Imre Lakatos
Philosoph · 1922–1974 · Debrecen, Budapest, Cambridge, London
Kernidee in Kürze
Lakatos hielt Poppers Regel, eine widerlegte Theorie sofort aufzugeben, für zu streng, weil Forschende oft vernünftigerweise an widerlegten Theorien festhalten. Er beurteilte deshalb nicht einzelne Theorien, sondern Forschungsprogramme, also Folgen von Theorien mit einem gemeinsamen harten Kern.
- Kapitel
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Wann ist es vernünftig, an einer Idee festzuhalten, obwohl sie gerade widerlegt scheint?
- Position
- Lakatos meint, dass nicht die einzelne Theorie, sondern das Forschungsprogramm zu bewerten ist. Man darf am harten Kern festhalten und den Schutzgürtel anpassen, solange das Programm neue Tatsachen vorhersagt.
- Einwand
- Feyerabend hält dagegen, dass Lakatos’ Maßstab entweder gute Programme zu früh verurteilt oder, wenn er nur bewertet, kaum noch von „Anything goes“ zu unterscheiden ist. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy bleibt außerdem offen, wie Fortschritt und Wahrheit zusammenhängen.
- Verbindung
- Der Gedanke führt zu Poppers Falsifikationismus, zu Kuhns Paradigmen und zu Feyerabends Gegenposition.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Lakatos war
Ungarisch-britischer Philosoph der Mathematik und der Wissenschaft, der Poppers Falsifikationismus zu einer Lehre der Forschungsprogramme weiterentwickelte.
Lakatos versuchte, Poppers Falsifikationismus mit Kuhns Blick auf die Wissenschaftsgeschichte zu verbinden. Feyerabend wiederum hielt ihm vor, im Kern ein Anarchist zu sein. Beide planten ein gemeinsames Buch, das durch Lakatos’ frühen Tod nicht zustande kam.
Kernidee genauer
Ein Programm ist gut, solange es neue Vorhersagen liefert, und schlecht, wenn es nur noch Ausreden sammelt. In der Philosophie der Mathematik wandte er sich gegen die Vorstellung, Mathematik bestehe aus ewigen Wahrheiten, die aus Axiomen abgeleitet werden.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Lakatos kam nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy in Ungarn erstmals mit Poppers Werken in Berührung, als er in einem mathematischen Institut arbeitete, und wandte sich schrittweise vom stalinistischen Marxismus ab. 1956 hielt er in einem reformkommunistischen Kreis eine Rede, in der er Achtung vor Tatsachen, genaues Denken und Beweise forderte.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1.3
Bekannt für
Man kennt Lakatos für die Methodologie der Forschungsprogramme und für das Buch „Beweise und Widerlegungen“, das als Dialog geschrieben ist. Ein Alltagsbeispiel ist die Frage, ob Du an einem Projekt trotz einiger Rückschläge festhältst oder es beendest.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Forschungsprogramme statt einzelner Theorien
Dieses Programm hat einen harten Kern zentraler Annahmen, die man nicht anzweifelt, und einen Schutzgürtel aus Hilfsannahmen, die man bei Misserfolgen anpasst. Die negative Heuristik verbietet, den Kern anzugreifen, die positive Heuristik gibt Hinweise, wie man den Schutzgürtel weiterentwickelt. Im Unternehmen entspricht der Kern der Grundidee eines Geschäftsmodells und der Gürtel den vielen Anpassungen im Alltag.
Progressiv oder degenerativ
Ein Programm ist nach Lakatos so lange wissenschaftlich, wie es neue Tatsachen vorhersagt und seine Anpassungen mehr erklären als nur den letzten Fehler. Es degeneriert, wenn es nur noch Rückschläge nachträglich erklärt. Als Beispiel nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy die Bahn des Merkur, die Newtons Mechanik nicht erklärte und die Fachleute trotzdem nicht sofort verwarfen. Du kannst Dich bei einem Vorhaben fragen, ob Eure Änderungen neue Erfolge bringen oder nur Misserfolge rechtfertigen.
