Kwasi Wiredu
Philosoph · 1931–2022 · Kumasi (Ghana), Oxford (England), Legon (Ghana), Tampa (Florida, Vereinigte Staaten)
Kernidee in Kürze
Wiredu verlangt, afrikanisches Philosophieren in zwei Richtungen zu läutern. Es soll nicht unkritisch westliche Denkweisen übernehmen, und es soll schädliche Seiten der eigenen Überlieferung kritisch prüfen.
- Kapitel
- Afrika (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie kann afrikanische Philosophie kritisch und zugleich eigenständig sein, ohne westliche Denkgewohnheiten unbesehen zu übernehmen und ohne alles Überlieferte unbesehen zu loben?
- Position
- Wiredu verlangt eine begriffliche Entkolonialisierung: eigene Sprache und Überlieferung sorgfältig prüfen, Unbrauchbares aus beiden Welten ablegen und das Brauchbare verbinden.
- Einwand
- Kritiker sagen, sein Programm sei als langfristiges Vorhaben kaum tragfähig und gehe teils zu hart mit der Tradition um. Gyekye widerspricht seiner Deutung der Person als Grad von Leistung.
- Verbindung
- Wiredu studierte bei Gilbert Ryle in Oxford und kritisiert Marx. Mit Kwame Gyekye gab er den Band Person and Community heraus und stritt zugleich mit ihm über den Personbegriff.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Wiredu war
Ghanaischer Philosoph, der mit den Methoden der analytischen Philosophie (der sorgfältigen Klärung von Begriffen und Argumenten) die Begriffe der Akan-Kultur untersuchte und mit der Forderung nach „begrifflicher Entkolonialisierung“ verlangte, afrikanisches Denken von unkritisch übernommenen westlichen Denkgewohnheiten zu befreien.
Wiredu wuchs in der Kolonialzeit der Goldküste (heute Ghana) auf und studierte vor allem westliche Philosophie. Seine Überlegungen entstanden in der Zeit nach der politischen Befreiung, als die Frage nach einem eigenen afrikanischen Denken drängend wurde. Er wird der professionellen Richtung zugerechnet, die kritische, von Einzelnen verantwortete Argumentation als Kennzeichen von Philosophie versteht und der Ethnophilosophie (der Darstellung gemeinsamer Weltbilder ganzer Völker) kritisch gegenübersteht.
Kernidee genauer
Dazu soll man die eigene Sprache genau untersuchen und die Einsichten der Tradition mit denen der modernen Welt verbinden. Am Beispiel der Sprache der Akan (einer Volksgruppe in Westafrika) zeigt er, dass das Wort onipa sowohl den Menschen als Lebewesen als auch die Person meint, die erst durch Leistung für ihre Gemeinschaft zur vollen Person wird. Politisch beschreibt er die Ordnung der Ashanti als Demokratie, die auf Konsens statt auf Mehrheit beruht.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Wiredu studierte in Ghana überwiegend westliche Philosophie und erschloss sich afrikanische Denktraditionen selbst. Er gab später zu, dass seine Ausbildung ihn in Bezug auf afrikanische Philosophie nahezu unvorbereitet ließ.[1]
Fundstelle: Abschnitt 2 (Beleg: He was later to admit that the character of his undergraduate education was to leave his mind a virtual tabula rasa , as far as African philosophy was concerned.)
Bekannt für
Man kennt Wiredu für den Begriff der begrifflichen Entkolonialisierung und für seine Deutung des Personbegriffs der Akan. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einem internationalen Team merkst, dass ein Wort wie „Verantwortung“ unterschiedlich verstanden wird, und zuerst fragst, was es in der jeweiligen Sprache genau heißt, gehst Du so vor, wie Wiredu es für das philosophische Denken verlangt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Begriffliche Entkolonialisierung
Wiredu verbindet damit zwei Aufgaben. Erstens soll das afrikanische Philosophieren nicht unkritisch Denkweisen aus westlichen Traditionen übernehmen. Er will dabei auch Seiten der überlieferten Kultur kritisch prüfen, die dem Denken schaden, damit es tragfähiger wird.
