Landkarte der Philosophie

Lou Andreas-Salomé

1861–1937 · St. Petersburg, Göttingen

Strömung
Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Schriftstellerin, Essayistin und Psychoanalytikerin, die Nietzsche nahestand und eine der ersten Deutungen seines Denkens aus seiner Person heraus schrieb.

Im Modul die Nahzeugin Nietzsches: Sie lernte ihn 1882 kennen, lehnte seinen Antrag ab und deutete sein Werk 1894 in einem eigenen Buch.

Kernidee

Salomé schreibt über Religion, Philosophie, Sexualität und Psychologie und verbindet dabei Denken und Lebenserfahrung. Ihr Nietzsche-Buch liest dessen Werk von seiner Person her und gilt als früher Schritt zu einer psychologischen Deutung. Später wird sie eine der ersten Psychoanalytikerinnen.

Bekannt für

Bekannt ist sie für ihre Freundschaft mit Nietzsche, Paul Rée, Rilke und Freud. Freud nannte sie nach Wikipedia die Dichterin der Psychoanalyse.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Nietzsche von der Person her lesen

In Friedrich Nietzsche in seinen Werken (1894) deutet Salomé das Denken Nietzsches im Zusammenhang mit seiner Person. Das Buch gilt als Schritt in Richtung psychoanalytischer Lektüre. Im Alltag erinnert das daran, dass auch die Positionen deiner Kollegen oft aus ihrer Geschichte heraus verständlicher werden.

Erotik und Psychologie

In Die Erotik (1910) schreibt sie über die Psychologie der weiblichen Sexualität. Damit zählt sie zu den Autorinnen, die Körper und Seele in die Philosophie hineinholen. In Führungsgesprächen heißt das, auch Gefühle und Beziehungsmuster als Teil des Sachthemas zu nehmen.

Freundschaft als Denkgemeinschaft

Salomé schlug 1882 eine Art akademische Gemeinschaft mit Rée und Nietzsche vor, in der drei Menschen zusammen leben und studieren. Das Vorhaben zerbrach im Herbst 1882 in Leipzig, auch weil Nietzsches Schwester Elisabeth gegen die Gemeinschaft arbeitete. Ein Team braucht Regeln für Nähe, sonst frisst persönliche Konkurrenz die gemeinsame Arbeit.

Begriffe

Religion und Psychologie
Erotik
Nietzsche-Deutung
Psychoanalyse
Freundschaft als Denkraum

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Hendrik Gillot: Pastor, der sie in Philosophie und Theologie unterrichtete
  • Alois Emanuel Biedermann: Zürcher Professor für Religionsgeschichte und Philosophie (Deutsche Biographie)

Freunde

  • Rainer Maria Rilke: Liebesbeziehung ab 1897, danach lebenslange Freundschaft
  • Sigmund Freud: intellektuelle Verbundenheit seit 1911
  • Paul Rée: lebte mit ihr bis 1885 in Berlin

Gegner

  • Elisabeth Förster-Nietzsche: lehnte die Dreiergemeinschaft mit Nietzsche ab

Verbindungen im Netz

2 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Friedrich NietzscheDeutung

    Treffen 1882, Heiratsanträge, Bruch im Herbst 1882; 1894 Buch über sein Werk (Wikipedia, Deutsche Biographie).

  • persönlich verbunden mit Sigmund FreudDeutung

    Seit 1911 verbunden, Studium der Psychoanalyse in Wien ab 1912 (Wikipedia, Deutsche Biographie).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld Deutung

    Ihre Familie war wohlhabend, und in der Ehe mit Friedrich Carl Andreas wurde ihr literarisches Einkommen wichtig für das Paar. Das gab ihr früh Freiheit zu unkonventionellen Lebensformen.[1]

