Nishida Kitarō
Philosoph · 1870–1945 · Unoke bei Kanazawa (Präfektur Ishikawa, Japan), Kyoto, Kamakura (Japan)
Kernidee in Kürze
Nishida geht davon aus, dass die ursprüngliche Erfahrung noch nicht in ein Ich und einen Gegenstand zerfallen ist. Aus dieser reinen Erfahrung entsteht erst der einzelne Mensch.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Was liegt unserem Erleben zugrunde, bevor wir zwischen Ich und Welt unterscheiden, und worin findet beides statt?
- Position
- Nishida sieht eine ursprüngliche Erfahrung, aus der Ich und Gegenstand erst hervorgehen. Später denkt er das Umfassende als Ort und als absolutes Nichts, in dem alles Einzelne seinen Platz hat.
- Einwand
- Kritiker sagen, sein System lasse für Irrtum, Gewalt und Geschichte wenig Raum. Tanabe Hajime und Tosaka Jun warfen ihm vor, Gesellschaft und Geschichte zu übersehen.
- Verbindung
- Nishida baut auf William James und Hegel auf. Er prägte Schüler wie Nishitani Keiji; Tanabe Hajime wurde einer seiner wichtigsten Kritiker.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Nishida war
Japanischer Philosoph, der als erster bedeutender moderner Denker Japans ein eigenes philosophisches System im Stil der westlichen Philosophie entwarf. Weil er eine Gruppe von Schülern und jüngeren Kollegen prägte, wird er oft als Vater der Kyoto-Schule bezeichnet.
Nishida wuchs in der Meiji-Zeit auf, als Japan sich nach langer Abschottung dem Westen öffnete und Philosophie aus Europa einführte. Er verband das Studium westlicher Denker mit der Praxis des Zen. Im Krieg wurde der bekannteste Philosoph des Landes von Regierungsstellen um politische Texte gebeten. Wie weit er dabei dem Nationalismus entgegenkam, ist bis heute umstritten.
Kernidee genauer
Später fragt er, worin Erfahrung und Urteil überhaupt stattfinden, und nennt das Umfassende basho (Ort). Der letzte Ort ist für ihn das absolute Nichts, ein tätiges und schöpferisches Nichts, das alle Unterschiede in sich einschließt. In den 1930er Jahren wendet er sich der geschichtlichen und sozialen Welt zu.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Nishida übte neben seiner Lehrtätigkeit Zen. Im Jahr 1905 begann er mit der Arbeit an dem Werk, das später als Zen no kenkyū erschien. In diesen Jahren lag ihm die förmliche Meditation unter Zen-Meistern mehr am Herzen als das Veröffentlichen philosophischer Aufsätze.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1
Bekannt für
Man kennt Nishida für den Begriff der reinen Erfahrung und für die Philosophie des Ortes (basho), die das absolute Nichts als umfassenden Grund aller Dinge denkt. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du ganz in einer Melodie oder einem Gespräch aufgehst, gibt es für einen Moment noch kein „Ich höre“ und „das Gehörte“. Genau solche Augenblicke meint Nishida mit reiner Erfahrung.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Reine Erfahrung
Für Nishida kommt die Erfahrung zuerst, und aus ihr bilden sich Ich und Gegenstand. Der Augenblick, in dem Du eine Farbe siehst oder einen Ton hörst, liegt vor dem Gedanken, dass etwas Äußeres auf Dich wirkt. Nishida sieht darin die Grundform aller Erfahrung und der Wirklichkeit überhaupt. Der Einfluss von William James und Ernst Mach ist in diesem Begriff deutlich zu erkennen. Nach heutiger Deutung unterscheidet sich Nishidas Gedanke aber von ihnen, weil er eine noch nicht vereinzelte Erfahrung betont.
Selbstgewahrsein
Wie wird aus reiner Erfahrung Nachdenken? Nishida antwortet mit dem Selbstgewahrsein (jikaku): Das Bewusstsein spiegelt sich in sich selbst, sodass das Erlebende und das Erlebte nicht auseinanderfallen. Er meint damit kein bereits fertiges persönliches Ich. In dieser Zeit hält er den „absoluten Willen“ für die höchste Form des Selbstgewahrseins, gibt diese Ansicht später aber auf, weil sich der Wille der Betrachtung entzieht.
