).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Gilligan stieg nach eigenen Worten Ende der 1960er Jahre in die Debatte über Frauen und Moral ein, in einer Zeit, in der sich Bürgerrechts-, Anti-Kriegs- und Frauenbewegung überschnitten. In dieser Zeit stellte sie das Frauenbild der Entwicklungspsychologie in Frage.[3]
Abhängigkeit belegt
Gilligan war Forschungsassistentin bei Lawrence Kohlberg, den die IEP ihren Mentor nennt, und lehrte in Harvard neben Erik Erikson. Ihre Kritik richtete sich damit gegen Theorien von Kollegen am eigenen Ort.[3]
Biografie belegt
Enttäuscht vom Hochschulbetrieb arbeitete Gilligan eine Zeit lang für eine Modern-Dance-Kompanie in Cleveland. 1991 gründete sie mit Kristin Linklater die Theatergruppe Company of Women, und 2002 kam ihre Bühnenfassung von Hawthornes Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ heraus.[3]
Kritik
Kritiker bezweifeln die empirische Grundlage: Ihre Stichproben seien zu schmal und zu einheitlich gewesen, etwa Studierende an Elite-Colleges, und breitere Stichproben ergäben ein vielfältigeres Bild (IEP nennt Haan und Brabeck). Christina Hoff Sommers hält ihre Forschung für schlecht begründet. In der feministischen Ethik wird außerdem gewarnt, die Care-Perspektive werte ein Frauenbild auf, das mit Fürsorgelast verbunden ist (Card), und verallgemeinere Erfahrungen, die nicht alle Frauen teilen (Moody-Adams).
Wirkung heute
Gilligan hat den Blick dafür geöffnet, dass Entwicklungs- und Moralmodelle von bestimmten Erfahrungen ausgehen. Sie selbst sieht Care heute als menschliche, nicht nur weibliche Stimme, die gegen eine patriarchale Ordnung steht.
Brücke zu Führung und Coaching
Frage dich bei Konflikten im Team, ob du eine Lage eher als Regelproblem oder als Beziehungsproblem siehst und ob die Gegenseite die andere Lesart nutzt. Übertragen auf heute: In einem Feedback-Gespräch kannst du beide Perspektiven aussprechen (Was verlangt die Regel? Was braucht die Beziehung?). Das ist eine Übertragung: Gilligans Studien beruhen auf Interviews mit einzelnen Menschen über Moral und Entwicklung, die Anwendung auf Führung stammt von uns.
Lebensstationen
- 1936Geburt (28. November) in einer jüdischen Familie in New York
- 1965Lehrt in Chicago, ab 1967 in Harvard
- 1982In a Different Voice erscheint
- 1988Festanstellung (Full Professor) an der Harvard Graduate School of Education
- 2002Wechsel an die New York University
- 2025Kyoto-Preis in der Kategorie Arts and Philosophy
Werke
In a Different Voice: Psychological Theory and Women's Development (1982); Mapping the Moral Domain (1988, mit Ward und Taylor); Making Connections (1990, mit Lyons und Hanmer); Meeting at the Crossroads (mit Lyn Mikel Brown, 1992); The Birth of Pleasure (2002)
Anekdote belegt
In Kohlbergs Studien antworteten zwei Kinder auf das Heinz-Dilemma, ob ein Mann ein überteuertes Medikament stehlen darf, um seine kranke Frau zu retten. Jake sah eine Rechenaufgabe mit Menschen, Amy dachte an die Folgen für die Beziehung und hoffte, der Apotheker lasse mit sich reden.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Carol Gilligan, In a Different Voice: Psychological Theory and Women's Development (Harvard University Press, 1982); das Hauptwerk.
- Vertiefung
- Internet Encyclopedia of Philosophy, „Care Ethics“, Abschnitt zu Carol Gilligan
Noch nicht sicher belegt
- Zur Rolle: Die Wikipedia nennt sie Philosophin und Psychologin, die Stanford Encyclopedia of Philosophy und die Internet Encyclopedia of Philosophy nennen sie Psychologin; hier wird sie als Psychologin geführt. Die Aussage der Wikipedia, sie sei die Urheberin der Care-Ethik, wird nicht übernommen: Die Internet Encyclopedia nennt Mayeroff als frühen Vorläufer und schreibt die Entstehung Gilligan und Noddings zu, die Stanford Encyclopedia spricht von Wurzeln. Zum Geburtsort sagt die Wikipedia nur, dass sie in New York aufwuchs. Kohlberg, Erikson und Piaget sind in der Landkarte noch nicht als Personen angelegt, deshalb gibt es keine Verbindungen zu ihnen. Die Wikipedia nennt als Kritikerin Jaclyn Friedman. Das ließ sich nicht gegenprüfen und wurde durch die Kritik an den Stichproben aus der Internet Encyclopedia ersetzt. Die Aussage zu Sommers trägt in der Wikipedia die Markierung „page needed“. Die Quellen widersprechen sich hier: Die Internet Encyclopedia berichtet, Gilligan habe 1986 die Vereinbarkeit von Care- und Gerechtigkeitsethik betont, die Wikipedia nennt beide bei ihr grundsätzlich unvereinbar. Die Beschreibung ihrer drei Entwicklungsstufen trägt in der Wikipedia die Markierung „citation needed“ und wurde nicht verwendet. Der Ausdruck „Mentor Kohlberg“ stammt aus der Internet Encyclopedia, die Wikipedia nennt sie seine Forschungsassistentin.
Herkunft der Daten: Runde 2: fehlende Protagonisten und neue Perspektiven (Gegenwart). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Gilligan
- [1]SEP, Feminist Ethics, Abschnitt 2.2 und Bibliographie
- [2]Care Ethics, Abschnitt a. Carol Gilligan · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [3]Carol Gilligan – Wikipedia (en), Abschnitt Psychology (zitiert Gilligan)
- [4]Joan Tronto – Wikipedia (en), Einleitung und Abschnitt Education
- [5]Internet Encyclopedia of Philosophy · abgerufen 2026-10-21
- [6]Care ethics · Wikipedia, abgerufen 2026-10-21