Paul Feyerabend
Philosoph · 1924–1994 · Wien, London, Berkeley, Zürich
Kernidee in Kürze
Feyerabend begann als Anhänger Karl Poppers und wandte sich Ende 1967 gegen dessen Schule. Sein Hauptwerk „Wider den Methodenzwang“ (englisch 1975) vertritt, dass die Geschichte der Wissenschaft zu verwickelt für eine Methode ohne Ausnahmen ist.
- Kapitel
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Gibt es eine Regel, an die Du Dich in der Forschung oder im Beruf immer halten solltest?
- Position
- Feyerabend meint, dass jede methodische Regel in der Geschichte der Wissenschaft Ausnahmen hat, in denen ihre Befolgung den Fortschritt gebremst hätte. Deshalb bleibt für ihn nur der Satz „Anything goes“, und Wissenschaft sei nur eine Tradition unter vielen.
- Einwand
- Lakatos hielt dagegen, dass sich gute Wissenschaft an erkennbaren Regeln unterscheiden lässt, und viele Leser hielten Feyerabend für einen Irrationalisten. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy überraschte ihn die heftige Kritik, und er antwortete mit Gegenvorwürfen.
- Verbindung
- Der Streit führt zu Poppers Falsifikationismus, zu Kuhns Paradigmen und zu Lakatos’ Methodologie der Forschungsprogramme.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Feyerabend war
Österreichischer Philosoph, der bestritt, dass es feste Regeln der wissenschaftlichen Methode gibt, die in jedem Fall zu gutem Wissen führen.
Feyerabend gehört neben Popper, Kuhn und Lakatos zu den bekanntesten Wissenschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts.
Kernidee genauer
Die einzige Regel, die immer passt, wäre dann „Anything goes“, auf Deutsch „Alles ist erlaubt“. Später verlangte er, Wissenschaft und Staat zu trennen, damit alle Traditionen gleiche Rechte haben.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Im Dezember 1967 brach Feyerabend nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy mit Poppers Schule und kündigte in Briefen eine neue Position mit dem Titel „Against Method“ an. Er verallgemeinerte dabei die begrenzte Gültigkeit des Falsifikationismus auf alle methodischen Regeln.[1]
Bekannt für
Man kennt Feyerabend für den Satz „Anything goes“ und für die Streitschrift gegen den Methodenzwang. Ein Alltagsbeispiel ist die Regel „So machen wir das hier immer“, die ein Team auch dann befolgt, wenn eine neue Idee besser wäre.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Theoretischer Pluralismus
In seiner frühen Phase verlangte Feyerabend, dass Forschende viele konkurrierende Theorien nebeneinander verfolgen sollen. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy sah er den Fortschritt als „ever-expanding ocean of alternatives“, also als ein immer größeres Meer von Alternativen. Eine etablierte Theorie wirkt laut seiner Argumentation nur deshalb empirisch gesichert, weil keine Alternative zeigt, wie sie falsch sein könnte. In einem Projekt hilft Dir das, wenn Du bewusst ein zweites Konzept ausarbeiten lässt, bevor Du das erste bestätigst.
Inkommensurabilität
Feyerabend nahm an, dass sich die Bedeutung von Beobachtungssätzen mit der Theorie ändert. Rivalisierende Weltbilder seien deshalb logisch nicht vergleichbar, das Wort dafür ist inkommensurabel, also nicht mit demselben Maß messbar. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy schränkte er damit Poppers Prüfverfahren auf Theorien ein, die vergleichbar sind. Wenn zwei Abteilungen denselben Begriff verschieden verwenden, kannst Du das als kleines Beispiel dafür sehen.
