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Landkarte der Philosophie

Kwame Gyekye

Philosoph · 1939–2019 · Legon (Ghana)

Kernidee in Kürze

Gyekye hält das überlieferte Denken der Akan (einer Volksgruppe in Westafrika) für Philosophie, die man sorgfältig untersuchen und weiterdenken soll. Für ihn ist jeder Mensch Person, unabhängig von Ansehen oder Leistung.

Kapitel
Afrika (Überblick) (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wie hängen Person und Gemeinschaft zusammen, und was ist eine afrikanische Philosophie, die wirklich aus der eigenen Kultur kommt?

Position
Die Gemeinschaft prägt den Einzelnen, bestimmt ihn aber nicht völlig, deshalb darf er ihre Werte prüfen.
Einwand
Kritiker sagen, sein gemäßigter Kommunitarismus unterscheide sich kaum vom radikalen. Seine Bestimmung afrikanischer Philosophie führt dazu, dass er Amos Werk nicht dazuzählt.
Verbindung
Gyekye widerspricht Wiredus Deutung der Person und gab mit ihm Person and Community heraus.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Gyekye war

Ghanaischer Philosoph, der die Denkweise der Akan als eigenständige Philosophie untersuchte, gegen Kwasi Wiredu für ein Personsein ohne Grade eintrat und mit dem „gemäßigten Kommunitarismus“ (einer Sicht, die die Gemeinschaft stark gewichtet, aber die Rechte des Einzelnen schützt) eine Mittelposition in der afrikanischen Ethik und Politik entwarf.

Gyekye lehrte von 1969 bis 2009 an der Universität von Ghana, nachdem er an der Harvard University über griechisch-arabische Philosophie promoviert hatte. Mit Kwasi Wiredu gab er 1992 den Band Person and Community heraus und stritt zugleich mit ihm über den Begriff der Person, was als einer der wichtigen Momente der neueren afrikanischen Philosophie gilt. Gegen Ifeanyi Menkiti, der Pflichten gegenüber der Gemeinschaft über individuelle Rechte stellt, setzte er seine gemäßigte Gemeinschaftslehre.

Kernidee genauer

Was ein Mensch erwirbt, sind Stellung, Gewohnheiten und Charakterzüge, nicht sein Personsein. Diese Mittelposition nennt er gemäßigten Kommunitarismus.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Gyekye promovierte an der Harvard University mit einer Arbeit über griechisch-arabische Philosophie und begann 1969 an der Universität von Ghana zu lehren. In seinem Buch von 1987 wandte er sich dem Begriffsschema der Akan zu.[4][5]

Bekannt für

Man kennt Gyekye für den gemäßigten Kommunitarismus und für seine Gegenposition zu Wiredu im Streit über die Person. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einem Team Mitarbeitende hast, die ihre Rolle nicht erreichen, und Du ihnen trotzdem denselben Respekt entgegenbringst, weil ihr Wert nicht an ihrem Erfolg hängt, folgst Du Gyekyes Gedanken, dass Personsein nicht erworben wird.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Akan-Denken als Philosophie

Gyekye lehnt die Idee ab, afrikanische Philosophie sei einfach die Arbeit von Afrikanerinnen und Afrikanern, die über Philosophie schreiben. Sie muss nach ihm aus afrikanischem Denken selbst hervorgehen, sich auf die Kultur beziehen, aus der sie wächst, und eine Fortsetzung der mit der Kultur verbundenen Philosophie ermöglichen. In seinem Buch von 1987 klärt er dazu Begriffe und Ethik der Akan in Ghana. Eine Folge dieser Bestimmung ist, dass er die Werke von Anton Wilhelm Amo nicht zur afrikanischen Philosophie zählt.

Person ohne Grade

Gegen Wiredu hält Gyekye daran fest, dass Personsein nicht in Graden aus Leistung und sozialem Rang entsteht. Er beruft sich auf die gleiche moralische Würde aller Menschen und zieht dazu Kants Gedanken des Reichs der Zwecke heran. Wer in seinen Bemühungen scheitert, verliert sozialen Respekt, aber nicht sein Personsein.

Okra, das innerste Selbst

Gyekye übersetzt okra mit „Seele“. Der okra ist für ihn der innerste Kern der einzelnen Person, ihr Leben und der Überbringer ihres Schicksals, ein Funke des höchsten Wesens. Wiredu bevorzugt eine feinere Unterscheidung. Beide sehen im okra aber die Grundlage für ein Mindestmaß an Achtung, das jedem Menschen zusteht.

