Hannah Arendt
1906–1975 · Hannover, Paris, New York, Hannover (Linden), später New York
- Strömung
- Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik
- Kants Fragen
- Was soll ich tun? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Politische Denkerin, Schülerin von Heidegger und Jaspers, die aus der Existenzphilosophie eine Philosophie des gemeinsamen Handelns machte und deren Schwächen früh benannte.
Arendt war Heideggers Studentin und Geliebte, wandte sich nach 1933 von ihm ab und promovierte 1928 bei Jaspers. In ihrem Essay von 1946 kritisiert sie die Existenzphilosophie von innen und lobt Jaspers dabei überwiegend.
Kernidee
Arendt fragt nicht, wie du als Einzelner zu dir selbst findest, sondern wie Menschen miteinander in einer gemeinsamen Welt etwas Neues anfangen können. Jede Geburt bedeutet einen neuen Anfang, und darin gründet für sie die Freiheit. Gegen Heideggers Denken des einsamen Daseins setzt sie die Vielheit der Menschen und das Handeln unter Gleichen.
Bekannt für
Man kennt Arendt für den Begriff der Banalität des Bösen aus ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Außerdem für ihr Hauptwerk über das tätige Leben und ihre Analyse totaler Herrschaft.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Natalität: Freiheit als Neuanfang
Arendt sieht die Freiheit darin, dass jeder Mensch durch seine Geburt etwas Neues in die Welt bringt. Diesen Gedanken nutzt sie bereits in ihrer Dissertation, womit sie sich von Heideggers Blick auf den Tod abgrenzt. Im Betrieb zeigt sich das, wenn eine neue Kollegin einen Prozess mit frischem Blick hinterfragt und etwas Unerwartetes anstößt.
Vita activa: Arbeiten, Herstellen, Handeln
Sie unterscheidet drei Formen des tätigen Lebens: Arbeiten, um das Leben zu erhalten, Herstellen von dauerhaften Dingen und Handeln unter Menschen. Das Handeln gilt ihr als die höchste Form, weil es Vielheit und Neuanfang verbindet. Als Führungskraft merkst du den Unterschied, wenn dein Team nicht nur Aufgaben abarbeitet, sondern gemeinsam etwas Neues beginnt.
Banalität des Bösen
Im Eichmann-Prozess beschrieb sie den Täter nicht als Dämon, sondern als Menschen, der aus Gedankenlosigkeit mitmachte. 1964 schrieb sie, das Böse sei nie radikal, sondern nur extrem. Im Unternehmen heißt das: Gefährlich wird es oft dort, wo niemand mehr nachdenkt und alle nur noch Vorschriften befolgen.
Begriffe
- Natalität
- Handeln
- Banalität des Bösen
- Vita activa
- Recht
- Rechte zu haben
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Martin Heidegger: Lehrer in Marburg ab 1924, später Bruch und Wiederbegegnung 1950
- Karl Jaspers: Doktorvater, 1928 in Heidelberg
- Edmund Husserl: Besuch seiner Freiburger Vorlesungen 1926
Freunde
- Karl Jaspers: lebenslange Freundschaft bis zu seinem Tod
- Hans Jonas: Freundschaft seit Marburg, zeitweise getrübt durch den Streit um Eichmann in Jerusalem
Gegner
- Martin Heidegger: Arendt kritisierte in ihrem Essay von 1946 seine Nähe zum Nihilismus
- Gershom Scholem, Hans Jonas und andere: Kritik an Eichmann in Jerusalem
Verbindungen im Netz
10 Verbindungen, davon 9 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Karl Jaspersungeprüft
Jaspers betreute ihre Dissertation 1928 und blieb ihr bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden.
Schüler von Martin Heideggerungeprüft
Schülerin und Geliebte, nach 1933 Bruch, 1946 Kritik an seiner Nähe zum Nihilismus.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Augustinus von Hippoungeprüft
Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustin, 1928/29
Grundlage für Giorgio AgambenDeutung
Agamben setzt sich mit Arendts Arbeiten zum Totalitarismus auseinander.
baut auf Immanuel Kantungeprüft
Kant wird als wichtiger Einfluss genannt, später Vorlesungen zu Kants politischer Philosophie
Grundlage für Jürgen Habermasungeprüft
Habermas übernimmt Arendts Begriff der kommunikativ erzeugten Macht.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Martin Heideggerungeprüft
Schülerin und Geliebte, nach 1933 Bruch, 1946 Kritik an seiner Nähe zum Nihilismus.
wird kritisiert von Theodor W. Adornoungeprüft
Gegenseitige Ablehnung, kaum gegenseitige Lektüre.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Hans Jonasungeprüft
Freunde seit Marburg, Streit um Eichmann in Jerusalem.
