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Landkarte der Philosophie

Salomo ibn Gabirol (Avicebron)

Dichter und Philosoph · ungefähr 1021–1058 · Málaga (Spanien), Saragossa (Spanien), Valencia (Spanien)

Kernidee in Kürze

Ibn Gabirol fragt, wozu der Mensch gemacht ist, und antwortet: zum Streben nach Wissen und zum Tun guter Taten, durch die die Seele zu ihrer höheren Welt zurückkehrt. Dafür entwirft er ein Weltbild, in dem alles außer Gott, sogar Seele und Verstand, aus Stoff und Form besteht, und in dem der göttliche Wille zwischen dem verborgenen Wesen Gottes und der Welt vermittelt.

Kapitel
Mittelalter (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Vertiefung

Zum Einstieg

Wozu ist der Mensch gemacht, und wie hängen Gott, Wille und Welt zusammen?

Einwand
Scholastiker und jüdische Denker wie Abraham ibn Daud hielten seine Lehre für verfehlt. Außerdem ist nicht klar, ob der Wille Gottes mit einer Schöpfung aus dem Nichts oder mit einem Ausströmen der Welt zu verstehen ist.
Verbindung
Ibn Gabirol steht in der neuplatonischen Tradition und hängt in vielen Grundgedanken von Plotin ab, allerdings nicht direkt, sondern über arabische Bearbeitungen wie die sogenannte Theologie des Aristoteles. Saadia Gaon ist nach einer älteren Darstellung der einzige jüdische Autor, dessen Einfluss auf ihn deutlich erkennbar ist.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Ibn Gabirol war

Jüdischer Dichter und Philosoph im muslimisch beherrschten Spanien, der in seinem Hauptwerk Quelle des Lebens (Fons vitae) eine neuplatonische Weltordnung entwirft, in der alles aus Stoff und Form besteht und Gottes Wille die Welt vermittelt.

Ibn Gabirol lebte im 11. Jahrhundert im muslimisch beherrschten Spanien, wo jüdische Dichter und Gelehrte Arabisch und Hebräisch schrieben. Seine Gedichte blieben in der jüdischen Welt lebendig, sein philosophisches Hauptwerk wirkte dagegen vor allem im christlichen Mittelalter, wo man den Verfasser nicht kannte. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde klar, dass Avicebron und Ibn Gabirol dieselbe Person sind.

Kernidee genauer

Im lateinischen Westen wurde sein Werk lange unter dem Namen Avicebron gelesen und für das eines Christen oder Muslims gehalten.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Ibn Gabirol war nach seinen Gedichten früh Waise, kränklich und stand meist in gespanntem Verhältnis zur jüdischen Gemeinde. Ein Gedicht, das er beim Verlassen von Saragossa schrieb, greift die Gemeinde scharf an. Vorsichtig wird vermutet, dass seine mürrische Art in seinem harten Leben wurzeln könnte oder in seinem Selbstbewusstsein als Denker und Dichter.[1]

Fundstelle: Abschnitt 1

Bekannt für

Bekannt ist Ibn Gabirol als Dichter, dessen Königskrone in vielen Gebetbüchern zum Versöhnungstag steht, und als Philosoph, dessen Fons vitae unter dem Namen Avicebron die christliche Scholastik beschäftigte.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Wozu ist der Mensch gemacht?

Ibn Gabirol stellt am Anfang der Quelle des Lebens die Frage, warum der Mensch gemacht wurde. Die Antwort lautet nach dem Text: Der Mensch soll nach Wissen streben und gute Taten tun. Wissen führt zu Taten, und Taten lösen die Seele von dem, was ihr schadet, sodass sie in ihre höhere Welt zurückkehrt. Übertragen auf heute: Wer Verantwortung trägt, kann fragen, wofür das eigene Tun letztlich da ist, und dabei Wissen und Handeln zusammen denken.