Ort und absolutes Nichts
Nishida will begreifen, worin Urteile und Bewusstsein stattfinden. Er ordnet sie in Orte (basho), die sich immer umfassender ineinander schachteln. Der äußerste Ort ist das absolute Nichts: Alles geschieht in ihm, er bestimmt sich selbst, ohne dass ein Wesen da ist, das bestimmt, und er ist nach Nishida schöpferisch tätig. Er wollte damit eine Alternative zu einer Logik anbieten, die von festen Substanzen ausgeht. Die verschiedenen Beschreibungen konnte er nach heutiger Einschätzung nicht zu einem einzigen widerspruchsfreien Begriff verbinden.
Die geschichtliche Welt
In seiner späten Zeit denkt Nishida das absolute Nichts viel bewegter, als „Selbstbestimmung der dialektischen Welt“, in der alles „vom Geschaffenen zum Schaffenden“ übergeht. Das Absolute zeigt sich nur mitten im Zusammenwirken der Einzelnen und der Dinge.
Politik und Krieg
Ab 1938 hielt Nishida Vorträge über japanische Kultur, 1941 sprach er vor dem Kaiser und trat darin für akademische Freiheit ein. Für den Aufsatz über neue Grundsätze einer Weltordnung (1943) ließ er sich nach der Überlieferung erst nach Widerstand gewinnen. Heutige Forschung beurteilt seine politischen Texte als zwiespältig: Er warnte vor Totalitarismus, Ethnozentrismus und Imperialismus, hielt aber an einer besonderen Rolle Japans mit dem Kaiser im geistigen Mittelpunkt fest und verwendete Schlagworte der Zeit. Rechte Kritiker hielten seine Texte für zu abstrakt oder zu wenig regierungstreu, linke Kritiker nach dem Krieg für nationalistisch.
Begriffe
- reine Erfahrung (jun-sui keiken
- Erfahrung vor der Trennung in Ich und Gegenstand)
- Ort (basho
- das Umfassende
- in dem etwas ist)
- absolutes Nichts (zettai mu)
- Selbstgewahrsein (jikaku)
- geschichtliche Welt
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
11 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 11 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Schüler
Persönliches Lehrverhältnis: wurden von Nishida unterrichtet.
Miki KiyoshiPrüfstand: belegt
Miki studierte in Kyoto bei Nishida, blieb ihm über Jahre eng verbunden und veröffentlichte mit ihm in den 1930er Jahren mehrere Gespräche; Mikis spätere Philosophie bleibt von Nishida beeinflusst.
Nishitani KeijiPrüfstand: belegt
Nishitani studierte in Kyoto bei Nishida und wurde einer seiner bekanntesten Schüler.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Tanabe HajimePrüfstand: belegt
Nishida war maßgeblich daran beteiligt, dass Tanabe Hajime eine Stelle in Kyoto erhielt. Aus dem Kollegen wurde sein Kritiker und später Nachfolger; die Kritik steht bei Tanabe.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Nishida. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Nishitani KeijiPrüfstand: belegt
Nishitani schätzt Nishidas Philosophie, hält aber für ungenügend, dass sie das Problem des Nihilismus der Moderne nicht anspricht und schon an einem Standpunkt beginnt, an dem das gespaltene Ich-Bewusstsein überwunden ist.
Tanabe HajimePrüfstand: belegt
Tanabe wirft Nishidas Philosophie des Ortes des absoluten Nichts vor, in eine Art Emanationslehre zu fallen, auf mystischer Anschauung zu ruhen und das Nichts zu einem unbewegten Grund zu machen; er setzt dagegen die Bewegung der absoluten Vermittlung.
Tosaka JunPrüfstand: belegt
Tosaka wirft Nishida und der von ihm geprägten Schule einen bürgerlichen Idealismus vor, der materielle geschichtliche Bedingungen und gesellschaftliches Handeln übersieht.
Übernimmt Gedanken von
Nishida übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Georg Wilhelm Friedrich HegelPrüfstand: belegt
In seinen späteren Schriften übernimmt Nishida Hegels Begriff des konkreten Allgemeinen und spricht vom Einzelnen als Selbstbestimmung des Allgemeinen.
