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Landkarte der Philosophie

Sally Haslanger

Philosophin · geboren 1955 · Berkeley (Kalifornien), Ann Arbor (Michigan), Massachusetts Institute of Technology

Kernidee in Kürze

Haslanger fragt, was gemeint ist, wenn man sagt, Geschlecht oder Rasse seien sozial konstruiert. Für sie geht es nicht um die Streitfrage, ob etwas angeboren oder erlernt ist, sondern darum, dass es gesellschaftliche Positionen gibt, in die Menschen wegen ihres Körpers eingeordnet werden, mit Vorteilen oder Nachteilen.

Kapitel
Gegenwart (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Was bedeutet es, dass Geschlecht und Rasse „sozial konstruiert“ sind, und wie kann man daraus Ungerechtigkeit kritisieren?

Position
Haslanger sieht Geschlecht und Rasse als gesellschaftliche Positionen, in die Menschen wegen vermeintlicher körperlicher Merkmale einsortiert werden, mit Vor- oder Nachteilen. Begriffe sollen so bestimmt werden, dass sie im Kampf gegen Ungerechtigkeit nützen.
Einwand
Kritikerinnen sagen, ihre Bestimmung von „Frau“ als Unterordnung schließe manche Frauen aus und lasse keinen Platz dafür, Weiblichkeit positiv zu verstehen.
Verbindung
Haslanger untersucht Catharine MacKinnons Theorie von Geschlecht. In der Forschung wird mit Haslangers Begriff der diskursiven Konstruktion auch Judith Butlers Sicht eingeordnet.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Haslanger war

Amerikanische Philosophin, die mit den Mitteln der analytischen Philosophie erklärt, was es heißt, dass Geschlecht und Rasse „sozial konstruiert“ sind, und daraus eine Kritik an ungerechten Verhältnissen entwickelt.

Haslanger studierte am Reed College, wurde 1985 in Berkeley promoviert und lehrte in Princeton, Pennsylvania und Michigan, bevor sie ans Massachusetts Institute of Technology kam, wo sie die Ford-Professur für Philosophie hat. Sie arbeitet an der Grenze von analytischer Philosophie, feministischer Theorie, kritischer Rassentheorie und Gesellschaftskritik.

Kernidee genauer

Mit dieser Sicht will sie Ungerechtigkeit sichtbar und angreifbar machen. Ihre Bestimmung von „Frau“ als Position der Unterordnung ist hilfreich gemeint, aber heftig diskutiert.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Haslanger sagt, dass sich ein großer Teil ihrer Arbeit mit Catharine MacKinnons Theorie von Geschlecht befasst. Davon geht ihre eigene Bestimmung von Geschlecht als gesellschaftlicher Position aus.[1]

Fundstelle: Abschnitt „Philosophical work“

Bekannt für

Man kennt Haslanger für ihre Bestimmung von „Frau“ und „Rasse“ als gesellschaftliche Positionen und für ihr Buch Resisting Reality. Ein Alltagsbeispiel: Wenn in Deiner Firma die Erwartung herrscht, Frauen seien weniger durchsetzungsfähig, und man ihnen deshalb weniger zutraut, bis sie sich tatsächlich weniger zutrauen, dann zeigt das den Kreislauf, den Haslanger beschreibt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Was „sozial konstruiert“ bedeutet

Haslanger sagt, dass Menschen oft für natürlich halten, was in Wahrheit gesellschaftlich hergestellt ist. Sie will genau bestimmen, was das heißt. In einem Gespräch erklärt sie das Beispiel einer Person, die man für nicht bildungsfähig hält: Wird ihr Bildung vorenthalten, entwickelt sie bestimmte Fähigkeiten nicht, und die Annahme scheint sich zu bestätigen, obwohl sie nicht stimmte. Das Natürliche sei weniger festgelegt, das Gesellschaftliche oft fester, als man denkt.

