Zum Inhalt springen

Landkarte der Philosophie

Günther Anders

Philosoph und Journalist · 1902–1992 · Wien

Kapitel
Geist und Technik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
Richtung
Phänomenologiebelegt[2]
Kants Fragen
Was soll ich tun? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Zum Einstieg

Wenn Maschinen immer besser werden, was ist dann der Mensch noch wert?

Position
Anders antwortet, dass der Mensch gegenüber seinen Maschinen ins Hintertreffen gerät und sich dafür schämt. Er sieht darin eine Gefahr, weil unsere Vorstellungskraft den Folgen unseres Tuns nicht mehr folgt. Er fordert deshalb, die Vorstellungskraft gezielt zu erweitern.
Einwand
Anders bezweifelte 1980 selbst, ob die prometheische Scham existiert. Aus den abgerufenen Quellen ist kein weiterer namentlich genannter Einwand belegt.
Verbindung
Redaktionell lässt sich Anders neben Weizenbaums Frage nach Verantwortung, Jonas' Ethik der Zukunft und Zuboffs Analyse der Macht von Daten stellen.

Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.

Kommt in diesen Denkwegen vor

Deutsch-österreichischer Philosoph und Journalist, der mit der „Antiquiertheit des Menschen“ eine Philosophie des Menschen im Zeitalter der Technik und der Atombombe entwarf.

Anders ist in dieser Sammlung die Stimme der Warnung. Inhaltlich lässt er sich neben Weizenbaum und Jonas lesen, die nach Verantwortung fragen, und als Gegenpol zu optimistischen Erwartungen an die künstliche Intelligenz; das ist eine redaktionelle Einordnung.

Kernidee

Anders beschreibt ein Gefälle zwischen dem unvollkommenen Menschen und der immer größeren Perfektion seiner Maschinen. Daraus entsteht die prometheische Scham: Der Mensch schämt sich, geboren statt gemacht zu sein. Er sieht den Menschen als zunehmend überholt, weil seine Vorstellungskraft nicht mehr erfasst, was er herstellen und in Gang setzen kann.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Nach Hiroshima konnte Anders nach eigener Aussage zunächst nicht darauf reagieren, weil sein Vorstellen und Denken vor der Ungeheuerlichkeit streikte. Erst nach der Rückkehr nach Europa 1950 gelang ihm eine Darstellung. 1959 begann er einen Briefwechsel mit dem Piloten Claude Eatherly.[1]

Fundstelle: Abschnitt Hiroshima und Nagasaki

Bekannt für

Man kennt Anders für „Die Antiquiertheit des Menschen“, für seinen Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly und für die Ehe mit Hannah Arendt. Ein Alltagsbeispiel für das Gefälle ist, dass du dich neben einer Software, die in Sekunden Tausende Zeilen prüft, manchmal klein fühlst.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Das prometheische Gefälle

Anders setzt am Gefälle zwischen der Unvollkommenheit des Menschen und der wachsenden Perfektion der Maschinen an. Die Kluft zwischen der Leistungsfähigkeit des Menschen und seiner Geräte wächst, seit die Maschine mit eigener Dynamik das Werkzeug als Verlängerung menschlicher Organe ersetzt hat. Das ist nach der deutschen Wikipedia der Beginn der Antiquiertheit des Menschen.

Prometheische Scham

Anders nennt die Scham, die der Mensch angesichts der Überlegenheit seiner technischen Schöpfungen empfindet, prometheische Scham. Nach der deutschen Wikipedia entsteht sie aus dem Wunsch, selbst wie eine Maschine zu sein. Anders beschrieb sie 1942 als Scham vor der „demütigend hohen Qualität“ gefertigter Dinge. In der Einleitung zu Band 2 (1980) zweifelte er selbst daran, ob diese Scham wirklich vorkommt.