William JamesPrüfstand: belegt
Nishida entwickelt seinen Begriff der reinen Erfahrung unter dem Einfluss von William James und übernimmt von ihm den Ausdruck „Feld des Bewusstseins“, formt ihn aber zu einer aktiven, schöpferischen Ortsbestimmung um.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Nishida weiter, meist über Texte.
Kuki ShūzōPrüfstand: belegt
Nishida holte Kuki an die Universität Kyoto, und Kuki entwickelte eine Philosophie, die mehr oder weniger von Nishidas Denken beeinflusst war. Seine Ideen und Tätigkeiten blieben zu eigenständig, um ihn zum engeren Kreis der Kyoto-Schule zu zählen.
Ueda ShizuteruPrüfstand: belegt
Ueda Shizuteru, ein Schüler von Nishitani, schrieb später in seiner Laufbahn ausführlich über Nishidas Leben und Denken und griff dessen Philosophie des Ortes für seine eigene Philosophie der zweifachen Welt auf.
Watsuji TetsurōPrüfstand: belegt
Nishida holte Watsuji an die Universität Kyoto, und Watsujis Philosophie ist mehr oder weniger von Nishidas Denken beeinflusst. Viele seiner Ideen, etwa die zentrale Stellung des Nichts bzw. der Leere und der dialektische Widerspruch, zeigen den Einfluss der Denker der Kyoto-Schule.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Nishida wurde 1870 in Unoke nahe Kanazawa geboren. In der Schule las er chinesische Klassiker des Konfuzianismus, Neokonfuzianismus und Daoismus, lernte Englisch und Deutsch und brach 1890 mit seinem Freund D. T. Suzuki die Schule ab. Ab 1891 studierte er in Tokio als Student mit eingeschränktem Status Kant, Hegel und Schopenhauer und schloss 1894 mit einer Arbeit über Humes Theorie der Kausalität ab.[1]
Biografie belegt
Nach dem Studium unterrichtete Nishida an Oberschulen und praktizierte Zen. 1905 begann er die Arbeit an dem Buch, das später als Zen no kenkyū erschien, und bekam damit 1910 eine Stelle an der Kaiserlichen Universität Kyoto. 1914 wurde er dort Professor für Philosophie.[1]
Biografie belegt
Nishida verlor seine erste Frau und vier seiner acht Kinder. Seine Ausdauer in diesen Krisen erklärt nach heutiger Einschätzung vielleicht einen Teil der Intensität seines Schreibens.[1]
Wirkung belegt
In den 1920er Jahren wurde Nishida bekannt. Er half mit, dass Tanabe Hajime, Watsuji Tetsurō und Kuki Shūzō Stellen in Kyoto erhielten, und zog Schüler wie Nishitani Keiji, Miki Kiyoshi und Tosaka Jun an. Seine Theorie des Ortes (basho) entwickelte er Mitte der 1920er Jahre, und er arbeitete sie nach der Emeritierung in Kamakura weiter aus.[1]
Zeitgeschehen belegt
Regierungsstellen, darunter sein früherer Schüler und damaliger Ministerpräsident Konoe Fumimaro, baten Nishida, den japanischen Nationalismus zu rechtfertigen. Nishida ging auf die Themen ein, ohne dabei nach heutiger Darstellung Japans Expansion und Imperialismus zu rechtfertigen, und hielt einen großen Teil dieser Arbeit für eine Ablenkung. 1941 hielt er einen Vortrag vor dem Kaiser. Seine letzte Arbeit, den Aufsatz über die Logik des Ortes und die religiöse Weltanschauung, schloss er zwei Monate vor seinem Tod am 7. Juni 1945 ab.[1]
Zeitgeschehen belegt
Nishida war in Gefahr, verhaftet zu werden. Vermutlich verhinderten nur sein öffentliches Ansehen und einflussreiche Sympathisanten in der gemäßigten Regierung das. In seiner Rede vor dem Kaiser 1941 warnte er, jedes totalitäre System, das die Rolle des Einzelnen ganz verneine, sei ein Anachronismus. Zugleich hielt er die Rolle Japans in Ostasien für unersetzlich und nannte das Kaiserhaus Anfang und Ende „unserer Welt“. Seine Haltung gilt deshalb heute als zwiespältig.[2]
Kritik
Gefragt wird, wie sein umfassendes System Irrtum, Unvorhersehbares, Verzerrung oder Gewalt erklären kann und wo der Autor selbst im System steht. Einwände kamen schon zu seinen Lebzeiten: Takahashi Satomi kritisierte den Begriff der reinen Erfahrung, Sōda Kiichirō die Unklarheit des Begriffs basho. Im Krieg griffen Nationalisten seine Philosophie als zu westlich an. Nach dem Krieg beurteilten linke Kritiker seine politischen Schriften als nationalistisch, und marxistische sowie antimetaphysische Philosophen warfen ihm eine angebliche metaphysische Verdunkelung vor.
