Landkarte der Philosophie · Regionaler Überblick
Afrikanische Philosophie
ab 1945 bis heute (redaktionelle Abgrenzung ab Tempels’ Buch; erste systematische Arbeiten afrikanischer Philosophen gibt es seit den 1920er Jahren, die Vorgeschichte reicht weiter zurück) · Gegenwart
Kurz im Netz und in den Listen: Afrika (Überblick)
Was ist afrikanische Philosophie, wer macht sie, und wie klären wir Begriffe wie Person und Gemeinschaft, ohne fremde Denkgewohnheiten unbesehen zu übernehmen?
Afrikanische Philosophie meint hier das kritische Nachdenken von Menschen in Afrika über ihre Erfahrungen und Begriffe. Eine Streitfrage nach 1945 war, ob sich das Denken ganzer Völker als gemeinsames System beschreiben lässt: Der belgische Missionar Placide Tempels tat das 1945 in seinem Buch „Bantu-Philosophie“, und Paulin Hountondji, durch den der Name Ethnophilosophie bekannt wurde, warf dieser Richtung vor, Philosophie als namenloses Denksystem ohne einzelne Denkerinnen und Denker darzustellen. Henry Odera Oruka trat der Vorstellung einer einstimmigen Überlieferung mit seinem Projekt zur Weisen-Philosophie entgegen: Er befragte Menschen, die in ihren Gemeinschaften als weise gelten, und wollte belegen, dass es in afrikanischen Gesellschaften immer einzelne Menschen gab, die über grundlegende Fragen kritisch nachdachten. Kwasi Wiredu und Kwame Gyekye klären Begriffe der Akan wie Person und Gemeinschaft und deuten dabei den Personbegriff sehr verschieden.
Zeit und Umfeld
Die Debatte gewann in der Zeit der Entkolonialisierung an Gewicht, als viele afrikanische Länder unabhängig wurden und nach eigener Identität fragten. Philosophisches Nachdenken in Afrika ist deutlich älter, etwa bei Zera Yacob in Äthiopien im 17. Jahrhundert, und Anton Wilhelm Amo wirkte im 18. Jahrhundert als Lehrer in Deutschland.
Warum das heute zählt
Übertragen auf heute: Wer Teams über Kulturgrenzen führt, merkt, dass Wörter wie „Person“, „Wahrheit“ oder „Verantwortung“ nicht überall dasselbe bedeuten. Die Debatten dieser Sammlung zeigen, wie man Begriffe prüft, statt sie unbesehen zu übertragen.
Personen (5)
- Placide Tempels1906–1977Belgischer Franziskaner und Missionar im damaligen Belgisch-Kongo, dessen Buch „Bantu-Philosophie“ von 1945 die Debatte über die Frage auslöste, ob und wie es eine afrikanische Philosophie gibt.
- Kwasi Wiredu1931–2022Ghanaischer Philosoph, der mit den Methoden der analytischen Philosophie (der sorgfältigen Klärung von Begriffen und Argumenten) die Begriffe der Akan-Kultur untersuchte und mit der Forderung nach „begrifflicher Entkolonialisierung“ verlangte, afrikanisches Denken von unkritisch übernommenen westlichen Denkgewohnheiten zu befreien.
- Kwame Gyekye1939–2019Ghanaischer Philosoph, der die Denkweise der Akan als eigenständige Philosophie untersuchte, gegen Kwasi Wiredu für ein Personsein ohne Grade eintrat und mit dem „gemäßigten Kommunitarismus“ (einer Sicht, die die Gemeinschaft stark gewichtet, aber die Rechte des Einzelnen schützt) eine Mittelposition in der afrikanischen Ethik und Politik entwarf.
- Paulin Hountondji1942–2024Beninischer Philosoph, der den Begriff „Ethnophilosophie“ als abwertende Bezeichnung bekannt machte, die Darstellung gemeinsamer afrikanischer Weltbilder als Philosophie scharf kritisierte und forderte, dass afrikanische Philosophie aus den ausdrücklichen, begründeten Texten einzelner Denkender besteht.
- Henry Odera Oruka1944–1995Kenianischer Philosoph, der mit seinem Sage-Projekt zeigen wollte, dass es auch in der mündlichen Überlieferung afrikanischer Gemeinschaften einzelne Denkende gibt, die Überzeugungen kritisch prüfen, und der vier Richtungen der afrikanischen Philosophie unterschied.