Alles besteht aus Stoff und Form

Spätere Scholastiker nannten das allgemeinen Hylemorphismus (Stoff-Form-Lehre, die für alles gilt). Dahinter steht ein erster, rein geistiger Stoff am Kern des Seins. Dieser Begriff ist nicht mit dem ersten Stoff des Aristoteles gleichzusetzen: Er gehört in ein neuplatonisches Weltbild und greift eine Überlieferung auf, die die Forschung pseudo-empedokleisch nennt.

Der göttliche Wille als Vermittler

Gott ist für Ibn Gabirol eine vollkommene Einheit, die über menschliches Begreifen hinausgeht. In der Quelle des Lebens beschreibt er sie zugleich mit einem verborgenen Wesen und einem wirkenden göttlichen Willen, dazu der Weisheit und dem Wort. Für die Schöpfung nennt er sowohl Schöpfung aus dem Nichts als auch Bilder des Ausströmens wie Licht und Wasser.

Der Dichter als Philosoph

Ibn Gabirol schrieb viele hebräische Gedichte, die teils religiös, teils weltlich sind. In seinem Selbstbild als Dichter liegen philosophische Fragen nach Sprache, Selbst und Gott: Er stellt Gottes Schöpfung durch das Wort neben das Schreiben des Dichters und Philosophen. Die Königskrone beschreibt Gottes unsagbare Größe und Gegenwart in den Sphären des Weltalls.

Begriffe

Quelle des Lebens (Fons vitae)
allgemeiner Hylemorphismus (alles außer Gott besteht aus Stoff und Form)
erster Stoff
göttlicher Wille
Rückkehr der Seele
Neuplatonismus

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 1 Deutung, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Übernimmt Gedanken von

Ibn Gabirol übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • PlotinPrüfstand: belegt

    Ibn Gabirol hängt in vielen Grundgedanken von Plotin ab, allerdings nicht direkt, sondern über arabische Bearbeitungen wie die sogenannte Theologie des Aristoteles, eine Bearbeitung von Teilen der Enneaden. Eine Stelle der Quelle des Lebens über den Aufstieg der Seele spiegelt Plotins bekannte Aufstiegsstelle und ändert sie in wichtigen Punkten.

  • Saadia GaonPrüfstand: ungeprüft

    Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

    Eine ältere Darstellung nennt Saadia Gaon den einzigen jüdischen Autor, dessen Einfluss auf Ibn Gabirol deutlich erkennbar ist. Außerdem könnte Ibn Gabirol das Buch der Schöpfung (Sefer Jezira) über Saadias Kommentar gekannt haben; welche Überlieferungen ihn am stärksten prägten, gilt heute als unsicher.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Bahya ibn PaqudaPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Bahya wird neben Ibn Gabirol gestellt, weil beide einer neuplatonischen Mystik anhingen und nicht der rationalistischen Schule Saadias. Ein Einfluss ist damit nicht behauptet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie überliefert

    Ibn Gabirol wurde nach den Quellen in Málaga geboren und starb wahrscheinlich in Valencia. Aus seinen Gedichten schließt die Forschung, dass er früh Waise war, kränklich und offenbar von einer entstellenden Hautkrankheit gezeichnet. Eine Legende erzählt, er habe einen weiblichen Automaten für Hausarbeiten gebaut; sie war offenbar im 17. Jahrhundert im Umlauf und beruht vielleicht auf seinem Ruf, wenige Gefährten zu haben.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Das arabische Original der Quelle des Lebens ist verloren. Erhalten sind vor allem die lateinische Übersetzung des 12. Jahrhunderts von Dominicus Gundissalinus und Johannes Hispanus und ein hebräischer Auszug von Schem Tow ibn Falaquera aus dem 13. Jahrhundert. Die lateinische Fassung gilt als die treuere.[1]

  • Biografie belegt

    Im lateinischen Westen wurde der Verfasser der Quelle des Lebens als Avicebron gelesen und für einen Muslim oder Christen gehalten. Solomon Munk fand 1846 in Paris einen hebräischen Auszug von Falaquera und erkannte, dass Avicebron und der jüdische Dichter Ibn Gabirol dieselbe Person sind.[2]

Kritik

Abraham ibn Daud kritisierte die Philosophie Ibn Gabirols scharf und warf ihm vor, das jüdische Volk in die Irre geführt zu haben. Auch Thomas von Aquin und andere Scholastiker hielten seine Metaphysik für ein Missverständnis des Aristoteles; dagegen wird eingewandt, dass Ibn Gabirol gar nicht Aristoteles auslegen wollte. In der Quelle des Lebens fehlen offene Verweise auf die Bibel und jüdische Tradition, wofür andere jüdische Denker ihn tadelten. Die allgemeine Stoff-Form-Lehre war im christlichen Mittelalter ein Streitpunkt zwischen Franziskanern, die sie annahmen, und Dominikanern, die sie ablehnten.