Epistemologischer Anarchismus
In „Against Method“ vertritt Feyerabend, dass es keine brauchbaren, ausnahmslos geltenden Regeln für den Fortschritt der Wissenschaft gibt. Die Geschichte der Wissenschaft sei so verwickelt, dass eine allgemeine Methode, die Fortschritt nicht behindert, nur den Satz „Anything goes“ enthalten könne. Er meinte das als Kritik an starren Regeln und nicht als Empfehlung, beliebig zu arbeiten. In der Praxis erlebst Du das, wenn ein Prozess, der immer galt, genau das verhindert, was Du gerade ausprobieren willst.
Wissenschaft und Gesellschaft
Später schrieb Feyerabend, die Wissenschaft behaupte ihren Vorrang gegenüber anderen Wissensformen zu Unrecht. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy vermerkt, dass er damit auch alternative Medizin und Astrologie verteidigte. Du erkennst das Muster, wenn in einer Firma nur eine Expertengruppe entscheiden darf, was als Wissen zählt.
Begriffe
- erkenntnistheoretischer Anarchismus
- „Anything goes“
- theoretischer Pluralismus
- Inkommensurabilität
- Wissenschaftskritik
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 5 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Imre LakatosPrüfstand: belegt
Lakatos und Feyerabend planten ein gemeinsames Buch „For and Against Method“, in dem Lakatos die rationalistische Seite vertreten sollte; Lakatos starb 1974 vor der Ausführung, und „Against Method“ ist ihm gewidmet.
Thomas S. KuhnPrüfstand: belegt
Feyerabend lernte Kuhn im Herbst 1960 in Berkeley kennen, und Kuhn gab ihm einen Entwurf seiner „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“; beide führten 1962 unabhängig voneinander den Gedanken der Inkommensurabilität ein.
Kritisiert
Feyerabend kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Karl PopperPrüfstand: belegt
Feyerabend war zunächst ein überzeugter Anhänger von Poppers kritischem Rationalismus. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy brach er im Dezember 1967 mit dessen Schule und wurde einer seiner schärfsten Kritiker, weil methodische Regeln wie der Falsifikationismus nur begrenzt gelten. Wann und warum er sich von Popper entfernte, ist in der Forschung umstritten.
Übernimmt Gedanken von
Feyerabend übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Ludwig WittgensteinPrüfstand: belegt
Feyerabend verband Poppers Gedanken zur Prüfbarkeit mit Wittgensteins Einsicht, dass Theorien die Bedeutung von Beobachtungssätzen bestimmen.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Feyerabend weiter, meist über Texte.
Patricia ChurchlandPrüfstand: belegt
Feyerabends frühen wissenschaftlichen Realismus, seine Theorie der Bedeutung und seine Verteidigung des Materialismus nahmen Paul und Patricia Churchland auf. Patricia Churchland beruft sich in ihrem Buch „Neurophilosophy“ von 1986 mehrfach auf ihn.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Feyerabend wuchs in Wien auf. Nach dem Abitur im März 1942 kam er in den Reichsarbeitsdienst und ging Ende 1942 zu den Pionieren der Wehrmacht. Er besuchte eine Offiziersschule, erhielt im März 1944 das Eiserne Kreuz zweiter Klasse und wurde gegen Ende 1944 Leutnant. Über die deutsche Besetzung und den folgenden Krieg schrieb er später, sie seien für ihn eine Unannehmlichkeit gewesen und kein moralisches Problem.[1]
Biografie belegt
Im Jahr 1945 wurde Feyerabend im Krieg von einer Kugel in die Wirbelsäule getroffen und war danach von der Hüfte abwärts gelähmt. Er lernte mit Krücken und später mit einem Stock wieder zu gehen. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy prägte der Krieg seinen Körper und seine Psyche dauerhaft.[1]
Biografie Deutung
In Wien studierte Feyerabend Physik und war Assistent des Experimentalphysikers Felix Ehrenhaft. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy schreibt, dass die Erfahrung mit Ehrenhafts abgelehnten Experimenten sein Interesse an der Frage weckte, wie Experimente Theorien prüfen. Das ist die Deutung der Stanford Encyclopedia of Philosophy und keine Aussage Feyerabends über seine Gründe.[1]
Biografie belegt
Nach seiner Lehrtätigkeit in Bristol lehrte Feyerabend von 1958 bis 1989 an der Universität von Kalifornien in Berkeley, später auch an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Er starb am 11. Februar 1994 in Genolier am Genfersee.[2]
Kritik
Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy brachte „Against Method“ Feyerabend den Ruf ein, ein Irrationalist zu sein. Lakatos sollte in einem geplanten gemeinsamen Buch die Gegenposition vertreten, dass es erkennbare Regeln guter Wissenschaft gibt. Die heftige Kritik überraschte Feyerabend, und er warf seinen Kritikern dasselbe vor, was sie ihm vorwarfen, worin der Eintrag selbst eine gewisse Ironie sieht.