Gemäßigter Kommunitarismus

Gyekye nimmt an, dass Werte und Gewohnheiten, in denen ein Mensch lebt, von der Gemeinschaft geschaffen sind. Der Einzelne kann sie dennoch prüfen, verfeinern oder ganz ablehnen. Deshalb kann der Mensch nicht von der Gemeinschaft aufgesogen werden.

Ethik des Charakters und des Gemeinwohls

In seinem Eintrag zur afrikanischen Ethik geht Gyekye von der Sprache der Moral aus, etwa im Akan, Ewe oder Yoruba, und beschreibt diese Ethik als Charakterethik: Entscheidend ist die Güte des Charakters, nicht nur das Wissen um moralische Regeln. Das Gemeinwohl ist für ihn nicht die Summe der Einzelinteressen, sondern das, was für Menschen als Menschen gut ist. Wo das Gemeinwohl erreicht wird, ist auch das Gute des Einzelnen erreicht. Er beschreibt außerdem eine Ethik, in der Pflichten gegenüber den Rechten das größere Gewicht haben, ohne Rechte zu vernachlässigen.

Begriffe

Akan-Begriffsschema
okra (innerstes Selbst
Seele)
Person ohne Grade
gemäßigter Kommunitarismus
Charakter als Mitte der Ethik
Gemeinwohl

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Kwasi WireduPrüfstand: belegt

    Gyekye und Wiredu arbeiteten häufig zusammen und gaben gemeinsam den Band „Person and Community“ (1992) heraus. Trotz fachlicher Gegensätze, etwa zum Begriff der Person bei den Akan, pflegten sie ein enges Verhältnis.

Kritisiert

Gyekye kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Kwasi WireduPrüfstand: belegt

    Gyekye widerspricht Wiredus Deutung der Akan-Person als graduelles, durch Leistung und sozialen Rang erworbenes Personsein und hält Personsein für jedem Menschen zukommend.

  • Paulin HountondjiPrüfstand: belegt

    Gyekye widerspricht Paulin Hountondji vor allem darin, die mündliche afrikanische Überlieferung als bloße „Ethnophilosophie“ abzutun. Anders als Hountondji hält er Schriftlichkeit nicht für eine Voraussetzung von Philosophie; kritisches Nachdenken über die Überzeugungen und Praktiken der eigenen Kultur genügt ihm dafür.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Gyekye studierte an der Universität von Ghana und erwarb an der Harvard University seinen Doktorgrad in Philosophie mit einer Arbeit über griechisch-arabische Philosophie. 1969 begann er an der Universität von Ghana zu lehren und ging 2009 in den Ruhestand. Sein Interesse an der Geschichte der Philosophie gilt als bemerkenswert unter den im Westen ausgebildeten afrikanischen Philosophen.[5]

  • Biografie belegt

    Gyekye war Gastprofessor an den Universitäten von Florida und Howard und 1993/94 Stipendiat am Woodrow Wilson International Center for Scholars der Smithsonian Institution in Washington. Er lehrte außerdem als Gastprofessor an der Temple University.[6]

  • Debatte belegt

    Im Streit mit Wiredu über die Person widersprach Gyekye der Vorstellung, Personsein sei eine Sache von Graden und sozialem Ansehen, und berief sich auf die gleiche moralische Würde aller Menschen. Die Debatte zeigt zugleich, wie empirische Befunde in die philosophische Analyse einfließen können.[1]

  • Debatte belegt

    Zum Philosophen Anton Wilhelm Amo, der im 18. Jahrhundert in Deutschland wirkte, schrieb Gyekye 1987, dessen philosophische Werke könnten nicht als afrikanische Philosophie gelten, weil sie keine Grundlage in Kultur und Erfahrung afrikanischer Völker hätten. Das folgt aus seinem Maßstab, dass afrikanische Philosophie einen kulturellen Bezug braucht.[5]

Kritik

Mehrere Fachaufsätze bezweifeln, dass sich Gyekyes gemäßigter Kommunitarismus vom radikalen deutlich unterscheidet. Ein Aufsatz von Richard Ansah und Modestha Mensah argumentiert, er wiederhole die radikale Fassung, die er selbst ablehne. Andere verteidigen ihn. Motsamai Molefe stimmt zwar zu, dass sich Gyekye und Ifeanyi Menkiti bei den Rechten kaum unterscheiden, hält aber keine der beiden Lehren für radikal. Gegen den auch von Gyekye vertretenen Einwand, Wiredus Sicht lasse dem Einzelnen zu wenig Raum gegenüber der Gemeinschaft, wird eingewandt, dass auch Wiredu eine kritische Prüfung der Gemeinschaftswerte zulässt; es sei daher nicht klar, dass der Einwand Wiredus Sicht ernsthaft trifft.