persönlich verbunden mit Walter Benjaminungeprüft
Freunde im Pariser Exil. Arendt gibt später seine Texte auf Englisch heraus.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie Deutung
Arendt hatte als 18-Jährige in Marburg eine geheime Beziehung zu dem 35-jährigen Heidegger. Nach dessen NSDAP-Eintritt am 1. Mai 1933 brach sie den Kontakt ab und traf ihn erstmals 1949/1950 wieder, was ihr Urteil über seine Philosophie persönlich färben kann.[2]
Zeitgeschehen belegt
Sie war als Jüdin 1933 nach Haft bei der Gestapo geflohen, 1940 im Lager Gurs interniert und kam 1941 in die USA. Ihre Analyse totaler Herrschaft und der Staatenlosigkeit entstand aus dieser Erfahrung.[2]
Abhängigkeit belegt
Heideggers Vermittlung ermöglichte laut Wikipedia 1928 die Promotion bei Jaspers. Arendt blieb so lange von beiden Lehrern gedanklich geprägt.[2]
Kritik
Kritiker bemängeln, dass Arendt das Soziale zu eng fasst und Wirtschaftsfragen aus der Politik ausschließt. Ihre scharfe Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem gilt vielen als unzureichend (SEP). Eichmann in Jerusalem wurde unter anderem von Gershom Scholem, Jacob Robinson und Hans Jonas kritisiert, vor allem wegen des Bildes von Eichmann und ihres Urteils über die Judenräte.
Wirkung heute
Ihr Gedanke, dass Handeln einen Neuanfang bedeutet und Politik auf Vielheit beruht, wird in Demokratietheorie und Menschenrechtsdebatten weitergeführt. Der Hinweis auf Gedankenlosigkeit als Gefahr bleibt in Organisationsethik und Compliance aktuell.
Brücke zu Führung und Coaching
Wenn dein Team Entscheidungen nur noch nach Vorschrift abarbeitet, lohnt sich Arendts Frage nach dem Denken. Du kannst in der nächsten Besprechung fragen: Was machen wir hier gerade, nur weil es so üblich ist, und was würde jemand von außen dazu sagen? So holst du die Vielheit der Perspektiven zurück, die Arendt für das Handeln für nötig hält.
Zitate
„Wenn man als Jude angegriffen ist, muss man sich als Jude verteidigen.“
Lebensstationen
- 1924Studienbeginn in Marburg, Begegnung mit Heidegger
- 1928Promotion bei Karl Jaspers in Heidelberg mit Der Liebesbegriff bei Augustin
- 1933Flucht aus Deutschland nach Paris
- 1941Ankunft in New York
- 1951Erscheinen von The Origins of Totalitarianism
- 1963Eichmann in Jerusalem erscheint
Werke
- Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951)
- Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958)
Der Liebesbegriff bei Augustin (1928/1929)
Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (englisch 1951, deutsch 1955)
Was ist Existenzphilosophie? (1946)
Vita activa oder Vom tätigen Leben (englisch The Human Condition, 1958)
Eichmann in Jerusalem (1963)
Macht und Gewalt (1970)
Vom Leben des Geistes (The Life of the Mind, 1978)
Anekdote belegt
Arendt war 18, als sie 1924 in Marburg mit dem 35-jährigen Heidegger eine Beziehung begann, die er geheim halten wollte. Erst die Biografie von Elisabeth Young-Bruehl machte sie 1982 öffentlich.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Hannah Arendt: Was ist Existenzphilosophie? (Aufsatz 1946, deutsch in Sechs Essays, Lambert Schneider, 1948), weil sie darin die Existenzphilosophie selbst prüft
- Vertiefung
- Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. For Love of the World (Yale University Press, 1982), Biografie (englisch)
Noch nicht sicher belegt
- Das deutsche Erscheinungsjahr von Vita activa und die genaue Auflage von Sechs Essays (hac.bard nennt Heidelberg: L. Schneider, mit widersprüchlicher Angabe 1943 und 1948) nicht sicher. Das Gaus-Zitat wurde gegen das Transkript von rbb-online (Zur Person, 28. Oktober 1964) geprüft. Dort lautet der Satz „angegriffen ist“ und nicht „angegriffen wird“; die Minute in der Aufzeichnung wurde nicht eigens geprüft. Der SEP-Text deckt Was ist Existenzphilosophie nicht ab, die Angaben dazu stammen aus dewiki. Arendts Satz, der Mensch sei nicht Gott, wurde nicht übernommen, da Fundstelle fehlte.
- Gerüst: SEP nennt Jaspers als Doktorvater, er ist aber nicht in der ID-Liste. Dissertationsjahr 1928 (Text) vs. 1929 (Infobox). Deutscher Titel von The Origins of Totalitarianism in den Quellen nicht geprüft. Zitat bewusst leer.
Wege durchs Netz
Arendt: Freiheit entsteht, wenn Menschen gemeinsam etwas Neues anfangen.
Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Kritische Theorie, Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Arendt
- [1]Hannah Arendt, Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia · Wikipedia
- [3]hac.bard.edu/about/hannaharendt · Webseite
- [4]archive.org/details/hannaharendtforl00elis · Webseite
- [5]Wikipedia (en): Hannah Arendt · Wikipedia
- [6]Eichmann in Jerusalem, Wikipedia · Wikipedia
- [7]Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem (2011) · Wikipedia