Person als Leistung
Wiredu zeigt, dass das Akan-Wort onipa zwei Bedeutungen hat. Es kann den Menschen als Lebewesen meinen oder einen Menschen, der eine besondere soziale Stellung erreicht hat. Mensch zu sein ist danach nur die Voraussetzung. Zur vollen Person wird man in Graden durch eigene Leistung, etwa indem man die Pflichten gegenüber Familie und Gemeinschaft erfüllt. Der okra (das, was nach der Akan-Vorstellung Leben bedeutet und das Schicksal von Gott empfängt) sichert jedem Menschen aber ein Mindestmaß an Achtung.
Die Sprache als Prüfstein
Wiredu vergleicht Akan und Englisch, um Denkgewohnheiten sichtbar zu machen. Er hält fest, dass es im Akan kein einzelnes Wort für „Wahrheit“ gibt. Außerdem argumentiert er, dass sich im Begriffsgefüge der Akan das Leib-Seele-Problem Descartes’ (die Frage, wie Geist und Körper zusammenhängen) im Normalfall gar nicht stellen würde. Daraus folgt für ihn, dass Philosophinnen und Philosophen ihre Begriffe in der eigenen Sprache gegenprüfen sollten.
Demokratie durch Konsens
Sie war konsensual, weil diese Zustimmung in der Regel nach dem Prinzip des Konsenses ausgehandelt wurde, im Unterschied zu Mehrheitssystemen. Er wirbt für eine Politik ohne Parteien. Nach Wiredu gab es in Akan-Gemeinschaften in unterschiedlichen Formen eigenständiges, kritisches Denken, und es war die Grundlage oft langer Streitgespräche unter Ältesten, die einen Konsens suchten.
Kritik an Marx
Wiredu hatte große Vorbehalte gegen den Marxismus, hielt Karl Marx aber ausdrücklich für einen der großen Philosophen. Er kritisiert Marx’ und Engels’ Begriffe von Ideologie, Bewusstsein und Wahrheit und wirft ihnen vor, die Moralphilosophie nicht ausreichend geklärt zu haben. Bei ihm findet sich auch die Sorge, in diesem Denken liege ein Zug zum Autoritären.
Begriffe
- begriffliche Entkolonialisierung
- onipa (Mensch
- Person)
- okra (Lebensprinzip eines Menschen)
- Konsens statt Mehrheit
- Wahrheit in der Akan-Sprache
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
9 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 7 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer
Persönliches Lehrverhältnis: haben Wiredu unterrichtet.
Gilbert RylePrüfstand: belegt
Wiredu schrieb in Oxford bei Gilbert Ryle seine Abschlussarbeit „Knowledge, Truth and Reason“.
Peter Frederick StrawsonPrüfstand: belegt
Peter Strawson war in Oxford Wiredus College-Tutor, also der Lehrer, der ihn in kleinen Gruppen betreute.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Kwame GyekyePrüfstand: belegt
Gyekye und Wiredu arbeiteten häufig zusammen und gaben gemeinsam den Band „Person and Community“ (1992) heraus. Trotz fachlicher Gegensätze, etwa zum Begriff der Person bei den Akan, pflegten sie ein enges Verhältnis.
Kritisiert
Wiredu kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Karl MarxPrüfstand: belegt
Wiredu hält Marx für einen der großen Philosophen, kritisiert aber dessen Begriffe von Ideologie, Bewusstsein und Wahrheit und die ungeklärte Moralphilosophie.