Beweise und Widerlegungen
In seinem Dialog über Mathematik zeigt Lakatos, wie mathematisches Wissen aus unfertigen Vermutungen, Beweisen und Gegenbeispielen wächst. Er wendet sich damit gegen Auffassungen, die Mathematik als Ableitung ewiger Wahrheiten aus Axiomen sehen. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy sagt, er sehe die Entwicklung der Mathematik ähnlicher dem Fortschritt der Wissenschaft nach Popper, als Popper selbst es annahm. Vergleichbar ist der Weg von einem ersten Entwurf zu einem belastbaren Konzept, der nur durch Einwände vorankommt.
Begriffe
- Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme
- harter Kern
- Schutzgürtel
- progressiv und degenerativ
- Beweise und Widerlegungen
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 5 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Paul FeyerabendPrüfstand: belegt
Lakatos und Feyerabend planten ein gemeinsames Buch „For and Against Method“, in dem Lakatos die rationalistische Seite vertreten sollte; Lakatos starb 1974 vor der Ausführung, und „Against Method“ ist ihm gewidmet.
Kritisiert
Lakatos kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Georg LukácsPrüfstand: belegt
Lakatos besuchte in Budapest die privaten Seminare von Georg Lukács, und Lukács prägte nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy seine erste Doktorarbeit. 1947 organisierte Lakatos ein Treffen gegen Lukács und kritisierte dort dessen Zögern und „Weimarismus“; Lukács trat damals für einen schrittweisen, demokratischen Übergang zur Diktatur des Proletariats ein. Die Autoren des Eintrags deuten seine Rede von 1956 für Tatsachen, genaues Denken und Beweise zusätzlich als versteckte Kritik an Lukács.
Karl PopperPrüfstand: belegt
Lakatos hält Poppers Abgrenzungskriterium für zu streng, weil es alltägliche, vernünftige Forschung mit widerlegten Theorien als unwissenschaftlich ausschlösse, und ersetzt es durch die Methodologie der Forschungsprogramme.
Thomas S. KuhnPrüfstand: belegt
Lakatos behauptet gegen Kuhns Vorstellung eines einzigen herrschenden Paradigmas, dass die Wissenschaftsgeschichte meist aus konkurrierenden Forschungsprogrammen besteht, und ersetzt Kuhns sozialpsychologische Beschreibungen durch logisch-methodische.
Übernimmt Gedanken von
Lakatos übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Georg Wilhelm Friedrich HegelPrüfstand: belegt
In seiner Philosophie der Mathematik, vor allem in „Proofs and Refutations“, beschreibt Lakatos die Entwicklung der Mathematik ausdrücklich in hegelscher Sprache aus These, Gegenthese und Synthese. Wie viel Hegel in seiner späteren Wissenschaftsphilosophie steckt, ist unter Forschenden umstritten.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Lakatos wurde 1922 in Debrecen geboren. Seine Mutter und Großmutter wurden 1944 in das Ghetto von Debrecen gebracht und starben in Auschwitz. Er selbst entkam mit falschen Papieren nach Nagyvárad.[1]
Politik belegt
Nach dem Krieg war Lakatos überzeugter Kommunist und arbeitete vor allem im ungarischen Bildungsministerium. Im April 1950 wurde er unter dem Vorwurf des Revisionismus verhaftet und in das Straflager Recsk gebracht, aus dem er im September 1953 freikam. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy lieferte er danach der Geheimpolizei Berichte über Freunde und Kollegen, er selbst sagte später, er habe nichts Belastendes weitergegeben.[1]
Zeitgeschehen belegt
Lakatos verließ Ungarn im November 1956, nachdem die Sowjetunion den Aufstand niedergeschlagen hatte, und kam innerhalb von zwei Monaten nach Cambridge. 1959 promovierte er dort, 1960 wurde er Dozent an der London School of Economics, 1969 Professor für Logik. Er blieb ohne britische Staatsbürgerschaft und starb staatenlos.[1]
Biografie belegt
Lakatos starb am 2. Februar 1974 plötzlich an einem Herzinfarkt im Alter von 51 Jahren. Er war zu diesem Zeitpunkt noch Professor an der London School of Economics.[2]
Kritik
Feyerabend stellte Lakatos vor eine Wahl. Entweder verurteilt die Methodologie der Forschungsprogramme Programme, die sich nach einer schwachen Phase wieder erholen, und trifft damit gute Wissenschaft. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy ist diese Frage für Lakatos bis heute offen. Der Eintrag merkt außerdem an, dass Lakatos wie Popper eine Zusatzannahme braucht, damit fortschreitende Programme als wahrheitsnäher gelten dürfen, und dass diese Annahme der Art von Induktion ähnelt, die er bei Russell verwarf.