Geschlecht als gesellschaftliche Position

Haslanger bestimmt in einem Aufsatz von 2000 „Frau“ ungefähr so: Eine Person ist eine Frau, wenn sie entlang irgendeiner Dimension (wirtschaftlich, politisch, rechtlich, sozial) systematisch untergeordnet wird und als Ziel dieser Behandlung durch beobachtete oder vermutete körperliche Merkmale gekennzeichnet ist, die als Hinweis auf die weibliche Rolle bei der Fortpflanzung gelten. Geschlecht ist demnach eine Frage der gesellschaftlichen Stellung.

Ameliorative Analyse

Haslangers Methode heißt ameliorativ, also verbessernd. Sie fragt nicht, was Menschen im Alltag mit „Frau“ meinen, sondern welche Begriffe Feministinnen brauchen, um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Die Begriffe sollen helfen, anhaltende Ungleichheit zu erkennen und zu erklären. Sie räumt ein, dass ihre Bestimmung dadurch von der gewöhnlichen Wortverwendung abweicht, und hat später auch erwogen, dass sie weniger abweicht, als es scheint, weil unterdrückende Weltbilder uns über unsere eigenen Wortbedeutungen täuschen könnten.

Rasse und Ideologie

Ähnlich bestimmt Haslanger Rasse: Menschen gehören zu einer Rassengruppe, wenn man ihnen bestimmte körperliche Merkmale zuschreibt, die als Hinweis auf Herkunft gelten, wenn dies sie an eine untergeordnete oder bevorzugte Stelle setzt und wenn dies tatsächlich ihre systematische Benachteiligung oder Bevorzugung stützt. Im Buch Resisting Reality beschreibt sie Ideologie als ein ziemlich stabiles Bündel gemeinsamer Neigungen, auf die Welt zu antworten, oft so, dass die Welt dabei geformt wird und diese Neigungen weiter hervorruft. So kann Gesellschaftliches natürlich erscheinen.

Begriffe

soziale Konstruktion (etwas Scheinbar-Natürliches ist gesellschaftlich hergestellt)
ameliorative Analyse (Begriffe so bestimmen
dass sie einem guten Zweck dienen)
Ideologie
soziale Struktur
Geschlecht und Rasse als gesellschaftliche Positionen

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

2 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Untersucht

Haslanger untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.

  • untersucht Catharine MacKinnonPrüfstand: belegt

    Haslanger gibt an, dass sich ein großer Teil ihrer Arbeit mit MacKinnons Theorie von Geschlecht befasst, und ordnet MacKinnons Ansatz als Sicht ein, in der Geschlecht durch gesellschaftliche Stellung bestimmt ist.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Judith ButlerPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Ein Überblick beschreibt Butlers Sicht, Geschlecht sei durch Sprache und Handlungen hergestellt, mit Haslangers Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten sozialer Konstruktion. Ein Einfluss zwischen beiden ist damit nicht behauptet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Haslanger schloss 1977 am Reed College ab und wurde 1985 an der University of California in Berkeley promoviert. Sie lehrte in Princeton, an der University of Pennsylvania und an der University of Michigan, bevor sie ans Massachusetts Institute of Technology wechselte.[9]

  • Biografie belegt

    Haslanger sagt von sich, dass sich ein großer Teil ihrer Arbeit mit Veränderung und Fortbestehen, mit Objektivität und Objektivierung sowie mit Catharine MacKinnons Theorie von Geschlecht befasst.[1]

  • Wirkung belegt

    Für Resisting Reality erhielt Haslanger 2014 den Joseph B. Gittler Award der American Philosophical Association, einen Preis für Beiträge zur Philosophie der Sozialwissenschaften. Im Jahr 2010 zeichnete die Society for Women in Philosophy sie als herausragende Philosophin aus.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Haslanger leitete am Massachusetts Institute of Technology das Programm für Frauen- und Geschlechterstudien und veröffentlichte 2012 ihre wichtigsten Aufsätze zu Geschlecht und Rasse in einem Band.[2]