  • Biografie Deutung

    Der Bruch mit Nietzsche im Oktober 1882 folgte auf zwei Heiratsanträge, die sie ablehnte, und auf Einmischung seiner Schwester Elisabeth, die an beide Familien schrieb. Ihr späteres Nietzsche-Buch ist also von dieser persönlichen Geschichte nicht zu trennen.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Nach ihrem Tod beschlagnahmte die Gestapo nach Wikipedia ihre Bibliothek, die Berichte dazu gehen teils auseinander. Ihr Werk wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt.[1]

Kritik

Ihr Leben fand laut Wikipedia mehr Aufmerksamkeit als ihr Werk. Biograf Rudolph Binion bezweifelte ihre Darstellung des Heiratsantrags von Hendrik Gillot. Die Quellen enthalten sonst wenig zur zeitgenössischen Kritik.

Wirkung heute

Sie gilt als frühe Psychoanalytikerin und als Vorläuferin psychologischer Philosophie-Deutung. Ihre Briefwechsel und Erinnerungen werden als Zeugnisse der Zeit gelesen.

Brücke zu Führung und Coaching

Salomé zeigt, wie sehr Haltungen aus Lebensgeschichten wachsen. Frage im Einzelgespräch: Aus welcher Erfahrung kommt deine Position zu diesem Thema? Das öffnet oft mehr als ein weiteres Sachargument.

Lebensstationen

  1. 1861Geburt in St. Petersburg
  2. 1882Treffen mit Rée und Nietzsche in Rom; Bruch im Herbst
  3. 1887Heirat mit Friedrich Carl Andreas
  4. 1894Friedrich Nietzsche in seinen Werken erscheint
  5. 1897Beginn der Beziehung zu Rilke in München
  6. 1911Begegnung mit Freud, ab 1912 Studium in Wien, 1915 Praxis in Göttingen
  7. 1937Tod in Göttingen

Werke

Im Kampf um Gott (1885)

Henrik Ibsens Frauengestalten (1892)

Friedrich Nietzsche in seinen Werken (1894)

Die Erotik (1910)

Rainer Maria Rilke (1928)

Lebensrückblick (postum 1951)

Anekdote belegt

Als Paul Rée ihr 1882 in Rom einen Heiratsantrag machte, schlug sie stattdessen eine akademische Gemeinschaft vor. Nietzsche stieß dazu und machte ihr ebenfalls zweimal einen Antrag, den sie ablehnte.[2]

Lesetipps

Einstieg
Friedrich Nietzsche in seinen Werken (1894), hg. von Ernst Pfeiffer, Insel, Frankfurt am Main 1983 (ISBN 3-458-14087-5), die Deutung durch eine Zeitgenossin; frei auch bei Project Gutenberg (Faksimile der Wiener Ausgabe 1911)
Vertiefung
Elisabeth Heimpel: Andreas-Salomé, Lou, in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 284–285, online in der Deutschen Biographie

Noch nicht sicher belegt

  • Keine SEP-Seite vorhanden; Britannica nicht abrufbar (403). Altersangabe Rilke 1897 weicht ab (de: 21, en: 20), hier nicht verwendet. Kein Zitat mit Stelle gesichert. Philosophische Kerngedanken nur aus Titeln und Kurzbeschreibungen der Wikipedia-Artikel, Primärtexte nicht gelesen. Gillot-Rolle aus Wikipedia de. Gestapo-Beschlagnahme: Wikipedia de sagt Tage nach ihrem Tod, Wikipedia en Tage davor, andere Berichte nennen eine SA-Gruppe. Prüfer: Eifersucht zwischen Rée und Nietzsche als Grund des Bruchs steht in den abgerufenen Quellen nicht, ersetzt durch die belegte Rolle Elisabeths. Ob die Insel-Ausgabe 1983 ein Taschenbuch ist, bleibt offen.

Herkunft der Daten: Die Abweichler des 19. Jahrhunderts. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Lou A.-Salomé

  1. [1]Wikipedia (de): Lou Andreas-Salomé · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia (en): Lou Andreas-Salomé · Wikipedia
  3. [3]deutsche-biographie.de/118502921.html · Webseite

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