Wirkung heute
Nishida gilt heute am ehesten als eigenständiger Denker, dessen Gedanken Forschung in Asien und im Westen beschäftigen. Seine Idee des Ortes regte nach heutiger Darstellung den Physiker Yukawa Hideki und den Managementtheoretiker Nonaka Ikujirō an, sein Begriff des Nichts den Architekten Andō Tadao. Das sind Deutungen der Forschung über die Wirkung seiner Gedanken.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn eine Besprechung sich festfährt, weil jeder auf „meine Position“ gegen „deine Position“ besteht, kannst Du mit Nishida fragen, in welcher gemeinsamen Lage beide Positionen überhaupt stehen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Nishida über Führung.
Lebensstationen
- 1870Geburt in Unoke bei Kanazawa
- 1894Abschluss des Studiums in Tokio mit einer Arbeit über Humes Kausalitätslehre
- 1910Stelle an der Kaiserlichen Universität Kyoto; 1914 Professor für Philosophie
- 1911Erscheinen von Zen no kenkyū
- 1926Theorie des Ortes (basho), Ausarbeitung in Hataraku mono kara miru mono e (die Quellen nennen 1926 und 1927)
- 1941Rede vor dem Kaiser, in der er akademische Freiheit verteidigt
- 1945Tod am 7. Juni in Kamakura, zwei Monate nach Abschluss seines letzten Aufsatzes
Werke
Zen no kenkyū (Eine Untersuchung des Guten, 1911); Hataraku mono kara miru mono e (Vom Wirkenden zum Sehenden, 1927); Nihon bunka no mondai (Das Problem der japanischen Kultur, 1940); Basho-teki ronri to shūkyō-teki sekaikan (Die Logik des Ortes und die religiöse Weltanschauung, 1945)
Anekdote überliefert
Als 1943 ein Mitarbeiter eines Zentrums für nationale Strategie Nishida um einen Text zu Japans Rolle in Ostasien bat, soll Nishida zornig gerufen haben, ob Beamte und Militärs meinten, Gelehrte seien Handwerker, bei denen man Maßarbeit bestellen könne. Die Begebenheit ist nur überliefert.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Nishida Kitarō“
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „The Kyoto School“, Abschnitt 3.3; Nishida Kitarō, An Inquiry into the Good, übersetzt von Masao Abe und Christopher Ives (Yale University Press, 1990)
Noch nicht sicher belegt
- Das Geburtsdatum nennen die Quellen unterschiedlich: den 19. Mai oder den 17. Juni 1870. Das Erscheinungsjahr von Hataraku mono kara miru mono e wird als 1926 und als 1927 angegeben. Das Ende seiner Professur in Kyoto fällt nach einer Darstellung auf 1928, nach einer anderen zog er 1929 als Professor im Ruhestand nach Kamakura. Wo Nishida in seinen Lehrjahren Zen übte, beschreiben die Quellen unterschiedlich (in Kyoto oder in Yamaguchi und Kanazawa). Wie eng die Kyoto-Schule gefasst wird und wer dazugehört, ist in der Forschung umstritten; sie gilt als eher unscharfe Gruppe. Nishidas politische Texte werden unterschiedlich beurteilt.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 6: Japan, Kyoto-Schule. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Nishida
- [1]Nishida Kitarō, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-23
- [2]The Kyoto School, Abschnitt 2.3 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-23
- [3]Nishida Kitaro · Britannica
- [4]Tanabe Hajime, Abschnitt Biography · Wikipedia
- [5]Nishitani Keiji, Abschnitt Biography · Wikipedia
- [6]Comparative and Continental Philosophy 14 (2022), Davis, Abschnitt Ueda’s life · Webseite