Placide TempelsPrüfstand: belegt
Wiredu kritisiert, dass Placide Tempels Ansichten der Bantu-Gruppe, bei der er als Missionar wirkte, ohne ausreichende empirische Prüfung allen Menschen in Afrika zuschrieb. Dass Tempels dabei einen westlichen Begriff des Seins verwendete, hält Wiredu nicht unbedingt für verwerflich, weil manche Begriffe tatsächlich allgemein gelten; er verlangt aber, solche Darstellungen kritisch auf übergestülpte fremde Begriffe zu prüfen.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Wiredu. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Kwame GyekyePrüfstand: belegt
Gyekye widerspricht Wiredus Deutung der Akan-Person als graduelles, durch Leistung und sozialen Rang erworbenes Personsein und hält Personsein für jedem Menschen zukommend.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Wiredu weiter, meist über Texte.
Henry Odera OrukaPrüfstand: belegt
Oruka entwarf sein Sage-Projekt im Anschluss an Wiredus Beschreibung, aus den „lebenden Weisen“ die „ausführlichen und begründeten“ Argumente hinter traditionellen Überzeugungen zu gewinnen, und übernahm Wiredus Wörter „Volksphilosophie“ und „elaborate“.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Frantz FanonPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Eine Fachenzyklopädie stellt Fanons politisch-gewaltsames Verständnis von Entkolonialisierung dem begrifflichen Verständnis Wiredus gegenüber. Ein Einfluss ist nicht behauptet.
Paulin HountondjiPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Hountondji und Kwasi Wiredu kritisierten beide die ethnophilosophischen Ansätze von Tempels und Mbiti und waren beide in Afrika und im Ausland ausgebildet. Eine Zusammenarbeit ist damit nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Wiredu wurde 1931 in Ghana geboren und las um 1947 in Kumasi, der Hauptstadt von Ashanti, in der Schule seine ersten Bücher über Philosophie. 1950 stieß er in Accra auf Platons Dialoge „Apologie“, „Euthyphron“, „Menon“ und „Kriton“. Sie prägten später das letzte Kapitel seines ersten Buches, das wie diese Dialoge selbst als Gespräch aufgebaut ist.[8]
Biografie belegt
Wiredu studierte an der Universität von Ghana in Legon und erwarb dort 1958 den ersten Abschluss. An der Universität wurde vor allem westliche Philosophie gelehrt. Afrikanische Denktraditionen erschloss er sich weitgehend selbst. Danach studierte er am University College der Universität Oxford, wo Gilbert Ryle seine Abschlussarbeit betreute.[7]
Biografie belegt
Wiredu lehrte 23 Jahre an der Universität von Ghana und wurde dort zuerst Leiter des Fachbereichs und dann Professor. Von 1987 bis 2010 war er Professor an der University of South Florida in Tampa. Er sagte selbst, dass er seit seinem Wechsel in die Vereinigten Staaten häufig gebeten wurde, über afrikanische Philosophie zu lehren und zu sprechen, und deshalb mehr darüber forschte als zuvor.[8]
Zeitgeschehen belegt
Nach der politischen Befreiung afrikanischer Länder wurde die Entkolonialisierung zu einem drängenden Thema. Die Forschung unterscheidet Wiredus Programm von Frantz Fanons politischem Verständnis der Entkolonialisierung, das auch Gewalt einschloss. Bei Wiredu bedeutet Entkolonialisierung eine Umwälzung der Begriffe; eine ausdrückliche Befürwortung von Gewalt findet sich bei ihm nicht.[1]
Kritik
Es lässt sich einwenden, dass Wiredus Programm als langfristiges Vorhaben nicht trägt, weil der Rückgriff auf das vorkoloniale Erbe unter den Bedingungen der Nachkolonialzeit schwierig ist. Ein Hauptvorwurf lautet, er habe sich zu wenig mit Postkolonialismus, afrikanischem Feminismus und weltweiten Dimensionen der Entkolonialisierung befasst. Seine Kritik an der Tradition gehe teils zu weit, etwa wenn er die traditionelle Medizin als in der Diagnose sehr schwach bezeichnet. Kwame Gyekye hält gegen Wiredus Deutung der Person, dass Personsein nicht vom sozialen Ansehen abhängt, sondern jedem Menschen zukommt.