Kritik

Gegen Haslangers Bestimmung von „Frau“ gibt es mehrere Einwände. Danach wäre eine Frau, die nicht wegen ihres Geschlechts unterdrückt wird, wohl keine Frau, etwa die englische Königin; Mari Mikkola hält solche verändernden Bestimmungen für politisch wenig hilfreich. Katharine Jenkins sagt, die Bestimmung schließe manche trans Frauen aus. Alison Stone meint, sie lasse keinen Raum dafür, Weiblichkeit auch positiv zu bewerten. Theodore Bach hält ihren Ansatz für nicht objektiv genug, und Jennifer Saul bezweifelt, dass sich zeigen lässt, dass die Alltagssprache „Frau“ tatsächlich in Haslangers Sinn verwendet. Haslanger selbst versteht ihre Bestimmung als bewusst verändernd und nicht als Abbildung der Alltagssprache.

Wirkung heute

Haslangers Ansatz gilt als einflussreich für die Philosophie von Geschlecht und Rasse und für die Diskussion um soziale Ontologie (Lehre davon, welche gesellschaftlichen Gegenstände es gibt). Ihre Bestimmung von „Frau“ gehört zu den viel diskutierten Antworten auf die Frage, was Frauen als Gruppe verbindet. Im Jahr 2023 hielt sie die Walter-Benjamin-Vorlesungen an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn in Deiner Organisation bestimmte Gruppen immer wieder Aufgaben bekommen, die zu den Rollen passen, die man ihnen zuschreibt, kannst Du mit Haslanger fragen, welche Erwartungen sich dabei selbst bestätigen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Haslanger über Führung.

Lebensstationen

  1. 1955Geburt
  2. 1977Abschluss am Reed College
  3. 1985Promotion an der University of California, Berkeley
  4. 2000Aufsatz Gender and Race: (What) Are They? (What) Do We Want Them to Be?
  5. 2010Auszeichnung der Society for Women in Philosophy
  6. 2012Resisting Reality erscheint; Gittler Award 2014

Werke

Ontology and Social Construction (1995); Gender and Race: (What) Are They? (What) Do We Want Them to Be? (2000); Resisting Reality: Social Construction and Social Critique (2012); Critical Theory and Practice (2017)

Lesetipps

Einstieg
Sally Haslanger, Q&A with MIT philosopher Sally Haslanger (MIT News, 2013), ein kurzes Gespräch zu Resisting Reality
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Feminist Perspectives on Sex and Gender“, Abschnitt 4.2.1; Sally Haslanger, Resisting Reality (Oxford University Press, 2012)

Noch nicht sicher belegt

  • Ob Haslanger ihre Bestimmung von „Frau“ heute noch ganz vertritt, ist nicht eindeutig; eine Quelle sagt, sie stehe nicht mehr vollständig dazu. Deutsche Ausgaben ihrer Werke konnten nicht belegt werden.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Haslanger

  1. [1]Sally Haslanger · Wikipedia
  2. [2]MIT News, Q&A with MIT philosopher Sally Haslanger (2013) · Webseite
  3. [3]academic.oup.com/book/4911 · Webseite
  4. [4]Feminist Perspectives on Sex and Gender · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
  5. [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  6. [6]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  7. [7]Stanford Encyclopedia of Philosophy · abgerufen 2026-10-22
  8. [8]philpapers.org/rec/HASRRS · Aufsatz
  9. [9]Wikipedia, Sally Haslanger; Sally Haslanger, Lebenslauf · Webseite
  10. [10]philosophy.mit.edu/haslanger · Webseite
  11. [11]criticaltheoryinberlin.de/en/benjamin-lectures · Webseite
  12. [12]gcws.mit.edu/gcws-publications-library/resisting-reality-social-construction-and-social-critique · Webseite

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