Joan Tronto
Politikwissenschaftlerin · geb. 1952 · University of Minnesota, USA
- Kapitel
- Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Richtung
- Care-Ethikbelegt[5][1]
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Wer kümmert sich bei dir im Alltag und bei der Arbeit um die Dinge, die niemand sieht, aber ohne die nichts läuft?
- Position
- Tronto antwortet, dass Fürsorge eine gemeinsame Aufgabe aller ist und nicht Privatsache einzelner, meist Frauen. Weil alle abhängig sind und irgendwann Sorge brauchen, gehört die Verteilung von Sorgearbeit in die Politik. Eine gerechte Gesellschaft muss deshalb darauf achten, wer Sorge leistet und wer sich davon freikauft.
- Einwand
- Gegen Trontos Definition wird eingewandt, sie sei so weit, dass fast jede menschliche Tätigkeit als Fürsorge zählt. Gegen die Care-Ethik insgesamt warnt Claudia Card, sie werte ein Frauenbild auf, das mit Fürsorgelast verbunden ist.
- Verbindung
- Tronto führt die Care-Perspektive, die auf Carol Gilligans psychologische Studien zurückgeht, in die politische Theorie weiter und kritisiert dabei frühe Fassungen der Care-Ethik, die Frauen zu einheitlich darstellen. Zugleich widerspricht sie einer Pflichtethik in der Tradition Kants.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Amerikanische Politikwissenschaftlerin, die die Fürsorgeethik (Care-Ethik) zu einer politischen Theorie ausgebaut hat.
Tronto knüpft an Gilligans Care-Perspektive an und führt sie in die politische Theorie. In der Sammlung steht sie neben Gilligan und im Gegensatz zu rein pflichtorientierten Ansätzen wie bei Kant.
Kernidee
Tronto versteht Fürsorge nicht als Gefühl einzelner, sondern als Tätigkeit, mit der wir unsere gemeinsame Welt erhalten und reparieren, damit wir darin gut leben können. Sie unterscheidet vier Phasen: auf Bedarf achten, Verantwortung übernehmen, die Sorgearbeit leisten und auf die Reaktion der Versorgten achten. Weil Sorgearbeit ungleich verteilt ist, ist sie für sie eine Frage von Macht und Demokratie.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
2013 erschien in Frankreich das Buch „Contre l'indifférence des privilégiés: à quoi sert le care“, das Tronto zusammen mit Carol Gilligan und Arlie Hochschild veröffentlicht hat. Belegt ist damit eine Zusammenarbeit mit Gilligan. Über Anlass und Entstehung sagen die abgerufenen Quellen nichts.[1]
Fundstelle: Abschnitt Books
Bekannt für
Man kennt Tronto für Moral Boundaries (1993), die erste größere Ausarbeitung der Fürsorgeethik als politische Philosophie. Bekannt ist auch die Definition von Care, die sie mit Berenice Fisher entwickelt hat: alles, was wir tun, um unsere Welt zu erhalten und zu reparieren, damit wir so gut wie möglich darin leben können.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Vier Elemente guter Fürsorge
Nach Tronto besteht Fürsorge aus Aufmerksamkeit (Bedarf bemerken), Verantwortung (bereit sein zu handeln), Kompetenz (die Arbeit gut machen) und Responsivität (darauf achten, wie die versorgte Person es erlebt, und Missbrauch mitdenken). Diese Elemente lassen sich auch als Phasen verstehen: Sich-um-etwas-Kümmern, Verantwortung übernehmen, Sorge leisten und Sorge empfangen. Übertragen auf heute kannst du dein Team danach befragen, in welcher Phase eine Aufgabe regelmäßig hängen bleibt.
Moralische Grenzen
Tronto benennt drei Grenzen, die Fürsorge politisch wirkungslos machen: die Grenze zwischen Ethik und Politik, die zwischen konkretem Hinsehen und abstraktem, unparteiischem Standpunkt und die zwischen privat und öffentlich. Wer diese Grenzen zieht, schiebt Sorgearbeit ins Private und blendet aus, wie sehr alle voneinander abhängen. Übertragen auf einen Betrieb: Die Pflege von Beziehungen und die Einarbeitung gelten dort oft als Nebensache, obwohl die Arbeit ohne sie nicht läuft.
Privilegierte Verantwortungslosigkeit
Mit diesem Ausdruck beschreibt Tronto, dass die am besten Gestellten Sorgearbeit einkaufen oder abgeben und sich dann nicht mehr für ihre Qualität verantwortlich fühlen. Sie weist darauf hin, dass Frauen und Minderheiten diese Arbeit häufig so leisten, dass sie den Eliten nützt. Übertragen auf das Arbeitsleben kannst du fragen, wer Aufgaben wie Protokolle, Betreuung und Konfliktklärung übernimmt und ob es dafür Anerkennung gibt.
Begriffe
- Care
- Fürsorge als Praxis
- Aufmerksamkeit
- Verantwortung
- Kompetenz
- Responsivität
- moralische Grenzen
- privilegierte Verantwortungslosigkeit
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Carol GilliganPrüfstand: Deutung
Zusammenarbeit: Gilligan, Joan Tronto und Arlie Hochschild veröffentlichten 2013 gemeinsam das Buch „Contre l'indifférence des privilégiés: à quoi sert le care“ (Wikipedia, Joan Tronto, Abschnitt Books).