Wirkung heute
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt Lakatos’ Einfluss in der Wissenschaftsphilosophie enorm und vermerkt, dass auch Arbeiten aus Bildungsforschung, Politikforschung und Informatik ihn zitieren. Der wichtigste Preis für ein Buch der Wissenschaftsphilosophie trägt seinen Namen.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn ein Vorhaben einen Rückschlag erlebt, kannst Du mit Lakatos fragen, ob Euer Programm noch progressiv ist. Ein Beispiel ist ein Produktteam, das nach einem schwachen Quartal prüft, ob seine Anpassungen neue Kundenerfolge bringen oder nur Erklärungen liefern. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Lakatos über Führung.
Lebensstationen
- 1922Geburt in Debrecen als Imre Lipsitz (9. November)
- 1950Verhaftung und Haft im Lager Recsk
- 1956Flucht aus Ungarn nach Österreich, dann Cambridge
- 1960Dozent an der London School of Economics
- 1969Professor für Logik an der London School of Economics
- 1974Tod am 2. Februar
Werke
Proofs and Refutations (1963–1964, Buch 1976); Falsification and the Methodology of Scientific Research Programmes (1970)
Lesetipps
- Einstieg
- Imre Lakatos, Beweise und Widerlegungen (englisch: Proofs and Refutations, 1976), als Dialog geschrieben und gut ohne Vorwissen zu lesen.
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Imre Lakatos“
Noch nicht sicher belegt
- Dass Lakatos 1956 auch Lukács indirekt kritisierte („implicitly criticizing“), ist eine Deutung der Autoren der Stanford Encyclopedia of Philosophy. Die Versammlung gegen Lukács von 1947 ist nur über diesen Eintrag belegt, der sich auf die Biografie von Bandy (2009) stützt; die englische Wikipedia belegt nur, dass Lakatos die privaten Seminare von Lukács besuchte. Der Eintrag schildert außerdem einen Vorfall aus dem Jahr 1944, bei dem sich ein Mitglied seiner kommunistischen Gruppe auf sein Drängen hin das Leben nahm; er steht nicht im Steckbrief, weil er nur über spätere Biografien belegt ist. Die Verbindung zu Hegel ist auf die Philosophie der Mathematik eingegrenzt, denn die Autoren des Eintrags halten Hegels Einfluss dort für stärker als in der Wissenschaftsphilosophie. Duhem nennt der Eintrag nur als verwandten Gedanken, nicht als Einfluss. In welcher Zeitschrift die vier Aufsätze zu „Proofs and Refutations“ erschienen, wurde nicht geprüft; als Erscheinungsort der Buchfassung von 1976 nennt die deutsche Wikipedia London, die Stanford Encyclopedia of Philosophy den Verlag Cambridge University Press. „The Methodology of Scientific Research Programmes“ erschien laut Impressum 1978 und nicht 1977, wie die deutsche Wikipedia angibt; deshalb ist auch das dort genannte Jahr der deutschen Ausgabe (1978) nicht verlässlich und wird nicht genannt. Todesursache (Herzinfarkt) und Todesdatum stammen aus der Stanford Encyclopedia of Philosophy und der englischen Wikipedia.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 1: Wissenschaftstheorie, Logik und Sprache. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Lakatos
- [1]Imre Lakatos, Abschnitt 1.3 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]SEP, Imre Lakatos, Abschnitt 1.3; Wikipedia en, Imre Lakatos, Einleitung
- [3]Imre Lakatos · Wikipedia