Kiyozawa Manshi
Buddhistischer Priester und Religionsphilosoph · 1863–1903 · Nagoya (Präfektur Aichi, Japan), Kyoto, Tokio
Kernidee in Kürze
Kiyozawa studierte westliche Philosophie und wurde danach Priester und Reformer der Jōdo-Shinshū-Schule, einer Schule des Buddhismus vom Reinen Land, in der man sich ganz dem Buddha Amida anvertraut. Er unterscheidet das Endliche, die Welt der Dinge und Unterschiede, vom Unendlichen, das unabhängig und eins ist, und versteht Religion als Begegnung beider.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Richtung
- Buddhismus belegt[4][5]
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie wird aus überlieferter Lehre ein Glaube, den ein Mensch selbst erfährt?
- Position
- Kiyozawa verlangt, dass religiöse Wahrheit aus der Selbstprüfung und der eigenen Erfahrung wächst, und deutet das Unendliche als Grund, dem man sich ganz anvertraut.
- Einwand
- Seine Lehre wurde als Vernachlässigung sozialer Pflichten kritisiert, und er bleibt bei einzelnen ethischen Fragen ohne Stellung.
- Verbindung
- Kiyozawa führt Shinrans Gedanken der Fremdkraft weiter, nennt Epiktet als prägend und übernimmt nach einer Darstellung Gedanken Hegels.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Kiyozawa war
Buddhistischer Priester, Reformer und Religionsphilosoph der Meiji-Zeit (1868–1912) in der Schule Jōdo Shinshū, Richtung Ōtani, der westliche Philosophie mit der Lehre Shinrans verband.
Kiyozawa lebte in der Meiji-Zeit, in der Japan sich rasch modernisierte und der Buddhismus unter Druck geriet, sich gegenüber westlicher Philosophie und Religion neu zu bestimmen. Er studierte an der Universität Tokio bei einem amerikanischen Philosophen und kehrte dann in den Dienst seiner Schule zurück. Er nennt als prägend drei Quellen: Shinran, den Stoiker Epiktet und die frühen buddhistischen Āgamas, die frühesten Sammlungen von Lehrreden des Buddha.
Kernidee genauer
Mit seiner Lehre der „Geistigkeit“ (Seishinshugi) verlangt er, dass der Glaube aus der eigenen inneren Erfahrung wächst und nicht aus auswendig gelernten Lehrsätzen. Das Unendliche nennt er „absolute Fremdkraft“, die Kraft Amidas, der sich der Mensch ganz überlässt.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Kiyozawa wurde von seiner Schule zum Studium der Philosophie nach Tokio geschickt und beschäftigte sich dort mit westlicher Philosophie. Danach widmete er sich der Reform der Ausbildung in seiner Schule.[5]
Fundstelle: Abschnitt Leben und Wirken
Bekannt für
Kiyozawa kennt man als den Mann, der den Buddhismus des Reinen Landes in die Sprache der modernen Philosophie übersetzte und von seinen Priesterkollegen verlangte, ihren Glauben selbst zu erfahren statt nur Lehrsätze aufzusagen. Ein Alltagsbeispiel: Du kannst die Werte Deines Unternehmens auswendig aufsagen und trotzdem nie danach gefragt haben, was sie für Dein Handeln bedeuten. Kiyozawa stellt diese Frage an die Religion.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Das Endliche und das Unendliche
In seinem Hauptwerk über Religionsphilosophie unterscheidet Kiyozawa die begrenzte Welt, die Welt der Erscheinungen und Unterschiede, von der unbegrenzten, die unabhängig und eins ist. Religion bedeutet für ihn, dass der Mensch als begrenztes Wesen das Unendliche sucht und mit ihm zusammenkommt. Er deutet dafür die buddhistische Lehre vom bedingten Entstehen (engi) als eine neuzeitliche Ontologie, also Lehre vom Sein.
Geistigkeit (Seishinshugi)
Mit diesem Wort fasst Kiyozawa den Weg zusammen, ein geistiges Leben von innen heraus zu führen, das zugleich einen Grund für sozialen Zusammenhalt legt. Zentral ist die Selbstprüfung (naikan): Wahrheit zeigt sich dort, wo man in sich hineinschaut und das Erkannte dann im Handeln anwendet. Er verlangt außerdem, sich nicht auf Familie, Besitz, Stellung, Bildung oder Nationalität zu stützen, sondern allein auf den Buddha.
