Friedrich Nietzsche
1844–1900 · Röcken, Basel, Sils Maria, Weimar, Röcken, Basel, Weimar
- Strömung
- Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
- Kants Fragen
- Was ist der Mensch? · Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Deutscher Philosoph und Philologe, der die überlieferte Moral und den Glauben an feste Werte infrage stellt und damit die Frage aufwirft, wie ein Mensch ohne äußere Gewissheit sein Leben selbst formen kann.
Nietzsche ist neben Kierkegaard die zweite Wurzel des Moduls: Beide fragen, wie ein Einzelner ohne gesicherte Wahrheit lebt. Heidegger hat ihn später ausführlich gedeutet.
Kernidee
Nietzsche sagt, dass die Werte, auf denen Europa lange ruhte, ihre Grundlage verloren haben. Wenn niemand mehr von außen vorgibt, was gut ist, muss der Mensch selbst Werte schaffen und seinem Leben selbst eine Gestalt geben. Erkenntnis ist für ihn immer an einen Blickwinkel gebunden (Perspektivismus), es gibt also nicht die eine Sicht von nirgendwo.
Bekannt für
Man kennt Nietzsche für den Satz vom Tod Gottes, für den Übermenschen in Also sprach Zarathustra und für seine scharfe Kritik an Moral und Mitleid. Der Satz „Gott ist tot“ stammt aus dem Aphorismus vom tollen Menschen, der am hellen Vormittag mit einer Laterne Gott sucht.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Tod Gottes und Nihilismus
Mit dem Tod Gottes meint Nietzsche, dass der Glaube an eine höchste, verbindliche Ordnung in Europa nicht mehr trägt. Daraus folgt Nihilismus, also das Gefühl, dass die obersten Werte entwertet sind. Wer in einer Firma erlebt, dass die Leitwerte nur noch auf Postern stehen und niemand danach handelt, kennt diese Leere im Kleinen.
Umwertung und Selbstgestaltung
Nietzsche fordert, Werte nicht einfach zu übernehmen, sondern ihre Herkunft zu prüfen (Genealogie) und sie von Grund auf neu zu bewerten. Nach einer einflussreichen, aber umstrittenen Deutung gehört dazu die Selbstgestaltung: Man soll seinem Charakter Stil geben (Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus 290). Eine Führungskraft, die ihren Stil nicht von Ratgebern kopiert, sondern aus ihrer Erfahrung bewusst entwickelt, folgt diesem Gedanken.
Wille zur Macht und Perspektivismus
Der Wille zur Macht ist nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy ein Streben, Widerstände zu überwinden. Wie genau er zu verstehen ist, wird in der Forschung unterschiedlich gedeutet, und die deutsche Wikipedia nennt die Deutung stark umstritten. Der Perspektivismus besagt, dass jede Erkenntnis aus einem Blickwinkel kommt und man durch viele Blickwinkel genauer sieht. In einer Teamsitzung hilft es, bewusst Menschen mit anderer Sicht zu hören, bevor man entscheidet.
Begriffe
- Tod Gottes
- Nihilismus
- Umwertung der Werte
- Wille zur Macht
- ewige Wiederkunft
- Übermensch
- Perspektivismus
- amor fati
- Herren- und Sklavenmoral
- Genealogie der Moral
- : der Versuch, Herkunft und Zweck von Moralvorstellungen historisch und psychologisch zu untersuchen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Arthur Schopenhauer: früh prägend, später ein Hauptziel seiner Kritik
- Richard Wagner: zunächst Verehrung, ab Mitte der 1870er Entfremdung
- Friedrich Albert Lange und Paul Rée: Einfluss laut Stanford Encyclopedia of Philosophy
Schüler
- Martin Heidegger: deutet Nietzsches Willen zur Macht metaphysisch (nach Wikipedia de)
Freunde
- Franz Overbeck: Freundschaft ab 1870 in Basel, holte ihn 1889 aus Turin
- Richard Wagner: Freundschaft bis Mitte der 1870er Jahre
Gegner
- Richard Wagner: Bruch nach Menschliches, Allzumenschliches (1878)
- Schopenhauers Pessimismus und die christliche Moral: Hauptziele seiner Kritik
Verbindungen im Netz
16 Verbindungen, davon 12 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Albert Camusungeprüft
Camus nannte Nietzsche neben der griechischen Antike als Wurzel seines Denkens.
baut auf Arthur Schopenhauerungeprüft
Hat sich früh an Schopenhauer abgearbeitet und sich später abgesetzt
baut auf Fjodor Michailowitsch Dostojewskiungeprüft
Nietzsche las 1887 die französische Fassung der Kellerloch-Aufzeichnungen und lobte Dostojewski als Psychologen (The Nietzsche Channel, Briefe 1887).
baut auf Friedrich Albert LangeDeutung
Nietzsche lernte über Lange die Psychophysik kennen.