Wirkung heute
Seine frühen Thesen zu Bedeutung und Realismus wurden laut der Stanford Encyclopedia of Philosophy von Paul und Patricia Churchland aufgenommen, und seine Kritik am Reduktionismus beeinflusste mehrere Wissenschaftsphilosophen. Auch in der Soziologie hatte er erheblichen Einfluss, und viele Ansichten, die dort einst als strittig galten, sind heute selbstverständlich.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Du kannst Feyerabend als Anlass nehmen, Deine festen Regeln im Team zu prüfen, zum Beispiel einen Genehmigungsprozess, der jede Abweichung bremst. Frag Dich, welche Regel das Ziel schützt und welche nur Gewohnheit ist. Das ist eine Übertragung seiner Gedanken auf Führung. Sein „Anything goes“ war nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy keine Einladung zur Beliebigkeit. Er meinte damit, dass jede feste Methodenregel auch einen Teil der besten Wissenschaft ausschließen würde.
Lebensstationen
- 1924Geburt in Wien
- 1945Schussverletzung an der Wirbelsäule, danach Lähmung der Beine
- 1958Gast in Berkeley, danach Professor an der Universität von Kalifornien
- 1967Bruch mit Poppers Schule (Dezember)
- 1975„Against Method“ erscheint als Buch
- 1994Tod am 11. Februar in Genolier
Werke
Against Method (1975); Science in a Free Society (1978)
Lesetipps
- Einstieg
- Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang (englisch: Against Method, 1975; deutsch 1976); Feyerabend nannte das Buch selbst eine Collage früherer Texte.
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Paul Feyerabend“
Noch nicht sicher belegt
- Die deutschen Ausgaben sind mit Jahr belegt: „Wider den Methodenzwang“ erschien 1976 bei Suhrkamp (Verlagsseite), „Erkenntnis für freie Menschen“ 1979 und in veränderter Fassung 1980 (deutsche Wikipedia). Wie stark seine Kriegserlebnisse sein Denken prägten, ist offen; die Stanford Encyclopedia of Philosophy sagt nur, der Krieg habe lange Folgen für seine Ansichten, seinen Körper und seine Psyche gehabt. Die Zuordnung zur analytischen Philosophie ist eine Entscheidung der Redaktion. Für die Verbindung zu Lakatos nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy die Widmung, das geplante gemeinsame Buch und die Freundschaft der beiden. Duhem ist nicht als Einfluss eingetragen, weil die Quelle nur sagt, die Kritik Poppers und Duhems am Induktivismus habe ihn überzeugt. Wann und warum Feyerabend sich von Popper löste, ist umstritten: Nach der englischen und deutschen Wikipedia sieht Joseph Agassi den Anlass in der Studentenbewegung, Roy Edgley setzt die Abkehr schon in der Mitte der 1950er Jahre an; der Dezember 1967 ist die Datierung der Stanford Encyclopedia of Philosophy. Neuere Forschung bestreitet nach der englischen Wikipedia, dass Feyerabend selbst ein eliminativer Materialist war; dass die Churchlands seine Gedanken aufnahmen, bleibt davon unberührt.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 1: Wissenschaftstheorie, Logik und Sprache. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen