Catharine MacKinnon
Rechtswissenschaftlerin · geboren 1946 · New Haven (Connecticut), University of Michigan (Michigan)
Kernidee in Kürze
MacKinnon sieht Geschlecht nicht als natürlichen Unterschied oder als Frage der Erziehung, sondern als Ergebnis von Macht: Männlichkeit wird in der Sexualität als Herrschaft, Weiblichkeit als Unterordnung hergestellt. Daraus folgt für sie, dass Gleichheit vor dem Gesetz nicht ausreicht, wenn das Recht selbst von einem männlichen Standpunkt aus gebaut ist.
- Kapitel
- Gegenwart (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Warum bleibt Gleichheit vor dem Gesetz für Frauen oft leer, und was macht Geschlecht überhaupt aus?
- Position
- MacKinnon sieht Geschlecht als Ergebnis sexueller Machtverhältnisse: Männer stehen für Herrschaft, Frauen für Unterordnung. Das Recht muss diese Ungleichheit erkennen, statt so zu tun, als sei es neutral.
- Einwand
- Kritikerinnen und Kritiker sagen, ihr Ansatz sei starr, lasse nur Herrschaft und Unterordnung gelten und erfasse die unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen verschiedener Herkunft nicht.
- Verbindung
- MacKinnon baut mit ihrer Analogie auf Marx auf und kritisiert ihn zugleich. Kimberlé Crenshaw schrieb mit ihr einen Aufsatz und setzt sich in ihrer Arbeit mit ihrem Ansatz auseinander. Sally Haslanger untersucht MacKinnons Theorie von Geschlecht.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer MacKinnon war
Amerikanische Rechtswissenschaftlerin und radikale Feministin, die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz als Form der Diskriminierung wegen des Geschlechts begründete und Geschlecht als Ergebnis sexueller Machtverhältnisse beschreibt.
MacKinnon schrieb ihre Hauptwerke in den 1970er und 1980er Jahren, als die Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten Rechtsfragen wie Belästigung, Gewalt und Pornografie neu aufwarf. Sie lehrte an mehreren Rechtsfakultäten und ist seit 1990 an der Rechtsfakultät der University of Michigan. Sie entwarf Verordnungen für Städte, vertrat vor Gericht Frauen aus Bosnien und Herzegowina und arbeitete für internationale Strafgerichte.
Kernidee genauer
Das oberste Gericht der Vereinigten Staaten folgte 1986 ihrem Gedanken, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sei Diskriminierung wegen des Geschlechts. Ihr Vorgehen gegen Pornografie als Verletzung von Bürgerrechten ist stark umstritten.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
MacKinnon kam im Jahr 1974 noch als Jurastudentin auf den Gedanken, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz eine Form der Diskriminierung wegen des Geschlechts ist. Aus dem Gedanken entstand der Rechtsanspruch, den sie später in ihrem ersten Buch ausarbeitete.[1]
Bekannt für
Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einem Team erlebst, dass eine Kollegin dauernd mit Bemerkungen über ihr Aussehen bedacht wird und dadurch ihre Arbeit schlechter machen kann, würde MacKinnon das nicht als Privatsache zweier Menschen sehen, sondern als Frage der Gleichheit am Arbeitsplatz.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Sexuelle Belästigung als Diskriminierung
MacKinnon kam als Jurastudentin im Jahr 1974 auf den Gedanken, dass das, was sie „sexuelle Belästigung“ nannte, eine Form der Diskriminierung wegen des Geschlechts ist. Daraus entstand ihr erstes Buch. Im Jahr 1986 entschied das oberste Gericht der Vereinigten Staaten in seinem ersten Fall zu sexueller Belästigung, bei dem MacKinnon als Mitanwältin beteiligt war, einstimmig in diesem Sinn.
Geschlecht als Herrschaft
In ihrem Hauptwerk von 1989 beschreibt MacKinnon Geschlecht als Ergebnis sexueller Objektivierung: Frauen werden als Gegenstände für die Wünsche von Männern angesehen und behandelt. Aus ihrer Sicht entsteht das nicht aus der Natur der Menschen, sondern ist gesellschaftlich geformt, und Erziehung ist Ausdruck von Macht. Für den Begriff „Gleichheit der Geschlechter“ sieht sie deshalb keinen Platz, solange Sexualität Herrschaft bedeutet; erst wenn das endet, gäbe es die hierarchischen Geschlechter nicht mehr.