Wirkung heute

Gyekyes gemäßigter Kommunitarismus wird in der Fachdiskussion weiter verteidigt und kritisiert, zum Beispiel in Aufsätzen von 2020 und 2023. Er schrieb den Eintrag zur afrikanischen Ethik in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn eine Mitarbeiterin stark in ihrem Team verwurzelt ist, kannst Du mit Gyekye beides gelten lassen. Sie trägt Pflichten für die Gruppe und darf gleichzeitig Gewohnheiten der Gruppe prüfen und infrage stellen, ohne dass sie damit ihre Zugehörigkeit verliert. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Gyekye über Führung.

Lebensstationen

  1. 1939Geburt in Ghana (damals Goldküste)
  2. 1969Beginn der Lehrtätigkeit an der Universität von Ghana
  3. 1987Erscheinen von An Essay on African Philosophical Thought
  4. 1992Herausgabe von Person and Community mit Kwasi Wiredu
  5. 1993Stipendiat am Woodrow Wilson International Center for Scholars (Studienjahr 1993/94)
  6. 1997Erscheinen von Tradition and Modernity
  7. 2009Ruhestand von der Universität von Ghana
  8. 2019Tod am 13. April

Werke

An Essay on African Philosophical Thought: The Akan Conceptual Scheme (Ein Essay über afrikanisches philosophisches Denken: Das Begriffsschema der Akan, 1987); The Unexamined Life (Das ungeprüfte Leben, 1988); Person and Community (Person und Gemeinschaft, 1992, Herausgabe mit Kwasi Wiredu); Tradition and Modernity (Tradition und Moderne, 1997); Eintrag „African Ethics“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Lesetipps

Einstieg
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Akan Philosophy of the Person“ und „African Ethics“ (geschrieben von Gyekye)
Vertiefung
Kwame Gyekye, An Essay on African Philosophical Thought: The Akan Conceptual Scheme (Cambridge University Press, 1987; überarbeitete Auflage Temple University Press, 1995)

Noch nicht sicher belegt

  • Das genaue Geburtsdatum, der 10. November 1939, ist nur einmal belegt; das Geburtsjahr 1939 steht in mehreren Quellen. Wo genau in Ghana Gyekye geboren wurde, ist nicht sicher belegt. Ob seine Bestimmung afrikanischer Philosophie im Gegensatz zu der von Wiredu, Hountondji und Odera Oruka steht, wird unterschiedlich dargestellt; bei der Forderung, überlieferte Überzeugungen kritisch zu prüfen, sehen Fachdarstellungen eher Übereinstimmung.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 5: Afrika. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Gyekye

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Akan Philosophy of the Person, Einleitung und Abschnitt 1 · abgerufen 2026-10-23
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy · abgerufen 2026-10-23
  4. [5]Springer, Encyclopedia of African Religions and Philosophy, Gyekye, Kwame; Daily Nous, Kwame Gyekye (1939-2019) · Webseite
  5. [6]Springer, Encyclopedia of African Religions and Philosophy, Gyekye, Kwame; Temple University Press · Webseite
  6. [7]books.google.com/books/about/An_Essay_on_African_Philosophical_Though.html · Buch
  7. [8]Kwame Gyekye · Wikipedia, abgerufen 2026-10-23
  8. [9]encyclopedia.com/history/dictionaries-thesauruses-pictures-and-press-releases/communitarianism-african-thought · Webseite
  9. [10]unisapressjournals.co.za/index.php/Phronimon/article/view/12556 · Webseite
  10. [11]ajol.info/index.php/ujah/article/download/179365/168728 · Webseite
  11. [12]Internet Encyclopedia of Philosophy, Wiredu, Abschnitt 2; University College Oxford, In Memoriam Kwasi Wiredu; University of South Florida, Kwasi Wiredu 1931–2022 · Webseite

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