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Landkarte der Philosophie · Regionaler Überblick

Lateinamerikanische Philosophie

ab etwa 1850 bis heute (redaktionelle Setzung nach der ältesten Person der Sammlung; als Beginn lateinamerikanischer Philosophie gilt meist die Zeit um 1550) · Moderne
Kurz im Netz und in den Listen: Lateinamerika (Überblick)

Können wir die eigene Lage mit eigenen Begriffen denken, statt fremde Muster zu übernehmen, und was heißt dabei Befreiung?

Lateinamerikanische Philosophie ist Philosophie, die in Lateinamerika entsteht oder von Menschen lateinamerikanischer Herkunft geschrieben wird; seit der Kolonialzeit gehört sie zur westlichen Tradition, und europäische Strömungen prägen die Diskussion dort bis heute stark. Im Unabhängigkeitskampf standen Befreier wie José Martí vor der Aufgabe, aus Bevölkerungsgruppen verschiedener Herkunft gemeinsame Nationen zu bilden, und sie lehnten Rasse als Trennlinie ab. Zwischen 1940 und 1960 wurde Philosophie dort zu einem geregelten akademischen Beruf, was Francisco Romero „Normalisierung“ nannte, und Risieri Frondizi gehört zur ersten Generation mit eigener Hochschulausbildung in Philosophie. In den späten 1960er Jahren stritten Leopoldo Zea und Augusto Salazar Bondy darüber, ob es eine eigene, echte lateinamerikanische Philosophie gibt; mit dieser Debatte begann nach einer Deutung die Philosophie der Befreiung, die vor allem Enrique Dussel über Lateinamerika hinaus bekannt machte und deren Umgang mit Geschlecht und Sexualität Ofelia Schutte kritisiert hat.

Zeit und Umfeld

Man kann die Geschichte in fünf Zeitabschnitte teilen: die vorkoloniale und die koloniale Zeit, die Zeit der Unabhängigkeit, die nationale Zeit und die Gegenwart seit dem 20. Jahrhundert. Etwa von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis um 1910 war der Positivismus (eine Philosophie, die nur Erfahrungswissenschaft gelten lässt) die vorherrschende Richtung. Ab etwa 1910 wandten sich Philosophen davon ab, angeregt zuerst durch französische Denker und dann durch den Spanier José Ortega y Gasset, der 1916 Lateinamerika besuchte und deutsche Philosophie bekannt machte. Von 1940 bis 1960 folgte die Phase der „Normalisierung“, ab etwa 1960 die der „Reife“, in der unter anderem Marxismus, analytische Philosophie und die Philosophie der Befreiung wichtig wurden.

Warum das heute zählt

Übertragen auf heute: Die Frage, ob Du ein fremdes Konzept auf Deine eigene Lage anwenden kannst oder zuerst eine eigene Sprache dafür brauchst, stellt sich auch, wenn ein Unternehmen Methoden aus einer anderen Kultur oder aus der Konzernzentrale übernimmt. Die Personen dieser Sammlung geben verschiedene Antworten darauf. Das ist eine redaktionelle Übertragung und keine Aussage der Personen.

Personen (6)

Verbindungen innerhalb des Kapitels

9 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.

  • Enrique Dussel übernimmt Gedanken von Augusto Salazar Bondybelegt

    Dussel greift Salazar Bondys Frage auf, ob in einem abhängigen Kontinent eine echte Philosophie möglich ist. Er teilt dessen Urteil, die akademische Philosophie Lateinamerikas sei weitgehend nachahmend gewesen, stellt dem glatten Nein aber eine bejahende Arbeitshypothese entgegen.

  • Enrique Dussel übernimmt Gedanken von Leopoldo Zeabelegt

    Dussel dankt Zea dafür, ihn gelehrt zu haben, dass Lateinamerika außerhalb der Geschichte stand, und hält das Eintreten Lateinamerikas in die Weltgeschichte seither für sein Ziel.