Das Recht und der männliche Standpunkt
MacKinnon und andere feministische Rechtstheoretikerinnen kritisieren, dass ein Verständnis von Rechtsstaatlichkeit, das vor allem auf Folgerichtigkeit und Widerspruchsfreiheit setzt, bestehende Machtverhältnisse bestätigen und rechtfertigen kann. Das Recht stellt dann die herrschenden Normen als allgemein, natürlich und objektiv dar. Nach dieser Lesart macht das Recht Benachteiligung unsichtbar und selbstverständlich.
Die Beziehung zu Marx und die Methode
MacKinnon baut ihre Theorie als Gegenstück zu Marx auf: Sexualität ist für den Feminismus, was Arbeit für den Marxismus ist, nämlich das, was am meisten zu einem selbst gehört und am meisten genommen wird. Sie sieht den Marxismus als unzureichend für die Lage der Frauen. Als Methode des Feminismus nennt sie die Bewusstseinsbildung in Gruppen (consciousness raising), in der Frauen ihre Erfahrungen gemeinsam aussprechen und auswerten.
Pornografie als Frage der Bürgerrechte
MacKinnon und die Autorin Andrea Dworkin entwarfen 1983 für den Stadtrat von Minneapolis eine Verordnung, die Pornografie als Verletzung von Bürgerrechten fasste. Sie sollte nicht strafen, sondern Betroffenen Schadensersatz auf dem Zivilweg geben. Eine ähnliche Fassung wurde 1984 in Indianapolis beschlossen und später von einem Gericht aufgehoben, weil sie die Meinungsfreiheit verletze.
Begriffe
- sexuelle Belästigung als Diskriminierung
- Dominanzansatz (Geschlecht als Herrschaft)
- Objektivierung (Behandlung von Frauen als Gegenstände sexueller Wünsche)
- Pornografie als Verletzung von Bürgerrechten
- Bewusstseinsbildung in Gruppen (consciousness raising) als Methode
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Kimberlé CrenshawPrüfstand: belegt
Crenshaw und MacKinnon schrieben gemeinsam den Aufsatz zu einem Gleichheitszusatz der Verfassung der Vereinigten Staaten, und Crenshaw widmete MacKinnons Arbeit einen Beitrag in einem Symposium zu deren Ehren.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von MacKinnon. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Judith ButlerPrüfstand: belegt
Butler kritisiert MacKinnons Argument gegen Pornografie dafür, dass es die Macht des Staates zur Zensur ohne Nachfrage hinnehme.
Übernimmt Gedanken von
MacKinnon übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Karl MarxPrüfstand: belegt
MacKinnon überträgt Marx' Gedanken, dass Arbeit das Eigenste ist, was dem Menschen zugleich am meisten genommen wird, auf die Sexualität und baut so eine feministische Theorie als Gegenstück zum Marxismus auf; zugleich hält sie den Marxismus für unzureichend gegenüber der Lage der Frauen.
Untersucht von
Untersucht, kommentiert oder deutet das Werk von MacKinnon, ohne es als eigene Position weiterzuführen.
untersucht von Sally HaslangerPrüfstand: belegt
Haslanger gibt an, dass sich ein großer Teil ihrer Arbeit mit MacKinnons Theorie von Geschlecht befasst, und ordnet MacKinnons Ansatz als Sicht ein, in der Geschlecht durch gesellschaftliche Stellung bestimmt ist.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
MacKinnon wurde am 7. Oktober 1946 in Minneapolis geboren. Sie studierte am Smith College (Abschluss 1969), erwarb 1977 den juristischen Doktorgrad an der Yale Law School und 1987 einen Doktortitel in Politikwissenschaft in Yale. Während ihres Studiums schuf sie den ersten Kurs für das, woraus Yales Programm für Frauenstudien wurde.[1]
Biografie belegt
Im Jahr 1974 kam MacKinnon noch während des Jurastudiums auf den Gedanken, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz eine Form der Diskriminierung wegen des Geschlechts ist. Daraus wurde ihr erstes Buch. 1986 folgte das oberste Gericht der Vereinigten Staaten dieser Auffassung einstimmig, in einem Fall, in dem sie Mitanwältin war.[1]
Biografie belegt
In den 1980er Jahren war MacKinnon Gastprofessorin an mehreren Rechtsfakultäten, unter anderem in Toronto, Chicago, Harvard, Stanford und Yale, bevor sie 1990 eine feste Stelle an der Rechtsfakultät der University of Michigan erhielt. Seit 2009 lehrt sie zusätzlich als Gastprofessorin an der Harvard Law School.[8]
Zeitgeschehen belegt