Absolute Fremdkraft
In der Schule Jōdo Shinshū heißt Fremdkraft (tariki) die Kraft Amidas, auf die der Mensch sich verlässt, statt auf die eigene Leistung. Kiyozawa spricht von „absoluter Fremdkraft“, bei der man alles an Amida abgibt, und sieht Amida als Sinnbild für das Unendliche, das Weltganze und das Gesetz, das das Weltall durchzieht. Nach einer Darstellung übernimmt er dabei Gedanken aus dem Idealismus Hegels, etwa Amida als absoluten Geist.
Kritik an der Lehrausbildung der eigenen Schule
Kiyozawa kritisiert, dass die Ausbildung in seiner Schule festgelegte Deutungen der Schriften einübt. Er unterscheidet die Gelehrsamkeit (shūgaku), die ein offenes Feld der Auslegung sein sollte, von der Kernlehre des Gründers (shūgi). Die Leitung der Schule, so seine Kritik, vermische beides. Dadurch lernten junge Geistliche Erklärungen auswendig, statt sie zu prüfen, und lebendige Einsichten würden zu „toten Worten“.
Begriffe
- Seishinshugi (Geistigkeit)
- das Unendliche und das Endliche
- absolute Fremdkraft
- Selbstprüfung
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Übernimmt Gedanken von
Kiyozawa übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
EpiktetPrüfstand: belegt
Kiyozawa nennt Epiktet als prägende Quelle; von ihm stammt nach einer Darstellung die Überzeugung, dass die Übung auf den eigenen Geist gerichtet sein muss.
Georg Wilhelm Friedrich HegelPrüfstand: belegt
Kiyozawa fand bei Hegel den Gedanken einer unendlichen Vernunft und beschreibt nach einer Darstellung Amida als absoluten Geist; er sieht aber auch Hegels Überschätzung des Staates kritisch.
ShinranPrüfstand: belegt
Kiyozawa nennt Shinran als eine von drei Quellen, die sein Denken entscheidend geprägt haben, und deutet dessen Gedanken der Fremdkraft philosophisch neu.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Kiyozawa weiter, meist über Texte.
Nishida KitarōPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Nach der Einschätzung eines Forschers hatte Kiyozawa einen unmittelbareren philosophischen Einfluss auf Nishida als D. T. Suzuki. Nach derselben Darstellung stand Nishida der Bewegung um Kiyozawa nahe und schrieb einen Aufsatz für ihre Zeitschrift; Kiyozawa nannte er „meinen Kiyozawa Manshi“.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Kiyozawa wurde 1863 in Nagoya geboren, als Sohn eines Samurai niederen Rangs, und starb 1903 mit 39 Jahren.[5]
Bildung belegt
Kiyozawa studierte an der Universität Tokio Philosophie, unter anderem bei Ernest Fenollosa. Nach einer Darstellung beschäftigte er sich dort mit Hegel, Spinoza, Mill und Spencer und fühlte sich besonders zu Hegel hingezogen.[3]
Zeitgeschehen belegt
In den 1890er Jahren gründete Kiyozawa innerhalb der Schule Higashi Honganji eine Reformbewegung, die die Verwaltung von Geldfragen weg und stärker auf geistige Fragen ausrichten wollte. Dafür wurden er und seine Gefährten aus der Schule ausgeschlossen, später aber wieder aufgenommen.[1]
Zeitgeschehen belegt
Ab 1900 lebte Kiyozawa mit Schülern in einer gemeinsamen Unterkunft in Tokio, dem Kōkōdō, und gab die Zeitschrift „Seishinkai“ („Geistige Welt“) heraus. Im Januar 1901 erschien darin sein Aufsatz „Seishinshugi“.
Quelle: Wikipedia (englisch), Kiyozawa Manshi, Abschnitt Thought; Wikipedia (deutsch), Abschnitt Leben und Wirken
Zeitgeschehen belegt
Kiyozawa wurde erster Leiter der neuen Shinshū-Universität in Tokio, der heutigen Ōtani-Universität. Wegen Konflikten mit der Schulleitung musste er das Amt wieder verlassen.
Quelle: Oxford Reference, A Dictionary of Buddhism, Kiyozawa Manshi; Wikipedia (englisch), Abschnitt Biography
Werk belegt
Seine Schrift über Religionsphilosophie wurde in englischer Übersetzung beim Weltparlament der Religionen 1893 in Chicago vorgelegt.[1]
Werk belegt
Das Tannishō, eine Sammlung von Aussprüchen Shinrans, wurde durch Kiyozawas Kreis wieder viel gelesen. Kiyozawa nannte es neben den Āgamas und den Gesprächen Epiktets als eines der drei Werke, die ihn grundlegend geprägt haben.