  • Augusto Salazar Bondy übernimmt Gedanken von Leopoldo Zeabelegt

    Durch den Einfluss von Gaos und Zea und der Ideenhistoriker um Gaos verstand Salazar Bondy es als Aufgabe, Philosophie auf der Kenntnis der Ideengeschichte Perus aufzubauen.

  • Leopoldo Zea übernimmt Gedanken von José Martíbelegt

    Leopoldo Zea stützt sich in seiner Darstellung der Geschichte Lateinamerikas unter anderem auf frühere Arbeiten von Martí.

  • Augusto Salazar Bondy und Leopoldo Zea kritisieren sich gegenseitigbelegt

    Salazar Bondy lehnte schon 1965 die Philosophie des Amerikanischen ab, wie Zea sie vertrat, weil Philosophie keine bloße Analyse der Umstände sein solle; in seinem Buch von 1968 galt sie ihm, ohne dass er es ausdrücklich sagte, als weitere Spielart der Philosophie der Herrschaft. Zea antwortete 1969 mit einer scharfen Rezension und dem Heft „La filosofía americana como filosofía sin más“: Unecht erscheine die lateinamerikanische Philosophie nur, wenn man europäische Maßstäbe anlege, und er bezweifelte, dass das Ende der Herrschaft eine echte Philosophie hervorbringen könne. Salazar Bondy antwortete darauf nicht mehr.

  • Ofelia Schutte kritisiert Enrique Dusselbelegt

    Schutte kritisiert Dussels Philosophie der Befreiung: Seine Sicht von Mann und Frau halte an einem christlichen Verständnis von Geschlecht fest, und seine Lehre vom Anderen führe in einen Widerspruch und wirke wie die Ideologie, die er kritisieren wolle.

  • Ofelia Schutte untersucht José Martíbelegt

    Schutte erforscht das sozialpolitische Denken von José Martí. Für Martís Ablehnung der Rasse als Trennlinie verweist ein Überblicksartikel auf Beiträge von Aguilar Rivera und Schutte in einem Sammelband von 2011.

  • Ofelia Schutte untersucht Leopoldo Zeabelegt

    Schutte untersuchte 1990 im Aufsatz „The Master-Slave Dialectic in Latin America: The Social Criticism of Zea, Freire, and Roig“ die Gesellschaftskritik von Zea, Freire und Roig.

  • Risieri Frondizi wird verglichen mit Augusto Salazar BondyDeutung

    Redaktioneller Vergleich: Ein Überblicksartikel stellt Frondizi als Vertreter der universalistischen und Augusto Salazar Bondy als Vertreter der kritischen Sicht auf die Frage dar, ob es eine eigene lateinamerikanische Philosophie gibt. Ein persönlicher Streit zwischen beiden ist darin nicht belegt.

Nachbarn unter den Kapiteln

  • Verwandt mit: Phänomenologie und ExistenzialismusExistenzphilosophie fasste in den 1950er und frühen 1960er Jahren Fuß, etwa bei Carlos Astrada, der besonders von Heidegger geprägt war; Salazar Bondy verneinte mit existenzialistischen und marxistischen Begriffen, dass es eine echte lateinamerikanische Philosophie gebe
  • Verwandt mit: Kritische TheorieDussel suchte das Gespräch mit Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas, um die Philosophie der Befreiung bekannt zu machen
  • Verwandt mit: Analytische Philosophie und WissenschaftstheorieDie analytische Philosophie kam spät nach Lateinamerika und wurde dort eine der kräftigsten Strömungen; Kritiker werfen ihr vor, die drängenden Probleme der Region zu übersehen

Quellen

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Philosophy in Mexico, Abschnitt 8.5; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt über spanische Emigranten
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt 2.2; Internet Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt 4d
  3. [3]rep.routledge.com/articles/overview/latin-america-philosophy-in/v-1/sections/latin-american-philosophy-in-the-twentieth-century · Webseite
  4. [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]Philosophy of Liberation, Abschnitt „Challenges and Debates (1983 to today)“ · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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