Wirkung heute
Seine Beiträge gelten als zentral für den Aufbau einer Tradition der neueren afrikanischen Philosophie. Sein Argument zum Leib-Seele-Problem wird als Beispiel dafür angeführt, dass westliche Listen philosophischer Probleme neu geprüft werden müssen. Zu Lebzeiten wurde er oft als größter lebender afrikanischer Philosoph bezeichnet.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team aus verschiedenen Ländern führst und Wörter wie „Erfolg“ oder „Verantwortung“ unterschiedlich verstanden werden, kannst Du mit Wiredu zuerst fragen, was das Wort in der jeweiligen Sprache wirklich bedeutet, bevor Ihr über Inhalte streitet. Auch Entscheidungen, die so lange besprochen werden, bis alle sie mittragen können, erinnern an das Konsensprinzip, das er beschreibt. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Wiredu über Führung.
Lebensstationen
- 1931Geburt in Kumasi (Goldküste, heute Ghana)
- 1950Liest Platons Dialoge um den Tod des Sokrates
- 1958Erster Abschluss an der Universität von Ghana; Beginn des Studiums in Oxford
- 1980Erscheinen von Philosophy and an African Culture
- 1987Beginn der Professur an der University of South Florida (bis 2010)
- 1992Herausgabe von Person and Community mit Kwame Gyekye
- 2004Herausgabe von A Companion to African Philosophy
- 2022Tod im Januar in den Vereinigten Staaten
Werke
Philosophy and an African Culture (Philosophie und eine afrikanische Kultur, 1980); Person and Community (Person und Gemeinschaft, 1992, Herausgabe mit Kwame Gyekye); Conceptual Decolonization in African Philosophy (Begriffliche Entkolonialisierung in der afrikanischen Philosophie, 1995); Cultural Universals and Particulars (Kulturelle Allgemeinheiten und Besonderheiten, 1996); A Companion to African Philosophy (Handbuch der afrikanischen Philosophie, 2004, Herausgabe)
Anekdote belegt
Als Schüler schrieb Wiredu zwischen 1950 und 1951 politische Artikel für die Zeitung The Ashanti Sentinel unter dem Decknamen J. E. Joad, angelehnt an den englischen Philosophen C. E. M. Joad, dessen Denken ihn stark beeindruckte.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Internet Encyclopedia of Philosophy, „Kwasi Wiredu“; Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Akan Philosophy of the Person“
- Vertiefung
- Kwasi Wiredu, Philosophy and an African Culture (Cambridge University Press, 1980); Kwasi Wiredu und Kwame Gyekye (Herausgeber), Person and Community (Council for Research in Values and Philosophy, 1992)
Noch nicht sicher belegt
- Das genaue Todesdatum wird unterschiedlich angegeben, genannt werden der 5. und der 6. Januar 2022. Den Abschluss in Oxford datieren die Quellen auf 1960 oder 1961; er bestand die Prüfungen 1960 und erhielt den Grad im Sommer 1961. Für A Companion to African Philosophy nennen die Quellen die Jahre 2003 und 2004; hier steht 2004.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 5: Afrika. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Wiredu
- [1]Wiredu, Abschnitt 3 · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Akan Philosophy of the Person, Einleitung und Abschnitt 1 · abgerufen 2026-10-23
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy · abgerufen 2026-10-23
- [5]Internet Encyclopedia of Philosophy
- [6]univ.ox.ac.uk/news/in-memoriam-kwasi-wiredu · Webseite
- [7]Internet Encyclopedia of Philosophy, Wiredu, Abschnitt 2; University College Oxford, In Memoriam Kwasi Wiredu; University of South Florida, Kwasi Wiredu 1931–2022 · Webseite
- [8]Internet Encyclopedia of Philosophy, Wiredu, Abschnitt 2; Wikipedia, Kwasi Wiredu