Grundlage für Gilles DeleuzeDeutung
Einfluss von Nietzsche (SEP, Wikipedia de); Nietzsche und die Philosophie 1962.
Grundlage für Martin Heideggerungeprüft
Heidegger deutete Nietzsches Willen zur Macht metaphysisch (Wikipedia de).
Grundlage für Max Schelerungeprüft
Nietzsche beeinflusste Scheler laut SEP und Wikipedia de stark, besonders in der frühen Zeit.
Grundlage für Michel Foucaultungeprüft
Foucault nennt Nietzsches Genealogie als Vorbild seiner eigenen Methode und verstand sich als Nietzscheaner (SEP, Wikipedia de).
baut auf Ralph Waldo EmersonDeutung
Nietzsche las Emerson auf Deutsch und übernahm Themen wie Helden, Macht und Freundschaft.
Grundlage für Theodor W. Adornoungeprüft
Die Dialektik der Aufklärung greift Nietzsches Verdacht auf: Vernunft dient der Macht.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Blaise Pascalungeprüft
Nietzsche nannte Pascal nach Wikipedia de den einzigen logischen Christen und sah an ihm, wie das Christentum Menschen zugrunde richtet.
kritisiert Immanuel Kantungeprüft
Kritik an Moralphilosophie und Pflichtethik
kritisiert Sokratesungeprüft
Kritisiert den Rationalismus seit Sokrates
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Lou Andreas-SaloméDeutung
Treffen 1882, Heiratsanträge, Bruch im Herbst 1882; 1894 Buch über sein Werk (Wikipedia, Deutsche Biographie).
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Albert Camusungeprüft
Sartre verband Camus laut SEP in seiner Rezension mit Pascal, Rousseau und Nietzsche
im Vergleich mit Søren Kierkegaardungeprüft
Georg Brandes machte laut Wikipedia de 1879 die deutschen Leser und auch Nietzsche auf Kierkegaard aufmerksam.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld belegt
Nach dem Rückzug aus Basel schrieb Nietzsche ohne Hochschulstelle und lebte von einer bescheidenen Pension. Er verbrachte die Winter am Mittelmeer und die Sommer in Sils Maria.[2]
Abhängigkeit belegt
Nach seinem Zusammenbruch 1889 kontrollierte seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche den Nachlass und gab daraus Der Wille zur Macht zusammen. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy sagt, ihre Bearbeitung entsprach nicht Nietzsches erhaltenen Plänen und war von ihrem Antisemitismus geprägt, den Nietzsche selbst ablehnte. Das Buch vermittelt ein irreführendes Bild der Notizbücher.[1]
Zeitgeschehen Deutung
Nationalsozialisten beriefen sich auf Nietzsche, und Elisabeth Förster-Nietzsche pflegte dazu Kontakte, wie TIME berichtet. Karl Schlechta bezeichnete in seiner Ausgabe das Bild des rassistischen Nietzsche als Fälschung der Schwester. Ob und wie weit seine Texte selbst solche Lesarten begünstigen, bleibt eine Deutung der Forschung.[4]
Kritik
Schon zu Lebzeiten war die Kritik an seiner schroffen Moralkritik und an seiner Geringschätzung des Mitleids scharf. Der Nachlass ist ein dauernder Streitpunkt: Schlechta hielt ihn für unerheblich, andere, darunter Baeumler und Heidegger, sahen darin die eigentliche Philosophie, heute gilt er meist als Ergänzung zu den Werken.
Wirkung heute
Der Gedanke, dass man Werte nicht fraglos übernimmt, sondern auf ihre Herkunft prüft, ist in Ethik und Führung weiter produktiv. Auch der Perspektivismus begegnet heute in der Frage, wie viele Sichtweisen eine Entscheidung braucht.