Kritisiert
Tronto kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Immanuel KantPrüfstand: Deutung
Tronto (1995) kritisiert, dass eine Pflichtethik, besonders in kantischer Form, die Fähigkeit der Menschen zu Vernunft und freier Wahl zu stark idealisiert (SEP, Feminist Ethics 2.4.1). Gegenseitige Kritik ist nicht belegt, daher gerichtet.
Baut auf
Tronto übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Carol GilliganPrüfstand: Deutung
Tronto entwickelt die von Gilligan beschriebene Care-Perspektive weiter: SEP (Feminist Ethics 2.2) nennt Tronto 1993 unter den Philosophinnen, die Gilligans empirische Ergebnisse auf die Ethik anwenden und Care als soziale und politische Aufgabe verstehen. Dabei kritisiert Tronto frühe Fassungen der Care-Ethik als zu einheitlich im Bild der Frau (IEP, Care Ethics, Abschnitt Essentialism).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Tronto ist Politikwissenschaftlerin. Sie machte 1974 ihren Abschluss am Oberlin College, erwarb 1976 den Master und 1981 den Doktorgrad in Princeton und lehrte am Bowdoin College und am Hunter College der City University of New York, bevor sie Professorin für Politikwissenschaft an der University of Minnesota wurde.[1]
Zeitgeschehen belegt
Seit der Corona-Pandemie 2020 richtet die Care-Ethik ihren Blick stärker auf die Strukturen von Pflege- und Haushaltsarbeit. Tronto hat dazu 2020 gemeinsam mit Michael Fine einen Aufsatz veröffentlicht.[2]
Kritik
Ihre Definition von Care gilt als sehr weit, weil sie fast jede menschliche Tätigkeit einschließt. Außerdem warnen Kritikerinnen der Care-Ethik allgemein, sie könne Frauen auf Fürsorge festlegen (Card) oder Ausbeutung von Pflegenden begünstigen (Houston, Card, Davion).
Wirkung heute
Der Blick auf Care als gesellschaftliche Aufgabe prägt die Debatten über Pflege, Kinderbetreuung und globale Sorgeketten, also die Weitergabe von Sorgearbeit an schlechter bezahlte Kräfte. Tronto selbst hat über Hausangestellte aus dem Ausland und über die Corona-Pandemie geschrieben.
Brücke zu Führung und Coaching
Als Führungskraft kannst du fragen, wer in deinem Team Aufmerksamkeit für andere aufbringt und ob diese Arbeit sichtbar und fair verteilt ist. Übertragen auf heute: Nach einem Projekt prüfst du, welche der vier Phasen (bemerken, übernehmen, leisten, nachfragen) am wenigsten Beachtung bekam. Das ist eine Übertragung von Trontos politischer Theorie auf Arbeit; sie selbst schreibt über Gesellschaft und Demokratie.
Lebensstationen
- 1952Geburt (29. Juni)
- 1974Abschluss am Oberlin College
- 1981Promotion an der Princeton University
- 1987Aufsatz „Beyond gender difference to a theory of care“ in Signs
- 1993Moral Boundaries erscheint
- 2013Caring Democracy erscheint
Werke
Moral Boundaries: A Political Argument for an Ethic of Care (1993); Caring Democracy: Markets, Equality, and Justice (2013); Beyond gender difference to a theory of care (Aufsatz, 1987)
Lesetipps
- Einstieg
- Joan C. Tronto, Moral Boundaries: A Political Argument for an Ethic of Care (Routledge, 1993); der Grundlagentext zu Care als politischem Thema.
- Vertiefung
- Internet Encyclopedia of Philosophy, „Care Ethics“, Abschnitte zu Joan Tronto und Political Theory
Noch nicht sicher belegt
- Einen eigenen Eintrag der Stanford Encyclopedia of Philosophy zur Care-Ethik gibt es nicht, als Ersatz dienen deren Artikel Feminist Ethics (2.2) und die Internet Encyclopedia of Philosophy (Care Ethics). Moral Boundaries erschien nach der Stanford Encyclopedia 1993, die Bibliografie der Internet Encyclopedia nennt 1994. Die Wikipedia-Seite zu Tronto nennt die Fächer ihrer Abschlüsse nicht. Ihre Rolle als Politikwissenschaftlerin ist belegt, ihre Ausbildung in diesem Fach nicht. Ob sie noch aktiv lehrt oder emeritiert ist, sagt die Quelle nicht. Die Wikipedia (Artikel Ethics of care) nennt für 2013 ein fünftes Element der Fürsorge, das hier weggelassen wurde. Die Verbindung zu Gilligan als Weiterführung stützt sich auf die Stanford Encyclopedia (2.2, Anwendung von Gilligans Ergebnissen). Die Internet Encyclopedia nennt Tronto nur unter den späteren Beiträgerinnen. Die Kritik von Card, Houston und Davion gilt der Care-Ethik allgemein, nicht Tronto im Besonderen. Eine Anekdote ist nicht belegt und fehlt deshalb.
Herkunft der Daten: Runde 2: fehlende Protagonisten und neue Perspektiven (Gegenwart). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Tronto
- [1]Joan Tronto – Wikipedia (en), Einleitung und Abschnitt Education
- [2]SEP, Feminist Ethics, Abschnitt 2.2 und Bibliographie
- [3]Care Ethics, Abschnitt a. Carol Gilligan · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [4]Ethics of care · Wikipedia
- [5]Internet Encyclopedia of Philosophy · abgerufen 2026-10-21