Im Jahr 1983 beauftragte die Stadt Minneapolis MacKinnon und Dworkin damit, eine Verordnung gegen Pornografie als Verletzung von Bürgerrechten zu entwerfen. Eine ähnliche Verordnung wurde 1984 in Indianapolis beschlossen und später aufgehoben.[6]
Kritik
Zu MacKinnons Vorgehen gegen Pornografie gibt es viel Widerspruch. Feministinnen, die sich „sexpositiv“ nannten, warfen den Verordnungen vor, sie liefen auf Zensur hinaus. Judith Butler hielt MacKinnons Blick auf Sexualität für starr und deterministisch und verweist auf feministische Kritik, nach der dieser Blick alle Machtverhältnisse auf Herrschaft zurückführe und erzwungene Herrschaft in der Sexualität nicht von lustvollen und gewollten Machtverhältnissen unterscheide. Angela Harris und Alison Stone wenden ein, sexuelle Objektivierung könne nicht bestimmen, was alle Frauen gemeinsam haben, weil Frauen Sexualität je nach Herkunft und Klasse sehr unterschiedlich erleben; Schwarze Frauen etwa wurden in der Zeit der Sklaverei ganz anders gesehen als weiße Frauen. Dieser Einwand gehört zu einer allgemeineren Kritik, die Elizabeth Spelman einflussreich vorgebracht hat. MacKinnon gilt als einflussreiche, wenn auch teils umstrittene Rechtstheoretikerin, und viele ihrer Positionen stießen auf Widerspruch.
Wirkung heute
Ihr Begriff von Gleichheit, der Herrschaft und Unterordnung beseitigen will, statt Gleichförmigkeit durchzusetzen, wurde in Kanada weitgehend übernommen. Im Jahr 2019 schlug MacKinnon gemeinsam mit Kimberlé Crenshaw einen Verfassungszusatz für Gleichheit vor. In Überblicken zur feministischen politischen Philosophie gilt sie als prominente Rechtstheoretikerin.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du in einer Organisation Beschwerden über Bemerkungen oder Annäherungen hörst, kannst Du mit MacKinnon fragen, ob es nur um einzelne unangenehme Gespräche geht oder um ein Muster, das bestimmte Menschen aus Räumen oder Aufstiegschancen herausdrängt. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von MacKinnon über Führung.
Lebensstationen
- 1946Geburt in Minneapolis (Minnesota), 7. Oktober
- 1969Abschluss am Smith College
- 1974Gedanke, sexuelle Belästigung sei Diskriminierung wegen des Geschlechts
- 1977Juristischer Doktorgrad an der Yale Law School
- 1983Entwurf einer Verordnung gegen Pornografie für die Stadt Minneapolis (mit Andrea Dworkin)
- 1986Oberstes Gericht der Vereinigten Staaten urteilt, sexuelle Belästigung sei Diskriminierung wegen des Geschlechts
- 1989Toward a Feminist Theory of the State erscheint
- 1990Feste Stelle an der Rechtsfakultät der University of Michigan
Werke
Sexual Harassment of Working Women (1979); Feminism Unmodified (1987); Toward a Feminist Theory of the State (1989); Only Words (1993)
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Feminist Perspectives on Sex and Gender“, Abschnitt 2.3 zu MacKinnons Theorie von Geschlecht und Sexualität
- Vertiefung
- Britannica, „Catharine A. MacKinnon“; Catharine A. MacKinnon, Feminism, Marxism, Method, and the State: An Agenda for Theory (Signs, 1982)
Noch nicht sicher belegt
- Das Erscheinungsjahr ihres ersten Buchs wird mit 1978 oder 1979 angegeben. Für die Wirkung ihrer Pornografie-Verordnung und die Kritik daran gibt es verschiedene Einschätzungen; hier ist nur festgehalten, was die Quellen als Position oder Einwand nennen. Eine deutsche Ausgabe ihrer Hauptwerke konnte nicht belegt werden.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu MacKinnon
- [1]Catharine A. MacKinnon · Britannica
- [2]Catharine MacKinnon · Wikipedia
- [3]Feminist Perspectives on Sex and Gender · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
- [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [6]Pornography and Censorship, Abschnitt über feministische Einwände · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [7]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [8]Britannica, Catharine A. MacKinnon; Yale Law Journal Forum, 26. Dezember 2019 · Webseite
- [9]legalform.blog/wp-content/uploads/2017/08/mackinnon-feminism-marxism-method-and-the-state-an-agenda-for-theory-copie1.pdf · Webseite
- [10]sfu.ca/~decaste/OISE/page2/files/ButlerAgainstProper.pdf · Webseite