Brücke zu Führung und Coaching
Nietzsches Werteprüfung lässt sich im Führungsalltag direkt anwenden: Welche Regel in deinem Team gilt nur noch aus Gewohnheit? Frage dich: Würde ich diesen Wert heute neu wählen, wenn ich bei null anfangen könnte? Und wessen Perspektive habe ich bei der letzten großen Entscheidung nicht gehört?
Zitate
„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“
„Gott ist todt!“
Lebensstationen
- 1844Geboren am 15. Oktober in Röcken bei Leipzig
- 1869Ruf auf eine Professur für klassische Philologie in Basel mit 24 Jahren
- 1872Die Geburt der Tragödie erscheint
- 1879Vorzeitige Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen, danach Schreiben ohne Hochschulstelle
- 1889Geistiger Zusammenbruch in Turin am 3. Januar
- 1900Tod am 25. August in Weimar
Werke
- Also sprach Zarathustra (1883, 1885)
- Zur Genealogie der Moral (1887)
Die Geburt der Tragödie (1872)
Unzeitgemäße Betrachtungen (1873–1876)
Menschliches, Allzumenschliches (1878)
Morgenröte (1881)
Die fröhliche Wissenschaft (1882, erweitert 1887)
Also sprach Zarathustra (1883–1885)
Jenseits von Gut und Böse (1886)
Zur Genealogie der Moral (1887)
Götzen-Dämmerung und Der Fall Wagner (1888)
Anekdote belegt
Am 3. Januar 1889 brach Nietzsche in Turin geistig zusammen. Sein Freund Franz Overbeck reiste daraufhin nach Turin, und er wurde zur Behandlung nach Basel gebracht.[3]
Lesetipps
- Einstieg
- Die fröhliche Wissenschaft (1882, erweitert 1887), darin der Aphorismus 125 zum Tod Gottes, kurz und eigenständig lesbar.
- Vertiefung
- Rüdiger Safranski, Nietzsche. Biographie seines Denkens (Hanser, 2000); Existenz per Suche bestätigt.
Noch nicht sicher belegt
- Pensionierung: SEP und Wikipedia de nennen 1879, die IEP 1878; hier 1879. Von der SEP-Seite wurden die ersten 100.000 von rund 103.800 Zeichen geprüft, die Passage zur NS-Vereinnahmung lag im ungeprüften Rest. Die Aussage dazu stützt sich auf TIME (Erscheinungsjahr nicht erkennbar) und Britannica zur Schwester. Die SEP kritisiert Elisabeths Ausgabe des Nachlasses als irreführend. Das Datum 3. Januar 1889 und der Sterbeort Weimar stehen nur in Wikipedia de. Die SEP nennt Januar 1889 und den Tod 1900 nach einem Schlaganfall. Wille zur Macht: Eine Selbstüberwindung und eine kosmologische Lesart sind in den abgerufenen Quellen nicht belegt und wurden entfernt. Selbstgestaltung: Die SEP nennt sie als einflussreiche, aber umstrittene Deutung (Nehamas). Die Formel „Werde, der du bist“ steht in den abgerufenen Quellen nicht und wurde entfernt. Schlechtas These wird nur als seine Position wiedergegeben. Kanten zu Kierkegaard und Heidegger stützen sich nur auf Wikipedia de.
- Gerüst: Die Verbindung zu Schopenhauer, Kant und Sokrates sowie die Werkjahre sind in der Literatur üblich, aber nicht aus den abgerufenen Auszügen belegt. Zarathustra-Jahre nicht geprüft. Zitate bewusst weggelassen.
Wege durchs Netz
Nietzsche: Wenn die alten Werte ihre Grundlage verlieren, muss der Mensch selbst Werte schaffen.
Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Kritische Theorie, Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Nietzsche
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Nietzsche · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Nietzsche – https://plato.stanford.edu/entries/nietzsche/ und IEP: Nietzsche · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Nietzsche – https://plato.stanford.edu/entries/nietzsche/ und Wikipedia de: Friedrich Nietzsche · Wikipedia
- [4]TIME: Germany, Her Brother's Keeper · Webseite
- [5]Britannica: Elisabeth Forster Nietzsche · Britannica
- [6]zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Die+fröhliche+Wissenschaft/Drittes+Buch/125.+Der+tolle+Mensch · Webseite
- [7]Wikipedia (en): Nietzsche: A Philosophical Biography · Wikipedia