Wirkung heute

Ibn Gabirol gilt heute als jüdischer Neuplatoniker, auf den zusätzlich sogenannte pseudo-empedokleische Gedanken wirkten. Die Quelle des Lebens wirkte auf die christliche Scholastik und regte nach einer Darstellung auch jüdische Mystiker (Kabbalisten) an; wie weit dieser Einfluss reicht, gilt als ungeklärt.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wer ein Team führt, kann mit Ibn Gabirol fragen, wozu ein Vorhaben überhaupt da ist, und Wissen und Taten verbinden: erst verstehen, dann handeln. Ein Beispiel ist eine Führungskraft, die vor einer Reorganisation nicht nur Zahlen sammelt, sondern auch klärt, welchem Zweck sie dient. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Ibn Gabirols über Führung.

Lebensstationen

  1. 1021Geburt in Málaga, 1021 oder 1022 (andere Angabe 1026)
  2. 1058Tod, wahrscheinlich in Valencia; die Quellen nennen 1057/58, 1050, 1054–58 oder 1070
  3. 1846Solomon Munk erkennt in Paris, dass der Fons vitae des Avicebron von Ibn Gabirol stammt

Werke

Fons vitae (Quelle des Lebens, arabisch Yanbu al-hayat, hebräisch Meqor hayyim); Keter Malkhut (Königskrone, Gedicht); Über die Verbesserung der Charaktereigenschaften (Islah al-akhlaq); viele hebräische Gedichte; Auswahl der Perlen (Mivhar ha-Peninim, Verfasserschaft umstritten)

Anekdote überliefert

Eine Legende erzählt, Ibn Gabirol sei von einem eifersüchtigen Dichter getötet worden. Neugierige Bürger hätten unter einem Feigenbaum gegraben, dessen Blüten, Früchte und Duft schöner waren als alles, was sie kannten, und dort seine Gebeine gefunden. Die Geschichte wird als Legende überliefert.[1]

Lesetipps

Einstieg
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Solomon Ibn Gabirol [Avicebron]“
Vertiefung
Britannica, „Ibn Gabirol“

Noch nicht sicher belegt

  • Die Lebensdaten sind nicht sicher. Als Geburtsjahr gelten 1021 oder 1022 (eine Angabe nennt 1026), als Todesjahr meist 1057 oder 1058; andere Angaben nennen 1050, 1054 bis 1058 oder 1070. Ein Nachschlagewerk nennt ungefähr 1022 als Geburtsjahr und für den Tod die Zeit zwischen 1058 und 1070. Die Zeitleiste verwendet 1021 und 1058. Die Verfasserschaft der Auswahl der Perlen ist umstritten. Wie genau Ibn Gabirol zur Lehre vom Ausströmen und zur Schöpfung aus dem Nichts steht, deuten die Quellen unterschiedlich. Plotins Denken kannte er nach den Quellen nicht direkt, sondern über arabische Bearbeitungen. Wie stark Saadia Gaon auf ihn wirkte, beurteilen die Quellen unterschiedlich.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 8: Lateinamerika und islamisch-jüdische Klassik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Ibn Gabirol

  1. [1]Solomon Ibn Gabirol, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Solomon Ibn Gabirol, Abschnitt 1; Jewish Encyclopedia, Ibn Gabirol; Britannica, Ibn Gabirol
  3. [3]jewishencyclopedia.com/articles/2167-avicebron-solomon-ibn-gabirol · Webseite
  4. [4]Solomon ibn Gabirol · Wikipedia

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