Verbindungen innerhalb des Kapitels
9 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
Henry Odera Oruka übernimmt Gedanken von Paulin Hountondjibelegt
Hountondji gehört zu den Einflüssen auf Orukas Weisheitsphilosophie: Oruka kannte seine Schriften und hörte 1973 in Nairobi seinen Vortrag, in dem er Tempels' Bantu-Philosophie kritisierte. Oruka entwarf seine Weisheitsphilosophie als Alternative zur Ethnophilosophie, die Hountondji kritisiert hatte.
Henry Odera Oruka übernimmt Gedanken von Kwasi Wiredubelegt
Oruka entwarf sein Sage-Projekt im Anschluss an Wiredus Beschreibung, aus den „lebenden Weisen“ die „ausführlichen und begründeten“ Argumente hinter traditionellen Überzeugungen zu gewinnen, und übernahm Wiredus Wörter „Volksphilosophie“ und „elaborate“.
Kwame Gyekye und Kwasi Wiredu kannten sich persönlichbelegt
Gyekye und Wiredu arbeiteten häufig zusammen und gaben gemeinsam den Band „Person and Community“ (1992) heraus. Trotz fachlicher Gegensätze, etwa zum Begriff der Person bei den Akan, pflegten sie ein enges Verhältnis.
Kwame Gyekye kritisiert Paulin Hountondjibelegt
Gyekye widerspricht Paulin Hountondji vor allem darin, die mündliche afrikanische Überlieferung als bloße „Ethnophilosophie“ abzutun. Anders als Hountondji hält er Schriftlichkeit nicht für eine Voraussetzung von Philosophie; kritisches Nachdenken über die Überzeugungen und Praktiken der eigenen Kultur genügt ihm dafür.
Kwame Gyekye kritisiert Kwasi Wiredubelegt
Gyekye widerspricht Wiredus Deutung der Akan-Person als graduelles, durch Leistung und sozialen Rang erworbenes Personsein und hält Personsein für jedem Menschen zukommend.
Paulin Hountondji kritisiert Placide Tempelsbelegt
Hountondji kritisierte Tempels’ „Bantu-Philosophie“, weil das Buch afrikanische Philosophie als anonymes, gemeinsames Weltbild ohne einzelne Denkende darstelle, und belegte diesen Ansatz mit dem abwertenden Begriff „Ethnophilosophie“.
Henry Odera Oruka kritisiert Placide Tempelsbelegt
Oruka kritisierte 1972 Tempels’ „Bantu-Philosophie“ als rückwärtsgewandtes Plädoyer für unphilosophische Überlieferungen und warf ihm und anderen vor, „Philosophie ohne Philosophen“ zu liefern, weil sie nur die Gruppe und keine einzelnen Denkenden darstellten.
Kwasi Wiredu kritisiert Placide Tempelsbelegt
Wiredu kritisiert, dass Placide Tempels Ansichten der Bantu-Gruppe, bei der er als Missionar wirkte, ohne ausreichende empirische Prüfung allen Menschen in Afrika zuschrieb. Dass Tempels dabei einen westlichen Begriff des Seins verwendete, hält Wiredu nicht unbedingt für verwerflich, weil manche Begriffe tatsächlich allgemein gelten; er verlangt aber, solche Darstellungen kritisch auf übergestülpte fremde Begriffe zu prüfen.
Paulin Hountondji wird verglichen mit Kwasi WireduDeutung
Redaktioneller Vergleich: Hountondji und Kwasi Wiredu kritisierten beide die ethnophilosophischen Ansätze von Tempels und Mbiti und waren beide in Afrika und im Ausland ausgebildet. Eine Zusammenarbeit ist damit nicht behauptet.
Nachbarn unter den Kapiteln
- Verwandt mit: Phänomenologie und ExistenzialismusFrantz Fanon, im Kapitel Phänomenologie und Existenzialismus geführt, versteht Entkolonialisierung politisch; die Forschung stellt dem Wiredus begriffliches Verständnis gegenüber
- Verwandt mit: RationalismusAnton Wilhelm Amo, im Kapitel Rationalismus geführt, wird in Überblicken zur Philosophie Afrikas und der afrikanischen Diaspora behandelt; Kwame Gyekye zählt sein Werk dagegen ausdrücklich nicht zur afrikanischen Philosophie
- Verwandt mit: Analytische Philosophie und WissenschaftstheorieWiredus Begriffsarbeit knüpft an die analytische Philosophie an
Quellen
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy · abgerufen 2026-10-23
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Akan Philosophy of the Person, Einleitung und Abschnitt 1 · abgerufen 2026-10-23
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Internet Encyclopedia of Philosophy
- [5]Wiredu, Abschnitt 3 · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [6]African philosophy · Wikipedia