Quelle: Wikipedia (englisch), Kiyozawa Manshi, Abschnitt Thought
Kritik
Seine Haltung stieß bei der Schulleitung auf Ablehnung, und mehrere Mitglieder seines Kreises mussten die Ōtani-Universität verlassen. Zeitgenossen befürchteten, dass seine Lehre die sozialen Pflichten der Selbstvervollkommnung unterordne. Weil er jung an Tuberkulose starb, halten manche sein Denken für unreif und unvollendet. Nach einer Darstellung ist es schwer, ihn als Philosophen zu sehen, weil er zu einzelnen ethischen Fragen keine Stellung bezieht. Nach einer anderen Darstellung blieb er zu Lebzeiten eine Randfigur seiner Schule, seine Reformversuche scheiterten, und erst 1956 befürwortete die Leitung der Ōtani-Schule seine Ansichten offiziell und verbreitete sie.
Wirkung heute
Aus seinem Kreis ging eine Linie des modernen Shin-Denkens hervor, auf die sich viele Gelehrte der Richtung Higashi Honganji zurückführen. Die von ihm gelesene Schrift Tannishō zählt zu den meistgelesenen buddhistischen Texten Japans. Sein Aufsatzband liegt unter dem Titel „December Fan“ in englischer Übersetzung vor (Nobuo Haneda, 1984).
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn in Deinem Team Regeln und Leitbilder nur noch aufgesagt werden, kann Kiyozawas Unterscheidung eine Frage anstoßen: Was gehört zum unverhandelbaren Kern, und was ist offen für Prüfung und Streit? Das ist eine Übertragung und keine Aussage Kiyozawas über Führung.
Lebensstationen
- 1863Geburt in Nagoya
- 1878Weihe als Mitglied der Ōtani-Schule
- 1882Entsendung zum Studium der Philosophie an die Universität Tokio
- 1893Seine Religionsphilosophie wird in englischer Übersetzung beim Weltparlament der Religionen in Chicago vorgelegt
- 1900Beginn des Gemeinschaftslebens im Kōkōdō in Tokio
- 1901Aufsatz „Seishinshugi“ in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Seishinkai“
- 1903Tod an Tuberkulose
Werke
Shūkyō tetsugaku gaikotsu („Umriss einer Religionsphilosophie“); Tarikimon tetsugaku gaikotsu shikō („Entwurf eines Umrisses einer Philosophie der Fremdkraft“); Seishinshugi (Aufsatz, 1901); Waga Shinnen („Mein Glaube“)
Anekdote überliefert
Nishida Kitarō soll gesagt haben, in Japan hätten viele Philosophie studiert, aber wirklich „Philosophen“ nennen solle man nur Ōnishi Hajime und „meinen Kiyozawa Manshi“.[3]
Lesetipps
- Einstieg
- Kiyozawa Manshi, December Fan: The Buddhist Essays of Manshi Kiyozawa (übersetzt von Nobuo Haneda, Higashi Honganji, 1984)
- Vertiefung
- Mark L. Blum, „Kiyozawa Manshi and the Meaning of Buddhist Ethics“, The Eastern Buddhist
Noch nicht sicher belegt
- Wann seine Tuberkulose zuerst festgestellt wurde, geben die Darstellungen unterschiedlich an: 1895 oder im Alter von 35 Jahren. Dass er Nishida Kitarō philosophisch beeinflusste, stützt sich auf die Einschätzung eines einzelnen Forschers.
Herkunft der Daten: referenz-2026-10. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Kiyozawa
- [2]oxfordreference.com/display/10.1093/acref/9780190681159.001.0001/acref-9780190681159-e-2211 · Webseite
- [3]Wikipedia (englisch), Kiyozawa Manshi, Abschnitt Biography; Mark L. Blum, Kiyozawa Manshi and the Meaning of Buddhist Ethics, The Eastern Buddhist · Webseite
- [4]Kiyozawa Manshi · Wikipedia
- [5]Wikipedia (deutsch), Kiyozawa Manshi, Abschnitt Leben und Wirken
- [6]web.tohoku.ac.jp/modern-japan/wp-content/uploads/Philosophy_or_Religion_The_Confrontatio.pdf · Webseite
- [7]dukespace.lib.duke.edu/items/64e381dc-5957-4e5b-a39b-43f5ce2b58a8 · Webseite