Landkarte der Philosophie

Georg Lukács

1885–1971

Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Ungarischer Marxist, Brückenbauer zwischen Hegel, Marx und Weber.

Seine Verdinglichungstheorie gilt als Kernidee der frühen Kritischen Theorie. Später spottete er über die Frankfurter: Sie säßen im „Grand Hotel Abgrund“.

Kernidee

Im Kapitalismus erscheinen Beziehungen zwischen Menschen wie Beziehungen zwischen Dingen. Der Mensch wird zur Nummer, zum Kostenfaktor.

Bekannt für

Lukács beschrieb die Verdinglichung: Im Kapitalismus erscheinen Beziehungen zwischen Menschen als Beziehungen zwischen Dingen, und Menschen beginnen, sich selbst wie Waren zu behandeln. Mit diesem Gedanken wurde er zu einem Gründungsvater des westlichen Marxismus und der Kritischen Theorie.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Verdinglichung

Die Logik von Ware und Berechnung durchdringt alle Lebensbereiche, auch das Denken und Fühlen. Menschen erleben ihre Fähigkeiten als Ressourcen, die sie verkaufen. Wer von sich selbst als „Humankapital“ spricht, zeigt genau diese Haltung.

Klassenbewusstsein

Lukács unterscheidet das tatsächliche Bewusstsein der Arbeiter von dem Bewusstsein, das sie hätten, wenn sie ihre Lage ganz durchschauen würden. Diese Lücke soll die Partei schließen. Daraus entstand die heikle Idee, dass eine Avantgarde besser wisse, was die Menschen wollen, als diese selbst.

Totalität

Einzelne Tatsachen versteht man nur im Zusammenhang des Ganzen. Wer nur auf isolierte Kennzahlen blickt, sieht nicht, wie sie zusammenhängen. Ein Umsatzrückgang erklärt sich vielleicht erst, wenn man Personalpolitik, Markt und Produkt gemeinsam betrachtet.

Begriffe

Verdinglichung
Klassenbewusstsein

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Georg Simmel: Lukács hörte ihn in Berlin, prägte seine frühe Kulturkritik
  • Max Weber: Lukács gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zu Webers Heidelberger Kreis

Schüler

  • Ágnes Heller: Schülerin und Assistentin, Kopf der Budapester Schule
  • Adorno, Horkheimer, Marcuse (im weiteren Sinn geprägt): übernahmen den Begriff der Verdinglichung
  • Axel Honneth (im weiteren Sinn geprägt): schrieb 2005 das Buch „Verdinglichung“ als Neudeutung

Freunde

  • Ernst Bloch: enger Freund aus Heidelberger Zeiten, später Streit über den Expressionismus
  • Karl Mannheim und Béla Balázs: Mitglieder seines Budapester Sonntagskreises

Gegner

  • Theodor W. Adorno: kritisierte Lukács 1958 im Aufsatz „Erpreßte Versöhnung“
  • Die Komintern um Grigori Sinowjew: verurteilte „Geschichte und Klassenbewusstsein“ 1924 als Abweichung

Verbindungen im Netz

7 Verbindungen, davon 7 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft

    Lukács holt Hegels Totalitätsdenken in den Marxismus zurück.

  • baut auf Karl Marxungeprüft

    Aus Marx' Warenfetisch macht Lukács die Theorie der Verdinglichung.

  • Grundlage für Max Horkheimerungeprüft

    Verdinglichung wird zur Kernidee der frühen Kritischen Theorie.

  • baut auf Max Weberungeprüft

    Lukács verkehrte in Webers Heidelberger Kreis. Webers Rationalisierung fließt in die Verdinglichung.

  • Grundlage für Rahel Jaeggiungeprüft

    Jaeggi rekonstruiert Entfremdung neu, ausgehend von Hegel, Marx und Lukács.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Theodor W. Adornoungeprüft

    Lukács spottet über das „Grand Hotel Abgrund“: Kritik vom bequemen Logenplatz aus.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Max Weberungeprüft

    Lukács verkehrte in Webers Heidelberger Kreis. Webers Rationalisierung fließt in die Verdinglichung.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    Lukács war Sohn eines reichen Budapester Bankdirektors, der in den Adelsstand erhoben wurde. Das Familienvermögen ermöglichte ihm lange Studienjahre ohne Erwerbsarbeit.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Lukács lebte von 1933 bis 1945 im Moskauer Exil unter Stalin. Er distanzierte sich mehrfach öffentlich von seinem Hauptwerk, und viele Forscher deuten das auch als Anpassung, um zu überleben.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    1919 war Lukács Volkskommissar für Bildung in der Ungarischen Räterepublik, 1956 Minister im Reformkabinett von Imre Nagy. Nach dem Volksaufstand wurde er nach Rumänien deportiert.[2]

Kritik

Adorno und andere warfen Lukács vor, sich dem Parteidogma unterworfen zu haben und moderne Kunst als „dekadent“ abzuwerten. Kritiker sehen in seiner Idee, die Partei verkörpere das wahre Bewusstsein der Arbeiter, eine Rechtfertigung autoritärer Herrschaft. Seine späten Werke gelten vielen als dogmatisch.

Wirkung heute

Der Begriff Verdinglichung ist in der Kritik an Selbstoptimierung, Plattformökonomie und Datenkapitalismus wieder sehr präsent. Honneth hat ihn als Vergessen der Anerkennung neu formuliert.

Brücke zu Führung und Coaching

Lukács schärft den Blick dafür, wann Menschen in Organisationen nur noch als Kostenstellen oder Kapazitäten erscheinen. Wenn in der Planung nur noch von „FTE“ die Rede ist, gerät leicht aus dem Blick, dass hinter jeder Zahl eine Person mit Erfahrung und Bindungen steht. Gute Führung hält beide Sichten nebeneinander und benennt diesen Unterschied offen.

Lebensstationen

  1. 1885Geboren in Budapest
  2. 1919Volkskommissar der Ungarischen Räterepublik
  3. 1923Geschichte und Klassenbewusstsein erscheint
  4. 1933Exil in Moskau bis 1945
  5. 1956Minister unter Nagy, danach deportiert
  6. 1971Gestorben in Budapest

Werke

Geschichte und Klassenbewußtsein (1923)

Anekdote belegt

1962 spottete Lukács, Adorno und andere Intellektuelle hätten sich im „Grand Hotel Abgrund“ eingemietet. Gemeint war: Sie blicken bei gutem Essen bequem in den Abgrund der Gesellschaft, ohne etwas zu ändern.[3]

Lesetipps

Einstieg
Was ist orthodoxer Marxismus? (1919): der kurze Eröffnungsaufsatz von „Geschichte und Klassenbewußtsein“
Vertiefung
Rüdiger Dannemann: Georg Lukács zur Einführung (1997)

Noch nicht sicher belegt

  • Strömungszuordnung offen: Person kommt nur als Wurzel oder Gegenspieler in einem Modul vor, ohne Strömung im Gerüst
  • Modul Kritische Theorie führt keine eigene Quellenliste; Quellen hier nur aus Kontext- und Anekdoten-Einträgen abgeleitet

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Kritische Theorie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Lukács

  1. [1]Georg Lukács (Stanford Encyclopedia of Philosophy) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Georg Lukács (Wikipedia) · Wikipedia
  3. [3]Grand Hotel Abyss (Understanding Society, Daniel Little) · Webseite

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