Erweiterung der Vorstellungskraft

Anders meint, dass wir mit unserer Vorstellungskraft nicht mehr fassen, was wir herstellen und auslösen können, zum Beispiel die Atombombe. Eine in der englischen Wikipedia zitierte Zusammenfassung nennt als seine einzige Lösung eine radikale Erweiterung der Vorstellungskraft, um das prometheische Gefälle zu überbrücken. Übertragen auf heute: Du kannst dir bei einer Entscheidung ausdrücklich ausmalen, was ihre Folgen in großem Maßstab bedeuten.

Begriffe

prometheisches Gefälle
prometheische Scham
Antiquiertheit des Menschen
Vorstellungskraft
Atomzeitalter

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet
belegt
Mit Quelle belegt.
Deutung
Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
überliefert
Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

Lehrer

Persönliches Lehrverhältnis: haben Anders unterrichtet.

  • Edmund HusserlPrüfstand: belegt

    Anders promovierte 1923 bei Husserl in Freiburg mit einer Arbeit zur Phänomenologie.

  • Martin HeideggerPrüfstand: belegt

    Anders studierte unter anderem bei Heidegger; laut englischer Wikipedia lernte er Hannah Arendt in Heideggers Seminar kennen.

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Hannah ArendtPrüfstand: belegt

    Anders war von 1929 bis 1937 mit Hannah Arendt verheiratet; laut englischer Wikipedia hatten sie sich in Heideggers Seminar kennengelernt, laut deutscher Wikipedia 1925 in Marburg.

Kritisiert

Anders kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Martin HeideggerPrüfstand: belegt

    Im amerikanischen Exil setzte sich Anders intensiv mit Heideggers Philosophie auseinander und bemühte sich um eine kritische, historische Einordnung; dazu veröffentlichte er 1946 bzw. 1948 die Aufsätze „Nihilismus und Existenz“ und „On the Pseudo-Concreteness of Heidegger's Philosophy“.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Joseph WeizenbaumPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Beide fragen, was Menschen an Maschinen abgeben und was sie dabei verlieren; Anders spricht vom Gefälle zwischen Mensch und Gerät, Weizenbaum davon, dass Computer Aufgaben, die Urteil verlangen, nicht übernehmen sollen. Ein Einfluss ist nicht belegt.

  • PlatonPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Im Phaidros steht der Mythos von Theuth und Thamus, der die Schrift kritisch sieht, weil sie auf Fragen nicht antworten kann und das echte Wiedererinnern stört (274d–275b); das lebendige, wissende Gespräch stellt Platon darüber (276a, 276e–277a). Anders warnt, dass die Vorstellungskraft des Menschen hinter seinen Maschinen zurückbleibt. Beide sehen in einem Werkzeug eine Gefahr für menschliche Fähigkeiten; ein Einfluss wird nicht behauptet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945 war nach der deutschen Wikipedia der dritte Wendepunkt in Anders' Leben. Er konnte darauf zunächst nicht schreiben und fand erst nach seiner Rückkehr nach Europa 1950 eine Darstellung.[1]

  • Biografie belegt

    Anders hieß ursprünglich Günther Stern und war Sohn der Psychologen William und Clara Stern. Er floh 1933 vor den Nationalsozialisten zunächst nach Frankreich und 1936 in die Vereinigten Staaten; seit 1950 lebte er dauerhaft in Wien.[2]

Kritik

Die abgerufenen Quellen nennen keinen Kritiker seiner Thesen mit Namen. Anders selbst schrieb in der Einleitung zu Band 2, er sei der im ersten Band beschriebenen prometheischen Scham nie begegnet, vielleicht gebe es sie gar nicht.

Wirkung heute

Die englische Wikipedia vermerkt, dass die prometheische Scham in Debatten des Posthumanismus auftaucht, wenn Menschen sich mit ihren Schöpfungen vergleichen. Übertragen auf heute lässt sich seine Warnung vor Technik, die der Vorstellungskraft davonläuft, auf künstliche Intelligenz beziehen; das ist ein redaktioneller Transfer.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn dein Team ein System einführt, dessen Wirkung niemand mehr überblickt, kannst du fragen, wer die Folgen noch vorstellen kann und wer dafür geradesteht. Das ist eine Übertragung von Anders' Gedanken des Gefälles und keine Aussage von ihm über Führung.

Lebensstationen

  1. 1902Geburt am 12. Juli in Breslau als Günther Stern
  2. 1923Promotion bei Husserl in Freiburg
  3. 1929Heirat mit Hannah Arendt (bis 1937)
  4. 1945Abwurf der Atombombe auf Hiroshima als Wendepunkt seines Denkens
  5. 1956„Die Antiquiertheit des Menschen“ Band 1
  6. 1980„Die Antiquiertheit des Menschen“ Band 2
  7. 1992Tod am 17. Dezember

Werke

  • Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution (1956)

    Ersterscheinung: C. H. Beck, München, 1956.

  • Die Antiquiertheit des Menschen, Band 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution (1980)

    Ersterscheinung: C. H. Beck, München, 1980.

Lesetipps

Einstieg
Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution (C. H. Beck, 1956); das Hauptwerk, dessen Essays einzeln lesbar sind.
Vertiefung
Wikipedia (de), „Günther Anders“, Abschnitt zur Antiquiertheit des Menschen, als Übersicht

Noch nicht sicher belegt

  • Zu Anders gibt es keinen Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy und keinen in der Internet Encyclopedia of Philosophy.
  • Hauptquellen sind die deutsche und die englische Wikipedia und die deutsche Wikipedia-Seite zur „Antiquiertheit des Menschen“.
  • Die Jahre 1956 (Band 1) und 1980 (Band 2) stehen in allen drei Wikipedia-Seiten übereinstimmend.
  • Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek bestätigt C. H. Beck als Verlag, zeigt in der Trefferliste aber nur spätere Auflagen.
  • Das Wort „prometheisches Gefälle“ ist in der deutschen Wikipedia belegt.
  • Die Lösung (Erweiterung der Vorstellungskraft) steht in der englischen Wikipedia nur als Fußnote mit Verweis auf einen Blogbeitrag.
  • Anders' Zweifel an der prometheischen Scham steht in der englischen Wikipedia als Zitat aus der Einleitung zu Band 2 (datiert 1979, erschienen 1980).
  • Dass Heideggers Vortrag „Die Frage nach der Technik“ Anders beeinflusst hat, ist nicht belegt.
  • Die kritische Auseinandersetzung mit Heidegger beschreibt die deutsche Wikipedia als „kritische, historische Kontextualisierung“ (Aufsätze von 1946 bzw. 1948).
  • Der Inhalt dieser Aufsätze wurde nicht gelesen.
  • Zum Studium bei Heidegger widersprechen sich die Quellen.
  • Die englische Wikipedia verlegt es nach Freiburg in die späten 1920er Jahre und lässt Anders Arendt in Heideggers Seminar kennenlernen.
  • Die deutsche Wikipedia nennt Marburg 1925 als Ort des Kennenlernens.
  • Die Hiroshima-Aussage ist sinngemäß wiedergegeben.
  • Das Beispiel mit der Software aus tausenden Zeilen ist ein Beispiel der Redaktion.
  • Wien als Wohnort seit 1950 steht in der deutschen Wikipedia.
  • Eine erste vollständige englische Übersetzung von Band 1 erschien laut deutscher Wikipedia am 23. Dezember 2025.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Kapitel Geist, Maschine und Technik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Anders

  1. [1]Günther Anders – Wikipedia (de), Abschnitt Hiroshima und Nagasaki
  2. [2]Günther Anders – Wikipedia (de), Abschnitte Jugend, Studium und Freier Schriftsteller; Wikipedia (en), Abschnitt Exile (1933–1950)
  3. [3]Die Antiquiertheit des Menschen · Wikipedia
  4. [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]katalog.dnb.de/DE/list.html · Webseite

Zurück zur Landkarte · Suche